Die Zugfahrt

  • Hier nun die zweite Hälfte der Geschichte um Judy und Kell





    Die Zugfahrt Kapitel 23 by lycwolf





    Er hätte sie dafür ohrfeigen mögen, so erhitzt wie sie ihn zurückließ. Doch nüchtern betrachtet hatte sie ja Recht. So in ihr Spiel vertieft hatte er gar nicht mitbekommen, dass die Sonne bereits seit geraumer Zeit hinter dem Horizont versunken war und die zunehmende Dunkelheit den Rückweg verkomplizieren konnte.


    Mit der Stimmung einer frühzeitig abgebrochenen Kopulation folgte er Judy aus dem flachen Tümpel heraus an das mit gefallenen Blättern bedeckte Ufer unter den Bäumen. Es dauerte nicht lange und das Lycra/Latex- Hybridmaterial war knochentrocken. Bereits die leichteste Briese genügte alle Wasser-Rückstande zu verdunsten. Und das alles ohne jedes zusätzliche Kältegefühl. Das Zeug war echt einmalig.


    "Das kannst du auch in deinen Bericht aufnehmen", sprach er seine Betreuerin an. "Das Material reguliert unterschiedliche Temperaturen nahezu perfekt. Falls trotzdem Schweiß entsteht, wird auch das entsprechend ausgeglichen."


    "Nicht zu vergessen, dass es wahnsinnig schnell trocknet", ergänzte sie was beide gerade erlebt hatten.


    Der Weg durch das Wäldchen und am Bach entlang war bereits sehr dunkel und dichte Wolken verhinderten Unterstützung durch das Mondlicht. Erst als sie wieder den Stausee erreichten fiel die Orientierung auf dem breiten Wirtschaftsweg wieder leichter. Auch die durchaus begründete Angst vor den hier allgegenwärtigen Wildschweinen legte sich, da diese sich selten auf die weiten Grasflächen hinaustrauten.


    All diese Gedanken ließen Kell seine Mißstimmung über den abgebrochenen "Nahkampf" vergessen.

    Von den fernen Bergen kam ein tiefes unheilvolles Grollen.


    "Mist", fluchte Judy, "jetzt kommen wir auch noch in ein Gewitter."


    "Zumindest wird uns die Nässe nicht viel anhaben können", witzelte ihr Begleiter.


    Sie blickte ihn ernst an, zumindest ging er davon aus dass ihr Blick ernst war, denn bei diesen Lichtverhältnissen konnte man schon froh sein das Gesicht des jeweils Anderen schemenhaft wahrzunehmen.


    "Glaub´ mir", erklärte sie, "mit Gewittern ist hier in der Gegend echt nicht zu spaßen. Wir sollten zusehen dass wir zurück in die Zivilisation kommen."


    Der Wind nahm zu und platschender Regen setzte ein. Ihre beschleunigten Schritte glitten zunehmend auf dem immer matschiger werdenden Feldweg aus. Als Krönung des Tages war es mittlerweile so finster, dass Landschaftsmerkmale ausschließlich im Widerschein des Wetterleuchtens erkennbar wurden. Der Sturm peitschte ihnen den Regen wie Nadelstiche ins Gesicht und sie kamen kaum mehr voran.


    "Da entlang", schrie Ryan gegen das Tosen an und deutete nach hinten, fast in die Richtung aus der sie gekommen waren.


    Judy konnte nicht erkennen was er damit sagen wollte, doch der folgende Blitz ließ sie den Heuschober einige Meter den Grashügel hinauf sehen.


    "Dort hinten zweigt der Zuweg ab. Wir müssen Schutz suchen."


    Seine Worte waren eher zu erahnen als zu verstehen. Die Beiden kämpften sich durch die nässenden Böen zum Geräteschuppen hinauf und waren froh in dessen Windschatten wieder normal atmen zu können.

    Judy fand als erste die lediglich mit einem Holzriegel verschlossene Tür des Bretterverschlags. Keinen Moment zu früh, denn mittlerweile entfaltete der Gewittersturm seine volle Wirkung direkt über ihnen.

    Bei solch einem Wetter geriet auch die neuentwickelte Prototyp-Kleidung an ihre Grenzen. Kell fröstelte leicht aber Judy zitterte bereits deutlich. Sie trauten sich nicht weiter in die Scheune hinein als sie beim Licht der gelegentlichen Blitze sehen konnten, doch Kells Blick fiel auf ein Sideboard in Türnähe welches eine Petroleumlampe nebst Streichholzschachtel bereit hielt. Er schüttelte sie und spürte das Schwappen des Brennstoffs. Mit dem Streichholz hatte er weniger Glück. Gerade zwei Stück konnte er ertasten.


    Die kleine Flamme machte in der Dunkelheit unerwartet hell. Vorsichtig den Docht hochdrehen ... das Glas nach oben ... Aus! Kurz vor Erreichen des Dochts fegte der Wind durch eine Ritze der Wandvertäfelung und machte die Anstrengung zunichte.


    "Sieh dich schon mal etwas um wenn ich das letzte Streichholz anzünde", wies er seine zitternde Begleiterin an. "Falls das auch schiefgeht."


    Er schob die Lampe von der Lücke in der Wand weg und atmete konzentriert aus. Ein Streichen, ein Funke aber keine Zündung. Der nächste Versuch war erfolgreich und einen angespannten Augenblick später füllte warmes Licht den großen Raum.

    Alles wie erwartet. Landwirtschaftliches Gerät in diversen Ausführungen, Handwerkzeug und ein heruntergekommener Traktor der wirkte, als wäre er bereits von Generationen weitervererbt worden.

    Das Gebälk knarrte während die Scheune sich trotzig dem Sturm entgegen stellte.


    "Macht sich jemand Sorgen wenn wir heute nicht mehr zurückkehren?", erkundigte er sich und kramte in dem Regal über einer kleinen Werkbank.


    Tatsächlich fand er Wolldecken, die sogar recht sauber schienen. Das zauberte ein Lächeln auf die Gesichtsöffnung des zitternden Lycrawesens an seiner Seite.


    "Nicht bis zu meiner Mittagsschicht morgen", antwortete sie und schlang ohne Zögern die Decke um sich.


    Unterdessen schob ihr Begleiter einige der unvermeidlich vorzufindenden Strohballen zu einem gemütlichen Lager zusammen und breitete die zweite Decke darüber.


    Er betrachtete sein Werk. "Hätte schlimmer kommen können", scherzte er und auch Judy taute langsam wieder auf.


    Sie setzten sich nebeneinander und die schmale Schlangenfrau teilte den wärmenden Umhang mit ihm. Als er seinen Arm um ihre schlanke Taille schlang, knüpfte das feine Schubbern der Kunststoffe an die Erlebnisse von vorhin an.

    Sie beugte sich zu ihm und küsste ihn ohne Vorwarnung, hielt dann jedoch inne als frage sie sich ob sie nicht zu weit gegangen war. Seine Reaktion darauf wischte ihre Bedenken hinfort. Erst behutsam, dann zunehmend fordernder trugen ihre Zungen den folgenden Ringkampf aus.

    Schnell waren die hinderlichen Sneakers abgestreift und die Beiden ließen sich zurück auf das Strohlager fallen. Die Decke war nun nicht mehr zum wärmen nutzbar, denn sie begruben sie mit ihren eng aneinander geschmiegten Lycrakörpern.

    Der warme, gelegentlich flackernde Schein der Öl-Lampe zauberte erregende Lichtreflexe auf Judys Kunstfaserhülle. So wirkte sie noch mehr wie eine schwarze Wasserschlange deren Haut gelegentlich reptiliengleich in dunkelblauem und dunkelgrünem Glanz aufblitzte. Und genauso bewegte sie sich auch. mit anmutiger Grazie schlang sie ihre nicht enden wollenden Beine um die seinen und verknotete ihn damit fast bis zur Immobilität.


    Er war gefangen. Einer lüsternen Schlangenfrau ausgeliefert und so ergab er sich willig in sein Schicksal und ließ sie gewähren, wie er es bereits im feuchtkühlen Tümpel am Wasserfall tat.

    Ihr fester, muskulöser Leib unter der Gummiartigen Haut schmiegte sich mit Nachdruck an seinen Körper. Er konnte ihren beschleunigten Herzschlag durch die beiden Kleidungsschichten hindurch erfühlen. Immer fordernder rieb sie ihre Umhüllung an seiner und die entstehenden Impulse erfuhren ungefilterten Austausch untereinander. Ähnlich kurzen Stromstößen durchfuhr es ihrer beiden Körper mit dem Resultat gesteigerter Erregung.


    Judy schlängelte sich zwischen seine Beine, wodurch sich ihre Vergnügungsparks kurz aber intensiv berührten. Um das Spiel zu verlängern stützte sie sich jedoch umgehend ab und verweigerte somit die von ihm herbeigesehnte Berührung.

    Er fasste nach oben zu ihrer glänzenden Taille, die er mit seinen kräftigen Händen annähernd komplett umfassen konnte. Doch einer Kontorsionistin gleich, wand sie sich unglaublich biegsam und entzog sich immer wieder seinem Zugriff. In einem letzten Versuch ihren attraktiven Leib unter seine Kontrolle zu bringen, klammerte er seine wie lackiert schimmernden Beine um die ihren und zog sie mit Nachdruck zu sich herab auf das improvisierte Nachtlager.


    Es war an der Zeit den finalen Schritt zu wagen. Kell spürte die nahende Blutarmut in seinem Rechenzentrum und sein gegen die Stoffschicht im Schritt aufbegehrendes Pochen. Aus Lust wurde Schmerz und wieder Lust. Der glatten Schlange über ihm erging es kaum besser. Ihr heißes Keuchen wurde zunehmend unkontrolliert.

    Allerdings, wie sollten sie sich verbinden? Komplett eingeschlossen in schützendem Kunststoff. Verschweißt, verklebt und sogar vernäht.


    Glücklicherweise hatten die Designer in der Schneiderei ihnen Schrittreißverschlüsse zugestanden.


    Ein Fuchs, der ebenfalls vor den Unbilden der Natur Zuflucht an der Scheune suchte, schnüffelte im Windschatten einer der Wände aufmerksam umher. Ein tiefes Stöhnen, das von keinem anderen Tier stammen konnte und das Tosen des Windes übertönte ließ ihn angespannt erstarren. Der nachfolgende hell klingende spitze Schrei, welcher durch das weite Tal gellte schlug ihn in die Flucht. Trotz des Unwetters gab der Fuchs Fersengeld und blieb nicht stehen bis er die entfernten Bäume erreicht hatte. Diesen Heuschober würde er wohl die kommenden Wochen meiden.


    Im inneren der Hütte war es wieder still. Zwei seltsam gekleidete Wesen lagen eng aneinander geschmiegt unter einer Wolldecke.


    "Bevor ich mit dem Rauchen aufgehört hatte, wäre das jetzt so ein Moment in dem ich mir eine angesteckt hätte", sprach Kell Ryan, der mit größter Entspannung seinen um seine schlanke Partnerin geschlungenen Arm sanft über das High-Tech-Material gleiten ließ.


    Seine Hand knetete mit sanftem Druck die kleinen, festen Erhebungen unter der Hybrid-Hülle, was sich Judy nur zu gerne gefallen ließ.


    "Und du meinst wirklich", fragte sie schnippisch, "du hättest dir bereits eine Zigarette verdient?"


    Das brauchte einen Moment bis es in seinen jetzt wieder durchbluteten Gehirnwindungen registriert wurde. Sein folgender Blick zu ihr war eine Mischung aus Empörung, aber auch selbstgefälligem Vertrauen in seine Standfestigkeit.


    "Brauchst du etwa noch eine weitere Demonstration?", fragte er wohlwissend wie die Antwort lauten würde.


    Sie grinste nur breit aus der Gesichtsöffnung heraus, legte sich auf den Rücken und streckte Arme und Beine weit von sich.


    Es war spät am nächsten Morgen als das Lycrapaar erwachte. Feine Sonnenstrahlen drangen durch die Ritzen des Bretterverschlags. Sie brauchten keine Worte. Blicke genügten zur Kommunikation, jetzt da sie sich so nahegekommen waren.

    Die Laterne war ausgegangen als das Öl zur Neige ging. Ohne Eile räumten sie ihr improvisiertes Bett wieder beiseite, klopften die Decken aus und legten sie sorgsam wieder zusammen.


    "Was für ein Glück, dass wir hier Unterschlupf gefunden haben", bemerkte Judy als sie die Brettertür hinter sich schlossen und in den hellen, aber dunstigen Morgen hinaustraten.


    "Nicht nur dass wir hier Zuflucht fanden", ergänzte Kell und sein Blick der ihre Augen traf machte jede weitere Äußerung überflüssig.


    Der Wirtschaftsweg war derart matschig, dass sie sogar im nassen Gras besser vorankamen. Die Sonne erzeugte eine atemberaubende Optik aus ihrer körpergenau anliegenden Kleidung. Tiefschwarz mit je nach Lichteinfall aufblitzenden Farbklecksen.

    Ihre Hand suchte nach seiner und entgegen der ihm sonst eigenen Verhaltensweise ließ er sie gewähren. Wurde Raubein Ryan gezähmt? Wohl eher nicht, aber für den Moment war es OK so wie es war.


    Von Fern näherte sich ein Traktor, der sich eher als überdimensionaler Aufsitz-Rasenmäher entpuppte. Der Landwirt staunte nicht schlecht über das seltsam gekleidete Paar am Wegrand. Seine Augen wurden groß, als sähe er Außerirdische auf sich zu kommen. Schon dachte er an die üblichen Meldungen der Regenbogenpresse über haarsträubende Begegnungen der dritten Art. Vollends durcheinander kam er, als die kleinere Gestalt ihm freundlich zuwinkte und der Größere ihn zurief: "Sorry, wir haben die Streichhölzer aufgebraucht."

    So richtig konnte er damit nichts anfangen, doch blieben seine Augen stur auf die außergewöhnliche Kleidung der beiden geheftet. Vor allem die Formen der Frau hatten es ihm angetan. So sehr, dass er aus lauter Unachtsamkeit mit seinem Mähgerät dutzende Meter weiter den schlammigen Weg verließ und am Rand der Wiese entlang schrammte bis er sein Gefährt wieder unter Kontrolle bringen konnte.

    Seine daraufhin folgenden Kraftausdrücke ließen das Lycrapaar schmunzeln und so gingen diese beschwingt weiter in Richtung des Hotels. Der Insel aller Fetischinteressierten.

  • Das hast du wieder toll geschrieben und das Hotel werde ich mal aufsuchen


    Seine daraufhin folgenden Kraftausdrücke ließen das Lycrapaar schmunzeln und so gingen diese beschwingt weiter in Richtung des Hotels. Der Insel aller Fetischinteressierten.

    Lisa-Marie mag enganliegende Kleidung am liebsten von Kopf bis Fuß

  • Nachschub für alle Leseratten...viel Vergnügen!


    Die Zugfahrt Kapitel 24 von ValCurasca


    Als einziger von den dreien liess sich Damian am nächsten Morgen rechtzeitig zum Frühstück wecken. Auf sein Anklopfen reagierten weder Dennis noch Jens, doch Walter war wohl schon länger auf. Er trug wieder seine schwarze Leggings und sein blaues Lycrashirt und stand wohl schon im Gang, so schnell wie er öffnete. Seine Mappe stand gepackt auf einer kleinen Kommode im Eingangsbereich seiner Suite, sämtliche übrigen Lycrasachen waren rückgabebereit in einem Wäschesack, seine inzwischen gewaschene Dienstkleidung samt Warnweste hing an einem Kleiderbügel an der Garderobe.

    "Eventuell verlasse ich Euch schon bald. Nach dem langen Unterbruch haben sie festgestellt, dass Zimmer auf zwei Plattformen gebucht werden konnten und einige nun doppelt belegt sind - unter anderem meins. Aber geglaubt, dass ich es gar nie gebucht habe, haben sie trotzdem nicht. Aber je nachdem, wie das Hotel disponiert, muss ich für die nächste Nacht umziehen - oder sogar nach Hause fahren, was meiner Frau sicher gefallen, für mich aber morgen einen langen Arbeitsweg bedeuten würde."

    "Quartier Dich doch einfach bei mir ein."

    Walter überlegte eine Weile. "Wenn es kein Problem ist, mich hinicht früh und ungestört schlafen zu lassen und morgen früh geweckt zu werden, können wir das machen. Ein Einzelzimmer wäre mir dennoch lieber. Nur halbwach einen Zug fahren ist riskant, und diese Nacht war ja doch eher kurz. Wo sind denn Jens und Dennis?"

    "Entweder schon beim zmörgelen oder noch im Land der Träume. Gehen wir?"

    "Ich muss warten, bis ich Bescheid bekomme, wohin ich umquartiert werde."

    "Ruf doch schnell zürück!"

    Damian bekam mit, dass das Hotel für ihn noch keine Lösung gefunden hat, doch Walter drängte jetzt auf eine Antwort, scheinbar vergebens.

    "Ich soll mich nach dem Frühstück an der Réception melden."


    Aus dem Zimmer von Jens und Dennis kam weiterhin keine Antwort auf ein Anklopfen. So begaben sich beide in den Speisesaal, der schon ziemlich leer war, aber eine immer noch ansehnliche Auslage bot. Sie setzten sich nahe dem Buffet an einen Vierertisch gegenüber, Gesprächsstoff gab es wenig, beide waren doch noch etwas müde. "Lust auf etwas Schwimmen?" fragte Damian, als sie fast fertig waren. "Von mir aus. Gibts im Hotel auch normale Badehosen?" "Hier gibt's alles, und alles davon ist normal."


    Damian brachte das Besteck zurück und nahm am Buffet noch vier Brötchen für Jens und Dennis mit, dann verliess er mit Walter den Speisesaal. Dabei fiel er, noch besser seine violett-smaragd-blau-orange gemusterte Leggings über einem schwarzen Schwimmanzug, einer jungen Frau auf. Sie trug Caprileggings und ein Top aus demselben Stoff (jedenfalls optisch, textiltechnisch gab es einen Unterschied), und sie erkannte auch den Mann als den wieder, der gestern Mittag ihre Zauberkünste verschmäht hat. Solina erinnerte sich: Das musste einer von den Leuten sein, die Tabritisca treffen wollte. Ausgerechnet! Ausgehungert weiteressend und schwankend, ob sie diese Person wirklich ansprechen will bzw, das "gefahrlos" möglich ist, hat sie den Mann auch schon wieder aus den Augen verloren. Habe ich gerade etwas falsch gemacht? Egal, weiteressen und nicht mehr studieren, warum sollten ausgerechnet die mir weiterhelfen? Zwar, Tabritisca versuchte wenigstens, sich zu bemühen, und hat mich (bisher wenigstens) als einzige hier nicht hintergangen. Aber wie würde sie wohl reagieren, wenn sie erführe, dass ich das Treffen vermasselt habe? Die hat vielleicht Fähigkeiten, daran denkt man besser nicht...der Appetit war ihr vergangen.


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    An der Réception erfuhr Walter lediglich, dass er seine Suite baldmöglichst räumen solle, dazu habe er ja Hand geboten, doch mit der neuen Zimmerzuteilung seien sie immer noch nicht fertig, viele Gäste seien mit ihrer nicht wunschgemässen Einquartierung nicht einverstanden. Schliesslich hatte Damian genug vom ganzen nicht-wie-weiter-wissen und machte von sich aus den Vorschlag, Walter bei sich aufzunehmen. Die schon etwas gehetzt wirkende Réceptioniste nahm den Vorschlag noch so gerne umgehend an und buchte Walter ohne weitere Rückfrage um. Seinen Wunsch nach einem Einzelzimmer überging sie in ihrer Euphorie, ein Problem weniger zu haben.


    Walter nahm Damian zur Seite: "Viel tausend Dank nochmal! Ausgang ist hinicht gestrichen!" "Ja, Walter, akzeptiert - wenn Du möchtest, lese ich Dir auch noch eine Geschichte vor?" Walter konnte ein Lachen nicht unterdrücken, es war ihm aber gar nicht danach, denn ausgeruht den Führerstand zu betreten, war ihm ernst. "Ich helfe Dir tragen. Nein, zuerst bestellen wir noch Deine Badehose."


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    Solinas Zuversicht war wieder gewichen. Vor der Réception, die sie irgendwann einmal auseinandernehmen wollte, hatte sich eine grössere Menschenmenge gebildet, mehrere davon in Kleidung, die bei weitem nicht die Feinheit und Bequemlichkeit ihrer eigenen hatte, aber als allgemein reisetauglich angesehen wurde. Den etwas gehobenen Geräuschpegel in der Lobby empfand Sie als ungemütlich hallend. Nur, wohin? Am besten nirgendwohin, wo ihr Vater oder eine seiner Assistentinnen auftauchen könnten, und am besten dahin, wo sie noch jemandem eine Bitte erfüllen kann. Nur, wo in diesem Hotel, das ihr auf einmal vorkam wie eine stadtgrosse Kolonie unter einer Glaskuppel auf einem fremden Planeten, autark mit allem Überlebensnotwendigem ausgestattet, gelegentlich von eingeborenen Psychiatern visitiert, konnte das sein?


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    Bis auf die Mappe konnte Damian Walters wenige Sachen alleine tragen. Es war wohl wirklich keine gute Idee, sein Aufnahmeangebot schon so früh preiszugeben, für Walter hätte mehr herausschauen können, hätte er geschwiegen. Nun gut, jetzt war er als Gastgeber für Walter verantwortlich. Aber einen so grossen Aufwand oder auch Unterschied machte das auch nicht mehr, Walter gehörte ja schon mehr oder weniger zur ihrer Gruppe, was zwar nicht ihren ursprünglichen Plänen entsprach, aber sicher nicht unangenehm oder störend war.


    Kaum hatten sie das Zimmer verlassen, kam ihnen ein Paar entgegen, er im orangeroten Zentai, sie im Badeanzug, die rechte Hälfte grün, die linke schwarz. Und sie schaute Damian lange nach, selbst als er nochmals den Kopf drehte, tat sie es ihm immer noch gleich, blieb schliesslich stehen: "Megabunte Leggings, bekommt man die hier?" "Ja, das Modell heisst Tabisca oder so ähnlich, bestellt hat mein Kumpel." Die Frau wandte sich wieder ihrem Partner zu, bald darauf nahm er sie in seine Arme. Damian schloss, dass sie von ihm ebenfalls eine solche Leggings als Geschenk erbettelt hat.


    In Damians Zimmer räumten sie Walters wenige Habseligkeiten ein, als aus einer uns bekannten Quelle Heavy-Metal-Klänge zu hören waren. Dennis war wach geworden (und Jens zwangsläufig auch). Walter ermahnte Damian, dafür zu sorgen, morgen nicht von diesem "organisierten Lärm" geweckt zu werden, worauf ihn Damian beruhigte, dass eher er Dennis aus dem Nest werfen müsse, wolle er sich erst morgen verabschieden. Schon klopfte es an die Zimmertüre, Damian öffnete Jens, der nicht den ausgeschlafensten Eindruck machte.


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    Immer ungemütlicher empfand Solina ihre Lage. Auf der Terrasse wärmte sie sich, doch ist weniger ihr als den Hotelgästen aufgefallen, dass ihre Kleidung prächtig im Sonnenlicht glänzte, selbst wenn die Sonne von kleinen Quellwolken verdeckt war, fiel das Farbmuster ihres Gewands vielen auf. Aber als sie zum fünften Mal die immer gleichen nervigen Kommentare hörte (klasse, hübsch, super Glanz,...) und Fragen beantworten musste (Wie heisst das Modell, wo bekommt man das, wer ist der Hersteller, ist das Metallicbeschichtung,...), suchte sie einen anderen Zufluchtsort und überlegte auch, ob sie im Bikini nicht weniger auffallen würde. Den Gedanken verwarf sie aber wieder, denn einen Bikini hatte sie noch an keiner anderen Frau gesehen. Und wenn ihr Vater sie suchen würde, würde er nach einem Bikinigirl fragen - er kannte ihre neuen Sachen nicht.

    Sie las sich durch die Orientierungstafel. Wo war sie weit weg vom Schuss, wo würde man sie nicht erwarten, und wo konnte sie notfalls fliehen?


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    Nachdem man die letzten Neuigkeiten ausgetauscht hatte, planten Jens, Damian und Walter ihre nächsten Aktivitäten. Mit Morgenmuffel Dennis war vor dem Mittag eh nicht mehr zu rechnen, und da Damian und Walter schon vorhatten zu schwimmen, war Jens sportliche Betätigung ebenfalls recht, nur hatte er weniger Lust auf Wasser, er wollte den Kraftraum aufsuchen, bislang Neuland für ihn.


    Walter gab den Schlüssel zu seiner Suite ab und holte seine Badehose, dunkelblau mit einem weissen Streifen auf beiden Seiten. Während er sich in einer Kabine umzog, deponierte Damian lediglich seine Tabritisca-Leggings an einem Haken in der Garderobe. Der Stoff sollte nicht vom chlorierten Wasser angegriffen werden.


    Der Kraftraum war ausserordentlich voll, offenbar auch mit vielen Neuankömmlingen, die sich um die wenigen Instruktoren scharten. Jens verspürte jedoch wenig Lust auf lange Reden, viele Zwischenfragen und letztendlich wenig Bewegung. Auf der Suche nach einer Alternative fand er zwei Räume weiter jede Menge Hometrainer, einige mit Monitoren vor der Lenkergabel. Zwei der üblichen Hometrainer waren von zwei Frauen in einem schwarzgetupftem Body über einer rot-weiss längsgestreiften Radlerhose belegt. Sie nahmen in gemütlicher Bewegung die ganze Nachbarschaft durch, bemerkten Jens aber sehr wohl und grüssten, er grüsste zurück. An einem Gerät mit Monitor strampelte ein junger Mann mit strammen Wädli in einem schon etwas abgenutzten Phonak-Raddress im Leistungsbereich, er nahm Jens anscheinend nicht wahr. Jens setzte sich direkt neben ihn und drückte auf den schwarzen Bildschirm, der ein Menu aufschaltete: Measure input, Motorway, Railway. Jens gelang es, auf den Monitor seines Nachbarn zu schielen: zu sehen war die Fahrt auf einer Bahnstrecke aus dem Führerstand. Hier kann man also Walter spielen. Jens wählte demnach "Railway", es gab fünf weitere Wahlmöglichkeiten: Local, Rapid, High Speed, Freight, Mountain. Local erschein Jens fürs Erste das richtige zu sein. Eine Liste mit Städten erschien, unter anderem war München dabei.

    Sein Nachbar meldete sich: "Wenn Du nicht Intervalltraining machen willst, nimm besser etwas anderes. Hast Du ein spezielles Trainigsziel?"

    "Nein, einfach Fitness," entgegnete Jens seinem Nachbarn, der mittlerweile in einem Bahnhof zu stehen gekommen ist.

    "Ausdauer oder Kraft?"

    "Fitness halt einfach, ich bin kein Rennfahrer."

    "Nimm am besten Rapid."

    Jens ging zurück, wählte Rapid, eine Länderliste erschien. "Und wo gibts die schönsten Bahnen?"

    "Wo möchtest Du am liebsten mal hin?"

    Jens suchte die Liste nach den Vereinigten Staaten ab, doch die waren nicht vertreten, auch Kanada nicht, dafür aber Exoten wie Südafrika, Sri Lanka, Neuseeland oder Marokko nebst zahlreichen europäischen Ländern und den asiatischen Bahnschwergewichten Indien und Japan, welches von Jens gewählt wurde.

    "Super Hokuto tönt gut, ist es das auch?"

    "Ausprobieren!"

    Nach der Wahl erschien auf dem Display ein Bahnhof aus der Perspektive des Führerstands eines stehenden Zugs. Jens fing an zu treten, und das Video begann zu laufen, je nachdem, wie schnell Jens in die Pedale trat. Die Strecke führte bald durch eine frisch ergrünte Frühlingslandschaft und nicht wie von Jens erwartet durch eine Schlucht aus Hochhäusern.


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    Ohne Kaffee half auch die härteste Musik nicht, Dennis in die Gänge zu bringen, weshalb er sie zur Erleichterung einiger Zimmernachbarn schon bald wieder abstellte und sich nochmals hinlegte, er konnte nicht sagen, ob er gar nochmals eingeschlafen ist. Nach körperlicher Ertüchtigung war ihm gar nicht, so begab er sich, bekleidet mit einem dunkelblau-violett gestreiften Ganzanzug, in die Bibliothek. Eines der Bücher, die er gestern angelesen hatte, handelnd von einer fiktiven Flusskreuzfahrt auf dem Amur, in entsprechender Kleidung natürlich, wollte er zu Ende lesen.


    Dennis nahm den Text, es waren wenige Blätter, aus dem Regal, drehte sich um und wollte in einem der Stoffsessel Platz nehmen, als ihm an einem der Fensterplätze mit Tischen eine junge Frau ins Auge stach, die nicht las, sondern ein Buch, ein Heft und einige Schreibgeräte vor sich ausgebreitet hatte und gerade einen Taschenrechner bediente. Vor allem aber kam ihm das Muster ihrer Kleidung sehr bekannt vor, doch auch ihr selbst könnte er schon einmal begegnet sein. Dennis wusste, wie launisch er ohne morgendlichen Kaffee daherkommen konnte, trotzdem sprach er die junge Frau an:

    "Wow, krasses Muster, das Du ausgesucht hast!"

    Die junge Frau schaute kurz mit abweisender Miene auf, wandte sich wortlos wieder ihren Hausaufgaben zu. Doch Dennis genügte dies, um die Frau als die beleidigte Zauberkünstlerin von gestern zu erkennen.

    "Hast Du Deine Kleider auch von Tabirisca persönlich erhalten? Bist Du ihre Assistentin?"


    Solina hielt inne, dann schaute sie den Mann an, ging wieder in sich. Jetzt allen Mut zusammen nehmen, doch war er ihr auch freundlich gesinnt? Gehörte er überhaupt zu den Leuten, die Tabritisca treffen wollte?

    "Was soll das sein, Tabirisca?" fragte sie Dennis nach einigen Sekunden.

    Dennis setzte sich neben Solina an den Tisch. "Tabirisca ist eine Frau, eine Werbeträgerin vom Hotel für das Stoffmuster, das sie anhaben."

    "Aha." Dennis Beschreibung von Tabritisca überzeugte sie nicht - schon der Name war lätz. "Ich habe die Kleider von einer Freundin geschenkt bekommen."

    "Hier im Hotel?" hakte Dennis nach.

    "Was geht Dich das an?"

    Dennis stand auf, stellte den Stuhl wieder hin, nahm seinen Text und begab sich zu seinem Sessel. Den Titel "schlimmster bekannter Morgenmuffel" konnte er abgeben.

  • Da hast du hervorragend mal wieder einige der losen Enden zusammengebracht. Dies Geschichte drohte ein wenig aus dem Ruder zu laufen. Deine kurzen, aber prägnanten Abschnitte, stoßen die Phantasie des Lesers an und es zeigt sich, dass immer noch viel in der Geschichte drin steckt.

    Ich lese deine Beiträge sehr gerne und hätte nichts dagegen, wenn dir noch weiteres zu diesem Thema einfällt.

  • Die Zugfahrt Kapitel 25 von ValCurasca


    Bald darauf wurde Dennis von hinten angesprochen: "Entschuldigen Sie, kennen sie zufällig einen Lokführer?"

    Dennis drehte seinen Kopf. Sollte er auch sagen, was geht dich das an? "Wieso? Brauchst Du einen Privatchauffeur?"

    "Nein, meine Freundin von vorhin sucht einen, er soll einen Unfall gehabt haben und sich hier aufhalten, sie möchte ihn treffen."

    "Die Freundin, von der Du Deine Kleidung hast?"

    "Ja."

    Dennis klappte den Textband zusammen. "Ich glaube, wir gehen besser, der Lesesaal ist kein Gesprächsraum."


    Solina fühlte sich doch irgendwie erleichtert, misstrauisch blieb sie trotzdem, sowieso bei erwachsenen Männern. Wenigstens bestand Hoffnung, dass sie auf der richtigen Spur war, ist der Mann doch auf ihr Gespräch eingestiegen. Sie packte ihre Physiksachen in den Rucksack.

    Während die beiden durch die Korridore huschten, ergab sich das folgende Gespräch:

    D: Wenn ich fragen darf, wie sieht deine Freundin eigentlich aus? Dunkelhäutig, kleinwüchsig mit Wuschelmähne?

    S: Ja, und sie heisst Tabritisca.

    D: Ich konnte mir ihren Namen nicht richtig merken. Ihr gekünstelter Gang ist mir weit mehr aufgefallen, sie hüpft mehr als sie geht.

    S: Ja, Sie kommt wohl von einem megagrossen Planeten.

    Dennis konnte diese Bemerkung nicht einordnen.

    D: Seid ihr Berufskollegen?

    S: Häh...man könnte es meinen.

    D: Wieso nur meinen?

    S: Naja...sie will nicht als Zauberkünstlerin angesehen werden.

    D: Als was dann? Als Hexe?

    S: Ich glaube, als Physikerin...oder als Lokführerin...oder als gar nichts spezielles.

    Nach einer Pause:

    S: Wo sind Sie denn Tabritisca begegnet?

    D: Auf einer Wiese etwas entfernt vom Hotel. Wir haben uns im Nebel verlaufen, irgendwie ist sie aufgetaucht und auch irgendwie wieder verschwunden. Oder ist sie Leichtathletin? Sie rennt sauschnell!

    S: Kann sein.

    D: Kann sein? Du wirst doch Deine Freundin so gut kennen, dass Du das weisst?

    S: Freundin ist relativ...ich bin ihr auch nur einmal letzte Nacht begegnet. Und von allen hier im Hotel hat sie mich bisher am besten behandelt, oder sagen wir, am freiheitlichsten und respektvollsten. Wohin führen Sie mich eigentlich?

    D: Zum Zimmer des Lokführers.


    Irgendwann erreichten die beiden Zimmer 256 und klopften. Doch der Mann im schwarzen Zentai mit einer übergezogenen schwarzen Lederimitathotpants war nicht Walter. Sie erfuhren, dass sie frisch eingezogen seien, und sie nicht wüssten, wohin der Vorbewohner, wenn überhaupt, umquartiert wurde.


    D: Eventuell wissen meine Kollegen mehr, vielleicht sind sie auf ihren Zimmern.

    S: Kannst Du ihn nicht einfach anrufen?

    D: Weder ich noch Walter haben ein Telefon dabei. Hättest Du eines?

    S: Nur ein zerstörtes.

    D: Wasserschaden?

    S: Von meinem Vater bei einer Aufführung durchbohrt.

    D: Trick danebengegangen?

    S: Vermutlich nicht.


    Ohne weiteren Wortwechsel erreichte Dennis sein Zimmer, Jens war nicht da, Damian reagierte nicht auf sein Anklopfen.


    D: Niemand da.

    S: Wo denn?

    D: Keine Ahnung.

    S: Was haben sie am Morgen sonst gemacht?

    D: Einmal waren wir joggen, einmal haben wir eine Aufführung gesehen. Und Walter sind wir zuerst draussen an der Bühne begegnet.

    S: Gehen wir dorthin! Dort hat mich auch Tabritisca gefunden.


    Beide suchten das Gelände bei der Bühne, auf der derselbe Pianist wie gestern ein Konzert gab, ab. Damian ging auch zur Bar, Solina konnte lediglich hoffen, jemanden anhand der Kleidung zu erkennen. Doch das gesuchte Muster, so auffällig es auch war, liess sich nicht ausmachen.


    Dinnn

    Dannn

    Donnn


    Solina hatte einen Moment das Gefühl, die Luft um sie herum flimmere, wie man es von einer heissen Strasse kennt, der auffrischende Wind eines herannahenden Gewitters hatte wohl feine Glockenklänge von sehr weit her getragen, denn in der Klangrichtung war nur Wald. Wie spät ist es eigentlich? Sie hatte keine Uhr. Dennis kam zurück.


    D: Hier sind meine Kollegen auch nicht.

    S: Wie spät haben wir?

    D: Meinem Magen nach irgendetwas vor Mittag.

    S: Viertel nach Elf vielleicht?

    Dennis zuckte mit den Schultern. "Suchen wir weiter."


    Während Dennis lediglich das nächste Ziel ansteuerte, an dem er seine Kollegen und Walter vermutete, musterte Solina im Weitergehen jede Person, die ihnen entgegenkam, sich in der Turnhalle oder einem anderen Nebenraum aufhielt. "Hey!" rief sie Dennis hinterher, und Dennis konnte nur noch sehen, wie sie in einem der Räume verschwand. Dennis folgte ihr, und sah Jens auf einem der Hometrainer vertieft ins Training und einen vor ihm aufgestellten Bildschirm. Er trug den ärmellosen Body und die Radlerhose von Tabritisca. Dennis trat an Jens heran, der schaute zu Dennis und dann zu Solina.


    Jens wollte Dennis seine neue Entdeckung im Fitnessbereich zeigen, doch Dennis unterbrach ihn umgehend, ob er wisse, wo Walter sei.

    J: Walter ist mit Damian im Hallenbad. Was gibt es denn wichtiges?

    D: Diese junge Frau sagt, unsere Kleiderspenderin wolle Walter treffen.

    S: Sie heisst Tabritisca, und nicht nur den Lokführer, sondern auch den da mit den gleichen Kleidern wie ich.

    J: Und dann? Sie kann unsere Sprache nicht.

    S: Doch.


    Jens fuhr noch eine kurze Strecke weiter, er überlegte: Die junge Frau kannte Tabritisca jedenfalls, trug ihre Kleider, und Tabritisca selbst hatte auf ihrer Zeichnung den Lokführer mit einem Pfeil markiert.

    Er hielt an. "Wie bricht man das Video ab?" fragte er seinen Nachbarn. "Einfach den Bildschirm berühren", kam nach einer Weile als Rückmeldung, "dann ein paarmal auf back gehen." Der Mann nebenan hielt ebenfalls an und schaute nach Jens und den anderen. "Gleiche Mannschaft?" keuchte er, abwechselnd auf Jens und Solina zeigend. "Gleiche Schneiderin", entgegnete Jens im Absteigen.


    Auf dem Weg zum Hallenbad stellte sich Jens der jungen Frau vor, diese gab sich als Solina zu erkennen, fragte selbst nach dem Namen des anderen Mannes, erst jetzt erfuhr sie, dass er Dennis heisst.


    J: Solina, die Tischzauberin von gestern?

    S: Ja, die an Zauberkunstbanausen geraten ist.

    J: Sonst nicht, aber gestern vor dem Mittag haben wir Zauberei erlebt, die teilweise etwas, wie soll man sagen, gespenstisch war. Ist dein Hausarrest aufgehoben?

    S: Tabritisca sagt, ich bin frei.


    Jens und Dennis machten jeder für sich Gedanken über Solina und ihr Verhältnis zu ihrem Vater. Dessen schlüpfrige Bemerkung über Solina kam Dennis wieder in den Sinn und weckten einige Befürchtungen in ihm.


    Im ziemlich vollen Hallenbad war es schwer, eine gesuchte Person ausfindig zu machen. Erst bei der zweiten Umrundung fiel Jens inmitten des Beckens Damian auf, doch der Lärmpegel war zu hoch, dass er hätte gerufen werden können. Sie gingen zu der Stelle zurück, an der er nächstens anlegen würde, und entdeckten auch Walter auf einer Liege im Gespräch mit einer ebenfalls älteren Frau in einem blauen Badeanzug mit irgendeinem aus der Ferne nicht näher definierbaren roten Fleck oberhalb des linken Beinausschnitts. Jens fing Damian ab, Dennis und Solina gingen zu Walter.


    "Wer will mich treffen?" Walter konnte mit dem Namen Tabritisca, den eine ihm bis dato ebenso unbekannte junge Frau genannt hat, nichts anfangen, noch weniger war er bereit, die anregende Unterhaltung mit seiner neuen Bekanntschaft abzubrechen. Auch Dennis gelang es mit allem Zureden nicht, Walter zum Mitkommen zu bewegen, und als er beim Versuch, Walter genauer zu erklären, wer das ist, unvorsichtigerweise den Zettel erwähnte, löschte es Walter endgültig ab: "Diese Scherzartikelverkäuferin kann mir gestohlen bleiben!"


    Damian schwamm dem Beckenrand entgegen, er sah Jens auf ihn warten. Wogegen war er jetzt gestossen? Und nochmals gestossen? Er tauchte kurz ab, sah etwas bräunlich-grünlich-weisslich verschwommenes am Beckenboden. Er tauchte die meiste Strecke bis zum Rand, dort schnellte er von weit unten in die Höhe, fast synchron unmittelbar neben einer Negerin unbekannter Herkunft, die aber beide sofort erkannten: "Treffen wir uns beim Baumstumpf, bringt den Lokführer egal, egal wie mit, bitte, bitte, dringend, dringend." Und ehe Damian sich richtig in ihrer nassen Haarpracht verlieren konnte, tauchte sie auch schon wieder ab, wer weiss wohin, Damian konnte nicht einmal mehr ihre verschwommenen Umrisse ausmachen.


    Jens und Damian schauten sich nur an. "Walter müsste dort oben auf den Liegen zu finden sein." Damian schwamm in Richtung Walter zu einer Leiter, die einen bequemeren Ausstieg bot, während Jens um das Becken herumlief. Bei Walter angekommen, bemühten auch sie sich, ihn zum Mitkommen zu bewegen, doch er schloss das kategorisch aus. Endlich hat er eine angenehme Gesprächspartnerin gefunden, dazu hatte Damian ihn um ein Einzelzimmer gebracht.


    Solina machte sich derweil nur über das "egal wie" Gedanken. Die Lernkarten mit dem Französischvokabular erschienen ihr geeignet, sie packte sie aus. "Herr Lokführer, ich wette mit ihnen, dass ich ihr Lieblingswort auf Französisch herausfinde!" Walter lächelte verlegen. "Mein Bahnbillet heimzu, die Wette gilt." Von den vielen Karten suchte sie etwa ein Dutzend heraus, die ihr passend schienen, gab den ganzen Stapel Walter, er solle die Karten durchsehen und sich dann ein Wort merken. "Jetzt zeigen Sie die Karte den anderen", während Solina sich kurz umdrehte. Dann nahm sie Walter den Stapel ab, mischte die Karten nach allen Regeln der Kunst, ging schliesslich den Stapel durch, einmal, zweimal. "Haben Sie die Karte wirklich zurückgelegt?" "Ja, sicher", entgegnete Walter. "Eine Karte fehlt nämlich." Sie gab Walter den Stapel zurück, der ging die Karten ebenfalls durch - tatsächlich, sein Wort fehlte. "Sie haben das Wort "tour" im Kopf", dabei streckte sie ihren Arm neben seinen Kopf. In ihrer Hand hatte sie plötzlich eine Karte, die sie Walter und den anderen hinhielt - "la tour" stand handschriftlich geschrieben, auf der anderen Seite die Übersetzung "der Turm". "Nein, die beschriebene Rückseite ist für den Trick irrelevant", wehrte sich Solina vergebens, "wir können ihn mit einem Ries gerne wiederholen."


    Doch bald schon schwenkten die Jungs auf Solinas Linie über, dass Walter seine Wettschulden zu begleichen habe - den Trick von Solina haben alle durchschaut. Walter wollte sich herausreden: "Wann müssen sie denn den Zug besteigen?" "11 Uhr... ouh wann genau schon wieder?" Walter nannte 42 als Antwort. "Dann müssen wir uns beeilen, es hat vorher schon viertel nach elf geschlagen." Die Dame auf der Liege nebenan erzählte Walter noch kurz, was sie am Nachmittag und Abend noch vorhatte, bevor er sich endlich daran machte, sich zu erheben. Alle waren erleichtert, besonders Damian, hoffte er doch inständig, Walter würde weit oben an der Wand die Uhr, die erst etwa zehn vor elf zeigte, nicht bemerken.


    Erst auf Damians Zimmer bemerkte Walter, der nie ohne Armbanduhr wegging, dass es noch früher war, doch er wurde weiter bedrängt, beschwichtigt und gelockt, sich dem Treffen zu stellen. Damian hatte seine Leggings in der Garderobe auf Anhieb nicht mehr gefunden, er beschloss zuerst, später nochmals danach zu suchen, aber mittlerweile hatte er die Hose abgeschrieben. Also entschied er sich, gleich wie Jens Kurzarmbody und Radlerhose im Tabritisca-Stil zu tragen. Walter jedoch war nicht auch noch dazu zu überreden, wenigstens ihre Leggings anzuziehen. Auch Dennis zog sich, um keine weitere Verzögerung zu verursachen, nicht um. Jens lieh Solina sein Telefon, sie kündigte ihren Gasteltern die Heimkunft an.


    Bald darauf verliess die Gruppe das Hotel bei der Aussenbühne durch ein schmiedeisernes Tor. Eine ungewöhnliche Hitze nahmen jetzt alle wahr, als hingen Heizstrahler an jedem Baum. Walter wies auf eine pechschwarze Gewitterwolke über ihnen hin, aus der schon erstes Krachen zu hören war. Mit aller Sanftheit bei gleichzeitiger Bestimmtheit schob Solina Walter vorwärts.


    Niemand aus der Gruppe bemerkte, dass ihnen eine Frau im blauen Metallicanzug, fast demonstrativ mit Kamera und Tablet bewaffnet, schon eine ganze Weile folgte...


    Doch einem Mann, der zusammen mit seiner Partnerin vor kurzem erst zum Hotel zurückgekehrt ist und die sich zusammen auf einem der Sitzsteine ausruhten, kam das verdächtig vor. Hatte man ihn vom Fall abgezogen und jemand anderen betraut? Nur, warum ging diese Ermittlerin derart dilettantisch vor? "Judy, da stinkt etwas!" Er erhob sich, seine Partnerin zog hörbar Luft durch die Nase. "Dem muss ich nachgehen." Er tat bereits die ersten Schritte Richtung Verfolgung, Judy spurtete hinterher. "Lass jetzt deinen Beruf, bitte." "Nichts zu machen, das stinkt gewaltig." "Ich habe wenig Lust, nochmals vor einem Gewitter davonzurennen - Du etwa?" "Ein Navy kennt keinen Schmerz - eine Navy-Assistentin auch nicht!"


    Niemand von der Frau im blauen Metallicanzug bemerkte, dass ihr ein echter Ermittler samt Assistentin (wenn auch widerwillig) buchstäblich auf den Fersen war...

  • Eigentlich weiß Kell Ryan ja, dass der Fall theoretisch für ihn abgeschlossen ist, aber er kann halt nicht aus seiner Haut. Wenn ihm etwas seltsam vorkommt, verfällt er in Ermittler-Modus.


    Darüber hinaus hatte ich mir schon immer gedacht, dass Solina sich gut als Vermittlerin zwischen verschiedenen Aspekten der Geschichte eignet.

    Du hast gut Spannung aufgebaut und bist in Richtung Aufklärung offener Fragen unterwegs. Hervorragend.


    Was mich bei deinen Geschichten immer freut, sind die sprachlichen Kleinigkeiten am Rand. Durch deine Nationalität kommen wir manchmal in den Genuss von Ausdrücken die wir zwar verstehen, die aber im hiesigen Sprachgebrauch selten geworden sind.

    Nur als Beispiel "Bahnbillett". Solche Sachen machen den Text sympathisch zu lesen, bitte nichts daran ändern.

  • Gibt es in Deutschland mittlerweile auch Bewegungen, die Dialektsprachen (mit teilweise treffenderem Wortschatz als in der Hoch-/Schriftsprache vorhanden) wieder als Kulturgut wertschätzen? Oder liegt es nur daran, dass wir beide uns noch im erweiterten frankophonen Einflussbereich bewegen?

  • ValCurasca

    Sicher gibt es hin und wieder Menschen, die wie ich den Niedergang regionaler Dialekte beklagen, aber generell wird Hochdeutsch letztlich das Ruder übernehmen.

    Schade, denn gerade regionale Besonderheiten machen es doch interessant.

    Eigentlich liegt es an der Trägheit der Menschen, nicht gleichzeitig eine übergreifende Hochsprache zu benutzen, ohne traditionelles Sprachgut zu pflegen. (Mir jedenfalls würde es nie im Traum einfallen unter Pfälzern Hochdeutsch zu sprechen).


    Was das Frankophone anbelangt, sind Gegenden wie Pfalz oder Saarland durch häufige französische Besatzungsphasen stärker beeinflusst als andere Bundesländer.

  • Die Zugfahrt Kapitel 26 von ValCurasca


    Unterwegs wurde Solina nicht müde, insbesondere Walter ihre Erlebnisse mit Tabritisca und deren Vorzüge detailliert zu schildern, was diesen nach und nach wieder mehr ärgerte. "Freischwebende Miniatursterne? Rauchst Du Haschisch?" Er drehte sich so unvermittelt um, dass es eine Frau im hellblauen Metallicanzug nicht mehr hinter einen Baum schaffte, bevor Walter sie samt ihrer Ausrüstung sah.

    Wieder musste Walter gut zugeredet werden, bis er weiterging. Doch er ging langsam, immer wieder drehte er sich um, ob ihnen niemand nachschleiche, denn die anderen nahmen ihm nicht ab, dass da jemand im Metallicanzug folge, um Erinnerungsfotos zu machen.


    Kell und Judy gingen mit einem kurzen Gruss an der Frau vorbei. Dass er sich zwischen die Verfolgergruppen stellte, erschwerte ihr die Arbeit sicher, hatte aber auch für ihn den Nachteil, dass er sein Ziel nun im Rücken hatte. Er, manchmal auch Judy, nutzten jedes Donnergeräusch, um nach oben und gleichzeitig etwas nach hinten zu schauen, doch die Frau schien ihnen nicht unmittelbar zu folgen. Dass sie aufgegeben hatte, schloss Ermittler Ryan aber aus.


    Erste Tropfen trommelten auf das Laub der Bäume, die seltsame Hitze hatte sich verzogen, fast kühl empfanden es unsere Protagonisten, der Regen wurde kurz stärker. Das Ende des Walds kam in Sicht, bald würden sie die Lichtung betreten, ohne Regenschutz. Damian konnte seinen eigenen Herzschlag spüren, er war aufgeregt bei einem Rendez-vous mit einer Frau, er atmete hörbar, blieb schliesslich ebenfalls stehen, was die anderen verwundert nachmachten. "Nicht noch ein störrischer Esel!" Solina lief drauflos, kam an den Waldrand, spurtete davon in den Regen. Alle anderen nahmen je einen der fünf bereitstehenden Regenschirme, deren Gestänge ganz aus Holz gefertigt waren.


    Die Marschpause genügte, dass Judy und Kell in Sichtweite der Gruppe kamen, Dennis machte sie als erster aus, trotz ihrer im Wald dunklen Anzüge. Freudengeschrei mal zwei von der Lichtung her durchbrach das monotone tropf-tropf-tropf von den Bäumen. Und Jens erkannte den Typ, noch eher seinen speziellen Anzug: Schnüffler Ryan! "Kommt schnell, dem darf Tabritisca nicht in die Hände fallen!" Er schleppte Damian regelrecht ab, bis dieser wieder von sich aus weiterging. Kaum war der Wald zu Ende, sahen sie Tabritisca und Solina erst eng umschlungen, dann tanzend. Jens, der schnell vorausging, wollte ihnen per Handzeichen mitteilen, schnell weiterzugehen, doch Solina drehte ihm den Rücken zu, Tabritisca winkte lächelnd zurück. Und da betraten Kell und Judy auch schon die Lichtung.


    "Schnell, wir müssen verschwinden!" keuchte Jens als erstes in ihrer Nähe, Solina fragte nur "Wohin?", und Tabritisca sprang zur Begrüssungsumarmung auf ihn zu. Er fing sie auf, hob sie vom Boden ab und versuchte, sie so schnell wie möglich wegzutragen. Erst sehr leicht, hatte Jens das Gefühl, sie werde allmälich immer schwerer. "Was... wohin soll das führen?" "Ermittler Ryan ist uns auf den Fersen." Nicht nur sie, auch er selbst schien immer schwerer zu werden, fast brachte er keinen Fuss mehr vor den anderen, er musste stehenbleiben, Tabritisca absetzen, tief durchatmen.

    "Hey, keine Panik. Ich kann ganz gut auf mich selbst aufpassen. Und mich nötigenfalls schneller wegtunneln, als ihr mir folgen könnt." "Er ist Ermittler im Unfall von neulich, er wird dich festnehmen und ausquetschen!" Tabritisca wandte sich von ihm ab, sah Dennis, Walter und Damian und in der Ferne zwei weitere Personen näherkommen. "Hey, Du hast es geschafft, das ist der Lokführer, den ich suche!" Im üblichen Hüpfsprung fiel sie Solina erneut um den Hals, gerne hätte sie Solina hochgehoben, doch selbst diese war fast einen Kopf grösser als sie selbst. Soweit getraute sie sich nicht nach hinten zu beugen.


    Tabritiscas Nicht-Reaktion auf seine Worte irritierten Jens. Er konnte wieder normal gehen, gesellte sich zurück zur Gruppe, wo Tabritisca ihren Begrüssungsreigen fortsetzte. Auf einmal kam ihm ein schrecklicher Gedanke: Arbeitete "Deckname Tabritisca" mit Ryan zusammen und hat sie alle für ihn hierhergelockt?

    "Gehen wir!" war erneut seine Aufforderung. Tabritiscas Antwort war wohl, dass er sich wieder fühlte, als brächen seine Beine nächstens unter seinem eigenen Körpergewicht weg. Ihm wurde schwindlig, er wagte aber nicht, sich zu setzen, aus Angst, er könnte dabei das Gleichgewicht nicht halten, so zog alles an ihm nach unten. "Ja, fremde Frau, dem Mann, der dort kommt, begegnen Sie besser nicht. Wenn Sie vom Unfall mehr wissen, sollte er von Ihnen besser keine Kenntnis haben", war auch Walters Meinung, die anderen nickten. "Sie arbeitet wit und hür ihn!" Jens Stimme klang undeutlich und seltsam verzerrt. Tabritisca versuchte zu beschwichtigen: "Ich weiss genau, was bei dem Unfall und wie er geschah, ich bin ja dabeigewesen, ich brauche keinen Ermittler von hier als Hilfe - erst recht keinen, der mir nicht fähig scheint, sich durch die Raumzeit tunneln zu können. Nur wie es Euch dabei ergangen ist, weiss ich nicht und möchte ich wissen!"


    Kell und Judy waren sicher schon in Hörweite. "Bitte, keinen Ton mehr jetzt - ich brauche kein weiteres Verhör mehr und möchte das Geschehen nicht nochmals durchgehen müssen." Tabritisca senkte den Kopf. Sie wollte ihrem Berufskollegen etwas antworten, doch wie hiess er überhaupt? "Lokführerin Tabritisca", stellte sie sich bei Walter vor, doch dieser machte keine Anstalten, ihre Vorstellung zu erwidern. Nai, avrikümanil! Die Attentäter hatten sich tatsächlich den Planeten mit dem grössten Angstpotential ausgesucht. Doch auf ihren Berufskollegen wollte Tabritisca vorderhand Rücksicht nehmen, so schwieg sie, auch wenn ihr der Grund des Schweigens unklar blieb. Jens fühlte sich erleichtert.


    Selbst für Ermittler Ryan war ein derart abweisender Empfang ungewohnt. Sechs Personen standen wortlos im Regen, starrten sich gegenseitig an oder kontrollierten hin und wieder den Abstand, der noch zu ihm verblieb. "Hi!" lautete sein kurzer Gruss, der lediglich von Solina echoartig erwidert wurde. "Macht ihr hier ein Fotoshooting?" Nun blieb eine Antowrt zur Gänze aus. Ein Donner krachte, starker Regen setzte ein, richtig kühle Luft umströmte alle, trieb Nebelschwaden über die nasse Wiese, Solina fröstelte es an Schulter, Rücken und Arme. "Den Fall, zu dem ich Euch befragt habe, habe ich übrigens abgegeben. Falls ihr keine weiteren Fragen beantworten wollt, nehmt euch in Acht vor einer Frau im metallicblauen Zentai, die spioniert Euch jetzt nach. Bye."


    Das Echo vom Abschiedsgruss kam zur Abwechslung von Walter. Er fühlte sich bestätigt, was er gesehen hat und was seine Kollegen ihm nicht glauben wollten, doch die Bestätigung ausgerechntet von der Ermittler-Nervensäge zu erhalten, wurmte ihn. "Lokführer Schmidt", nahm er nach einer Weile das Gespräch wieder auf, seinen Vornamen brauchte die Fremde wenigstens vorderhand nicht zu wissen. Doch das Konzept aus Vor- und Familienname war Tabritisca unbekannt: "Ai, wunderbar, dass Du gekommen bist, Schmidt!" Allgemeines Gelächter brach aus, Walter konnte sich der ansteckenden Wirkung nicht entziehen. Nur Tabritiscas Miene kam nicht über ein Schmunzeln hinaus, wurde bald wieder ernst. Sie schaute Kell und Judy nach, diese waren immer noch auf der Lichtung unterwegs. Judy blickte zurück, nickte etwas, wurde von Kell aber umgehend weitergezerrt, er flüsterte ihr irgendetwas zu.


    Solinas Blick wanderte in Judys Nickrichtung weiter dem Waldrand entlang. Jetzt erspähte auch sie die Frau mit Kamera im hellblauen Zentai, der bei dem dunklen Gewitterwetter keinerlei Tarnung bot, halb hinter einem Busch. Doch Solina wusste instinktiv, wer dieses Lycra(un)wesen und hinter wem sie her war. Sie rannte wie wild auf die enttarnte los. Endlich konnte sie Solina, die ihr bisher immer den Rücken zugedreht hat, von vorne ablichten! Beherzt drückte sie den Auslöser, ohne zu prüfen, ob der Blitz ausgeschaltet war - die Kameraautomatik entschied sich unter dem gewitterschwarzen Himmel, ihn einzusetzen. Damit hatte sie ihren Standort allen, auch Tabritisca, verraten.


    Blend, Krach, Bumm, Wumm...


    Fast genau auf der Linie zwischen Solina und der blauen unbekannten, aber viel näher bei jener, schlug ein Blitz ein, Solina blieb vor Schreck stehen, Judys Geschrei war sicher weitherum zu hören, Kell hielt sie fest, so gut es die rutschigen Anzüge zuliessen. Doch Solinas Jagdtrieb nahm bald wieder Oberhand, Dennis spurtete hinter ihr her, ohne genau zu wissen weshalb, Jens und Damian zögerten noch, es ihm gleichzutun, sahen aber, dass die Zentaifrau in einer eher unbequemen Position im Busch lag, ihr Zentai war an zwei Stellen aufgeschränzt. "Geht ihr beiden nur, ich möchte sowieso gern mit Schmidt allein reden." Tabritisca schien von allem komplett unbeeindruckt und kühl. Damian entsetzte sich: "Dort ist vielleicht jemand vom Blitz getroffen worden und braucht Hilfe!" "Wir wurden auch von jemand vom Blitz getroffen, Solina schon sehr oft! Habt Ihr Euch nicht um sie gekümmert? Habt Ihr ihr überhaupt zugehört und sie ernst genommen? Oder hat sie Euch Männern schon gar nichts mehr erzählt?" "Sie hat uns ständig nur von Dir vorgeschwärmt, von sich hat sie nichts erzählt. Wann auch, ich bin Solina auch erst vor höchstens einer Stunde begegnet, also sie hat mich zufällig wegen meiner oder besser Deiner Kleidung gefunden. Gibts schon wieder ein neues Tabritisca-Design?" "Helft ihr beiden erstmal wem ihr wollt und schafft diese Neugierkuh weg. Über unser Gewand können wir uns nachher noch unterhalten."


    Kell hatte Judy (und auch sich selbst) mittlerweile beruhigt, sah Solina weiter auf die Spionin zueilen. Er rannte selbst dem Waldrand entlang nach oben, er musste verhindern, dass eine entfesselte Solina zuerst auf die Unbekannte traf.

    Tatsächlich konnte er Solina gerade noch davon abhalten, der Frau im Zentai kräftig ins Schienbein zu treten. Kell wollte die mit Brechreiz im Busch hängende in Bewusstlosenlage bringen, doch Solina unterstütze ihn nur soweit, dass sie sich der um den Hals hängenden Kamera bemächtigen konnte. Und die wurde umgehend inspiziert: Ausser einem Totaldefekt durch Induktionsströme war nichts mehr feststellbar. Solina warf die Kamera der Assistentin ihres Vaters ohne jede Sorgfalt vor die Füsse.


    Das erste Zeichen der Besserung seitens der Zentaifrau waren Schmähbezeichnungen von unter der Gürtellinie für Solina, aber die gab nicht minder dreckig zurück. Mit der Schlussdrohung, Solina würde für den Rest ihres Lebens Hausarrest haben, schleppte sie sich davon. Ihre technische Ausrüstung liess sie liegen. Ryan anerbot sich als Stütze, was ihm mit weiteren Schimpfworten verdankt wurde.


    Eine Weile später fand Jens das liegengelassene Tablet. Es war nicht gesperrt, zuletzt bereitete eine Solina_Zaubermaus einen Eintrag auf einer Plattform, die zu den "Sozialen Medien" zu zählen ist, vor. Jens konnte sich zwar nicht erinnern, dass Solina ein solches Gerät bei sich gehabt hat, dennoch gab er es ihr zurück. Solina nahm es etwas verdutzt, begann zu lesen, erstarrte, selbst das Blinzeln der Augen setzte aus. Judy ergriff sie von hinten um den Rucksack herum, war aber nicht daruf gefasst, dass sich Solina beim ersten festeren Halten fallen liess. Solina liess das Gerät los, als sie ihre Hände zum Abstützen nach hinten streckte. Der weiche Waldboden sowie Judys linker Fuss fingen ihren Fall auf. Judy ging neben Solina in die Hocke, fragte, was sei. "Das ist nicht meins", war das letzte, was sie vor den ersten stillen Tränchen noch herausbrachte. Judy zog Solina an sich. Die merkt ja nicht einmal mehr, wie kalt ihr schon sein müsste. Jens hielt seinen Schirm über beide Frauen.


    Dennis wollte nun auch sehen, was es mit dem Tablet auf sich hat, doch Ryan riet ihm, darauf nicht seine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Sein Ermittlergespür sollte ihn nicht täuschen, dass mit dem Gerät unsaubere Sachen getrieben worden sind. Und da er ja Lycra über seinen Fingern hatte, hielt er den Bildschirm Dennis und den anderen hin. Die letzten Einträge, wenige Stunden alt, gaben ein eher zwielichtiges Bild über einen Zauberer Staunigugg ab, noch seltsamer aber war, dass Solinas "Selbstportraits" sie immer nur von hinten zeigten, meist mit anmächeligen Kommentaren versehen. "Mir hat sie erzählt, ihr Vater hätte ihr Smartphone zerstört", gab Dennis zum Besten.


    Solina grub ihren Beitrag zur Elektroschrottsammlung aus dem Rucksack, warf ihn nach Dennis, verfehlte das Ziel jedoch. Mit scharfem Blick zu Solina las Damian das durchlöcherte Ding wieder auf, zeigte es den anderen. Ryan wollte nun Klarheit, Solina beteuerte ihm, dass weder das intakte Tablet noch all die Einträge unter ihrem Künstlernamen darauf nicht von ihr stammten, sondern von den falsche-Schlangen-Assistentinnen ihres Vaters, ja dass das Datenmaterial gar nicht von ihr stammen könne, sie sei auf jener Plattform gar nicht Mitglied, denn ihr Vater habe ihr den Beitritt verboten. Ryan überlegte: Er war für derartige Vorgänge zu sehr der "bad cop", ausserdem war er in Urlaub, also ausser Dienst. Der gangbarste Weg schien ihm, das Gerät als Fundstück samt Geschichte einem Kollegen zu übergeben, dann können die entscheiden, ob daraus ein Fall wird oder nicht, auf dem Gebiet Cyberkriminalität kannte er sich gar nicht aus. Solina, deren bürgerlichen Namen er ebenfalls erfahren hat, würde er solange vor weiteren Verbrechen zu beschützen versuchen, doch die wollte sowieso nicht ins Hotel zurück, was Ryan sehr begrüsste. Sowieso wurde Solina immer redseliger, waren der fremde Mr. Ryan, von dessen Beruf sie nichts wusste, und Judy wohl nebst Tabritisca die Ausnahmen, die ihr Glauben und Gehör schenkten. Sie erzählte von ihrem Vater und ihren Mitschülern und den Problemen mit ihnen, und dass manche wohl die Ursache in den Lügen hatten, die ohne ihr Wissen unter ihrem Namen verbreitet worden sind.


    Irgendwann schlenderten auch Tabritisca und Walter, der ziemlich nachdenklich wirkte, wieder auf die Gruppe zu. Die letzte Wegstrecke zu Solina rannte Tabritisca, weder Ryan noch Judy fiel so ihr Hüpfgang auf. Und wieder kontrollierte Tabritisca als erstes Solinas Fusstemperatur - immerhin nicht so eiskalt wie nächtig, aber zu warm hatte Solina auf keinen Fall. Wieder konnte sich niemand erklären, woher Tabritisca einen Langarmbody im bekannten Muster für Solina herhatte. Der war das aber egal, noch so gerne zog sie ihn über. Tabritisca schaute zu Judy in ihrem Testanzug: Auf die Schnelle fiel ihr keine Kleidung ein, mit der sie hätte vergelten können, dass sie Solina an sich genommen hat. Das, und auch, dass Solina wieder einmal einen Tiefpunkt durchlebt hat, erfuhr sie aus dem Likratorfeld, das immer noch in Solina aktiv war. Tabritisca fragte Judy also direkt nach ihrer Wunschkleidung, unter "Für den Wiener Opernball" konnte sie sich aber beim besten Willen nichts vorstellen, auch nach mehreren Erklärungsversuchen nicht. Schliesslich wünschte sich Judy, der alles nur albern vorkam, eine Warnweste. Fast aufs Wort zog Tabritisca eine solche aus ihrem Ärmel, der vorher wie nachher direkt am Körper anlag. Judy (und alle anderen ausser Solina) war baff, und Tabritisca zum wiederholten Mal verwirrt, warum Judy ihr das Kleidungsstück nicht abnahm. "Schmidt, wie sehen Warnbodys bei Euch aus?" wandte sie sich leicht verzweifelt an Walter. "Eher nicht wie ein Badkleid." Trotzdem nahm Judy, mehr aus Neugierde, Tabritiscas Produkt in die Hände, hielt es hoch: kurzärmlig, kurzer Reissverschluss vorne, knallig zitronengelb, silbrig reflektierend vorne ein Kreis, hinten zwei schräggestellte Kreuze zwischen zwei umlaufenden Querstreifen, ebenso ein reflektierendes Dreieck seitlich auf jeder Schulter. Nicht aufgenähte Embleme aus Plastik, alles ist im Elaststoff eingefärbt, wie eine kurze Dehnprobe ergab. Höflichkeitshalber bedankte sich Judy bei Tabritisca, in so einem Fummel konnte sie in keinem Fitnessstudio oder Schwimmbad auftauchen. Dass der Body schon im nächsten Herbst unverzichtbarer Teil ihres Joggingoutfits werden würde, lag jenseits von Judys Vorstellung.


    "Woher wusstest Du, dass ich gerne Caprihosen und Spaghettiträger habe?" wollte Solina von Tabritisca wissen. "Weil Du es anhast?" kam die Gegenfrage. "Nein, ich meine, Du hättest mir ja auch etwas langärmliges einpacken können." "Ich habe lediglich zwei Vorlagen in deine Hose gegeben, was daraus werden soll, hast Du oder Dein Feld gesteuert." "Wie ist das bei Euch, tragt ihr Unterwäsche oder nicht, und was unterscheidet eure Unterwäsche von Überkleidern?" Tabritisca zögerte mit einer Antwort. Schon ihr Übersetzer war an Grenzen gestossen, eine erneute Rückfrage wollte sie vermeiden. "Es macht bei uns keinen Unterschied, was man über was anzieht, jedenfalls nicht bei unserem Standardstoff, den ihr Lycra nennt. Wobei die Garne bei uns und bei euch nicht identisch sind, im Aussehen gibt es aber wenig Unterschiede." "Ist mein Stoff von hier oder von Dir?" "Dein Stoff ist von mir, weil Solina Trost braucht und ihn in ihrer Welt noch nicht gefunden hat." Mit Kleidung Trost zu spenden kam Solina zwar erst seltsam vor, nebst dass er wohl viel zu schwach sein würde, doch Judy war der Idee nicht einmal so abgeneigt: Schöne Kleidung konnte das Selbstwertgefühl einer Frau durchaus heben.


    Walter mahnte Solina zum Aufbruch Richtung Bahnhof. Er hatte - nach Anfangsschwierigkeiten - ein langes Fachgespräch mit Tabritisca zugebracht, eines, dass er sich gerne mit jemandem von hier, insbesondere seinen Vorgesetzten, die sich, gemessen an Tabritisca, auch nur dürftig um ihn gekümmert hatten, gewünscht hätte. Aber die Mittel einer kleinen Regionalbahngesellschaft sind eben beschränkt. Persönlicher Einsatz wäre es weniger, so bestand Tabritisca felsenfest darauf, ihn bei seiner ersten Fahrt nach der Erholungspause zu begleiten, wie sie es von ihrer Heimat nicht anders kannte. Weiter sah Walter ein, dass er Tabritisca wohl auch nicht daran hindern könne, jederzeit aus dem Nichts im Führerstand zu erscheinen.


    Dass Walter Solina von der Gruppe wegführen soll, war mit Tabritisca abgesprochen - Solina sollte das, was Walter jetzt wusste, nicht mitbekommen, sie schien beiden schon verängstigt genug. "Migrüschta ben" war Tabritiscas Abschiedsgruss an Solina zur obligaten Umarmung. Dabei fiel Tabritisca auf, dass Solinas Hosenboden nass und dreckig war. Sauber sollte sie sich schon präsentieren können, also zog sie Solina die dreckige Caprileggings irgendwie vom Leib, dennoch hatte sie immer noch eine gleiche an. Ausser dass sie sich hintenherum trockener fühlte, merkte Solina erst nichts, nur an den staunenden Gesichtern ringsherum schloss sie, dass Tabritisca wieder eines ihrer Physikexperimente vorgeführt hatte. Erst als sie ihre beschmutzte Caprileggings in Tabritiscas Hand sah, erschrak sie ein wenig, doch nach dem Kontrollblick, dass sie nicht nackt war, war die Welt für Solina sofort wieder in Ordnung. Sie bekam die Caprileggings zum Waschen ebenfalls mit. "Wenn ich Zeit und Energie finde, solange ich Dich noch orten kann, gibts für Dich eine richtige Kleiderparty!" Solina packte die Caprileggings und ihr Telefon mit Durchzug ein, verabschiedete sich von den übrigen. Kleiderparty mit Tabritisca - schon die Vorstellung vertrieb viele schlechte Gedanken. Walter sprach sich kurz mit seinen drei Kollegen ab, verabschiedete sich ebenfalls, dann machte er sich mit Solina auf den Weg zum Bahnhof.


    Unterwegs entschuldigte sich Walter noch bei Solina für grad einige Gelegenheiten, bei denen er sich wohl falsch verhalten hatte, vor allem wusste er jetzt selbst, was ein Miniaturstern ist, und er war sich sicher, in Sachen Drogen völlig abstinent zu sein. Am Bahnhof löste er seine Wettschulden ein, Solinas Münzsammlung hätte nur für ein Billet gereicht, mit dem sie drei Haltestellen vorher hätte aussteigen und einen mindestens zweistündigen Barfussmarsch unternehmen müssen. Der 11:42 war schon länger abgefahren, routinemässig prüfte Walter seine Armbanduhr, sie ging mehr als eine Stunde vor. Obschon hungrig, wartete Walter bei Solina bis zur Einfahrt des nächsten Zugs. Dank Solinas Vorführungen zum ungewöhnlichen Gebrauch von Münzen wurde dies ein kurzweiliges Vergnügen an der wärmenden Sonne. Auf Solinas Vorschlag hin schien es selbst Walter, Tabritisca hätte das Gewitter extra bestellt, um zufällige und unnötige Zuschauer zu vertreiben.


    Der Zug kam verspätet, eine geliehene Ersatzkomposition aus fünf Wagen und zwei Lokomotiven als Sandwich, alles Rollmaterial knapp so alt wie er selbst. Walter und Solina waren weit vorne am Perron, er wollte dem Getümmel am Kopfende aus dem Weg gehen, so stieg Solina bald in den ersten Wagen ein. "Gherst jetz aa zu den Spanndexlern?" Sein junger Kollege, Heimwehmünchner durch und durch, hatte ihn erkannt. "Dü no nedd?" scherzte Walter zurück, denn unter den Lokführern war Walters "Schicksal" bestens bekannt. So kamen die Berufskollegen ins Gespräch, Walter gab seinem "Lehrling" im Führerstand noch einige Ratschläge, wie mit diesen alten Stufenschaltermaschinen, die er früher selbst oft gefahren ist, umgegangen werden müsse, damit er den Fahrplan wenigstens halbwegs einhalten könne. Die Beschleunigungswerte moderner Triebfahrzeuge konnte die alte Lokomotive sowieso nie erreichen, noch hatte sie eine Rekuperationsbremse zur Verzögerung.


    Mit einem letzten Winken aus dem anfahrenden Zug verabschiedete sich Solina in eine ungewisse Zukunft. Walter machte sich auf den Weg zurück ins Hotel. Er hatte am Rand von Solinas Problemen mitbekommen - Probleme, die in seiner geradezu technikfreien Jugend unbekannt waren. Sicher, für alle problemlos war das Leben auch damals nicht, aber nein, so wollte er heute nicht nochmal jung sein.

  • Unglaublich ausführlich und deshalb auch so gut. Das Kapitel bietet so viele verschiedene Möglichkeiten, dass man gar nicht in Gänze darauf eingehen kann.


    Den Lycrafans wird jedoch bestimmt eines im Gedächtnis hängen bleiben:

    Kleidung, die sich nach bewussten oder auch unbewussten Wünschen des Trägers formt. Wer hätte sowas nicht gern.


    Mal sehen, ob ich in nächster Zeit mal dazu komme wieder ein Kapitel mit den drei Freunden zentral zu schreiben.

  • Die Zugfahrt Kapitel 27 von ValCurasca


    "Ai, wie ist es Euch dreien beim Anschlag so ergangen?" durchbrach Tabritisca das Schweigen der Runde, als Walter und Solina sich ausser Hörweite befanden. Jens, Dennis und Damian schwiegen; teils wussten sie alle nicht genau, was Tabritisca meinte, zum anderen machte Schnüffler Ryan keine Anstalten, sie alleine zu lassen, im Gegenteil, beim Wort "Anschlag" wurde er von berufs wegen noch hellhöriger. Und Tabritisca fing gelegentlich an zu zweifeln, ob ihr Übersetzer auf die richtige Sprache eingestellt sei. Doch vorhin haben die doch auch reagiert - was ist jetzt nur los? "Sprecht ihr nicht - Dudendeutsch?" "So etwas ähnliches - aber nur, wenn uns keine Schnüffler zuhören." Jens wandte seinen Blick zu Ryan, doch der blieb stehen, als sei er einbetoniert, selbst als Judy an ihm zog. "Ich habe Euch doch gesagt, ich bin vom Fall abgezogen worden", meinter er sich herausreden zu können. "Sie jagen auch die Strauchfaserbande?" Tabritisca nahm Kell Ryans Hand, drang kurz in sie ein, was Kell als elektrisierendes Kitzeln wahrnahm. Kein Likratorfeld, wie vermutet. "Wie denn?" Sie wurde ungehalten. "Kommt, setzt Euch. Um schmutzige Kleider müsst Ihr Euch keine Sorgen machen."


    Tabritiscas Zutraulichkeit fand in drei Personen innerlich keinen Zuspruch, doch wenigstens Jens hatte mittlerweile das Gefühl, dass Tabritisca keineswegs nur das gute und liebe Lycrapüppchen vom Hotel ist, sondern durchaus ihre Krallen wetzen und damit blutig oder je nach Umständen elektrisch kratzen konnte. Wusste Sie überhaupt, was Angst ist?


    Auch nach dem Absitzen schaute Tabritisca zu Ermittler Ryan, ultimativ eine Antwort fordernd. Die Rolle des Ausgefragten war Kell gar nicht gewohnt, und er wäre wohl noch nervöser geworden, hätte nicht Tabritiscas üppige Haarpracht die äussere Hälfte ihres stechenden Blicks abgedämpft. "Ich glaube, so eilig wie sie es haben, lösen sie den Fall doch bitte einfach auf, als dass ich ihnen erst meine tausend Puzzleteile zum Zusammenkitten einzeln erzählen muss. Kurz gesagt, ich konnte den Fall nicht lösen. Reden wir überhaupt vom selben, dem Zugunglück vom Donnerstag?" "Ja, das meine ich, und Du hast nicht gemerkt, dass das ein Anschlag war? Schmidt hat Dir doch vom Güterzug erzählt! Ist das üblich auf eurem Planeten, dass man sich nicht glauben kann?" "Ja, hat er, aber da war ja kein Güterzug! Sein Gehirn ist wohl einer Täuschung erlegen, mit ihm Glauben oder nicht hat das nichts zu tun!" "Und warum glaubst Du dann anderen, die sagen, dort war kein Güterzug? War ausser Schmidt, mir und den dreien noch jemand da, der das bezeugen kann?" Ryan musste sich zur Beherrschung zwingen. "Als die Unfallstelle gesichert wurde, war da weit und breit kein Güterzug." "Und als der Anschlag ausgeführt wurde?" "Liebe afroamerikanische Madam, wie soll ein Güterzug irgendwoher auftauchen, einen Anschlag verüben und dann spurlos wieder verschwinden?" "Makroskopisches Tunneln", kam als selbstverständliche Antwort. Ryan fühlte sich nur noch verarscht: "Komm Judy, ich hab Hunger." Doch nun machte diese keine Anstalten, ihren Hintern in die Höhe zu heben. "Jetzt, wo es interessant wird?" Kell gab sich geschlagen, setzte sich wieder. "Erzählen sie Ihre Story - ich sage nichts mehr ohne Anwalt!"


    Während Dennis' und Damians Gehirnleistung eher vom Muster von Tabritiscas Hotpants oder anderen anatomischen Details ihres Körpers beansprucht wurde, erwachte in Jens erneut das Interesse an den Vorgängen jenes Abends. Er hätte Tabritisca gerne einige Fragen gestellt, war sich aber nicht sicher, ob sie mit ihm genauso herablassend verfahren würde. Den Fehler, Tabritisca zu unterschätzen, wollte er keinesfalls begehen. Nur, was sie erzählte, brauchte in der Realität mehr als eine zünftige Portion Phantasie. In Science-Fiction-Romanen ist das ja kein Problem...

    Jens fasste sich doch ein Herz. "Bist Du ausserirdisch?" "Ja, ist das ein Problem hier?" "Sagen wir, es ist aussergewöhnlich, schwer vorstellbar und nicht allgemein anerkannt, dass es sowas wie Dich überhaupt gibt. Bitte reg Dich jetzt nicht wieder auf - bei uns dreien bist Du willkommen, ob Deine Geschichte stimmt oder nicht. Für uns zählt eh nur Dein Kleidergeschenk." Tabritisca dachte einen Moment nach, ging auch die Begegnung mit Solina nochmals durch. Viele ihr geläufige Dinge schienen hier unerklärlich oder technisch unmöglich zu sein. Dass der Ordnungshüter da sich nur auf ihm wohlvertraute Technik stützt, konnte sie ihm nicht anlasten, eventuell war er sogar beweispflichtig. Ohne Likratorfeld war er dennoch schlicht zum Scheitern verurteilt. Und: Wieviele Kontakte zu Wesen von anderen Welten hat es zu ihrer Lebzeit, wenn überhaupt, auf ihrem Planeten gegeben?


    Nach einer Weile ergriff Jens erneut das Wort: "Wegen dem Unfall - wir haben den unbeschadet überlebt. Ausser dass es zwei Sekunden stockdunkel war und ein bisschen geschüttelt hat, haben wir davon nicht einmal etwas bemerkt. Wieso ist Dir das so wichtig, wenn man fragen darf?" "Weil ich weiss ich nicht mehr wie lange gebraucht habe, um die Wagen abzukuppeln und Euch vor der Strauchfaserbande in eine Teilparallelwelt zu retten. Unter Umständen wäre der Vorgang in Eurer Eigenzeit sogar noch länger gegangen als in meiner. Und nach einer gewissen Anzahl Sekunden Dunkelheit bekommt man sicher Angst. Ai, ich bin froh, hattet ihr das nicht." Weder Jens noch die anderen konnten sich von dem, was Tabritisca erzählte, eine Vorstellung machen. Und während einer auf Durchzugsohren stellte und es die übrigen nicht weiter interessierte, wagte Jens nicht, weiter nach Details zu bohren, aus Angst, Tabritisca erneut zu verdriessen. Nur zwei Sachen liessen ihn nicht los: "Wer ist diese Strauchfaserbande, und warum hast Du nicht den ganzen Zug vor ihr gerettet?"


    "Ihr wisst, was Strauchfasern sind? Schmidt meinte, auf dem Planeten hier gäbe es sowas ähnliches, Bäume, auf denen Ziegenfell oder was das auch immer sein soll wachse, woraus man sogar Gewebe mache?" Damians Aufmerksamkeit kam zurück: Wem 100% Cotton nichts sagt, muss wirklich aus einer besseren Welt kommen. Im übrigen überliess man es Judy, Tabritisca die Details dieses doch wirklich überflüssigen Dings zu erklären. Makroskopisches Tunneln schien Tabritisca einfacher verständlich zu sein. Erst recht machte Tabritisca grosse Augen, als Judy ihr erklärte, dass Kleidung aus dieser Strauchfaser auf diesem Planeten alltäglich sei. "Ihr lauft freiwillig in kratzigen Reinigungsfasern herum? Judy, Du bist eine Frau, kein Putzlumpen! Und auch kein Lebensmittelsack! Aber Du hast schon noch mehr anschmiegsame Sachen zum Anziehen, oder brauchst Du noch etwas?" "Meine Kleider kann ich mir schon selbst besorgen." Judy war auch eher der Meinung, Tabritisca wäre irgendwie mit dem Hotel in Verbindung zu bringen. "Und ich muss nicht getröstet werden." "Warum nicht? Haben Frauen hier keine Freude an schöner Kleidung?" "Selbstverständlich haben wir das. Aber finden Sie es normal, Kleidung ohne zu wissen woher mitten im Wald von einer fremden Person aufgedrückt zu bekommen und sie auch noch ungewaschen anzuziehen?"


    "Tabritisca, wie ist das denn bei Dir daheim mit dem Gewand?" fiel Jens ins Gespräch, denn er vermutete richtig, dass Judys abweisende Haltung bei der in Sachen Kleidung doch sehr freigiebigen Tabritisca gar nicht gut ankam. "Nicht viel anders als bei Euch hier, ausser dass bei uns alle mehr oder weniger stark mit dem Likratorfeld interagieren und sich daraus mehr oder weniger Kleidung generieren können - besonders auch zum Verschenken, etwa wenn man gelobt wird, wenn jemand ein Muster schön findet und es auch haben möchte." "Und wenn das Geschenk nicht gefällt?" wollte Judy wissen. "Dann löst man das Kleidungsstück einfach wieder auf und fragt, worauf die Beschenkte mehr Lust hat." Tabritisca fiel auf, dass Judy den Warnbody auf einmal fester in den Händen hielt. "Auflösen kann man auch festgehaltene Gegenstände." "Bitte nicht!" meldete sich Damian plötzlich. "Angezogene in der Regel nur mit Zustimmung der Trägerin", versuchte Tabritisca ihn zu beruhigen. "In der Regel?" "Bei Euch ist diese Ausnahme nicht möglich, ihr könnt also beruhigt sein." "Und wie ist das mit den Mustern, vor allem, dass die sich auf dem Stoff bewegen können?" brachte sich nun auch Dennis in das Gespräch ein. "Übrigens gefällt mir Dein Muster auch, hoffe, Du kannst entschuldigen, dass ich es nicht trage, aber es war ja dringend. Und es gibt scheins schon wieder ein neues? Gibt es dafür ein Vorbild?"


    Schon länger war allen Tabritiscas grünliche Hotpants aufgefallen, mit einem Glanz, der von einer Art Beschichtung herrühren konnte, in unregelmässige Felder unterteilt, die Feldgrenzen mit dem dezenten dünnen silbernen Strich gezogen. Darüber trug sie den Langarmbody im bekannten Muster, den sie sich selbst und auch Solina zum Wärmen gegönnt hat, nur weniger schillernd als letztesmal, aber wieder mit Silberstreifen. "Den Effekt mit den springenden Mustern muss ich selbst über das Likratorfeld steuern, das geht intuitiv, mache ich im Moment aber nicht, ich will meine Energie schonen. Das Muster meiner Hotpants ist der Dünnschliff einer kristallinen Gesteinsprobe unter einem starken Lichtmikroskop auf grüner Basis. Unter dem Body habe ich noch einen Bustier mit demselben Muster auf weisser Basis an, wielleicht habt ihr zwei ihn im Hallenbad kurz gesehen. Auch hier könnte man Brechungs- und Polarisationseffekte auf der Nanobeschichtung zuschalten. Die Silberstreifen sind ein Ehrenabzeichen, deshalb fehlen die auf all Euren Kleidern, genau wie Ihr die Effekte nicht einschalten könnt. Euch dürften die Kleider aber auch so als Erinnerung gefallen?" "Sicher!" kam aus voller Überzeugung von Damian. "Und wohl nicht nur mir." Damians insgeheime Hoffnung, Tabritisca würde ihm den bereits eingetretenen Verlust nochmals ersetzen, erfüllte sich nicht.


    "Entschuldige, wenn ich nochmals nachhake, was ist das für eine Bande, vor der Du uns, aber nicht die anderen Zugpassagiere retten musstest? Haben die es speziell auf Lycraträger abgesehen?" Jens war immer noch nicht klar, warum sich Tabritisca angeblich soviel Mühe gemacht hat, den Zug auseinanderzunehmen. "Die Bande, das sind irgendwelche Boshaftigkeiten, die glauben, Menschen, die Ihre Kleidung aus der Strauchfaser tragen, seien besser oder vertrauenswürdiger oder angesehener, und sie haben es tatsächlich auf Personen, die sich ihren Bekleidungsvorstellungen, die Sie Moral nennen, nicht unterwerfen, abgesehen. Zuerst einige Male auf unserem Planeten, jetzt bei Euch, weil wir Sie bei uns gestellt und verjagt und sogar verfoglgt haben. Ich weiss nicht, ob Eure Raumzeit ein Ziel oder nur eine missratene Flucht war. Ich weiss nur, dass sie Zeugen im Führerstand gar nicht mögen - deshalb verfolgen und vernichten wir sie nach Möglichkeit, bevor sie jemanden von uns getötet haben. Sie tunneln Güterzüge vor fahrende Züge auf die Gleise, um tödliche Unfälle zu provozieren und nehmen den Güterzug anschliessend wieder mit, solange, bis sich alle moralisch anziehen. Sie haben bei Ihren Anschlägen auch Gewebeproben hinterlassen - dieses Strauchfaserzeugs ähnelt hydrophilen, chemisch behandelten Spezialreinigungstüchern aus Sägereiabfällen, hautunfreundlich bis zum geht nicht mehr. Aber es soll angeblich biologisch sein. Und ihr tragt das wirklich freiwillig? Oder nur auf Druck? Oder habe ich wenigstens geistig verbündete Widerstandskämpfer gefunden?"


    Vor allem drei der Zuhörer waren erst erstaunt, dann sehr nachdenklich, wie sie Aspekte ihrer Welt - abgesehen von einer organisierten kriminellen Vereinigung - wiedererkannten. "Dann ist Walter in Gefahr?" wollte Jens wissen. "Schmidt", verbesserte ihn Dennis. "Um Schmidt kümmern sich ich und unsere Jägerinnen, ohne extrem starkes Likratorfeld könnt ihr sowieso nicht helfen. Und den Bandenmitgliedern wärt ihr völlig unterlegen, also kommt ihm besser nicht nahe." "Ich habe ihn in meinem Zimmer aufgenommen, hältst Du dort dann Wache?" Damian hatte da so seine Hintergedanken. "Ich meine, seid besser nicht als Passagiere mit im Zug, wenn er fährt. Ausser mit ihren Güterzügen gehen sie nicht auf Zerstörungstour, eine Person allein zu treffen, ist nicht interessant, zumal sie Euch gar nicht orten können, wenn überhaupt kennen. Nein, da ertrinkt ihr weit eher beim Baden im Fluss - es sei denn, die Bande kommt von hier aus Eurer Zeit, dass so viele Putzlumpen tragen?"


    Jens dachte nach: "Nein, dazu haben wir die technischen Kenntnisse nicht. Und dass soviele Menschen Baumwolle tragen - tja, ist halt Tradition in der Gesellschaft, Baumwollstauden wachsen bei uns natürlich, Lycra gibt es in unserer Welt erst seit etwa 50 Jahren, da sind viele noch nicht auf den Geschmack gekommen. Die Ansicht, Menschen in Lycra seien weniger vertrauenswürdig, gibts aber tatsächlich - daneben aber auch Orte wie das Hotel, wo Lycraträger wie wir unsere Freiheit in unserem Lieblingsstoff geniessen können. Ausserhalb des Hotels kommen wir aber manchen wie ausserirdische vor."


    "Wieviele Sekunden sind 50 eurer Jahre?" wollte Tabritisca wissen, erntete aber nur ein Lachen. Während sich einige dann doch im Kopfrechnen übten, meinte Judy "etwa zwei Generationen", was Tabritisca als Angabe genügte. in der Zeit können sich Traditionen sehr wohl halten - also hatte sie im Rausch ihres Kampfmodus die Passagiere im hinteren Zugteil doch falsch eingeschätzt: Das waren keine Anhänger oder Agenten der Bande! - und somit ebenfalls Opfer. Nai, nai, nai! Wie Walter sie schon kritisierte, nur war ihr bisher nicht so klar, warum: Soviel Mühe für ein falsches Ergebnis! Sie durchwühlte ihre Frisur, schrie, versuchte sich sogar, ein viel zu grosses Bündel Haare auszuzehren, wurde aber von Damian, der links neben ihr sass, unsanft daran gehindert. Tabritisca verfiel in eine Starre. Damian aber wurde auf einmal bewusst: Er hatte Tabritiscas Lycra berührt! Es fühlte sich halb, aber wirklich nur halb, plastifiziert an, wohl die Nanobeschichtung, er löste etwas Stoff von ihrem Arm, prüfte es zwischen Daumen und Zeigefinger, liess es wie gelähmt los - er kannte ein solches Gefühl von der Steckdose. Willentlich bewegen konnte er den rechten Arm für die nächste Weile nicht mehr. Tabritisca suchte nun Judys Nähe, beide umgab kurz ein Flimmern, in dem die wenigen grossen Tropfen zu Nebel zerstieben. Doch weg schienen die beiden nicht gewesen zu sein. Tabritisca weinte.


    "Wie geht es denen, die ich in den Anschlag habe fahren lassen?" wollte Tabritisca nach einer Weile wissen. "Kennt Ihr sie, wo sind sie, konntet Ihr sie flicken, muss ich Spezialisten holen?" "Wir wissen es nicht genau - die Meldungen in den Medien sind widersprüchlich. Persönlich kennen wir niemanden. Und es gibt sicher Leute, die sich um sie kümmern und sie medizinisch versorgen." Jens Worte konnten Tabritisca nicht wirklich befriedigen. Sie stellte sich vor, Solina wäre in diesem späteren Zug gesessen - Solina, um die sich niemand kümmert, hätte man halbtot liegenlassen, vielleicht die anderen auch, so wie man sich hier umeinander kümmert. Aber sie konnte sich kein zweitesmal in die Zeit des Anschlags tunneln. Dieses Versagen blieb an ihr hängen. Die unverdienten Silberstreifen auf ihren Klamotten ebenfalls. Sie löste sich von Judy, ein Flimmern umgab sie - weg.


    "Der arme Gutmensch", meldete sich Dennis, "wie sie wohl darüber wegkommt?" Und nun meinte Ryan, Tabritiscas Handeln mit militärischen und soldatischen Überlegungen rechtfertigen zu können. "Wenn Tabritisca deine Ansichten gehört hätte, ich glaube, sie hätte Dich mit einem Blitz geröstet", wies ihn Damian zurecht. Ryan blieb bei seiner Ansicht, behielt sie aber fortan für sich. Als Tabritisca auch nach einer Weile nicht zurückkam, machten sie sich auf den Weg. Judy nahm den Schirm, den Tabritisca zurückgelassen hat, Ryan sammelte die zurückgelassenen technischen Geräte ein.


    Auf dem Weg zurück zum Hotel gab es wenig zu bereden: Walter sollte einfach nicht darauf angesprochen werden, dass er im Visier von Verbrechern stand, falls Tabritisca ihm das verschwiegen hätte, und was für einen Sonntagsbraten es wohl zu geniessen gäbe. Sonst zog es jeder vor, die Eindrücke dieser Begegnung für sich zu verarbeiten.


    Ohne jemandem begegnet zu sein, erreichte die Gruppe das Hotel, durchschritt das schmiedeiserne Tor, und wurde bereits erwartet: Auf einem der Steine sonnte sich bereits Tabritisca, die wenigen weiteren Hotelgäste in der Aussenanlage schienen sie nicht einmal besonders zu beachten, auch wenn ihr auffällig silbrig-heller Bustier auf der dunklen Haut und ihre grünglitzernden Hotpants die Aufmerksamkeit jedes Lycrafans auf Sicher haben müssten. "Entschuldigt mein Wegtunneln, das war nicht freundlich, bitte sorgt für die, die ich ... ihr wisst, wen ich meine?" "Um die kümmert sich schon jemand, da bin ich mir sicher. Abgesehen davon wissen wir gar nicht, wer und wo die Leute sind. Mach Dir nicht zuviele Gedanken über unsere Welt, sonst gehst Du noch kaputt, das rentiert nicht." Jens nahm Tabritisca in die Arme, was diese zu Damians Erstaunen sogar zuliess. "Walter Schmidt und seine Passagiere sind jetzt wichtiger, wenn sie wirklich gefährdet sind." "Gut, ich hoffe mal, dass das mit dem Kümmern stimmt." Sie wandte sich Damian zu, griff unten an seine Radlerhose, prüfte nun ebenfalls das Material, zog daran - eine Leggings mit bekanntem Muster konnte Damian überreicht werden. "Schmidt hat mir erzählt, die sei Dir abhanden gekommen - aber pass jetzt besser auf. Ich werde Euch nichts mehr ersetzen können, geht nicht davon aus, dass ich Euch nochmals in eurer Zeit besuche." Es gab eine letzte Umarmung für Jens, Dennis und Damian. "Deine Schirme", wurde sie von ihm erinnert. Tabritisca sammelte die Schirme ein, dann machte sie sich auf den Weg in Richtung Lichtung, vor den Hotelgästen wollte sie ihr Tunnelkunststück nicht vorführen. Ihr Hüpfgang fand auch nur bei denen, die sie kannten, Beachtung. Konnte es sein, dass sie für die anderen Gäste unsichtbar war?


    Im Vorbeigehen deponierte Rayn seinen Fang und Judys Warnbody in einem Garderobenkasten, Damian zog sich seine Tabritisca-Leggings über. Tabritisca... nicht irgendeine der flüchtigen Hotelbekanntschaften, aber Wiedersehen garantiert ausgeschlossen! Auch kein Wiedersehen gab es mit der ursprünglichen Leggings. Aber wer immer diese jetzt hat - er wird es kaum lassen können, diese irgendwann präsentieren zu wollen. Und sofern das Hotel das Muster nicht hat nachdrucken lassen, würden dem Dieb keine Ausreden bleiben.


    Bald ein Uhr, trotzdem war der Speisesaal noch voll, viele Gäste tranken noch einen Kaffee nach dem Essen, selbst drei freie Plätze an einem Tisch waren rar. Doch, dort an der Wand, ein grosser Tisch mit vielen freien Plätzen, nur zwei Personen sassen dort - nein, der metallicblaue Zentai war für alle zur Warnfarbe mutiert. Auch Kells Lieblingspizzeria war bis auf den letzten Stuhl belegt, so ging es erneut zurück zum Speisesaal, der jetzt schon ein grösseres Angebot an Plätzen bot und auch frei von metallicblauen Zentais war. Gab es noch etwas zu schöpfen? "Ja, das Hotel ist überbelegt, wir haben bis halb zwei verlängert", erklärte eine rassige südländisch aussehende Bedienung im rotorangen Ringertrikot mit aufgenähter Kochmütze der nachwievor ungetrennten Fünfergruppe. "Was hättet ihr gerne?"

  • ValCurasca


    Ich habe mit grossem Interesse Kapitel 27 gelesen und bin schwer beeindruckt.


    Tabritisca ist eine Figur, die mich im Geheimen fasziniert, die ich irgendwie bewundere,

    Sie und ihre Rolle als intergalaktische Ermittlerin,

    die Verständnisschwierigkeiten zwischen ihr und den Erdenbewohnern.

    Und sie zeigt Gefühle, als sie merkt, dass ihr Rettungsplan von einst teilweise fehlgeschlagen ist.


    Tabritisca ist mein heimlicher Star in der "Zugfahrt".


    Danke für die Aufklärung, Hintergründe aus dem mysteriösen Vorfall aus Kapitel 1, nun wird einiges klarer.


    Daumen hoch!

  • Eigentlich kann ich Desi´s Kommentar nicht viel hinzufügen.

    Außer, dass deine Storyline immer mehr Tiefe bekommt und man merkt wie viel Hintergrund dabei im Spiel ist.


    "Ihr lauft freiwillig in kratzigen Reinigungsfasern herum? Judy, Du bist eine Frau, kein Putzlumpen! Und auch kein Lebensmittelsack!"

    Treffender kann man es eigentlich nicht ausdrücken, wenn man selbst hochwertige Baumwolle mit Lycra vergleicht.

  • Schön, dass einige Leser mit Tabritisca in eine tiefe Gedankenwelt abtauchen können. Und dass Desi mich nicht dazu auffordert, meine "Lösung" umzuschreiben - sie ist ja doch ziemlich brutal.


    Aber nun geht es zurück in den Hotelalltag mit viel Lycra und neuen Unternehmungen, die vielen Lesern wahrscheinlich näher stehen. Für mich ist der Strang um Tabritisca im Hotel soweit abgeschlossen.