Die Zugfahrt

  • PLATSCH! machte es und ein in mehrere Schichten Lycra gehüllter Oberkörper lag mit dem Kopf voran bis zur Taille unter Wasser. Als er wieder aus dem Steintrog auftauchte um nach Luft zu schnappen, applaudierten viele der anwesenden Lycraträger. So auch Dennis und Damian.


    "Jungs, nehmt´s mir nicht übel, aber beim Klettern passe ich. Ich werd´ mich jetzt erst mal in der Sonne trocknen und dann was kühles trinken. Wir können uns ja später wieder hier treffen." Sprach´s und zog triefend von Dannen.

    Wenn man derart überhitzt ist, ist ein gekühltes Getränk keine gute Idee, noch weniger kopfvoran ins kalte Bergbachwasser zu tauchen, schlimmstenfalls kommt es zu einer Schockreaktion mit Ertrinken. Ins kalte Wasser sollte man immer fussvoran steigen, nur schon die Schuhe auszuziehen kann den Hitzestau lösen, reguliert der Körper seine Temperatur doch hauptsächlich über die Füsse.


    Sonst bin ich mal über die weitere Umsetzung gespannt.

  • Desi

    Du beweist umfangreiche musikalische Bildung und hast die Andeutungen richtig erkannt.

    Stimmt, das Kapitel war nicht ganz so lang, aber dafür gibt es drei und das nächste ist etwas länger.


    ValCurasca

    Natürlich hast du vollkommen Recht, aber ein platschendes Eintauchen lässt sich viel effektvoller beschreiben. Zudem ist die Erste Reaktion selten die Richtige. Wer möchte schon den ersten Durst mit lauwarmem Tee stillen, auch wenn es korrekter wäre?

    Und weil das Eintauchen so effektvoll ist, kommt es in der Folge sogar noch mal vor.

  • Eigentlich hätte mein Beitrag mit diesem Kapitel enden sollen (lycwolf-typisch),

    aber keine Angst, es folgt noch ein weiteres.




    Die Zugfahrt Kapitel 30 by lycwolf




    Sie schlenderten zur Hütte, wo die Ausrüstung ausgegeben wurde. Es war eine verkleinerte Version des Kleidermagazins des Hotels. Neben den bekannten Lycravariationen, gab es hier hauptsächlich Schutzausrüstung. Helme, Gurtzeug und Seile. Und natürlich die speziellen Kletterschuhe mit denen man am nackten Fels Halt finden konnte. Fast wie Tanzschläppchen. Genauso anschmiegsam, aber mit einer Sohle aus relativ weichem, griffigen Gummi. Fast wie die Slick-Reifen, welche Rennfahrzeugen extremen Halt in schnellen Kurven verschafften.


    "Ich empfehle euch neben einem Helm auch Knie- und Ellbogenschützer", meinte die adrett in einen feuerroten Zentai mit Gesichtsöffnung gekleidete Mitarbeiterin an der Ausgabestelle. Die kurze dunkle Schürze, die sie zur Aufbewahrung von Zetteln, Stiften und sonstigen Necessarien benutzte, wirkte regelrecht sexy und unterstützte ihre kurvige Erscheinung.


    "Schade dass Jens nicht mitmachen will", sagte Damian leise während sie mit ihrer Ausrüstung hinaus und Richtung Anfängerfelsen gingen. "Die an der Ausgabe wäre doch genau sein Typ."


    "Aber dann käme er auch nicht zum Klettern, sondern würde ihr den Rest des Tages nicht mehr von der Seite weichen." Dennis musste über seinen eigenen Spruch lachen und steckte damit auch Damian an. So erreichten sie bestgelaunt ihr Ziel, wo auch einige andere Hotelgäste ihre alpinen Fähigkeiten austesteten.


    Das Übungsareal am Rande der riesigen Wand aus Stein war in drei Teile gegliedert. Links, bereits in die hohe Felswand übergehend, befand sich der anspruchsvolle Teil. Hier führten die mit Seilen und Haken gesicherten Routen bereits ganz schön in die Höhe. In der Mitte konnten Anfänger erste Höhenluft schnuppern. Jedem Kletterer war dort ein Helfer zugeteilt, der ihn über ein mehrfach umgelenktes Seilsystem jederzeit sicherte und im Fall des Abrutschens sanft herunter lassen konnte. Rechts, bereits am Waldrand befand sich das Äquivalent zum "Idiotenhügel" beim Skifahren. Der maximal drei Meter hohe Felsen war um zusätzliche, künstliche Griffstücke ergänzt, die erste Erfolgserlebnisse erleichterten. Der gesamte Boden darunter wurde von dicken, gepolsterten Turnmatten bedeckt. Auch diejenigen welche bereits sicher am rauen Stein waren, ließen sich aus purer Gaudi in die Matten plumpsen.


    "Na Jungs, was möchtet ihr gerne mal probieren?", fragte eine der Instruktorinnen.


    Sie machte einen professionellen Eindruck mit ihrer kompletten Schutzausrüstung, die auch für höchste Berge tauglich schien. Die unter ihrem Helm herausfließenden braunen Haare und die Khaki-Shorts mit dem breiten Gürtel an dem jede Menge Karabinerhaken und ähnliches hingen, erinnerten Damian an jemand bekanntes. Doch er wusste nicht an wen. Verstärkt wurde dieses unbestimmte Gefühl durch den Türkisfarbenen Turnbody, der ihre markante Oberweite in Kombination mit der schlanken Taille effektvoll in Szene setzte.


    Während Damian noch überlegte woher er sie kannte, brachte Dennis selbstbewusst hervor: "Am besten gehen wir gleich in die hohe Wand."

    Sein Kollege indes blickte ihn eher mitleidig an. Er wusste dass sein Freund sich regelmäßig übernahm, nur um attraktive Frauen zu beeindrucken.


    Sie betrachtete die beiden Lycraträger einschätzend. "Ich denke, es ist besser wenn ihr euch erst mal da drüben versucht" und wies dabei auf den "Idiotenhügel"

    "Wenn ihr dann dem Berg etwas näher gekommen seid, sehen wir weiter", meinte sie mit deutlichem Blick auf den vorlauten Dennis. Ohne Zweifel hatte sie hier das Sagen und ihr Wort war Gesetz.


    Damian kam aus dem Lachen nicht mehr heraus, während beide die Protektoren anlegten. "Na die hat dir´s mal gegeben, was? Warum machst du auch immer den Macho?"


    Dennis war seinem Freund nicht böse. Selbst er musste darüber lachen, was auch zur insgesamt guten Stimmung am Anfängerfelsen passte. Hier trafen sie auf einige Leute, die sie zumindest vom Sehen aus dem Hotel kannten. Diese teilten sich in zwei hauptsächliche Gruppierungen. Die Einen wollten nur möglichst gut in ihren mannigfaltigen Lycravariationen auf Selfies mit Felsen im Hintergrund rüberkommen. Die Anderen hatten was von einem Kegelclub, der zur Abwechslung mal nicht nach Mallorca geflogen war. Fast herrschte ein bisschen Partystimmung, nur ohne Sangria-Eimer.


    Schon nach kurzer Zeit bestätigte sich, dass die ihnen bekannt vorkommende Trainerin Recht hatte. So einfach wie es schien war das Klettern beileibe nicht. Kleinste Unebenheiten auszunutzen, ließ einiges an Haut der Fingerknöchel zurück. Selbst an den Übungsgriffen Halt zu finden war nicht immer Einfach und oft blieb nur der Fall in die Polstermatten. Was ihnen jedoch mindestens genauso viel Spaß bereitete.


    "Wenn ich doch nur wüsste woher ich dieses Mädel kenne?", fragte Damian seinen Freund nachdem beide nebeneinander nach konzentrierter Arbeit fast die höchste Spitze erreicht hatten.


    Die Angesprochene beobachtete derweil von unten ihre Fortschritte und rief ihnen zu: "Ok. schon ganz gut. Wenn ihr es nochmal bis ganz hoch schafft, dürft ihr ´rüber ans Seil."


    Na wer sagt´s denn? Geht doch!


    Einer der Assistenten von der schwierigen Station weiter drüben rief sie: "Lara, kommst du mal bitte?"


    Dennis´ Blick wurde weit und auch Damian fiel es wie Schuppen aus den Augen. Sie sahen einander an, verloren gleichzeitig vor Lachen ihren Halt und strebten der Gravitation folgend den weichen Matten entgegen.

    Braune Haare, helle Shorts, türkises Oberteil und eine Figur die ein wenig überzeichnet wirkt - und dann heißt sie auch noch Lara!


    "Ohne... ", kam Damian aus dem Kichern nicht mehr raus, "... ohne ihre... beiden Wummen hatte ich sie gar nicht gleich erkannt...."


    Auf den Rücken liegend, kriegten die beiden sich fast nicht mehr ein.


    "Ich wusste nicht, dass Lara Croft mittlerweile als Klettertrainerin arbeitet", prustete Dennis heraus, trotz allem darauf bedacht sich nicht zu laut über die Ähnlichkeit mit der Computerspiel-Figur lustig zu machen.


    "Na was glaubst du denn?", setzte Damian hinzu. "Nur vom rumballern kann sie auch nicht leben. Schließlich muss sie ja auch mal an ihre Rente denken."


    Jetzt gab es kein Halten mehr und das ausgelassene Gelächter der Beiden rief die Instruktorin wieder auf den Plan.


    "Na ihr seid ja gut drauf. Dann könnt ihr mir bestimmt mal zeigen, wie gut ihr ohne doppelten Boden zurecht kommt!"


    Ihnen war klar, dass das Anstrengung verhieß, aber Dennis sah darin eine Herausforderung die er nicht ausschlagen konnte.




    Nachdem Jens im Sonnenlicht seinen Oberkörper wieder einigermaßen getrocknet hatte, versorgte er sich mit einem Fruchtgetränk und schlenderte davon belebt über das Gelände um die Hütte herum. Fast am Ende des Areals, bereits an der nicht mehr für´s Klettern genutzten Felswand traf er auf eine ausgelassen, fröhliche Wandergruppe, die es sich im Schatten bequem gemacht hatte. Eine bereits etwas ältere Dame begrüßte ihn und winkte ihn heran. Eigentlich waren alle bereits im Pensionsalter oder zumindest kurz davor und er war sich sicher, keinen dieser Wandersleut´ zu kennen.


    "Junger Mann", fragte die Dame neugierig. "Geht´s wieder?"


    Irgendwie stand er auf dem Schlauch.


    "Als wir vorhin ankamen wurden wir Zeuge ihrer ungewöhnlichen Abkühlung. Das hat uns sehr amüsiert. Geht es ihnen jetzt wieder besser?"


    Endlich verstand er. "Ja, Danke der Nachfrage. Ich war vorhin ein bisschen abgekämpft, aber jetzt ist alles wieder in Ordnung."


    "Die Kleidung die sie da tragen trocknet bestimmt recht schnell?", führte die Wandersfrau die Unterhaltung fort und Jens wurde bewusst worauf das hinauslaufen würde. "Ich bin neugierig", wartete sie nicht auf seine Antwort, "Wie kommt es, dass hier so viele Leute in diesen "Turnsachen" herumlaufen?"


    Damit begann eine längere Erklärung über das Hotel, welches ausschließlich Gäste mit speziellen Kleidungsvorlieben beherbergte.

    Die Gruppe hörte gespannt zu und schien nur wenig Vorurteile zu haben. Zumindest keine die offen geäußert wurden. Eher machte es den Anschein, dass einige seinem Bericht sogar gesteigertes Interesse entgegen brachten.

    Es stellte sich heraus, dass die Wanderer von weiter Weg stammten und einem benachbarten Tal untergebracht waren. Von dort hatten sie den Aufstieg hierher über normal markierte Wanderwege gemacht, da diese Hütte ebenso "regulären" Gästen offen stand. Jens hoffte dass die älteren Leute keinen Kulturschock bekamen, aber sie schienen gut mit der alternativen Kleidungs- und Lebensweise der meisten Anwesenden hier zurecht zu kommen. Wobei sie ja auch bei weitem nicht die Einzigen "Nicht-Lycraträger" waren. Die Unterhaltung verlief ausgesprochen Kurzweilig und er musste sich nach einiger Zeit direkt loseisen um mal nach seinen Kumpels zu schauen.




    Diese hingen gerade angeseilt in halber Höhe unter einem Überhang fest. Doch selbst die Mitklettererin mit den kurzen roten Haaren, die ihnen schon einige Male Tipps geben konnte, wusste nicht weiter. Sie hatte sich selbst in eine missliche Situation buchstäblich verstiegen. Zwar hatte sie nicht den gleichen Felsvorsprung wie die beiden Freunde vor sich, doch musste sie sich mit einem anderen Problem auseinander setzen. Nämlich einem spiegelglatten Wandabschnitt, so weit ihre Arme reichen konnten.


    Lara, die Instruktorin, sah es von unten und rief hinauf: "Da kommst du nicht mehr weiter. Dir bleibt nur der Rückweg. Versuch in Richtung der beiden Clowns an dem Überhang vorbei zu kommen."


    "Statt uns Clowns zu nennen, könntest du uns lieber auch mal einen Rat geben", beschwerte sich Dennis und fühlte wie ihm immer mehr die Kraft aus Fingern und Zehen wich. Sein Freund anderthalb Meter weiter war kaum besser dran.


    "Natürlich habe ich einen Rat für euch", antwortete sie schnippisch. "Lasst euch einfach fallen ..." Damit widmete sie sich wieder der Kletterkollegin, die etwa einen Meter von Dennis entfernt einen Weg nach oben ausgemacht hatte.


    Genauso gut hätte der Griff zehn Meter entfernt sein können. Dennis verfolte wie die Rothaarige Meter um Mete höher stieg. Ihn dagegen verließen die Kräfte und so beherzigte er den Rat seiner Trainerin und stieß sich von der Wand ab. Surrend bremste das Seil seinen Fall und der Helfer ließ ihn langsam zu Boden. Auch Damian folgte seinen Beispiel, weil er erkennen musste, dass auch er nicht weiter kam.


    "Na, wie läuft´s?", fragte Jens. "Sieht aus als hättest du dir mal wieder jemanden zum Freund gemacht", spielte er auf den Schlagabtausch mit der Lehrerin an.


    "Ich glaube wir machen mal eine Pause", entgegnete Dennis ausweichend und klinkte sein Gurtzeug aus dem Sicherungsseil aus.


    Damian pflichtete ihm bei und so bedankten sie sich bei ihren Sicherungshelfern und steuerten zu dritt eine Sitzgruppe im Schatten an.


    "Ist anstrengender als es von unten aussieht", erklärte Damian bevor er den Rest aus seiner Trinkflasche leerte. "Besonders bei der Hitze."


    Dennis war sogar regelrecht kleinlaut geworden. Er musste sich eingestehen, dass er nicht der Übermensch war für den er sich oft hielt wenn er den Stoff der Superhelden-Kleidung auf der Haut spürte.


    "Sagt mal, ist euch eigentlich schon aufgefallen, dass diese Trainerin aussieht wie Lara Croft?"


    Diese Feststellung von Jens führte dazu, dass seine Freunde vor Lachen fast von der Bank fielen.

    Nachdem sie sich wieder beruhigt hatten, klärten sie ihrem Kumpel über die Geschichte auf und er verstand die Komik dieser Situation.


    "Ich denke, wir lassen´s für Heute gut sein", beschloss Damian beim betrachten seiner aufgeschürften Finger und massierte seine überbeanspruchten Muskeln. "Es sei denn du hast noch Ambitionen für die große Wand."


    Doch Dennis winkte ebenso erschöpft ab. Außerdem waren sie ja im Urlaub und wollten den Nachmittag eigentlich locker ausklingen lassen und sich nicht total verausgaben.


    Just in diesem Moment strampelte eine weitere Velocipedalistin auf die Ebene der Wanderhütte. Da sie sehr nahe bei der Auffahrt saßen, konnten sie fast jede Schweißperle auf dem Gesicht der ebenfalls in das angesagte Lieblingsmaterial gehüllten Fahrerin sehen. So hatten sie vor zwei Stunden sicher auch ausgesehen - außer Jens, der deutlich mehr geschlaucht ankam. Doch auch dieser erhielt sein Pendant. Wenige Zeit später schnaufte nämlich eine weitere Radlerin, die ebenfalls Außentemperatur, Anstrengungsgrad und Kleidungsmenge fasch eingeschätzt hatte an den Freunden vorüber. Offenbar gehörten die Beiden zusammen, weil sie nebeneinander abstiegen und die Eine sich ein wenig um die Andere zu kümmern schien.


    Einem Déjà-vu gleich, beobachteten sie den Gang der letzteren zu dem steinernen Wassertrog. Alle warteten gespannt auf das was da folgen mochte. Insgeheim hofften sie, dass sie sich ebenso wie Jens ins kühlende Wasser fallen lassen würde. Ein "Wet Leotard Contest" womöglich. Doch sie steckte lediglich den Kopf bis zum Hals mehrere Sekunden hinein. Immerhin.

    So wie vorhin bei Jens applaudierten sie ihrer, bei solchen Temperaturen verständlichen Aktion. Die komplett verhüllte mit den appetitlichen Kurven nahm es mit Humor, verbeugte sich artig und machte sogar einen Hofknicks bevor die beiden zu Fuß in der Hütte verschwanden.


    "Habt ihr die eben gesehen", fragte die rotblonde Kletterkollegin die, nachdem sie ihren Aufstieg erfolgreich abgeschlossen hatte, nun ebenfalls pausierte. "Fast wie der Typ vorhin, nur dass der...."


    Jetzt erst erkannte sie Jens und wusste nicht wie sie sich aus diesem Fettnäpfchen wieder herausreden sollte. Peinliches Schweigen, dann streckte sie offensiv die Hand in seine Richtung und sagte: "Ich bin Zazie."


    "Jens"


    Während des Händeschüttelns beantwortete sie direkt die nächste Frage die ihm durch den Kopf ging. "Nein, ich stamme nicht aus Frankreich. Musste ich deinen Kumpels beim Klettern auch schon erklären. Übrigens finde ich dein Outfit Klasse, wenn auch Heute etwas zu viel, aber das hast du ja schon selbst festgestellt."


    Das ließ Jens all seiner möglichen Fragen beraubt zurück. Zum Ausgleich betrachtete er sie ganz genau während sie ihre Schutzkleidung ablegte. Bestimmt eine Schwimmerin, dachte er sich, so breit wie ihr Kreuz ist. Der metallisch glänzende, graue Badeanzug tat sein übriges ihre V-förmige Anatomie in Szene zu setzen. Auch die Kurzhaar-Frisur passte zu ihrem sportlichen Habitus. Selbst die Schweißflecke auf der Lycrahaut wirkten irgendwie anziehend.

    Dennis sah seine beiden Kollegen durchdringend an. Hatte er sich womöglich bereits Chancen bei ihr ausgerechnet?


    "Dürfen wir uns zu euch gesellen?", fragte eine helle, leicht Auswärts angehauchte Stimme. Sie gehörte der strohblonden der beiden Radlerinnen von vorhin, die nun mit ihren Erfrischungsgetränken einen Sitzplatz im Schatten suchten.


    "Aber gerne doch", bot Damian an sobald er seine Sprache wieder gefunden hatte.


    "Das ist übrigens Consuela", deutete sie auf ihre Freundin. Die mit dem Kopf unter Wasser.


    "Hola´", packte Jens sein Touristen-Spanisch aus.


    "Loss stecke, Jung. Isch bin kein Spanierin", antwortete die kurvige schwarzhaarige in unverkennbar rheinischem Akzent und alle am Tisch mussten darüber herzhaft lachen.


    "Wo sind wir hier nur wieder hin geraten", fragte Jens kopfschüttelnd in die Runde. "Eine Nicht-Französin mit französischem Namen und eine Nicht-Spanierin mit spanischen Namen. Und was bist du nicht?", wandte er sich an die Blonde.


    "Ich bin nicht ganz Deutsch, habe aber einen deutschen Namen", antwortete sie und konnte das Schmunzeln damit ebenfalls nicht verringern. "Ich heiße Silke."


    Auch die Jungs stellten sich Reihum vor.


    "Nun, Silke", brannte es jetzt Damian unter den Nägeln. "Was bist du dann, wenn du nicht ganz Deutsch bist?"


    Sie sah gen Himmel als müsse sie erst mal überlegen. "Hauptsächlich Holländisch, etwas Belgisch und, weil ich dort schon ewig wohne, ein bisschen Rheinländisch."


    Das Meiste in der folgenden Unterhaltung war Smalltalk. Größtenteils Belanglosigkeiten, welche aber die Truppe näher miteinander bekannt machte. Schnell fühlte sich jeder zu einem der Mädels hingezogen. Vor allem Jens hatte nur Augen für die rassige, iberisch wirkende Kurvengöttin aus der Kölner Bucht. Einstiegsthema war natürlich die Duplizität der Ereignisse was Kleidungswahl und Abkühlung anging. Und wenn ihn nicht alles täuschte, hatte auch sie zumindest ein Auge auf ihn geworfen.

    Was nicht automatisch bedeutete, dass für Damian nur noch das Hollandse Meisje übrig blieb. Schließlich war das hier kein orientalischer Basar auf dem Partnerinnen feilgeboten wurden. Vielmehr bildeten sie eine zwanglosen Clique, die ähnliche Interessen verband.


    "Ihr wohnt also auch im Hotel?", fragten sowohl Männer und Frauen gleichzeitig, was verständlicherweise erneut zu Kichern führte.


    "Ja, Consuela und ich sind gestern angekommen", berichtete Silke und Zazie füge hinzu: "Und ich Vorgestern."


    Wie sich herausstellte waren die beiden Rheintöchter auch zum ersten Mal hier, während Zazie zu den Wiederholungstätern zählte.


    "Dat is allet noch esu Neu för uns", erklang das Kölner Platt aus dem mit schwarzen Haaren umflossenen Gesicht. "Vör allem isch muss misch eezt ens zoreesch finge" Sie versuchte vergeblich ihren seidig blauen Ganzanzug unter dem gut proportionierten Samtbody faltenfrei zu zupfen, musste aber einsehen dass es vergebens war.


    "Spar´ dir die Mühe", erklärte Jens der ähnlich verpackt war wie sie und wies auf die Falten im eigenen Zentai. "Wenn du mal ordentlich reingeschwitzt und dich dabei bewegt hast, wird das nix mehr. Erst nach der Reinigung ordnen sich die Fasern wieder wie sie sollen."


    Mit seiner fachlichen Expertise hatte er nun vollends das Interesse der blau schimmernden Kurvenhexe erregt. Consuela gestand ihm, dass sie noch Neuling bei dieser Leidenschaft war und er war sichtlich geneigt sein ganzes Wissen mit ihr zu teilen. Was die beiden von der weiteren Gruppenkonversation nach und nach abkoppelte.


    "Und du Silke?", erkundigte sich Damian. "Auch Neu?"


    "Ach woher denn. Ich trage Lycra bereits, glaube ich, seit ich die erste Turnstunde hatte. Ich war sofort infiziert von diesem Virus des Seidigen. Conny hab´ ich aber erst vor kurzem in meine Geheimnisse eingeweiht, aber sie ist sofort auf den Zug aufgesprungen, wie du ja an deinem Freund da drüben sehen kannst."


    Das stimmte. Die beiden waren so intensiv mit der Theorie des Lycrafetischs beschäftigt, dass sie alles um sich herum vergaßen.


    "Natürlich kann ich meine Leidenschaft beim Sport und als modische Besonderheiten gut ausleben", erklärte die Blonde weiterhin, "aber viel Kerle kommen damit nicht so klar. Jedenfalls nicht wenn man kaum was Anderes trägt. Ich jedenfalls kann nicht ohne. Das ist der Grund, dass wir hier Urlaub machen."

    Sehr offen von ihr.


    Und damit stand auch die nächste Paarung ziemlich fest. Doch das stellte kein Problem dar, denn Zazie und Dennis waren gleichfalls schnell auf gleiche Nenner gestoßen, welche sie gemeinsam erörterten. Außer Lycra ging es dabei mal ums Schwimmen, mal um die Latex- und Bondage-Szene und mal um die damit oft verbundene Gothic-Bewegung.


    Die Gespräche waren intensiver als man beim ersten Kennenlernen vermuten würde. Doch der gemeinsame Lycrafetisch beschleunigte anscheinend alles.

    Als die Schatten länger wurden, waren die Mädels die Ersten die aufbrechen wollten. Die Jungs hielten es noch für zu früh, doch Zazie hatte den Rheinländerinnen versprochen ihnen noch alles mögliche im Hotel zu zeigen.

    Unter der Bedingung sich heute Abend beim Essen oder wenigstens in der Bar wieder zu sehen, ließen die Jungs die Lycraschönheiten schweren Herzens ziehen.


    "Und was machen wir jetzt noch?", fragte Dennis.


    "Na ihr bringt euer Kletterzeug zurück und ich organisiere noch einen Absacker", bot Jens an und wurde bei seinem Angebot von niemandem überstimmt. "Wir treffen uns dann auf der Vorderseite der Hütte."


    Die Abendsonne griff mit langen, blutroten Fingern durch die Wolken die an einigen Stellen aufzogen. Mittlerweile waren ihre Strahlen angenehmer und die Drei hatten auf einer rustikalen Holzbank Platz genommen.


    "Klasse Tag, was meint ihr?"


    "Klasse Urlaub!"


    Der Ausblick im teilweisen Gegenlicht über die herrliche Landschaft, der Glanz ihrer Kleidung und der hohe Kontrast durch die tief stehende Lichtquelle - und natürlich die drei Bier, die Jens beschafft hatte. Der perfekte Abschluss für den Tag.

    Nicht zu vergessen, die Aussicht auf einen kurzweiligen Abend.

    Zufrieden mit sich und der Welt um sie herum, glichen sie in ihrer Schweigsamkeit den Hauptdarstellern aus den Werbepots einer norddeutschen Traditions-Brauerei. Dass die mit Kondensfeuchte angelaufenen Flaschen in ihren Händen ebenfalls einen Bügelverschluss aufwiesen, verstärkte diese Assoziation noch.


    "Sagt mal, haben unsere Bikes überhaupt Beleuchtung?"


    "Keine Ahnung."


    Plopp!

    Plopp, Plopp!

  • lycwolf sehr amüsant! Daumen hoch,

    Und als du den Namen Lara erwähnt hattest, war ich voll im Bilde.

    Auch die drei weiteren Darstellerinnen hast du gekonnt eingeführt.

    Na dann: Bühne frei für Zazie, Consuela und Silke. Da kann ja noch einiges kommen.

    Es bringt immer Spaß, die Anspielungen herauszufinden.

    Auch (für mich) fremde Dialekte unserer Sprache lassen mich aufhorchen.

    Und Wörter wie "Velocipedalistin"...

  • Desi

    Ich bin mir noch nicht mal so sicher, ob "Velocipedalistin" überhaupt eine korrekte Bezeichnung ist. Ich wollte nur nicht immer den schnöden Terminus "Radlerin" bzw. "Radfahrerin" benutzen.

    Mal den Duden fragen, ob eine solche Wortkreation überhaupt gültig ist.

  • Die Zugfahrt Kapitel 31 by lycwolf




    Es war schon spät als die Drei Freunde sich zum Abendessen trafen. Der Haupt-Speisesaal hatte bereits geschlossen. Allesamt waren sie nicht rechtzeitig fertig geworden.


    Um auf die Frage von vorhin zurück zu kommen: Die Mountain-Bikes waren mit Lampen ausgestattet. Zumindest die letzte Etappe ab der Staumauer war bereits dunkel genug dass ein wenig Beleuchtung gerne angenommen wurde. So lange der Rückweg bergab führte hatten sie keine Probleme mit der Kondition, aber auf dem restlichen Heimweg merkten sie erst wie Fertig sie waren. Wer von ihnen nach dem Ausziehen noch nicht direkt sterben wollte, tat dies spätestens nach der ausgiebigen Dusche. Am liebsten jetzt in einen Schlaf-Turnanzug schlüpfen und ein wenig am Kopfkissen horchen.

    Wäre da nur nicht die Verabredung mit den drei hübschen Mädels gewesen.


    Also nochmal die Zähne zusammenbeißen und in was fetischtaugliches hinein gleiten. Jens war der letzte der sich vor dem verlassenen Speisesaal einfand. Er trug nicht allzu glänzende Leggings, die auf den ersten Blick bräunlich wirkten. Näher betrachtet, stellte sich die Grundfarbe als Anthrazit heraus, jedoch überdeckt mit einem Muster aus Rot und Orangetönen. Diese wirkten als hätte ein expressionistischer Künstler die Farben nass in nass aufgebracht und mit einem Badeschwamm ineinander gemengt. Inspiriert von Consuelas Samtbody heute Mittag, hatte er als Oberbekleidung etwas ähnliches gewählt. Der Torso des ansonsten regulären Langarm-Anzugs war mit dunkelblauem Flaum bedeckt, der gegen den Strich gebürstet mindestens zwei Stufen heller wirkte. Er hoffte damit Streicheleinheiten einzuheimsen. Die Ärmel und der kurze Stehkragen bestanden aus üblichem Lycragewebe. Dort wo sie ans Dunkelblau des Körpers anschlossen, begann ein Farbverlauf nach Außen hin heller werdend. Am Kragen bis zu Himmelblau, an den Handgelenken lief er sogar in Weiß aus. Schwarze, geschnürte Jazz-Schuhe komplettierten sein Outfit.


    Dennis hingegen erschien etwas schlichter. Allerdings nur was die Kombination verschiedener Farben oder Kleidungsstücke anging. Ansonsten war er sehr auffällig, was Damian zu der Äußerung hinriss: "Da hätte ich doch besser eine Sonnenbrille mitnehmen sollen, so blendend wie du aussiehst."


    Der Kommentar war zwar etwas übertrieben, aber der Ganzanzug in metallischer Kupferbronze wirkte doch sehr reflektiv. Schlaufen an Händen und Füßen hielten den effektvollen Stoff stets straff gespannt. Um seine Figur hervorzuheben, hatte er sich in ein kurzes, schwarzes Korsett eingeschnürt. Dies war sein Eigentum und kam häufig bei Treffen der "Schwarzen Szene" zum Einsatz.


    Damians Äußeres wurde bestimmt von einen Kurz-Zentai, der zwar lange Ärmel mit angeformten Handschuhen und eine Kopfhaube aufwies, unten herum aber wie ein normaler Body beschaffen war. Praktischerweise hatte die Haube eine ovale Gesichtsöffnung.


    "Damit kannst du im Fernsehen als Bildstörung auftreten", lästerte Dennis über das grafische Design.


    Ein regelmäßiges Schachbrettmuster mit etwa drei Zentimeter großen Quadraten bedeckte das komplette Textil. Allerdings nicht schnödes Schwarzweiß, sondern dreifarbig. Weiß, hellgrau und Schwarz wechselten sich ab und boten ein verwirrendes Spiel für die Augen. Um die Optik nicht zu überstrapazieren, waren seine Leggings dagegen in schlichtem Schwarz gehalten.


    Alles in allem brauchte jeder von ihnen deutlich länger als erwartet um sich so her zu richten. Deshalb hatten sie nun zu entscheiden, wo sie die bitter nötige Nahrung zu sich nehmen wollten. Zum Glück gab es einige Alternative Restaurants. Heute Abend brauchten sie jedoch nicht lange darüber zu debattieren. Sie alle hatten Fleischeslust.


    Auch im Steakhouse ging der Betrieb bereits zurück und so mussten sie nicht lange auf ihr schmackhaftes, auf den Punkt gegrilltes Rind warten. Hungrig wie sie waren, hielt sie das verspeisen nicht allzu lange auf. Zufrieden und gesättigt, wäre jetzt der ideale Zeitpunkt die Füße hoch zu legen und in Morpheus Reich hinüber zu dämmern. Aber sie hatten ja noch ein Date.

    Trotz der Niedergeschlagenheit reizte sie das Treffen mit den drei so unterschiedlichen Mädels enorm.


    "Hoffentlich sind sie noch da", meinte Dennis als sie sich der Lounge-Bar näherten.


    "Hoffentlich sind sie nicht allzu sauer, dass wir so spät kommen", ergänzte Jens.


    "Ach ich weiß nicht", sagte Damian als sie in den weitläufigen Raum traten. "Normalerweise wollen Frauen doch, dass man etwas später kommt."


    Nach diesem ins Schwarze treffenden Kalauer war die Stimmung wieder auf der Höhe und die Müdigkeit wie weg geblasen.

    Im gedämpften Licht und dem bunten Treiben auf den gepolsterten Sitzgelegenheiten, die üblicherweise zu Kuschelinseln umfunktioniert wurden, waren ihre Dates nicht so einfach auszumachen. Auch nicht auf den zweiten Blick.


    "Ob die sauer sind, weil wir....?", setzte Damian zu einer Frage an, kam aber nicht weiter weil etwas Orangegelbes an ihm vorbei flog. Direkt Jens an den Hals.


    "Wo wars du denn esu lang, Liebschen?", drang es dialektisch gefärbt unter einer pechschwarzen Mähne hervor. Consuela hätte ihn fast umgeworfen, vor lauter Ungestüm. Ihre spürbare Alkoholfahne passte zu dem enthemmten Verhalten. Gut möglich, dass die Mädels ihre Wartezeit mit einigen Volumenprozent überbrückt hatten.


    Was sich da eben so feurig, farbig in den Vordergrund drängte, war Conny´s Ganzanzug aus hochflorigem Samt. Mit abwechselnd schwarzen Streifen repräsentierte er ein stilisiertes Tigerfell. Allerdings mehr Cartoon-artig. Wie das Raubtier, das ein Mineralölkonzern seinen Kunden in den Tank packte. Jens kam gar nicht mehr aus der stürmischen Umarmung heraus. Deshalb nutzte er die Gelegenheit den flauschig, samtigen Körper Rückseitig abzutasten, bis er an niedriger Stelle auf ein Anhängsel stieß. Ein geringelter Schweif mit buschigem Ende glitt durch seine Hand, was für Gelächter auf der Couch sorgte.


    Auch ihre Feundinnen schienen gut betüddelt, als sie von der halbrunden Couch ihren Lycrapartnern entgegen strebten.


    Zazie, die noch am nüchternsten der drei wirkte, trug das "kleine Schwarze". Obwohl, eigentlich eher das große Schwarze, denn außer Kopf und Händen blieb nichts unbedeckt von dem wie feucht glänzenden Zentai. Die ebenfalls schwarzen Turnschläppchen setzten diese fast konturlose Eleganz auch an ihren Füßen fort. Nur ihr rötliches Haar schuf einen hervorstechenden Kontrapunkt.

    Das kurze Korsett an Dennis´ spiegelndem Körper zog sie umgehend in den Bann und auch er traute sich ohne Zögern ihren Körperbau mit den Fingern zu erkunden.


    "He Leute, macht mal halblang", mahnte Damian, der als einziger noch stand. "Wir sind hier in einer Bar und nicht im Kuschelparadies."


    "Bist du dir dabei ganz sicher?", fragte die blonde Silke süffisant und schmiegte sich an ihn, wobei sie übertrieben aufreizend ein Bein hob und um seinen Schachbrett-Hintern schlang. So aus dem Gleichgewicht geworfen, landete auch er auf der halbrunden Couch. Die Teil-Holländerin rückte jedoch mit vorgespieltem Erstaunen wieder von ihm ab, als sie sah dass ihre Kleidung fast ein Negativ zu Damians Dress bildete. Im Kontrast zu seinen schwarzen Leggings trug sie weiße und wo sein Body hauptsächlich hell war, hatte sie dunkles Lycra gewählt. Selbst das Muster hatte eine entfernte Ähnlichkeit. Dünne weiße Streifen überzogen den kurzärmeligen Turnanzug der Länge nach. Ab und zu verbanden kurze horizontale Linien die Längsstreifen und unterteilten sie damit in lange Rechtecke und gelegentlich sogar in Quadrate.


    Schon erstaunlich, wie ähnlich die Geschmäcker hinsichtlich der Kleidungswahl waren. Consuela und Jens trugen Samt, Zazie´s Glanzlycra passte zu Dennis´ Metallic-Look und Silke stellte genauso geometrische Muster zur Schau wie auch Damian.


    "Ganz schön trockene Baustelle", konstatierte letzterer nachdem das erste Abknuddeln vorüber war. Schließlich hatten die Jungs ja noch keine Gelegenheit gehabt etwas zu trinken zu holen. Die Mädels halfen ihnen natürlich bereitwillig mit ihren süßen, Kopfschmerz-trächtigen Cocktails aus. Doch als der Kellner, wie alle Bediensteten hier ebenfalls in Kunstfaser gehüllt, wenig später ihre Bestellungen brachte, fühlten sich die Jungs trotzdem besser.


    "Warum habt ihr so lange gebraucht?", klagte jetzt auch Zazie. "Wir dachten schon ihr hättet uns versetzt."


    "Wir....Ähh...", räusperte sich Dennis zu einer seiner gewohnten Aufschneidereien, "Wir ... mussten unbedingt noch den Berg zu Ende besteigen als ihr gegangen wart und hey, auf echte Kerle muss man halt immer etwas warten."


    Die Runde lachte fröhlich ausgelassen und mit jeder Menge Witzeleien ging es weiter, bis Silke irgendwann feststellte: "Also ich kann mich ja täuschen, aber ich habe den Eindruck dass keiner mehr wirklich an Konversation interessiert ist."


    Wieder ziemlich direkt von ihr, aber insgeheim stimmten ihr alle zu. Vor allem die Jungs, denn die verspürten zum zweiten Mal heute Abend Fleischeslust.


    "Wie wär´s also, wenn wir austrinken und uns in eines der richtigen Kuschelparadiese zurückziehen?"


    Das Weitere lief fast schon mechanisch ab, wie Zahnräder die ineinander greifen. Das Sextett leerte die Gläser, verließ die Bar und suchte einen der Bereiche im Haupthaus auf, der den Vergnügungen Volljähriger vorbehalten war.

    Um diese Uhrzeit war das Licht bis auf wechselnde Spots stark gedämpft und leise Ambient-Sounds umspülten die Harmoniesüchtigen auf den bequemen Mattenlagern. Überall tummelten sich die Verschiedenartigsten Lycrawesen. Manche nur Paarweise, viele aber in kleinen und größeren Gruppen.

    Es ging um das, worum es allen geht: Sehen, zeigen, fühlen.

    Gelegentlich auch etwas intimer, was aber eher die Ausnahme darstellte.


    Sie blieben zwar nicht direkt zusammen, entfernten sich aber auch nie weit voneinander bei ihren Knuddel- und Schmusetätigkeiten. Deshalb blieb es auch nicht aus, dass sie sich manchmal zu sechst untereinander wanden und Lycrafasern zirpend aneinander vorbei glitten.

    Bei den samtig gewandeten stand das Kraulen im Vordergrund und vor allem der moppelige Tiger ging ganz in dem ihr noch recht ungewohnten Körperkontakt auf.

    Dem gegenüber stand beim Hochglanz-Paar zu befürchten, dass sie sich elektrisch aufladen und Blitze erzeugen würden. Doch das einzig elektrisierende waren die gleitenden Bewegungen ihrer Hände. Zazie´s sportgestählter Körper wurde einfach nie langweilig. Immer Neues galt es unter ihrem glatten Überzug zu entdecken.

    Auch das Geometrische Duo jagte sich gegenseitig Einen wohligen Schauer nach dem Anderen durchs Gebein, während ihre Körper eng aneinander entlang rieben. Das Rubbeln und zwitschern der Synthetik heizte den beiden so sehr ein, dass sie immer wieder Abstand voneinander nehmen mussten um gewisse Peinlichkeiten zu vermeiden.


    Raum und Zeit waren vergessen. Es zählte nur noch das Pure, unverfälschte Gefühl. So intensiv, wie sie es nur selten zuvor erlebt hatten.

    Wieder fanden sich alle zu einem nur schwer entwirrbaren Knäuel zusammen, bei dem sich auch die Zugehörigkeiten vermischten. Jeder kraulte und befummelte gerade das, was am nächsten lag. In ihrem kollektiven Trancezustand gab es weder Schüchternheit, noch Zurückhaltung oder gar geschlechtliche Grenzen. So knuddelten auch mal Mädels miteinander und auch unter den Jungs hatte ab und an gegenseitiges Streicheln nicht anstößiges.


    Jedoch ließen die aktiven Tätigkeiten immer mehr nach bis schließlich das Zusammensein zum primären Ziel wurde. Bei den Einen machte sich das bisschen zuviel an Alkohol bemerkbar und bei den Anderen übernahmen Müdigkeit und Erschöpfung die Kontrolle.

    Es dauerte nicht lange und von jedem der ineinander verflochtenen Lycrafetischisten gingen leise Schnarchgeräusche aus.

  • Ich behaupte einfach mal, dieses Kapitel 31 ist die perfekte Zusammenfassung dessen, worum es beim Lycra tragen geht.


    Lycwolf, du hast einen bewundernswerten Stil, die ganzen Kleidungsstücke so hinreißend exakt zu schildern und für uns Leser so hautnah fühlbar zu machen, dass wir bei den 6 Protagonisten liebend gerne dabei wären.

    Das gilt nicht nur für Kap. 31 der "Zugfahrt", sondern auch für viele deiner anderen Geschichten.

    Hut ab.