Großzügigkeit am Strand

  • Hallo zusammen, hier kommt nun wie versprochen meine erste Story:


    Großzügigkeit am Strand


    (Diese Geschichte ist zu einem Teil wahr, wurde aber mit einigen fiktiven Elementen gespickt, um sie interessanter zu machen. Nicht alles, was dort geschrieben steht, hat sich also tatsächlich so zugetragen, was genau aber so passiert ist, und was ich dazu erfunden habe, das bleibt ein Geheimnis).


    Es war ein trockener und warmer Sommer, ich war mit meinen Eltern im Urlaub. Dieses Jahr führte uns die Reise nach Norden, an die Nordsee, beziehungsweise genauer gesagt nach Otterndorf, das genau an Mündung der Elbe in die Nordsee liegt. Wer schon einmal dort war, weiß, dass es etwas anders ist, als andere Badeorte. Es gibt nur wenige, kleine Strandabschnitte, auf dem Wasser ist ein reger Schiffsverkehr, all die riesigen Containerschiffe, die vom oder zum Hamburger Hafen unterwegs sind und neben einigem Wellengang zudem gewaltige Mengen an Dieselabgasen verursachten. Schön oder idyllisch war es nicht, aber das wurde uns auch erst vor Ort bewusst.

    Vom Ortszentrum aus waren es etwa 2 Kilometer bis zum Deich. Hatte man diesen auf Höhe des Jachthafens überquert, führte noch ein mehrere Hundert Meter langer Asphaltweg schnurgrade bis zum Wasser. Linkerhand erstreckten sich Wiesen, kurzgemäht, wie im Freibad als Liege- oder Spielwiesen. Auf der rechten Seite lag einer der wenigen Strandabschnitte, ein nur etwa 30 Meter breiter und höchstens 150 Meter langes Stück Sand.

    Ich war, weil ich ungern mit meinen Eltern unterwegs sein wollte, alleine mit dem Fahrrad dorthin gefahren, hatte dieses am Anfang des Strands abgeschlossen und mich einige Meter weiter auf eine von zwei dort stehenden Bänken gesetzt und beobachtete das Treiben – sowohl die vorbeiziehenden Schiffe als auch die Leute, die kamen und gingen, sich in der Enge auf dem Strand einen ruhigen Platz suchten. Das Wetter, so erinnere ich mich noch gut, war an diesem Tag eher mäßig. Es war bedeckt, auch wenn keine akute Regengefahr bestand, und es wehte ein schwacher Wind.


    Ich hatte schon eine geraume Weile dort gesessen, als eine ganze Gruppe von Menschen ankam. Sie waren zu Fuß den Weg vom Deich herunter gekommen, einige wenige Erwachsene und sonst nur Jugendliche. Eine Schulklasse vermutete ich, oder sonst eine Reisgruppe bei der Kinder getrennt von ihren Eltern Urlaub machten. Lautstark wurde sich unterhalten, viele liefen voller Eifer direkt zum Wasser und ließen ihrer Freude freien Lauf.

    Die Gruppe war, so erfuhr ich aus den Gesprächen, die ich mithörte, soeben erst nach längerer Fahrt in Otterndorf eingetroffen. Verständlich, dass die Jugendlichen diesen Drang hatten, nach langer Zeit der Vorfreude endlich das Meer zu sehen. Was ich weiterhin erfuhr, war, dass der Reisebus einige Orte weiter wegen einer Panne liegengeblieben war und die Insassen mit Taxen die restlichen Kilometer zurückgelegt hatten. Das Gepäck befand sich aber immer noch im Bus, der angeblich zusammen mit dem Fahrer auf einem Parkplatz stand und darauf wartete, das ein Mechaniker sich um das Problem kümmerte. Es sollte wohl bis zum Abend behoben sein und der Bus dann zur Unterkunft der Gruppe nachkommen, wo die Reisenden ihr Gepäck dann endlich würden ausladen können. Zur Zeit war es kurz nach 14 Uhr, also noch reichlich Zeit bis zum Abend. Die Betreuer überlegten offenbar, wie sie mit der neuen Situation umgehen sollten, da der ursprüngliche Plan vermutlich zunächst nach der Ankunft ein Beziehen der Zimmer und Ausräumen der Koffer vorgesehen hatte, und danach erst einen Ausflug zum Meer. Einer der Erwachsenen sagte zu den Jugendlichen: „Wir bleiben erst mal hier.“

    Ein Junge fragte darauf: „Können wir auch ins Wasser gehen?“

    Der Mann überlegte, vermutlich wollte er weder als Spaßverderber auftreten, noch seine Führsorgepflicht verletzten. Schließlich sagte er: „habt ihr denn Schwimmsachen dabei? Ohne Schwimmsachen geht mir keiner ins Wasser!“

    Der Junge machte ein zerknirschtes Gesicht. Offensichtlich hatte er keine Schwimmsachen dabei. Dann trat ein Mädchen vor und sagte: „Ich habe meine Schwimmsachen schon an“. Um ihre Freundin zu unterstützen, kamen sofort einige weitere Mädchen hinzu und sagten, dass auch sie bereits ihre Badesachen anhätten. Der Mann war ein wenig überrascht, weil er vermutlich nicht damit gerechnet hatte, dass der größte Teil der Mädchen bereits am Morgen vor der Abfahrt in ihrer Heimat Bikinis oder Badeanzüge anstelle ihrer Unterwäsche angezogen hatten. Angesichts dieser erwartungsvollen Blicke wollte der Mann sicher nicht zu streng sein und eine direkte Absage erteilen, versuchte sich aber zu retten, indem er auf Handtücher zu sprechen kam, die sicher keiner dabei hatte.

    „Ach, die brauchen wir nicht“, sagte ein Mädchen. „Wir lassen uns einfach an der Luft trocknen.“ Nach einigem hin und her, wo es darum ging, wie denn die nassen Haare zu trocknen seien, hatten die Betreuer – eine Frau war mittlerweile hinzugekommen und hatte sich an der Diskussion beteiligt – sich zu dem Entschluss durchgerungen, dass jeder, der Badesachen an hatte, bis zum Bauchnabel in Wasser gehen dürfe, aber keinen Schritt weiter. Und der Kopf sollte immer trocken bleiben, also keine Wasserspritzerei oder dergleichen wäre erlaubt.


    Die Mädchen hatten sich in Windeseile ihrer Oberbekleidung und Schuhe entledigt und liefen die wenigen Meter zum Wasser. Die Jungs waren mürrisch und guckten neidvoll hinterher. Nur einer sagte, er habe seine Badesachen schon in seinen Rucksack gepackt und somit dabei. Anders als die Koffer, die den größten Teil der Kleidung der Gruppe enthielten und noch im Bauch des Busses gefangen waren, hatten die Jugendlichen kleine Rucksäcke und Taschen als Handgepäck mit in die Taxen nehmen können, als sie evakuiert wurden. Die meisten hatten natürlich nur das Übliche, Getränke, etwas zu Essen, ihre Geldbörse, was zu lesen etc. dabei. Dieser eine Junge bildete die Ausnahme. Er kam herüber zu der Bank, auf der ich saß um seinen Rucksack darauf abstellen und besser darin suchen zu können. Er beförderte ein großes Badetuch und zwei Badehosen, etwas weiter geschnittene Schwimmshorts zutage. Der Betreuer war ebenfalls nähergetreten und fragte den Jungen, wie er sich denn Umziehen wollte. Der Junge schlug vor, dass zwei Leute das Handtuch gespannt halten sollten, und er sich dahinter umziehen könnte.

    „Ok, können wir so machen“, antwortete der Mann. „Sag wenn du so weit bist, dann halten wir das Handtuch für dich.“

    Ich hatte währenddessen meinen Rucksack, der direkt neben mir stand, vorsichtig geöffnet und meinen Arm hineingeschoben. Es war ein glücklicher Zufall, ich hatte an diesem Tag eine ganze Reihe von Radlerhosen eingepackt (natürlich nicht die echten Radhosen mit Polster drin, sondern die kurzen Leggings). Ich spürte einen ganzen Packen vom weichen, glatten Stoff in meiner Hand. Was ich überlegte, ist vermutlich nicht schwer zu erraten. Konnte ich es wagen, diesen Fremden Leuten anzubieten, sich von mir Hosen welche auszuleihen? Würden sie es überhaupt annehmen oder doch höflich ablehnen und sich insgeheim denken, was ich für ein verrückter Spinner sei, der mit einem Satz Radlerhosen am Strand sitzt und diese unters Volk bringen will.


    Meine Bedenken hatten letztlich die Überhand gewonnen, und ich verharrte, die Hand immer noch verborgen im Rucksack. Der Junge, der sich mittlerweile das Badetuch sowie eine der Hosen genommen hatte, entfernte sich von der Bank, auf der er seinen eigenen Rucksack und die zweite Badehose liegen ließ. Der Betreuer war zwischenzeitlich wieder weiter entfernt und versuchte etwas Ruhe in die stetig lauter werdende Gruppe von Kindern zu bringen.

    „OK, ich bin soweit, wenn Ihr das Tuch haltet, kann ich mich umziehen. Am besten da hinten“, rief der Junge im gehen der Gruppe zu und deutete dabei auf eine etwas abseits gelegene Stelle zwischen zwei Dünen, nochmal rund 15 Meter von den anderen entfernt. „Danach kann sich noch jemand umziehen“, fuhr er fort, „ich habe noch Ersatz zum Wechseln dabei, das kann aber gerne jemand anderes anziehen“, fügte er dann noch hinzu.

    Jetzt stieg mein Puls mit einem Male in die Höhe. Er hatte nicht ganz deutlich gesagt, dass er nur eine einzige Hose zum wechseln dabei hatte … und wenn ich nun eine meiner Hosen dazu legen würde? Im Augenblick beachtete niemand von den anderen mich oder die Bank. Und wenn ich jetzt schon aufgeregt von der Entwicklung der Ereignisse war, so konnte ich nicht glauben, was nun geschah. Der Mann hatte das große Strandtuch über seine Schulter gelegt und folgte demjenigen, der sich umziehen wollte zu der besagten Stelle in den Dünen. Weil niemand aus der Gruppe reagierte, drehte er sich im Gehen noch einmal zurück und rief zu seiner Kollegin: „Sag den Jungs, dass sich noch mehr umziehen können, sie sollen dann nacheinander zu uns hier rüber kommen, damit wir das Handtuch halten können. Der Junge, dessen Rucksack nach wie vor einen guten Meter rechts von mir auf der Bank stand, die Badehose halb daraus herausgezogen, wiedersprach nicht. Ihm war es gar nicht aufgefallen, dass nicht von einem, sondern von mehreren Jungs die Rede war, die sich noch umziehen kommen sollten.

    Ich reagierte, bevor ich mir weitere Gedanken über mögliche Konsequenzen machen konnte. Ich zog das Bündel, das ich gepackt hatte, schnell aus meinem Rucksack, lehnte mich so unauffällig wie möglich nach rechts und drapierte es in der Öffnung des fremden Rucksacks. Die Radlerhosen hingen nun ebenfalls halb aus dem Beutel, halb in seinem Inneren. Da ich meinen Arm flach über der Sitzfläche der Bank bewegte, bildete der aufrecht stehende Rucksack einen Sichtschutz, der mein Tun verbarg.


    Mein Herz raste wie wild, ich glaube mein Kopf war rot wie eine reife Tomate. Von der etwa zehn Meter entfernt stehenden Gruppe hörte ich, wie die Betreuerin, die offensichtlich das ganze Geschehen mit dem Jungen und seinen Badehosen nicht – oder nur ganz am Rande wahrgenommen hatte – den Mann fragte: „Wo haben wir denn noch Hosen? Ich dachte es gäbe keine?“

    „Da hinten im Rucksack auf der Bank!“, gab der Mann zurück, während er grob in meine Richtung deutete.

    „Ihr habt‘s gehört“, fuhr die Frau jetzt an die Gruppe von Jungen um sich herum gewandt fort. „Dort im Rucksack haben wir noch mehr Hosen, ich weiß nicht ob sie für alle reichen, aber trotzdem solltet ihr ruhig und langsam …“

    Ihre Ansage ging in einem lauten Geschrei unter, und die ganze Gruppe, nicht weniger als zehn Jungen, eher noch ein paar mehr, kamen im Laufschritt auf die Bank zugestürmt.

    Es gab kein Zurück mehr, kein Umentscheiden, ohne dabei aufzufallen. Ich versuchte, nicht zu offensichtlich in die Richtung des Rucksacks zu blicken, wollte jedoch schon sehen, was passierte, wenn die Jungs die Hosen entdeckten. Wie versteinert saß ich da, den Blick auf einen Punkt irgendwo vor mir fixiert und versuchte, so gut es ging, aus dem Augenwinkel nach rechts zu schielen. Nach wenigen Sekunden, die mir persönlich wie Minuten vorkamen, erreichte die Gruppe den Rucksack. Jetzt gab ich mir einen Ruck und wandte den Kopf in ihre Richtung, tat so, als wäre ich durch ihr Heranstürmen aus einem Gedankengang gerissen worden.

    Hände griffen nach dem Bündel mit Hosen, zogen es auseinander, hielten einzelne davon hoch, um sie in Augenschein zu nehmen. Jemand fragte:“ Mein Gott, was sind das denn für Teile?“, und jemand anderes sagte: „Ey, guck dir die hier mal an. Wer zieht denn so was an?“

    Die Betreuerin, die sich ebenfalls, wenn auch langsamer, der Bank genähert hatte, antwortete: „Vorhin wolltet ihr noch unbedingt schwimmen gehen. Jetzt liegt es an euch, ob ihr mit dem vorlieb nehmt, was da ist, oder ob ihr wählerisch seid und euch statt dessen darüber lustig macht. Ich wäre lieber dankbar, überhaupt diese Chance bekommen zu haben.“ Ich hätte die Frau am liebsten umarmt und ihr gesagt, dass sie der beste Mensch auf der Welt sei.

    Ihr Worte zeigten Wirkung: Statt sich wie zuvor abfällig über die Art und das Aussehen der „Badehosen“ auszulassen, verlegte sich der größte Teil der Jungs jetzt darauf, sich um die besten Stücke zu streiten. Mein persönlicher Bestand an diesen Radlerhosen, den ich übrigens, wie ich später feststellte, zur Gänze in den fremden Rucksack gelegt hatte, sah folgendermaßen aus: Drei Hosen waren ganz klassisch einfarbig schwarz, sozusagen die Allrounder, da man sie zu nahezu allen Oberteilen kombinieren kann. Dann gab es noch eine ganz dunkelblaue Hose, die an den Außenseiten der Beine dünne weiße Paspeln hatte. Eine Hose war royalblau und glänzte sehr stark. Eine Hose war schwarz und hatte links eine neon-pinken, rechts einen neon-grünen Streifen von etwa 6 cm breite. Ähnlich war eine ebenfalls schwarze Hose, der seitliche Einsätze jedoch ganz bunt gemustert waren, regenbogenfarben mit astrologischen Symbolen darauf. Eine weitere Hose war auf einer Seite bunt, auf der anderen überwiegend schwarz, nur im unteren Teil des Beins war sie ebenfalls bunt. Alle anderen Hosen, vier an der Zahl, waren alles in allem bunt gemustert. Die eine heller, die andere bunter. Die Art der Farben und Muster zu beschreiben, wäre zu aufwändig, finde ich. Insgesamt waren es also 12 Radlerhosen.


    Die Schwarzen waren erwartungsgemäß die begehrtesten darunter. Je greller und bunter die Hosen waren, desto länger blieben sie liegen. Da sich die Anzahl der Jungs zufälligerweise genau mit der Anzahl der vorhandenen Hosen (inkl. der 13. Hose, einer weiter geschnittenen Shorts, die der andere Junge übrig hatte), deckte, mussten aber auch diese Hosen mit ihren schrillen Mustern schließlich von jemandem genommen werden.

    Nach und nach entfernten sich die Jungen in Richtung der Stelle in den Dünen, wo ihr Betreuer mit weit ausgebreiteten Armen das Handtuch aufgespannt hielt und einen Sichtschutz bildete. Ich wollte nicht zu lange dorthin starren, und so schaute ich wieder nach vorne, aufs Meer (bzw. die Elbmündung) hinaus. Und dann kamen sie, nach und nach, in kleineren Gruppen. Bei der ersten waren noch die zwei Jungen dabei, die die weiteren Hosen trugen. Dem Besitzer dieser war es offensichtlich entweder egal, woher plötzlich diese ganzen anderen Hosen gekommen waren, oder er war fälschlicherweise in dem Glauben, einer der Betreuer hätte diese organisiert. Er verlor zumindest keinen Ton darüber, wofür ich ihm dankbar war.

    Ich blickte mich nun wieder mehr in der Gegend um und entdeckte immer weitere Jungen, die nichts außer einer der Radlerhosen am Leib trugen. Ihre restliche Kleidung, T-Shirt, Socken, eine Jeans und eine Unterhose, hatten sie zu einem Päckchen zusammengelegt und in einer Reihe nahe der Bank auf dem Strand deponiert. Die weibliche Aufsichtsperson hielt sich in der Nähe der Kleidungsstapel auf, um diese ständig im Blick zu haben. Die Jungs tobten und liefen umher, und ich hatte endlich Gelegenheit, sie genauer zu betrachten.

    Die Hosen passten mir alle mehr oder weniger gut – natürlich gab es kleine Unterschiede, die eine war nicht so bequem, der Gummibund war enger – so was halt. Bei den Jungen, die mitunter verschiedenste Körpermaße hatten, waren hingegen große Unterschiede zu bemerken. Manche waren groß und schlaksig, hatten lange, dünne Beine und kaum „Hintern in der Hose“. Bei diesen hielten die Hosen zwar auf der Hüfte, besonders an den Beinen aber schlabberte der Stoff und warf Falten, weil er einfach nicht gedehnt wurde, so schmal waren die Beine, die darin steckten. Die meisten Jungen hatten eine Statur, die ähnlich meiner eigenen war, „normal“, würde ich mal behaupten, und bei ihnen saßen die Hosen perfekt. Zwei stachen dann aber noch einmal auf der anderen Seite hervor, da sie korpulenter waren. Einer war leicht übergewichtig und hatte, wohl eher durch Zufall als durch Absicht, diejenige Hose abbekommen, die meiner Meinung nach die Weiteste war. Es war eine der ganz bunt gemusterten, sie saß stramm, hätte vielleicht eine Nummer größer sein dürfen; optisch war das Ganze aber noch im Rahmen des Möglichen.

    Anders war es bei dem zweiten Jungen. Er war deutlich zu dick und hatte die leuchtend blaue Radlerhose, die mit als Letztes übrig geblieben war, abbekommen und sich tatsächlich irgendwie dort reingezwängt. Der Stoff war so weit gedehnt, dass er richtig fest aussah, nicht mehr in der Lage, auch nur einen Millimeter nachzugeben und weit von seinem seidig-weichen Normalzustand entfernt. Der Gummibund oben schnitt regelrecht in seinen Leib und war gar nicht mehr zu sehen. Die Nähte, besonders die, die auf der Rückseite der Hose vertikal über das Gesäß verläuft, waren bis zum Zerreißen gespant, die einzelnen Fäden waren deutlich sichtbar. Ich erwartete förmlich, jeden Moment ein Reißen von Stoff zu hören, das jedoch glücklicherweise ausblieb. Eigentlich hätte sich der Junge diese für ihn selbst sicher unangenehme Prozedur ersparen können, da er ohnehin nicht ins Wasser ging, sondern sich ausschließlich am Strand aufhielt und in einem Comicheft las. Nachdem ich ihn eine Weile beobachtet hatte, natürlich primär aus Sorge um meine Hose – diese royalblaue Radler gehörte zu meinen allerliebsten Stücken – zwang ich mich, meine Aufmerksamkeit wieder den restlichen Kindern zu widmen.


    Einige von diesen waren ein Stück weit ins Meer gegangen, jedoch nicht wirklich weit. Das Wasser war kälter, als sie es vermutlich erwartet hatten. Auch die Mädchen hatten sich nicht weiter als bis zur Hüfte hinein getraut. Die meisten der Kinder waren jedoch gar nicht erst hinein gegangen. Einige hatten sich auf den Strand gesetzt und spaßten miteinander, einige der Jungen hatten irgendwoher einen Ball aufgetrieben und spielten damit Fußball, wobei sie sich besonders theatralisch fallen ließen, wenn sie Kopfbälle oder Fallrückzieher machten. Dann verfielen sie irgendwann darauf, sich hinterherzulaufen und gegenseitig in den Hintern zu treten, was zu wilden Verfolgungsjagden und anschließenden Raufereien führte.

    Es war, um es einmal zusammenzufassen, ein komisches Gefühl, MEINE Radlerhosen an all diesen unterschiedlichen Jungen zu sehen. Mit anzusehen, wie sie die Hosen ohne Rücksicht beanspruchten. Nicht nur, dass sie diese Hosen als Badehosen, also ohne was darunter trugen, nein, all die Tritte, das Fallenlassen auf dem Strand, das Ringen und Raufen und bei einigen auch noch das Salzwasser setzten den Hosen zu.

    Die Jungen, die im Wasser gewesen waren, kamen jetzt wieder an den Strand zurück. Ich erkannte, dass es sich um eine der uni-schwarzen Hosen handelte, die dunkelblaue mit der weißen Paspel an den Seiten und die schwarze mit den bunten Einsätzen und den Symbolen darauf. Die Hosen waren logischerweise mit Wasser vollgesogen, als die Jungen das Meer verließen. Als sie sich den anderen anschlossen, und ebenfalls „Arschbomben“ in kleine Sanddünen machten, wobei sie Anlauf nahmen, absprangen und mit angezogenen Beinen und dem Hinterteil voran in den Sandhügeln landeten, klebte sofort eine Sandschicht auf dem nassen Stoff. Das war natürlich nicht unbedingt schön anzuschauen, aber auf diese Weise, durch den ständigen Kontakt mit trockenem Sand, würden die Hosen schneller wieder getrocknet sein, als es durch die bloße Luft möglich gewesen wäre.

    Die folgende Stunde verlief recht ereignislos. Nur wenige hatten sich noch ins Wasser begeben. Die Jungen tobten noch weiter am Strand herum, wurden aber zusehends ruhiger, da sie ihre Energie am Anfang verpulvert hatten. Sämtliche Feuchtigkeit in den Hosen waren mittlerweile wieder mit Hilfe von Sand, Wind und der langsam stärker werdenden Sonne getrocknet.


    Eine Weile später rief die Betreuerin alle Kinder zusammen, die sich auch unweit der Bank bei ihren Kleiderstapeln versammelten.

    „Ich habe grade mit dem Busfahrer telefoniert“, verkündete sie. „Es dauert noch etwas, daher gehen wir jetzt rauf und essen etwas.“ Mit rauf meinte sie vermutlich einige Imbissbuden jenseits des Deiches, etwa einen knappen Kilometer entfernt. „Nehmt alle eure Sachen mit, falls der Bus zwischenzeitlich kommt, fahren wir direkt von dort zur Jugendherberge.“

    „Und wenn nicht, kommen wir aber noch mal hier hin?“, wollte ein Junge wissen.

    „Ich denke schon“, sagte die Betreuerin.

    „Dann lassen wir die Badesachen besser noch mal an“, überlegte der Junge und begann, seine Jeans über die Radlerhose zu ziehen, anschließend die Socken, Schuhe und ein T-Shirt. Die übrigen folgten seinem Beispiel und zogen sich an. Nach wenigen Minuten standen sie dort und hatten nur noch die Unterhosen übrig, die sich die meisten in ihren Rucksack oder, falls sie keinen solchen dabei hatten, in eine Hosentasche stopften.

    Flankiert von den Betreuern machte sich die Gruppe lautstark auf den Weg in Richtung Deich. Ich blieb noch eine Weile auf der Bank sitzen und beobachtete, wie sich die letzten von ihnen aus meinem Blickfeld verschwanden. Vorsichtig stand ich auf, meine Gelenke protestierten, da ich sicher drei Stunden halbwegs unbewegt dort gesessen hatte. Langsam machte ich einige Schritte, kam mir vor wie eine zum Leben erwachte Mumie, die unbeholfen durch den Sand stampfte. Ich bückte mich, beugte mich mal nach links, mal nach rechts, um mich zu dehnen. Allmählich verschwanden die Schmerzen und ich konnte mich wieder flüssiger bewegen. Jetzt wurde es höchste Zeit, den anderen hinterher zu fahren. Also kehrte ich dem Strand den Rücken und hastete zu meinem Fahrrad, schloss es auf und schob es bis zum Asphaltweg. Die Gruppe war nirgends zu sehen, hatte den Deich vermutlich schon überquert. Ich raste los, fuhr den Weg hinauf mit dem verrückten Gedanken im Kopf, sie nicht mehr finden zu können. Zwei ewig lang erscheinende Minuten dauerte es, bis ich die Deichkrone erreichte und auf der Innenseite hinab rollte. Zu den Imbissbuden waren es von dieser Stelle noch ein paar hundert Meter. Mit schmerzenden Muskeln trat ich erneut in die Pedale. Kurz vor den Buden entdeckte ich sie endlich. Ich wurde langsamer, wollte auf keinen Fall gesehen werden, weil das dann doch ein wenig auffällig gewesen wäre, dachte ich mir. Vor den Buden standen eine Reihe Tische mit daran fest montierten Bänken. Die Jugendlichen nahmen darauf Platz, während die Betreuer sich um die Bestellungen kümmerten. Es wurden Pommes, Backfischbrötchen und Eis gekauft. Aus sicherer Entfernung beobachtete ich sie beim Essen.

    Nach etwa einer halben Stunde machte sich die Gruppe wieder auf den Weg. Sie gingen auf der Straße entlang in Richtung des Yachthafens, den Weg, den sie auch gekommen waren. Ich rollte gemächlich in etwas mehr als 50 Metern Entfernung hinter ihnen her. Statt jedoch nach links abzubiegen, gingen sie weiter geradeaus. Ihr Ziel war, wie ich jetzt mit Schrecken feststellen musste, ein Parkplatz, wo ein großer Reisebus wartete. Tatsächlich steuerten sie diesen Bus an und stiegen einer nach dem anderen ein. Bald darauf startete der Bus und fuhr in Richtung Stadt davon – eine Verfolgung mit dem Fahrrad erwies sich, wie ich bald feststellen musste, als unmöglich. Da fuhren sie also von dannen – und mit ihnen meine Hosen.


    Ich musste die Jugendherberge zu finden, von der die Rede gewesen war. Ich fuhr also den weiten Weg in die Innenstadt und betrat dort die Tourismus-Auskunft. Eine freundliche Dame nannte mir die Adresse der Herberge. Zudem kaufte ich einen Stadtplan, um mich besser orientieren zu können. Ich markierte als Erstes die Stelle, wo sich die Jugendherberge befinden sollte. Der Weg dorthin war lang und umständlich, aber nach zahlreichen Stopps und Blicken auf die Karte kam ich endlich zu dem Gebäude. Der Bus parkte daneben, von den Jugendlichen war jedoch weit und breit nichts zu sehen. Ich wartete sicher eine Stunde lang, ohne dass sich irgendetwas regte. Enttäuscht machte ich mich auf den Heimweg, da ich mittlerweile einen großen Hunger und Durst verspürte.

    Nachdem ich zuhause, also in unserer Ferienwohnung ausgiebig gespeist hatte, hielt es mich nicht lange dort und ich machte mich erneut auf den Weg zur Jugendherberge. Aber auch jetzt war nichts zu sehen, niemand kam oder ging, und das Gebäude selbst zu betreten traute ich mich nicht. Unverrichteter Dinge trat ich die Heimreise an.

    Am nächsten Tag fuhr ich wieder zur Jugendherberge, war jedoch vermutlich zu spät dran, denn der Bus war verschwunden und auch nach mehreren Stunden des Wartens, erschien kein bekanntes Gesicht. Ich ärgerte mich jetzt, so viel Zeit meiner Ferien mit dieser nervtötenden Warterei zu verbringen. Aber es nützte alles nichts, der Drang, irgendwie noch an meine Hosen zu kommen oder sie auch nur noch einmal zu sehen war größer als alle rationalen Überlegungen diesbezüglich.


    Das gleiche Spiel absolvierte ich daher auch am Tag darauf, ich fuhr, diesmal früher, mit dem Fahrrad zur Jugendherberge. Zum Glück ließen meine Eltern mir freie Hand und kümmerten sich nicht darum, wie oder wo ich meine Tage verbrachte. Von den Jugendlichen fehlte aber auch jetzt wieder jede Spur. Nur einige Bedienstete, Reinigungskräfte betraten nach einer Weile das Gebäude und machten sich an die Arbeit. Durch die Fenster konnte ich sehen, wie Flure geschrubbt wurden, Müllsäcke wurden nach draußen getragen, wo sie seitlich des Hauses in große Container geschmissen wurden. Das brachte mich auf die Idee, dass die Jungen ja sicher keine Verwendung mehr für die Hosen gehabt haben dürften, und nachdem sich im Nachhinein sicher aufgeklärt hatte, dass sie weder von einem ihrer Mitschüler noch von einem der Betreuer waren – was läge da näher, als sie wegzuwerfen.

    Ich wartete Zuhause die Dunkelheit ab, bevor ich mich aus unserer Wohnung schlich, während meine Eltern vor dem Fernseher saßen. Ich fuhr wieder zur Jugendherberge – den Weg kannte ich mittlerweile recht gut und konnte ihn auch im Dunkeln auf anhieb finden.

    Diesmal hatte ich mich zudem vorbereitet und sowohl eine Taschenlampe als auch einen längeren Stock mitgebracht. Es waren insgesamt zwei große Restmüllcontainer vorhanden. Ich vermutete mal, dass die Hosen, wenn sie weggeworfen worden waren, am ehesten darin zu finden sein müssten. So leise wie möglich öffnete ich den Deckel der ersten Tonne. Sie war etwa halbvoll, wobei der Inhalt aus mal mehr, mal weniger vollen Kunststoffsäcken bestand. Ich meinte, mich zu erinnern, dass die Damen am Vormittag höchstens 10 dieser Säcke hinausgebracht hatten und die Hosen sich wenn überhaupt, in diesen befinden müssten. Ich nahm den erstbesten Sack heraus, trug ihn ein paar Meter weiter und kippte ihn einfach auf dem Boden eines Parkplatzes aus. Mit dem Stock zerteilte ich den Haufen und leuchtete mit der Taschenlampe darauf, wobei ich mich immer wieder umsah, ob nicht jemand auf meine Tätigkeit aufmerksam geworden war. Der Müll bestand fast ausschließlich aus leeren Getränkedosen (Recycling wurde zu dieser Zeit noch nicht so stark betrieben, vom Einwegpfand, das viele Jahre später einmal kommen sollte, ganz zu schweigen), Verpackungen von Süßigkeiten und einigen vereinzelten Taschentüchern– genau dem, was zu erwarten war, wenn eine Gruppe Jugendlicher ihren Müll entsorgte. Eine der Hosen fand ich jedoch nicht.

    Als ich den nächsten Sack aus der Tonne heben wollte, fiel mir auf, dass dieser nicht nur eine andere Farbe hatte, sondern auch deutlich schwerer war als sein Vorgänger. Ich leuchtete mit der Lampe von oben hinein und erkannte sofort, dass es sich hier um einen Abfallsack aus der Küche handeln musste. Hier würde ich sicher nichts finden. Ich ließ den Sack unangetastet wieder in die Tonne gleiten. Folglich konnte ich meine Suche auf die leichteren, andersfarbigen Säcke konzentrieren, die aus dem Unterkunftsteil der Jugendherberge stammen mussten. Und wie recht ich hatte: Bereits im zweiten der Säcke fand ich insgesamt zehn Hosen. Leider war das auch schon alles, die restlichen Säcke enthielten nur den üblichen Müll. Ich stopfte die Hosen in eine Einkaufstüte, die ich ebenfalls mitgebracht hatte und machte mich mit meiner Beute auf den Heimweg. Ich war mir sehr sicher, alle in Frage kommenden Müllsäcke kontrolliert zu haben. Zehn Hosen hatte ich, was hieß, dass noch zwei Hosen fehlten. Welche das waren, würde ich wohl erst am nächsten Tag herausfinden, denn da wollten meine Eltern einen Museumsbesuch abhalten, von dem ich mich bereits ausgeschlossen hatte und somit ein paar Stunden in der Wohnung ungestört war.


    Am Tag darauf war ich tatsächlich allein und breitete die Hosen auf dem Boden des Badezimmers aus. Eine der drei einfarbig schwarzen Hosen fehlte, ebenso wie die dunkelblaue mit den weißen Paspeln an den Seiten.

    Ich wusch die Hosen gründlich im Waschbecken, Waschmittel hatte meine Mutter vorsorglich mitgebracht, da im Urlaub meistens mal was ausgewaschen werden musste. Die – tatsächlich wieder sauberen – Hosen hängte ich im Garten der Anlage auf die Leine. Dort konnten die Bewohner mehrerer Ferienwohnungen Wäsche aufhängen, so dass meine Eltern keinen Verdacht schöpfen würden, zumal die Leinen nicht in direkter Nähe unserer Wohnung gespannt waren.

    Ich entschied, nicht noch einmal vor der Jugendherberge zu warten oder die Müllcontainer daneben zu durchsuchen. Die zwei übrigen Radlerhosen musste ich wohl oder übel auch als Verlust abschreiben. Wer weiß, wann und wo die Jungs diese Hosen entsorgt hatten. Das dachte ich zumindest, bis ich einige Tage später wieder einmal am Strand war. Dort war ebenfalls wieder die Gruppe von Jugendlichen mit ihren Betreuern. Ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, dass zwei der Jungen Radlerhosen trugen, und zwar ganz genau eine schwarz-glänzende und eine dunkelblaue mit je einem dünnen weißen Streifen außen. Das waren meine Hosen – und diese Jungen hatten ganz offensichtlich entschieden, sie zu behalten. Um so bemerkenswerter war, dass die Jungs wieder Fußball spielten, aber keiner der anderen eine Badehose zu tragen schien. Irgendwann erst gingen einige zu ihren Badetüchern und zogen sich um. Auch die beiden mit den Radlerhosen zogen diese aus – und sie hatten tatsächlich kurze Badehosen darunter an gehabt.


    Ich überlegte kurz, ob ich versuchen konnte, während die Kinder im Wasser waren, an ihren Sachen vorbei zu gehen und die Hosen an mich zu nehmen. Einer der beiden hatte seine Kleidung, derer er sich soeben entledigt hatte, achtlos auf sein Badetuch fallen gelassen. Ich konnte die dunkelblaue Radler mit den weißen Seitenstreifen auf dem Boden liegend erkennen. Der andere Junge, der die schwarze Hose getragen hatte, war jedoch mehr auf Ordnung bedacht und räumte seine Kleidung Stück für Stück in seinen Rucksack, den er sorgfältig verschloss und zu guter Letzt noch ein weiteres Handtuch darüber legte, dass der Rucksack darunter verborgen war. Vermutlich hatte er Wertsachen darin und wollte sichergehen, diese in Anbetracht der Umstände so schwer wie möglich erreichbar zu machen.

    Ich selbst hatte bislang noch auf der gleichen Bank nahe des Eingangs zu Strandabschnitt gesessen, auf der ich auch knapp eine Woche zuvor meine Hosen unters Volk gebracht hatte. Ich beobachtete die Gruppe noch eine Weile – die meisten Kinder waren mittlerweile im Wasser und achteten nicht auf ihre Sachen am Strand. Aber – natürlich – waren noch einige Personen an Land geblieben, mehrere Kinder, die in kleine Grüppchen zusammensaßen und sich unterhielten und natürlich eine Aufsichtsperson. Neben den Mitgliedern dieser Reisegesellschaft waren außerdem noch „Fremde“ am Strand, die aber glücklicherweise einen relativ großen Abstand zu der lautstarken Schar von Jugendlichen einhielten. Ich überlegte mir einen Plan, wie ich zumindest die offen daliegende dunkelblaue Hose an mich nehmen konnte. Dabei kam mir sehr gelegen, dass das Handtuch des Jungen außen im Bereich der Fläche, die von den Kindern in Beschlag genommen worden war, lag. Hätte es weiter innen gelegen, wäre es doch sehr auffällig, wenn sich jemand den Weg dorthin bahnte, zumal die Handtücher allesamt dicht an dicht lagen, außen um die Gruppe herum jedoch meterweit Platz war. So aber konnte ich sogar im Rücken der meisten dort verweilenden Personen entlang gehen und das Handtuch von außer erreichen. Am meisten Sorge machte mir der Mann, der seitlich der Gruppe saß und seinen Blick immer wieder über das ganze Areal schweifen ließ. Zwischenzeitlich blickte er aber auch schon mal auf das Meer hinaus.

    Mein Plan war es, einige Sachen aus meinem Rucksack zu nehmen und diese zu tragen, während ich den Rucksack geschultert hatte, und dann, während ich an diesem besagten Handtuch vorbei ging, etwas von meinen Sachen, ein kleineres Handtuch zum Beispiel, fallen zu lassen, um es daraufhin wieder aufzuheben und dabei, so hoffte ich, unbemerkt meine Hose aufsammeln zu können. Ich war hin und hergerissen, der Aufseher beunruhigte mich doch so sehr, dass ich mich bislang nicht getaut hatte, loszugehen.


    Ich wartete und wartete – sicher schon 10 oder 15 Minuten, mit präparierten Klamotten in den Händen, aber das Risiko war mir einfach zu hoch. Ich fürchtete schon, jedem Moment könnten die Jugendlichen wieder aus dem Wasser zurückkommen und zu ihren Lagerplätzen gehen, da kam mir ein glücklicher Zufall zur Hilfe. Eines der Kinder im Meer kam mit schmerzverzerrtem Gesicht an Land gehumpelt, es war auf irgendetwas scharfkantiges getreten und hatte sich am Fuß verletzt. Beide Betreuer, sowohl die Frau, die mit im Wasser gewesen war, wie auch der Mann vom Strand, eilten zu dem Jungen, um sich die Wunde anzuschauen und diesen zu stützen. Auch die übrigen Personen am Strand verfolgten das Geschehen wie gebannt. Ich jedoch gab mir einen Ruck und führte meinen Plan aus. Mein Handtuch fiel zwar mehr als einen halben Meter von der Radlerhose entfernt auf das Strandtuch des Jungen, doch machte ich beim Aufheben eine wischende Bewegung, bei der ich erst mein Handtuch griff und dieses noch ein gutes Stück flach über den Boden bewegte, um auch noch die Hose zu erwischen. Ich hatte Glück und es gelang mir auf Anhieb. Und das Beste dabei war, niemand nahm auch nur Notiz von mir. Einen kurzen Moment lang überlegte ich, mich auch noch an den Rucksack des zweiten Jungen zu begeben, aber wie ich aus dieser Nähe sehen konnte, lag er nicht am äußeren Rand. Ich hätte mindestens über ein Strandtuch hinweg steigen müssen. Und dann? Entweder hätte ich mich hinknien müssen, unter dem Tuch, welches auf dem Rucksack lag, nach dem Verschluss (war es ein Reißverschluss oder ein Klickverschluss?, hatte der Rucksack nur ein oder mehrere Fächer?) tasten müssen. Viel zu zeitaufwändig, unsicher und auffällig. Alternativ hätte ich mir das ganze Paket, den Rucksack samt darübergebreitetem Handtuch nehmen können. Aber auch das wäre viel zu auffällig, und so zwang ich mich, ruhig weiterzugehen. In einiger Entfernung wandte ich mich zur Seite und schlug einen Weg in die Dünen ein, wo ich mich, vom Strand aus ungesehen, wieder dem Lagerplatz der Jugendgruppe näherte. Ich kroch zwischen hohen Grasbüscheln entlang, bis ich einen guten Blick auf den Strand hatte. Das Handtuch, von dem ich die Hose genommen hatte, befand sich keine 10 Meter von mir entfernt. Der verletzte Junge war mittlerweile von den Betreuern zu einer der Bänke geführt worden, wo er weiter verarztet wurde.


    Ich kroch wieder etwas zurück, wo ich mir in Ruhe die zurückeroberte Hose anschaute. Sie schien ein paar, wenn auch nur leichte Gebrauchsspuren mehr zu haben. Besonders am Po und dem hinteren Teil der Beine war der Stoff minimal angeraut, aber weiß Gott, das waren ganz normale Gebrauchsspuren. Sie war noch viel besser in Schuss als die royalblaue Hose, die der dicke Junge dieser Tage getragen hatte. Nach dem Waschen hatte ich bemerkt, dass diese Hose einige Schäden aufwies, die Nähte waren an mehren Stellen aufgegangen und der Stoff war teilweise ausgebeult und ging gar nicht mehr richtig in seine Form zurück. Nun gut, das ist eine andere Geschichte, hier ging es nun um diese Hose, die mir ebenfalls sehr am Herzen lag. Ich konnte nicht anders, und führte die Hose an meine Nase. Nicht unangenehm. Ich fand, die Hose roch ein wenig süßlich, nach Sonnencreme und einem schwachen Körpergeruch, und alles in allem war das recht angenehm. Ich schnüffelte noch eine ganze Weile daran, vergrub meine Nase im Stoff und kuschelte ein wenig damit. Dabei dachte ich daran, wie der Junge die Hose vielleicht an mehreren Tagen, zumindest aber heute an seinem Körper getragen hatte, wie sie jede seiner Bewegungen mitgemacht hatte und seinen Geruch aufgenommen hatte.

    Die Geräusche der zurückkehrenden Kinder rissen mich aus meinen Gedanken und meiner Glückseligkeit. Schnell verstaute ich die Radlerhose in einer mitgebrachten Kunststofftüte und verstaute diese in meinem Rucksack. Dann kroch ich wieder zwischen zwei Dünen durch das hohe Gras zu meinem Beobachtungsposten. Die meisten der Jungen waren grade in Begriff, sich abzutrocknen. Ich beobachtete natürlich denjenigen, dessen Hose ich genommen hatte. Nachdem er sich erst ein T-Shirt und dann eine Unterhose angezogen hatte, ließ er das Handtuch, das er bis dahin um die Hüften geschlungen hatte, neben die kurz zuvor ausgezogene Badehose fallen. Er suchte auf dem Boden nach seiner Hose, konnte diese aber nicht finden und schlang sich nach einer Weile wieder das Tuch um und fragte seine Nachbarn, ob sie seine Hose gesehen hätten. Niemand konnte ihm helfen. Der Mann wurde hinzugerufen und ihm wurde das Anliegen geschildert. An alle gerichtet fragte er laut: „Hat jemand von euch Stefans Hose gesehen oder versehentlich eingesteckt?“ Nach kurzer Rücksprache mit dem Jungen, der nun also einen Namen besaß, ergänzte er: „Es geht um eine dunkelblaue Sporthose mit dünnen weißen Streifen links und rechts auf der Seite. Guckt mal bitte alle nach, ob ihr was findet. Auf dem Zettel drinnen steht Stefans Name, also kann man sie eigentlich nicht verwechseln“. Die Kinder suchten den Boden ab, hoben Strandtücher an und schauten darunter und wühlten in ihren Taschen. Aber auch trotz einer ganzen Weile dieses emsigen Suchens wurde die Hose nicht gefunden – wie denn auch, da sie ja sicher in meiner Obhut war.


    Jetzt ging mein Blick hinüber zu dem Jungen, der vorhin seine Kleidung, darunter die schwarze Radlerhose, so sorgfältig in seinem Rucksack verstaut hatte. Dieser trug nun eine andere Hose, eine weite Shorts mit Tarnmuster. Er hielt die schwarze Radler hoch und sagte: „Ich hab nur die hier, ist zwar nicht die Sporthose, die du suchst, aber wenn du willst, kannst du sie haben.“

    „Super, danke!“, sagte der andere Junge, der die ausgestreckte Hose entgegennahm. „Kriegst du sofort wieder, wenn wir zurück in der Herberge sind.“

    „Nein, lass stecken, ich schenke sie dir. Ich fand sie sowieso eher unpraktisch, weil keine Taschen dran sind.“

    „Dann nochmals Danke. Du hast die doch auch vor kurzem von Benny bekommen, oder?“

    „Ja, letzte Woche. Der sagte ja, sie wären gar nicht vom ihm. Komisch nur, dass er sie in seinem Rucksack hatte. Von wem sollen sie denn sonst gekommen sein. Und überhaupt, wieso hatte er so viele von diesen Hosen dabei? Er hat ja die halbe Klasse versorgt. Ist ja schon ziemlich schräg, wenn man mal so drüber nachdenkt.“

    „Der ist doch schwul“, sagte ein anderer Junge, „das sind doch Mädchenhosen, so für Gymnastik und so Kram. Wer einen Rucksack voll damit auf Klassenfahrt nimmt, kann doch nur schwul sein.“

    „Bin ich nicht, du Arsch! Außerdem hab ich schon tausend Mal gesagt, dass ich nicht weiß, woher die Hosen kommen. Meine sind das nicht, ich ziehe so was doch nicht an. Hatte ich auch letzte Woche nicht, falls euch Idioten das nicht aufgefallen ist.“ Das war also Benny, der sprach, eben der Junge, dessen Rucksack seinerzeit neben mir auf der Bank gestanden hatte und von dem nun alle glaubten, dass er der Spender der Radlerhosen gewesen sei.

    „Nee, ist mir nicht aufgefallen“, stänkerte der andere Junge weiter, „vielleicht stehst du ja darauf, zu sehen, wie wir deine Hosen tragen, wenn nichts anderes zum anziehen da ist.“

    „Ganz sicher nicht! Was meinst du, warum ich alle Hosen, die ihr mir letzte Woche gegeben habt, direkt in den Müll geworfen habe? Würde ich sowas machen, wenn ich darauf stehen würde?“

    „Keine Ahnung, vielleicht war es dir nur zu peinlich um es zuzugeben, dass es deine Hosen sind, und deswegen hast du sie weg geworfen? Vielleicht hast du sie dir ja auch abends wieder geholt

    „Lasst ihn doch in Ruhe. Diese Hosen sind gar nicht so schlecht“. Das war Stefan, der Junge, der sich zwischenzeitlich die schwarze Radlerhose angezogen hatte.

    Der Junge, der soeben als schwul beschimpft wurde und bis vor etwa einer Stunde selbst noch ebendiese Radlerhose getragen hatte, schaute an ihm herab und wieder auf und sagte dann, statt sich für die Hilfe zu bedanken: „Der da trägt die Sachen freiwillig, wer ist also hier schwul?“

    Wie zu erwarten wurde jetzt auch Stefan Ziel weiterer Beleidigungen. Der eine Junge fuhr fort, die Aufmerksamkeit von sich selbst auf ihn zu leiten, was ihm auch gelang. Die Situation wurde immer hitziger, was auch dem Betreuer nicht entging. Er gemahnte die Schüler – jetzt wusste ich ja, dass es sich um eine Klassenfahrt handelte – zur Ruhe.


    Der gehänselte Junge, Stefan, wandte sich plötzlich in Richtung der Dünen und kam genau auf mich zu. Schnell rutschte ich zurück, ließ mich den Hang hinab gleiten, bis ich neben meinem Rucksack und dem Handtuch zu liegen kam. Ich tat so entspannt und unbeteiligt, wie nur möglich. Ich konnte hören, wie Stefan auf meiner Seite die Düne hinabging und wenige Meter neben mir entlang kam. Ich blickte zu ihm hinüber und sah, dass auch er mich musterte, vermutlich um zu sehen, ob ich jemand aus seiner Klasse war. Die Erleichterung, als er erkannte, dass ich niemand von seinen Mitschülern war, war ihm anzusehen.

    Ich grüßte ihn mit einem „Hi“.

    Er blieb stehen, nickte und sagte ebenfalls „Hi“.

    Er war ganz offensichtlich unsicher, wie er mit der unerwarteten Freundlichkeit umgehen sollte, nachdem sich kurz zuvor alle gegen ihn verschworen zu haben schienen. Um diesen kurzen Moment des Zögerns nicht ungenutzt verstreichen zu lassen, fragte ich: „Und, auch im Urlaub hier?“

    „So ähnlich“, sagte er, „auf Klassenfahrt“.

    „Bei uns in NRW sind schon Ferien. Woher kommst du, wenn ihr noch Schule habt?“

    „Hier aus Niedersachsen, aber halt nicht von der Küste, sondern aus der Nähe von Braunschweig. Wir haben erst übernächste Woche Ferienbeginn“.

    „Naja“, sagte ich, „aber Klassenfahrt ist doch auch fast wie Ferien“.

    „Sag das nicht“, konterte der Junge. „Das kann ganz schön ätzend sein.“

    „Ist was passiert?“, fragte ich scheinbar unwissend.

    „Ach weißt du“ – er warf einen Blick über die Schulter in Richtung der Düne, die uns vom Strand trennte – „das sind alles Arschlöscher in meiner Klasse“.

    „Bist du deswegen auf der Flucht?“

    „Ja, es ist … sie haben … ach ist doch auch egal“

    „Setz dich doch und erzähl. Das hilft manchmal“

    Ich glaubte, jetzt würde er mich noch einmal kritisch ansehen und dann weitergehen, doch zu meiner eigenen Verwunderung ließ er sich einen Meter neben mir in den Sand sinken, sagte aber nichts.


    „Ich habe eben einen Streit oder so etwas gehört. Ging ziemlich derb zur Sache. Ich schätze mal, das hatte irgendwas mit dir zu tun?“

    „Ja schon“, begann er, „in einem Augenblick ist noch alles in Ordnung, und kurz darauf wird man von allen fertig gemacht, nur wegen einer Hose“.

    Ich stellte mich dumm: „Wegen einer Hose?“

    „Ach, das fing letzte Woche an, wo wir grade angekommen waren. Wir wollten an den Strand, aber der Bus hatte eine Panne und wir konnten nicht an unser Gepäck. Dann hatte einer meiner Mitschüler, der seinen Rucksack mitgenommen hatte, plötzlich einen ganzen Haufen von diesen Hosen dabei, die wir uns ausleihen konnten“. Dabei deutete er auf seine schwarze Radlerhose. „Naja, die meisten nahmen die Hosen nur aus Gruppenzwang, auch wenn sie nicht viel dafür übrig hatten. Egal, später als wir endlich auf unsere Zimmer konnten, waren sie froh, diese Hosen wieder los zu werden, aber Benny, der von dem wir die Hose hatten, wollte sie nicht mehr und behauptete sogar, sie wären überhaupt nicht von ihm. Als ich das mitbekommen habe, habe ich meine Hose einfach behalten und es hat auch niemanden sonst gestört. Benny hat dann alle Hosen, die ihm überreicht worden waren, einfach weggeworfen. Ich hätte sie gerne genommen, muss ich ehrlich sagen, denn ich fand es schade drum, die Hose, die ich selbst an diesem Tag anhatte, gefiel mir sehr. Ich kannte diese Art von Hosen nicht, aber sie fühlen sich sehr gut an, das Material … ach das interessiert dich doch alles nicht“, brach er plötzlich ab, als wäre ihm bewusst geworden, wie peinlich das ganze hätte sein können, wenn ich nicht zufällig eine verwandte Seele gewesen wäre, was er freilich nicht wissen konnte.

    Während er sprach, überkam mich mit einem Mal die Gewissheit, dass er mich doch vor ein paar Tagen unten am Strand gesehen haben musste, wie ich dort direkt neben ihnen auf der Bank gesessen hatte und mich jeden Augenblick wiedererkennen würde. Ich schob den Gedanken beiseite. Wenn er mich dort gesehen hätte und sich noch daran erinnern könnte, dann hätte er schon längst einen Zusammenhang hergestellt. Daher gab ich mir einen Ruck und sagte: „Ach, ich würde schon gerne hören, was noch passierte“, ermunterte ich ihn. Und dann nahm ich meinen Mut zusammen und setzte noch hinzu: „Die Hose, die du anhast sieht doch echt gut aus. Sportlich, bequem, und das Material … keine Ahnung, du wolltest was dazu sagen. Ich finde zumindest, es sieht cool aus, wie es glänzt.“ Uff, das war jetzt draußen und konnte nicht mehr zurückgenommen werden.

    „Meinst du das im Ernst?“, fragte er.

    „Klar“, sagte ich. „Warum sollte ich dir was vormachen?“

    Er überlegte kurz. „Ja, ich finde das Material auch super angenehm. Es fühlt sich so gut auf der Haut an und das Glänzen ist echt der Hammer. Ich würde mich am liebsten selbst minutenlang im Spiegel angucken.“ Er strich mit den Händen über seine Oberschenkel, die unter dem schwarz glänzenden Stoff lagen. „Außer mir behielt noch jemand seine Hose, allerdings nur, weil er immer alles behält, was er in die Finger kriegt und nie genug bekommen kann. Meine Hose war dunkel blau, ein bisschen kürzer als diese hier und hatte dünne weiße Streifen aufgenäht, hier und hier“, dabei fuhr er außen mit den Fingern an den Beinen entlang, genau dort, wo die weißen Paspeln aufgesetzt waren. „Naja, die Hose hatte ich heute noch mal an, diesmal eben nicht als Schwimmhose, sondern als normale Hose, mit was drunter. Als ich mich jetzt vorhin wieder anziehen wollte, war die Hose weg.“

    „Einfach weg?“, fragte ich. „Wie kann das passieren?“

    „Ich denke mal, jemand hat sie geklaut“, sagte er. „Ich war eine Stunde lang im Wasser, die meisten anderen auch, da kann doch jeder an unsere Sachen gehen.“

    „Meinst du es war jemand aus deiner Klasse?“

    „Nein, bestimmt nicht. Die hätten sie vielleicht nass gemacht, wenn sie mich ärgern wollten, oder eine tote Qualle reingestopft … aber mitnehmen … ich denke, keiner von denen kann was damit anfangen, die … haben nichts für diese Hosen übrig. Meinten, das wäre was für Mädchen.“

    „Find ich gar nicht“, wandte ich ein. „Klar tragen Mädchen auch solche Hosen, aber ich würde so was auch anziehen, wenn ich so eine Hose hätte“.

    „Wenn ich noch meine blaue Hose hätte, würde ich dir diese sofort geben“.

    „Echt?“, fragte ich. „Obwohl du dann auch nur zwei von diesen Hosen hättest und mich gar nicht kennst?“

    „Ja. Du bist in Ordnung. Ich glaube, du verstehst, was ich an diesen Hosen mag. Da sind wir uns vermutlich ähnlich. Du hättest die blaue Hose mal sehen sollen, die war … ich kann es gar nicht beschreiben … die war so angenehm und … ach, ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll?“


    Ich versuchte ihn wieder zu seiner ursprünglichen Erzählung zurückzuführen: „Naja, echt schade, dass deine blaue Hose gestohlen wurde. Aber zum Glück hattest du ja noch die schwarze.“

    „Ja, wenn ich mir vorstelle, was jetzt irgend so ein Typ mit meiner Hose macht. Igitt … Nein, ich stand zunächst nur in Unterhose da, ich hatte ja nur diese eine Hose dabei, also die blaue meine ich. Zum Glück hat mir Marc, das war der andere, der letzte Woche die geliehene Hose behalten hat, diese jetzt geschenkt. Wie gesagt, er macht sich nichts daraus, und hätte sie vermutlich nach dieser Klassenfahrt nie wieder angezogen.“

    „Und was ist mit all den anderen Hosen, von denen du gesprochen hast? Du sagst, dieser Benny habe sie weggeworfen. Hättest du die nicht retten können? Er hat sie ja sicher nicht in ein Feuer geworfen.“

    „Das wollte ich sogar, sie aus dem Müll holen. Du hättest das letzte Woche mal sehen müssen. Da waren schwarze Hosen dabei, meine dunkelblaue, eine heller blaue, die Thomas beinahe gesprengt hat, und einige ganz bunte. Wie gern hätte ich die alle gehabt. Stell dir mal vor, das waren bestimmt zehn Stück alles in allem. Aber, ich konnte einfach nicht unbemerkt an den Mülleimer, ständig waren Leute in der Nähe. Als ich dann am nächsten Tag Glück hatte, und ganz allein in der Halle war, wo der Mülleimer stand, in den Benny seine Hosen geworfen hatte, da war er geleert worden. Ein fast leerer Beutel hing darin. Am Tag zuvor war der Sack mehr als halbvoll gewesen.

    „Das ist bitter“, stimmte ich ihm zu. „Ich hätte das echt gerne mit eigenen Augen gesehen. Und natürlich noch lieber mal selber so eine Hose angezogen. Ich weiß gar nicht, wie sich das anfühlt“, log ich. Ich verkniff mir zudem, weiter nachzubohren, warum er denn nicht in den Müllcontainern neben dem Gebäude nachgeschaut hatte, da ich ja nur zu gut wusste, dass er das ohnehin nicht getan hatte.

    „Naja, der Stoff ist einfach der Hammer“, sagte Stefan.

    „Darf ich mal fühlen“, fragte ich vorsichtig.

    „Klar“, sagte der Junge und rückte näher heran. Vorsichtige streckte ich meine Hand vor und legte sie auf sein Bein, strich leicht über den glatten Stoff, der sich sehr warm anfühlte, sei es durch den Körper, der darunter steckte, sei es, durch die Sonne, die den schwarzen Stoff gut aufheizte.

    „Wow“, sagte ich, „das ist … interessant.“

    „Willst du …“, er zögerte, „willst du sie vielleicht mal anziehen?“

    Ich nickte. „Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich das schon ganz gerne versuchen.“

    Er streifte sich die Radlerhose von den Beinen und reichte sie mir rüber. Dann nahm er mein Handtuch, das unweit im Sand lag und schlang es sich um den Leib. „Ich darf doch?“, fragte er, als er schon fast damit fertig war.

    „Natürlich“, sagte ich und begann meine eigene Hose, eine kurze Jeans, aufzuknöpfen und auszuziehen. Ich schlüpfte in die Radlerhose und machte ein paar theatralische Gesten darin, um ein wenig von der peinlichen Situation insgesamt abzulenken.

    Stefan stand nun ebenfalls auf und kam näher. „Wir haben uns übrigens noch gar nicht vorgestellt“, sagte er und brachte mich mit diesem plötzlichen Themenwechsel etwas durcheinander.

    „Äh?“, brachte ich nur hervor.

    „Ich bin Stefan“, sagte Stefan, dessen Namen ich ja offiziell noch gar nicht kennen durfte. Zum Glück hatte ich ihn bisher nicht versehentlich mit diesem Namen angesprochen.

    „Freut mich“, sagte ich und nannte ihm meinen Namen.

    „Nun, XX, die Hose steht dir wirklich gut“, kam er wieder zurück zur eigentlichen Sache. Dabei legte er ebenfalls eine Hand auf den Stoff der Hose, strich mir über das Bein und fuhr dann damit höher und umfasste eine meiner Pobacken damit.

    Mir war das Ganze jetzt sehr unangenehm. Nicht weil er mich so berührte, er hätte seine Hand gerne noch länger dort lassen können, nein, es war die Angst, dass jeden Augenblick jemand über die Düne kommen und uns so sehen könnte.

    Als hätte er mein Unbehagen gespürt, löste Stefan die Berührung und setzte sich wieder hin. Ich wechselte erneut die Hose und gab ihm die schwarze Radler zurück. Wir saßen eine Weile schweigend da, bis jenseits der Dünen ein Tumult zu vernehmen war. Stefans Name wurde gerufen. Es schien, als sammelten die Betreuer die Klasse, um sich auf den Aufbruch vom Strand vorzubereiten. Stefan erhob sich, wieder in die schwarze Hose gekleidet: „Dann werde ich wohl oder übel in die Höhle des Löwen gehen müssen, es führt ja kein Weg dran vorbei“.

    „Warte“, sagte ich. „Wir können ja vielleicht unsere Adressen austauschen, dann können wir uns mal schreiben.“

    „Klar“, sagte er.


    Ich öffnete vorsichtig meinen Rucksack, so dass die Tüte mit der blauen Radlerhose nicht zufällig herausfallen oder aufgehen konnte, und damit alles zerstören würde und zog einen kleinen Block und einen Bleistift heraus. Er gab mir seine Daten und ich versprach ihm, zu scheiben, so dass er meine Adresse ebenfalls bekäme. Dann verabschiedete er sich und wandte sich zum Gehen. Ich gab mir einen Ruck und gab ihm einen Klaps auf den Po, wobei ich meine Hand ein paar Augenblicke lang auf seinem Hintern ruhen ließ. Er grinste mir zu und dann begann er die Düne zu erklimmen. Bald schon war er verschwunden.

    Ich ließ mich zurück in den Sand sinken und lag dort, wie lange kann ich nicht sagen, ein, zwei Stunden möglicherweise, und versuchte, das Geschehene zu verarbeiten. Es kam mir sonderbar unwirklich vor, bei manchem war ich mir nicht sicher, ob ich das tatsächlich vorhin erlebt hatte oder ob es nur ein Traum war, so unglaublich war das Gefühl, allein bei der Erinnerung daran.

    Irgendwann raffte ich mich auf und robbte wie vorsichtig an den oberen Rand der Düne. Der Strandabschnitt davor war leer, die Klasse war nicht mehr da. Ich stolperte zurück zu meiner Tasche und nahm die blaue Radlerhose aus dem Beutel. Wieder hielt ich sie mir ans Gesicht, schnupperte daran und dachte an Stefan, der seinen Namen tatsächlich auf den Waschzettel, der hinten in der Hose eingenäht war, geschrieben hatte. Es war, als hätte er die Hose damit in seinen Besitz genommen. Sicher, ich hatte die Hose von seinem Strandtuch genommen, was faktisch ein Diebstahl war, aber eigentlich war es ja immer meine Hose gewesen. Aber jetzt, wo ich seinen Namen auf dem Zettel las, fühlte ich mich seltsam schuldig. Das war nicht mehr meine Hose, sie gehörte einzig und allein Stefan.

    Noch im Urlaub setzte ich mich hin und schrieb ihm einen Brief, wobei mir schwerfiel, irgendetwas zu Papier zu bringen. Zunächst versuchte ich es mit Belanglosigkeiten, das Wetter, das Essen usw. Dann schrieb ich, dass ich beim nächsten Einkauf meine Eltern davon überzeugen wollte, mir eine oder mehrere Radlerhosen zu kaufen. Ich konnte ihm ja nicht schreiben, dass ich schon jede Menge dieser Hose besaß, da ich mich ihm gegenüber vollkommen ahnungslos gegeben hatte. Ich schickte den Brief ab und fragte mich, ob Stefan überhaupt darauf antworten würde, wenn er erst einmal Zeit gehabt hatte, über die Geschehnisse am Strand nachzudenken. Womöglich kam er ja zu dem Schluss, dass es besser sei, die Sache zu vergessen und sich nicht bei mir zu melden.


    Für mich ging der restliche Urlaub schnell vorbei und ich freute mich sogar in gewisser Weise auf Zuhause. Dort warteten weitere Lycraklamotten auf mich. Wenige Tage nach meiner Rückkehr erhielt ich dann tatsächlich den ersehnten Brief. Es hatte ihm doch gefallen und er erinnerte sich gerne an unsere Begegnung in den Dünen. Neben dem Brief fand sich noch ein Foto im Umschlag, dass Stefan in der schwarzen Radlerhose zeigte. Ich war sprachlos angesichts dieser Geste von ihm. Ich antwortete ihm umgehend und berichtete ihm von einer Story, die ich erfunden hatte, um ihm auf diesem Weg mitzuteilen, dass ich jetzt auch im Besitz einiger Radlerhosen war. (In unserem Stadtteil war neulich ein Flohmarkt, und ich wäre zufällig an einem Stand über Radlerhosen gestolpert, die dort für 3 Mark das Stück angeboten wurden. Ich hätte direkt den ganzen Bestand – es wären nicht nur ein paar, sondern 15 Stück gewesen – sowie gleich auch noch ein paar längere Hosen aus dem gleichen Stoff, Leggings genannt, gekauft). Ich wollte ich ihm ein paar meiner Hosen zuschicken. Ich musste natürlich genau darauf achten, dass ich nicht zufällig eine der Hosen nahm, die er bereits im Urlaub gesehen hatte. Bei einfarbig schwarzen wäre das noch ok gewesen, die sehen schließlich fast alle gleich aus, aber bei den bunt gemusterten wäre es doch sehr seltsam gewesen, wenn so ein äußerst seltenes Muster zufällig zweimal auftaucht. Zum Glück hatte ich noch genügend andere Hosen, die ich nicht mit in den Urlaub genommen hatte, aus denen ich auswählen konnte. Ich schickte Stefan ein Päckchen, indem sich fünf Radlerhosen und zwei Leggings befanden, die ich ihm zum „Testen“ zur Verfügung stellte. Er war begeistert und schrieb mir, dass er die Hosen jeden Tag tragen würde – wenn auch meist unter einer anderen Hose, damit seine Eltern oder Mitschüler nichts davon mitbekämen. Außerdem tauschten wir regelmäßig Fotos aus, worauf wir die verschiedenen Hosen präsentierten. Es erzeugte in mir jedes Mal aufs Neue ein Kribbeln, wenn ich sah, wie er eine meiner Hosen trug.

    Zu meiner Überraschung bekam ich ein paar Monate später selber ein kleines Paket. Stefan hatte mir mehrere Hosen, Radler und auch Leggings geschickt, aber allesamt andere als die, die ich ihm zugesandt hatte. Auch er hatte mittlerweile seine Quellen und wollte seine Schätze mit mir teilen.


    Epilog:

    Seit diesem Urlaub sind einige Jahre vergangen und Stefan und ich sind älter geworden, nicht mehr die Jugendlichen, die wir einst waren. Regelmäßig schickten wir uns gegenseitig Klamotten aus Lycra, tauschten unsere Sachen und erweitern ständig unseren Bestand. Bei manchen Lieblingsstücken war es nicht leicht, diese wegzugeben, aber das Gefühl, dass der andere sie ebenso gerne tragen wird, und die Aussicht, ein paar schöne Fotos davon zu bekommen, versüßten einem den Verlust. Zu einem weiteren Treffen ist es übrigens nie gekommen, wir schrieben uns nur und teilten uns eine gemeinsame Lycragaderobe. Irgendwann riss dieser Kontakt dann ab, ohne dass ich sagen könnte, ob ein konkreter Grund dafür vorgelegen hatte. Das ist jetzt auch schon recht lange her, und ich weiß tatsächlich nicht, wer zuerst aufgehört hatte, dem anderen zu antworten. Vor einigen Jahren packte es mich dann doch noch mal, in erster Linie aus Neugierde, und ich schrieb einen kurzen Brief an die altbekannte Adresse. Dieser kam zurück, da der Empfänger verzogen sei. Eine Suche im Internet, dass zwischenzeitlich Einzug in den Alltag gefunden hatte, brachte mir kein brauchbares Ergebnis, als ich nach seinem vollständigen Namen recherchierte. Vielleicht, so ein Gedanke von mir, ist Stefan seiner Liebe zu Lycra treu geblieben und ist hier im Forum, ob als angemeldeter Nutzer oder nur als anonymer Gast. Vielleicht liest Du diesen Beitrag und erinnerst Dich an das, was Du selbst davon erlebt hast. Gewiss, manches davon habe ich ergänzt, um es unterhaltsamer zu machen, das kannst Du also nicht wissen. Und das übrige, das, was ich mich nie getraut habe, es Dir zu sagen … sieh es als Geständnis an.


    Die dunkelblaue Radlerhose mit den weißen Streifen habe ich übrigens seit dem nie wieder getragen. Ich bewahre sie nach wie vor in dem Beutel auf, und wenn man daran riecht, ist immer noch der Geruch eines Sommertages am Strand darin zu entdecken. Diese Hose ist mein kostbarster Besitz, denn sie ist eine materielle Erinnerung an den vielleicht schönsten, sicher aber interessantesten Tag meines Lebens.

  • Tolle Geschichte, und schön geschrieben.

    Otterndorf und die Jugendherberge kenne ich auch sehr gut, ich und meine Familie

    haben dort auch oft Urlaub gemacht. :) wo wir noch in der Region Hannover gewohnt haben.

    Aber jetzt wohne ich direkt an der Elbmündung und von mir nach Otterndorf sind es nur 16 km.

    Beim lesen deiner Geschichte hatte ich immer die passenden Bilder vorm Kopf. :)


    Lg Thor :):)

  • Schön zu lesen.


    Am meisten aufgefallen ist mir übrigens die Tatsache, dass der Ich-Erzähler die Jugendherberge ausfindig macht und dort von den Müllcontainern die Müllsäcke nach seinen Hosen filzt.

    Und dann auch noch fündig wird. Ist dieser Teil wirklich passiert?

  • So, jetzt habe ich mir mal alles zu Gemüte geführt.

    Ein gelungener Einstand, würde ich mal behaupten.

    Schützenhilfe für einen angehenden Lycrafan, ein kurzer aber gefühlsintensiver Austausch, danach einige Jugendjahre mit Lycratausch. Schön zu lesen.


    Die bildliche Beschreibung der Umgebung zu Anfang schafft entsprechende Atmosphäre. Man riecht direkt die Mischung aus Salzluft, angespültem Seetang und gelegentlichen Schwerölabgasen in der warmen Sommerluft.


    Nach dem ersten Drittel dachte ich "wie kommt er aus dieser Situation bloß wieder heraus? Den kompletten Fundus an Radlerhosen verloren?" Aber dann fügt sich doch (fast) alles wieder zusammen.


    Auch wenn die Moderatoren bei der letzten Dünenszene wohl kurz die Luft angehalten hatten, glaube ich dass alles geschilderte Ok ist. Derartige unterschwellig erotische, aber dennoch völlig unschuldige Situationen haben bestimmt viele von uns in der Jugend mal erlebt.


    Ich jedenfalls kann die Ereignisse, ganz gleich was davon Real passierte und was "ausgeschmückt" wurde, sehr gut nachvollziehen.

    Besonders auch deine Erklärung im Epilog. Ich wünsche dir, dass "Stefan" das liest und sich wieder erkennt.

  • Hallo,


    freut mich, dass es euch gefällt. Und schön, dass es hier jemanden gibt, der dort ganz in der Nähe wohnt und somit tatsächlich in etwa die gleichen Bilder vor Augen hat, wie ich in meiner Erinnerung. Das ging mir mal ganz ähnlich bei einer amerikanischen Schriftstellerin, bei deren Familie ich einmal als Gast für zwei Wochen untergebracht war. Zu der Zeit war sie natürlich noch keine Autorin sondern ging noch zur Schule. In einem autobiografischen Roman beschreibt sie unter anderem, wenn auch leider nicht so ausführlich, wie ich es mir erhofft hatte, ihr damaliges Heim. Eigene Erinnerungen in einem fremden Buch wiederzufinden ist ein seltsames Gefühl. Naja, das schweift jetzt vom Thema ab.


    Wie gesagt, ich verrate nicht, was alles wahr war und was nicht. Das würde doch die Illusion rauben.


    Was die "etwas sensibleren Szenen" betrifft, habe ich mir immer vor Augen gehalten: Wie wäre wohl die FSK Einstufung, wenn das ganze als Film erscheinen würde. Ich denke, sowas wie bei mir wäre durchaus Primetime-tauglich, sprich also in der Regel FSK 12. Falls es doch zu grenzwertig sein sollte, gebt mir auf jeden Fall bescheid, damit ich bei weiteren Geschichten darauf achten kann.

  • Hallo Graf,

    das hast du schön und Bildlich geschrieben und hat mir sehr gefallen, sowas habe ich in meiner Jugend vermisst. Ich wäre froh ich hätte so einen Stefan oder einen XX mal getroffen. Aber heute haben wir ja das Forum hier, leider aber nicht zum anfassen.

    Sehr tolle Geschichte die nach mehr von dir ruft und freue mich noch mehr von dir zulesen.

    lieben Gruß

    Lisa-Marie

    Lisa-Marie mag enganliegende Kleidung am liebsten von Kopf bis Fuß