Karneval mit Folgen

  • So, Freunde des flexiblen Glitzerstoffs, ihr habt es endlich geschafft. Allen voran Lycwolf und bigshadowman. Ihr habt mich dazu gebracht, eine neue Geschichte zu schreiben und diese häppchenweise zu veröffentlichen. So kann man schon mal was zeigen, wobei das Ende noch lange nicht fertig ist ... die eine oder andere Kritik beherzigen ... und in Ruhe weiterschreiben. Zum Lesen finde ich es persönlich auch angenehmer, wenn man nicht auf einen Schlag einen 20.000 Wörter Moloch vorfindet, den zu lesen man dann doch lieber auf ein andermal verschiebt.


    Da die fünfte Jahreszeit mit großen Schritten näher kommt, dachte ich mir, wäre es doch ganz passend, etwas mit dem Thema Karneval zu schreiben. Der Protagnist dieser Geschichte ist Boris, einer junger Mann, der aus dem hinterweltlerrischsten Kuhkaff kommt, das man sich nur vorstellen kann und von Lycra bislang nicht die Spur einer Ahnung hatte. Ich weiß, da fängt es schon an, unglaubwürdig zu werden, aber ich bitte um Nachsicht.


    Teil 1: (in dem übrigens kein einziges Stück Lycra vorkommen wird - ihr braucht es also nicht zu lesen. 8o Doch, solltet ihr aber, denn sonst wisst ihr ja in Teil 2 gar nicht, worum es geht.)


    Es war Anfang Februar, als Boris einige denkwürdige Erfahrungen machte, die sein weiteres Leben nachhaltig verändern sollten. Er war 19 Jahre alt und seit Herbst vergangenen Jahres Student der Germanistik und Geschichte an der Universität Bonn.

    In der Stadt hatte er ein kleines Zimmer, seine erste eigene „Wohnung“, seit er aus seinem Heimatort, einem winzigen Dorf im Nirgendwo nach seinem Abi hierher gezogen war. Er war so froh, der Enge und Rückständigkeit seines früheren Lebens entkommen zu sein. Seine Eltern betrieben ein kleines Lebensmittelgeschäft, einen typischen Tante-Emma-Laden, wie es sie nur noch in wirklich abgelegenen Gegenden gibt, wo keine Supermarktkette gute Absatzchancen wittert. Nach der Schule musste er im Laden mithelfen, am Wochenende verbrachte er viel Zeit im Lager oder half bei der Buchhaltung. Zeit für Freunde oder auszugehen, blieb da nicht viel. Und wo hätte er auch groß hingehen können? Ohne Auto, in einem Ort mit nur einer Kneipe, die ohnehin als Stammlokal von eher betagten Männern belagert wurde.

    Auch wenn die Stadt Bonn vergleichsweise klein ist, eben kein Berlin oder München, erschienen Boris die Möglichkeiten, die sich ihm hier boten, fast unbegrenzt. Anfangs hatte er seine Schwierigkeiten, Kontakte zu knüpfen. Sein bester Freund von Kindertagen an war der Sohn eines Bauern, der selbst diesen Beruf gewählt hatte und den Hof seines Vaters übernehmen würde. Die Welt der Studenten war etwas gänzlich anderes. Man traf sich in Übungsgruppen in der Cafeteria, Unterhaltung und Spaß waren oft wichtiger als Ehrgeiz.

    Boris hatte diese Kombination aus Studienfächern gewählt, weil ihm diese Fächer, Deutsch und Geschichte schon in der Schule am meisten lagen. Hier stellte er nun fest, dass besonders in der Germanistik der Anteil der weiblichen Studenten ungleich höher war. In manchen Seminaren mit 25 Teilnehmern saßen maximal fünf Männer. Seine mangelnde Erfahrung versuchte Boris zunächst einfach dadurch zu verbergen, indem er sich sehr wortkarg gab. Nie machte er den ersten Schritt, immer wurde er von anderen angesprochen, wenn es etwa um ein gemeinsames Referat ging, das vorbereitet werden sollte, oder eben um die besagten Übungsgruppen.


    Seine Gruppe, die sich ein, zwei mal wöchentlich traf, um Vorlesungen nachzuarbeiten und sich auf kommende Prüfungen vorzubereiten, bestand aus insgesamt 6 Personen. Neben ihm selbst waren vier Frauen und ein Mann dabei. Der Mann, Malte, war ein bereits etwas älterer Student von 28 Jahren. Er hatte anscheinend schon einige Studiengänge ausprobiert, kam aber bei keinem so richtig voran. Beinahe klischeehaft hatte er zudem lange Haare, eine John-Lennon-Brille und bevorzugte Klamotten im Hippie-Style. Bei den Mädels gab es zum einen die Wortführerin, die die Gruppe ihrer Zeit zusammengestellt hatte. Eine ehrgeizige, leicht korpulente Studentin namens Melanie, die ebenfalls eher alternativ gekleidet herumlief und sich im Allgemeinen wenig aus ihrem Äußeren machte. Ein Damenbart zierte ihre Oberlippe, die krausen Haare waren in einem unscheinbaren dunkelblond und splissig. Sie war auch die Einzige, die bei ihren Treffen immer wieder zurück auf fachliche Themen kam. Zwei der anderen Mädels kannten sich schon von Kindertagen an und waren jetzt, ähnlich wie Zwillingsschwestern, immer und überall zu zweit zu sehen. Sie sahen sich sogar ein wenig ähnlich, obwohl sie nicht miteinander verwandt waren. Ihre Namen waren Linda und Deborah, aber Boris konnte sich nie merken, wer von ihnen wer war, wie es auch bei richtigen Zwillingen passieren konnte. Er hatte sich schon gefragt, ob sie sogar gemeinsam aufs Klo gingen, da er sie eigentlich noch nie einzeln gesehen hatte? Überdies teilten sie sich eine Wohnung. Zu ihren herausstechenden Eigenschaften gehörte, dass sie über jeden männlichen Studenten, der an ihnen vorüber kam, tuschelten und ihn gewissermaßen analysierten. In ihrer Nähe fühlte sich Boris ähnlich unwohl wie neben der Ehrgeizigen, auch wenn diese hier deutlich hübscher waren.


    Die letzte in der Gruppe hieß Silvia und war auch eher still, daher wusste Boris nur wenig über sie. Optisch war sie unscheinbar, bei Weitem nicht unansehnlich, aber doch irgendwie eine graue Maus. Dennoch hatte sie einen gewissen Reiz, fand er. Schlank, vielleicht nicht ganz so kurvig, wie es sich die meisten Männer wünschten, kaum oder gar nicht geschminkt, aber dennoch: Auf ihre Art wirkte sie auf Boris recht anziehend.

    Bei ihren Treffen warf er Silvia immer wieder Blicke zu, versuchte, sie zu beobachten, ohne dass es ihr oder den übrigen auffiel. Meist trug sie enganliegende Jeans, lange Pullis, die ihr bis zu den Oberschenkeln hinabreichten, aber doch recht eng geschnitten waren, so dass man die mädchenhaft flachen Brüste deutlich darunter erahnen konnte. Da es aktuell das Wintersemester war, trug sie Stiefel aus Wildleder, die vermutlich mit Fell gefüttert waren. Boris erregte das, die engen Hosen, die sie in die Stiefel steckte. So etwas kannte er aus seiner Schulzeit nicht wirklich. Gerne hätte er Silvia einmal berührt oder zumindest einen Blick auf ihren Po geworfen, den er noch nie zu Gesicht bekommen hatte, da immer ein Pullover oder zusätzlich ein Mantel drüber hing, wenn sie sich trafen.

    Nun neigte sich das Semester dem Ende zu, die meisten Klausuren waren bereits geschrieben und die Vorfreude auf die kommenden Semesterferien ergriff von allen besitz. Flyer, die zu einer Party einluden, machten die Runde, gerade zu einem Zeitpunkt, als Boris mit seiner Gruppe beisammen saß und lernte. Irgendwer schlug vor, dass sie doch gemeinsam dort hingehen könnten. Das stieß auf allgemeine Zustimmung. Boris war bislang noch auf keiner Studentenparty gewesen, überhaupt bisher auf sehr wenigen Partys. Das was er kannte, war eher ein Männerabend gewesen, wo sich besoffen wurde und dabei Tischfußball bei jemandem im Keller gespielt wurde.

    Als der Tag der Party gekommen war, erschien Boris am vereinbarten Treffpunkt. Die meisten anderen waren schon da, und so machten sie sich kurz darauf auf den Weg zur „Location“. Dort standen mehrere Personen, vermutlich altgediente Studenten der Fachschaft, am Eingang und fungierten als „Türsteher“. Als Boris eintreten wollte, hielten sie ihn zurück: „Wo ist denn deine Verkleidung?“, fragte einer.

    „Was?“, gab Boris verwirrt zurück.

    „Nur mit Verkleidung!“, sagte der Student an der Tür. „So stand es doch im Flyer“.

    Boris hatte den Flyer selbst gar nicht in der Hand gehabt. Der „Hippie“ hatte ihn gelesen und den Vorschlag gemacht, mit der Gruppe dort hinzugehen.

    „Oh“, konnte er nur hervorbringen.

    „Wir machen aus Prinzip keine Ausnahmen“, fuhr der andere fort, „sonst ist nachher die Hälfte dort drinnen ohne Kostüm, und was wäre das dann noch für eine Karnevalsparty?“

    Verlegen zog sich Boris zurück. Er wollte soeben den Heimweg antreten, als er sah, dass Silvia ebenfalls aus der Schlange getreten war und jetzt zu ihm kam.

    „Das hätten die ruhig mal erwähnen können“, sagte sie, wobei sie natürlich die anderen Mitglieder ihrer Gruppe meinte, die von der Kostümpflicht gewusst hatten.

    „Tja, das wars dann wohl“, sagte Boris, halb enttäuscht, halb verlegen, von Silvia so unverhofft angesprochen worden zu sein.

    „Naja“, gab diese überlegend zurück, „wir können natürlich nach Hause gehen, uns verkleiden und dann wiederkommen“.

    „Nun, das ginge …“ Boris machte ein zerknautschtes Gesicht. „ … nur habe ich es recht weit von hier, ich müsste erst zum Busbahnhof, umsteigen und dann wieder bis nach Tannenbusch raus, dann das Ganze nochmal zurück. Würde sicher anderthalb bis zwei Stunden dauern. Und ich habe kein Kostüm“, fügte er noch hinzu. Was sollte er ihr vormachen. Sicher wäre er gerne mit ihr zusammen auf die Party gegangen, aber er musste doch realistisch bleiben.


    (Fortsetzung folgt ...)


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  • Danke für das Feedback. hier folgt dann auch gleich der nächste Teil, worin die Kostümfrage gekärt werden wird.


    Teil 2:

    „Dann komm doch mit“, schlug sie vor, „ich wohne keine 500 Meter von hier, in der Südstadt“


    Sein Herz machte einen Sprung. Mit Ihr, in ihre Wohnung zu gehen. Wow. Seine Gedanken überschlugen sich.

    „Ok“, sagte er, „gerne. Ich komme mit. Aber was ist mit dem Kostüm …“


    „Ich habe auch keines“, unterbrach Silvia ihn, „aber irgendetwas Brauchbares werden wir schon finden.“


    So gingen sie schweigend den Weg bis zu ihrer Wohnung. Da Boris es mittlerweile schon als unangenehm empfand, nichts weiter gesagt zu haben, bemerkte er: „Ziemlich zentral, wo du wohnst. Ist sicher nicht ganz preiswert? Aber dafür natürlich super nah an der Uni.“

    „Naja, das stimmt. Meine Eltern bezahlen mir die Wohnung.“ Es erschien Boris, als ob ihr dieses Eingeständnis unangenehm wäre und daher fragte er nicht weiter nach.

    Das Gebäude war ein strahlend weißer Altbau im neoklassizistischen Stil. Die Wohnung lag im zweiten Obergeschoß, und als sie das Innere betraten, raubte es Boris beinahe den Atem. Die Wohnung war riesig, aufgrund der Tatsache, dass es auf jeder Etage nur zwei Türen gab, schätzte er die Fläche auf mindestens 100 – 120 Quadratmeter, wenn er die Abmessungen des Gebäudes zu Grunde legte.

    „Ist das eine WG?“, wollte er wissen.


    „Nein“, gab Silvia zurück, jetzt noch mehr verlegen. „Meine Familie ist … recht wohlhabend.“


    Diese Tatsache schien ihr sehr peinlich zu sein, und wenn er so darüber nachdachte, konnte Boris das auch nachempfinden. Er lebte bis vor kurzem mit seinen Eltern und einem jüngeren Bruder in einer Wohnung über ihrem Laden, die deutlich keiner war als diese hier, wo eine Studentin allein wohnte. Und diese Möbel – nicht von Ikea oder so. Richtig solide Qualität, soweit er das beurteilen konnte.


    „Setz dich doch“, brachte Silvia ihn aus seinen Gedankengängen. Sie zeigte auf eine großzügig gestaltete Sofalandschaft in der hinteren Ecke des Wohnzimmers. Die Möbel, der Teppich und auch das große Ecksofa waren in sehr hellen Tönen gehalten. Die Schränke und andere Möbelstücke aus Holz waren im Landhausstil gearbeitet, schön verziert und weiß lackiert. Boris durchquerte das Zimmer, das eine undefinierbare Sauberkeit ausstrahlte und nahm Platz. Silvia hatte sich inzwischen ihren langen Daunenmantel ausgezogen, und Boris erkannte das ihm vertraute Outfit, welches nun zum Vorschein kam, Winterstiefel über einer eng sitzenden Jeans und einem langen Strickpulli.


    „Ich schaue mal, ob ich etwas zum Verkleiden finde“, sagte sie und verschwand aus dem Raum. Boris starrte ihr nach. Bei Gott, er war echt verknallt, musste er sich eingestehen. Während er wartete, tagträumte er, dass Silvia nicht gegangen wäre, sondern sich zu ihm auf das Sofa gesetzt hätte. Wie es wohl wäre, sie in den Armen zu halten, ihr nahe zu sein … sie zu küssen? Ach, er hatte so wenig Erfahrung, verflucht noch mal, wie sollte er es anstellen?

    Diese Gedanken mussten ihn eine ganze Weile beschäftigt haben, denn als die Wohnzimmertür wieder geöffnet wurde und Silvia zurückkam, erschrak Boris regelrecht, da er noch gar nicht auf ihre Rückkehr vorbereitet war. Nicht vorbereitet war er ebenso wenig auf das, was er nun sah.


    „Grell“, war der erste Gedanke, der durch seinen Kopf schoss. Silvia bewegte sich auf ihn zu und blieb etwa drei Meter vor ihm stehen.


    „Und, was meinst du?“, fragte sie ihn.


    „Was meine ich? … was?“, stammelte Boris.


    „Na, ob man das als Kostüm durchgehen lassen kann?“, brachte ihn Silvia wieder in die Spur.


    „Äh … ja, klar. Das … das sieht gut aus“, sagte er schließlich.


    Sie trug Sachen, die er teilweise noch nie zuvor gesehen hatte, höchstens mal im Fernsehen – aber er schaute sehr selten fern. Die Hose die sie jetzt trug war leuchtend pink, glänzte ziemlich stark und war noch enger, als es ihre Jeans schon waren. Sie war wie eine zweite Haut. Statt der Stiefel trug sie nun geschnürte Turnschuhe der Marke Converse. Als Oberteil hatte sie ein silberfarbenes Top aus einem ebenfalls glänzenden Material gewählt, das knapp oberhalb der Hüften endete. Leider, einen Wermutstropfen musste es wohl geben, war Boris auch jetzt der Blick auf ihren Hintern verwehrt, denn über dieser schimmernden Hose trug sie einen kurzen schwarzen Rock aus einer Art Netz, der in vielen Bögen zu allen Richtungen ein wenig abstand. Ihre Haare, die sie sonst zu einem schlichten Pferdeschwanz gebunden trug, hatte Silvia nun geteilt und zu zwei seitlich hochstehenden kleinen Zöpfen mit einer Reihe bunter Haargummis arrangiert, was ihr zusätzlich zu ihrer Kleidung etwas keckes, freches und mädchenhaftes verlieh.


    „Du scheinst ja echt beeindruck zu sein“, lachte sie. „Es ist nicht besonders einfallsreich, ein Kostüm basierend auf seinen Sportsachen zu wählen, aber wenn es nur dazu gut ist, um auf diese Party gelassen zu werden, ist es wohl gut genug.“ Dann fuhr sie fort: „Du nimmst ich doch nicht auf dem Arm, oder?“


    „Äh, nein“, gab er zurück. „Es ist nur … ich habe solche Sachen noch nie aus der Nähe gesehen.“


    „Ein Tütü? Na stimmt, du warst sicher noch nie beim Ballett“, sagte sie und strich sich über den Tüllrock.


    „Genau“, bestätigte Boris. „Und wie sagt man zu diesen glänzenden Hosen?“


    „Was? Sag bloß du kennst keine Leggings?“ Silvia starrte ihn fragend an. „Das meinst du doch jetzt nicht im ernst?“


    „Doch. So was wie diese hier“, er deutete auf ihre pinkfarbene Glanzleggings, „sehe ich heute zum ersten Mal.“


    „Ziemlicher Kulturschock, was?“, sagte sie grinsend.


    „Nein, überhaupt nicht. Es ist …“


    „Na, ich habe also mein Outfit, jetzt müssen wir nur noch was für dich finden. Komme mit!“, unterbrach sie ihn und wechselte somit das Thema.

    Boris ging ihr nach, wobei er seinen Blick nicht von ihren Beinen abwenden konnte.


    „Hm, wird nicht so einfach“, überlegte sie, vor einem großen Schrank im Flur angekommen. Sie öffnete mehre Fächer und beförderte schließlich eine Baseball-Cap hervor, mit auffallend bunten Graffiti Buchstaben darauf. Sie verstellte die Schlaufe an der Rückseite und setzte die Kappe anschließend auf Boris´ Kopf. „Na, passt doch“, kommentierte sie trocken.


    Boris fand dieses Cap potthässlich und wäre niemals freiwillig mit so etwas auf seiner Rübe nach draußen gegangen, aber er wollte es sich natürlich nicht mit Silvia verscherzen, jetzt, wo er innerhalb einer Viertelstunde mehr Worte mit ihr gewechselt hatte als im gesamten halben Jahr zuvor.

    Sie durchsuchte derweil wieder den Schrank und zog mit einem triumphierenden Lächeln einen roten Fuchspelz hervor, den sie Boris um die Schultern legte. Im weiteren Verlauf staffierte sie ihn noch mit einem an eine Bomberjacke erinnernden Blouson sowie einer Reihe von Modeschmuck - Ketten und Ringen aus, wobei ihre größten Ringe Boris nur auf die kleinen Finger passten. Als Letztes verschwand sie in ihrem Zimmer und kam kurz darauf mit einer grauen, labbrigen Jogginghose wieder.



    „Die gehörte meinem Ex“, erklärte sie kurz, als sie ihm die Hose gab und weiter ging, damit er sich umziehen konnte.


    „Voila“, sagte sie schließlich, als er umgezogen das Wohnzimmer betrat, „so kann man dich halbwegs glaubwürdig als Gangster von der Straße verkaufen.“


    Boris war nicht wirklich zufrieden mit seiner Verkleidung. Nicht nur, dass er mit Gangsterrappern und dem ganzen Gehabe darum nichts anfangen konnte und sich schon allein deswegen unwohl in dieser Rolle fühlte, nein, er war ohnehin noch nie ein großer Freund von Verkleidungen gewesen. In seiner Heimat, auf dem Dorf, war es zwar auch Brauch, Karneval zu feiern, aber die Verkleidungen waren tendenziell eher einfallslos. Als Kinder waren sie meist Cowboys mit Spielzeugrevolvern gewesen, während die Mädchen Indianer oder Prinzessinnen waren, während man ab der Pubertät etwa dazu überging, als Mann oftmals immer noch als Cowboy aufzutreten oder alternativ einen weißen Einweg-Overall a la „ich arbeite mit gefährlichen Stoffen, ich bin wichtig!“ zu tragen, während die Damen sich meist darauf beschränkten, einen „Blaumann“ zu tragen und sich allenfalls noch ein paar Herzchen auf die Wangen zu malen. Boris selbst hatte sich in manchen Jahren gar nicht verkleidet, oder sich allenfalls darauf beschränkt, einen alten Westernhut aufzusetzen.


    Jetzt war aber plötzlich ein neues Gefühl in ihm erwacht. Diese Sachen, die Silvia trug … nicht nur, dass sie darin wie eine fleischgewordene Gottheit erschien, es reizte ihn auch, so etwas selber einmal anzuprobieren. Er konnte sich nicht erklären, woher das kam. Es waren ja wohl eindeutig Frauenkleider, so viel hatte er schon begriffen, und er hatte noch nie zuvor Ambitionen gehabt, so etwas zu tragen. Aber hier lagen die Dinge anderes. Etwas, das so schimmerte und so geschmeidig aussah, das musste sich doch himmlisch gut anfühlen, oder nicht? Nur wagte es Boris nicht, Silvia darauf anzusprechen. Die Angst, dass sie ihn deswegen auslachen würde, dass sie vielleicht sogar wütend auf ihn werden würde, nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen würde, das alles schnürte ihm die Kehle zu, so dass er nur mit den Schultern zuckte und ein „Ok“ hervorbrachte.


    „Eins muss ich noch erledigen, bevor wir gehen“, sagte Silvia, während sie an ihm vorbei in den Flur glitt. „Gib mir noch fünf Minuten“. Dann verschwand sie in einem anderen Raum, von dem Boris annahm, dass es das Badezimmer sein musste. Ihr Schlafzimmer war es zumindest nicht, und die Küche, die ebenfalls eine Tür zum Wohnzimmer besaß, welche offen gestanden hatte, war es auch nicht.


    Na super, jetzt konnte er hier noch minutenlang rumstehen und Däumchen drehen, bis sie endlich loskonnten. Sie hatte doch sicher nicht dagegen, wenn er ins Wohnzimmer zurückging und sich noch solange aufs Sofa setzte. Langsam wandte er sich um und schritt den Flur entlang, wobei er jetzt auf die Einrichtung achtete. Er ertappte sich dabei, wie er nach Fotos von ihr oder ihren erwähnten Ex-Freund Ausschau hielt. Nichts dergleichen. Vielleicht in ihrem Zimmer? Vorsichtig öffnete er die weiße Tür und spähte hinein. Das Zimmer war groß und aufgeräumt, ebenfalls alles sehr hell gehalten, ein Doppelbett (verdammt!), ein Schreibtisch, eine Kommode, ein Bücherregal und ein Schrank. Keine Fotos, soweit er sehen konnte. Sollte er weiter ins Zimmer hinein gehen? Boris lauschte auf den Flur in Richtung des Zimmers, in dem Silvia verschwunden war. Ein gedämpftes Klappern war zu vernehmen, als wühlte sie in einer Kiste mit Utensilien.


    Dann kam ihm der Gedanke. So plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Sie hatte ihre Klamotten hier in diesem Zimmer geholt. Hatte sie noch mehr davon? Mehrere Gefühle rangen in Boris darum, die Oberhand zu gewinnen. Die Neugier, zu erfahren, ob Silvia noch mehr Kleidungstücke aus diesem wundersamen Material besaß, dann natürlich der Wunsch, ein solches berühren zu können, und auf der anderen Seite die Angst, mit der Hand in ihren Sachen erwischt zu werden und sein Gesicht vor ihr und der ganzen Gruppe zu verlieren. Nicht zuletzt nagte auch noch sein Gewissen an ihm, dass das, was er in Erwägung zog, moralisch falsch sei. Er drang hier in die Privatsphäre eines anderen Menschen ein, das durfte er nicht.


    Boris hatte sich schon wieder auf den Flur zurückgezogen und wollte die Schlafzimmertür leise hinter sich zuziehen, als die Gegenseite wieder an Einfluss gewann. Nur mal schnell gucken, das tut doch niemandem weh, Herrgott, sie hatte ihn doch mit ihren Klamotten ausstaffiert, da würde es doch ihr sicher nichts ausmachen, wenn er nur mal einen Blick in ihren Schrank warf.



    Wie viel Zeit war vergangen? Zwei Minuten, vielleicht drei? Er rang mit sich, sollte er, sollte er nicht ...


    Fortsetzung folgt ...


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    Wie wird sich der gute Boris entscheiden? Kann er Silvia für sich gewinnen? Wird er mit der Hand im "Honigtopf" erwischt? Das erfahren wir hoffentlich im nächsten Teil. Oh wei, das klingt wie die Episodenbeschreibung einer billigen Telenovela. Irgendwie ist es das ja sogar, eine "Fetisch-Telenovela".

  • Weiter gehts, und man sieht, dass Himmel und Hölle dicht beieinander liegen können und Müll auch schomal für etwas gut sein kann.


    Teil 3:

    Das imaginäre Teufelchen auf seiner Schulter siegte, zeigte dem imaginären Engelchen auf der anderen Schulter den Stinkefinger und grinste.



    Schnell durchquerte Boris das Zimmer und schob vorsichtig eine der Schranktüren zur Seite. An Bügeln hingen dort ein paar Kleider, eine ganze Reihe Jeans in verschiedenen Blau- und Grautönen sowie eine schwarze Stoffhose, wie sie Frauen eher schon mal bei festlichen Anlässen trugen. Boris schob die Tür wieder zurück und versuchte es auf der anderen Seite des Schranks. Hier befanden sich viele einzelne Fächer. In manchen waren Pullis (diese unnötig langen Dinger), Shirts, Socken, Unterwäsche und – ja, ziemlich weit unten schimmerte es in verschiedenen Farben aus einem Fach heraus. Er ging in die Hocke und betrachtete den Inhalt der Nische.


    Es handelte sich ganz eindeutig um diesen glänzenden Stoff. Was für Kleidungsstücke es im Detail waren, konnte Boris nicht auszumachen, da sie alle ordentlich zusammengefaltet waren. Er traute sich nicht, eines davon herauszunehmen und zu entfalten, da er fürchtete, es anschließend nicht mehr in der gleichen Weise zusammenlegen zu können. Außerdem lief ihm die Zeit davon. Silvia konnte jeden Augenblick zurückkommen.



    Rasch steckte Boris seine Hand nach dem Stapel Kleidung aus – wenigstens das wollte er sich nicht entgehen lassen, zu erfahren, wie sich dieses Zeug überhaupt anfühlt. Seine Fingerspitzen berührten kühlen, seidig weichen Stoff, der sich geschmeidig unter seiner Hand bewegte, als er darüber strich. Wahnsinn. Wenn es ein Leben nach dem Tod und einen Himmel gab, dann musste dort alles mit diesem Material ausstaffiert sein, denn etwas derart Himmlisches hatte Boris noch nie zuvor gefühlt.

    Unter stärksten Willensanstrengungen zog er seinen Arm wieder zurück, warf noch einen letzten sehnsüchtigen Blick in das Schrankfach, sah die Teile in pechschwarz, leuchtend blau, hellgrün, violett, apricot, strahlend weiß, dunkelblau und noch weiteren Farben, teils kunterbunt gemustert, dort liegen und schloss dann die Schiebetür des Schranks.


    Hastig lief er zurück in den Flur – keine Sekunde zu früh, denn noch während er die Schlafzimmertür hinter sich schloss, hörte Boris, wie eine Toilettenspülung betätigt wurde. Die Dauer eines Händewaschens später trat Silvia aus dem Bad – denn das musste es aufgrund der Toilette tatsächlich sein – und lächelte ihn an: „Sorry, ich musste mich noch ein wenig hübsch machen“



    Sie war tatsächlich geschminkt. Sie trug jetzt verführerisch roten Lippenstift, ihre Wangen wirkten farbiger, und mit ihren Augen hatte sie auch etwas gemacht, was Boris nicht benennen konnte. Er kannte sich mit solchen Dingen nicht wirklich aus. Eins stand aber mal fest: Sie sah gut aus! Er hatte Silvia noch nie so geschminkt gesehen, und, ganz abgesehen von den atemberaubenden Klamotten, wirkte sie durch dieses Make-up wie ein neuer Mensch. Schön und sexy. Boris musste sich zusammenreißen, um sie nicht mit offenem Mund anzustarren.


    „Sollen wir?, fragte Sie, während sie sich ihre Handtasche von der Garderobe angelte und zur Wohnungstür schritt.


    Boris folgte ihr, aus der Wohnung, durch das nach Schmierseife riechende Treppenhaus, hinaus auf die Straße. Er versuchte neben ihr zu gehen, gleichzeitig aber auch so oft wie möglich einen Blick auf sie zu werfen. In seinem Kopf fuhren die Gedanken Achterbahn. Wie es wohl wäre, mit diesem engelsgleichen Wesen zusammen zu sein. Trug sie diese Art von Kleidung öfters? Nur beim Ballett oder vielleicht auch zuhause? Sie hatte doch recht viele Stücke, sicher mehr als zehn eher fünfzehn, wenn er das auf die Schnelle anhand der unterschiedlichen Farben richtig erkannt hatte.



    Er wurde aus seinen Überlegungen gerissen, als sie den Ort der Party erreichten. Den improvisierten Türstehern schien sein „Kostüm“ zu genügen, auch wenn es durchaus Leute gab, die außerhalb der Karnevalszeit freiwillig so rumliefen und die sich sicher darüber aufgeregt hätten, wenn man ihr Outfit als Verkleidung bezeichnet hätte. Drinnen entdeckten sie dann die beiden „Zwillinge“, Linda und Deborah, die soeben aus dem Toilettenbereich kamen. Boris machte ein virtuelles Häkchen hinter seine Vermutung.


    „Habt ihr es als doch noch geschafft?“, fragte eine von ihnen überflüssigerweise, das die Antwort ja offensichtlich war.


    „Ja“, antwortete Silvia. „Die Gelegenheit wollte ich mir doch nicht entgehen lassen.“


    „Ach ja, stimmt“, gab die andere zurück, „du bist ja wieder auf der Suche. Siehst gut aus“, dabei betrachtete sie Silvias geschminktes Gesicht, „wenn ich wetten müsste, würde ich sagen, du gehst heute Abend nicht allein nach Hause.“


    „Ich will es doch schwer hoffen“, sagte Silvia grinsend. Einen winzigen Augenblick lang schwelgte Boris in dem Gedanken, dass er derjenige sein würde, mit dem sie später die Party wieder verließ, um den Abend beispielsweise in ihrer Wohnung ausklingen zu lassen. Dann kam etwas, das so unerwartet war, wie ein Faustschlag ins Gesicht. Ungefähr so fühlte es auch an, im übertragenen Sinne. „Dann müssen wir nur noch jemanden für unseren Eminem hier finden“, fuhr Silvia fort, während sie ihm kollegial auf die Schulter klopfte.


    Eine der beiden, Linda oder Deborah – er konnte sie immer noch nicht auseinanderhalten – summte die Melodie aus dem Film „Mission Impossible“. Na vielen Dank auch, dass ihr dämlichen Ziegen meine Chancen bei Frauen so gut bewertet, dachte sich Boris. Laut sagte er, dass er sich mal nach einem Getränk umsehen wolle, und verzog sich.


    In einer abgelegenen Ecke angekommen, wo er durch Gruppen kostümierter Studenten verdeckt war, versuchte Boris sich zu sammeln. Seine Beine fühlten sich an, als seien sie aus Pudding und er schob sich vorsichtshalber auf einen Barhocker am hintersten Ende eines Tresens. So lagen die Dinge also. Silvia hatte sich, so meinte es Boris erkannt zu haben, vor vermutlich nicht allzu langer Zeit von ihren Freund (der, dessen ekelhafte Jogginghose er im Augenblick trug) getrennt, war nun darüber hinweg gekommen und auf der Suche nach was Neuem. Ok, so weit, so gut. Was ihm aber einen heftigen Dämpfer verpasst hatte, war die Tatsache, dass sie ihn, Boris, von vorne herein ausgeschlossen zu haben schien. Verdammt, sie kannten sich doch kaum, diese Gute-Freunde-sollten-keine-Beziehung-miteinander-anfangen-Geschichte konnte man in ihrem Fall gar nicht ernsthaft anführen, da sie einander doch fast noch Fremde waren.


    Boris bestellte sich ein Bier, nahm einen großen Schluck und schenkte dem Getränk dann keine weitere Beachtung. Seinem ersten Impuls, sich maßlos zu betrinken, hatte er schnell widerstanden. Er musste einen klaren Kopf behalten. Einem Betrunkenen gelang in der Regel gar nichts, außer sich selbst lächerlich zu machen. War er denn, so fragte er sich weiter, einfach nicht Silvias Typ. Wenn er ein Foto von ihrem Ex gesehen hätte, wäre die Antwort darauf vielleicht möglich gewesen. Auf was für Typen mochte sie stehen? Die Jogginghose war ihm eigentlich zu groß, vermutlich war Mister X also ein Stück größer gewesen. Boris war nicht wirklich klein, aber mit 1,75 m auch alles andere als groß. Auch würde er sich selbst nicht als unansehnlich bezeichnen. Er hatte kurzes, dunkelbraunes Haar und sah, wie er fand, normal aus. Unauffällig, könnte man es auch nennen, dachte er zynisch, oder gewöhnlich. Langweilig.


    Wenn Silvia nun also auf einen hellblonden Ein-Meter-Neunzig-Kerl vom Typ Quarterback stand? Tja, Pech! Aber noch war nichts bewiesen. Boris schnappte sich nun doch wieder das Bier, mehr als Alibi für seine Abwesenheit, und steuerte den Eingangsbereich an, wo er die drei Mädels vorhin verlassen hatte. Sie waren natürlich nicht mehr da.



    Darauf bedacht, gelassen zu wirken, schlenderte er durch die eigentliche Halle, in der die Musik lief. Er wollte nicht zu sehr dadurch auffallen, dass er wie ein verzweifeltes Kind nach seinen Eltern suchend durch das Gedränge lief. Er blickte mal nach links, mal nach rechts, stets nach der neonpinken Hose Silvias Ausschau haltend. Die sich zunehmend füllende Halle, das Getanze und Geschunkel, die bunten Kostüme – all das machte es zunehmend schwieriger, eine bestimmte Person drin zu entdecken. Karnevalsmusik dröhnte aus den Lautsprechern, und Boris wurde es langsam leid, zum wiederholten Male in dieser an Körperverletzung grenzenden Lautstärke vorgesungen zu bekommen, wie toll doch das Leben als Pirat sei, oder, dass er sich nicht anstellen, sondern lieber einen mittrinken solle. All diese gute Laune rund um ihn, während er selbst zusehends verzweifelte.



    Dann musste er irgendwann einmal auf die Toilette, obwohl er das Bier, das mittlerweile hoffnungslos schal war, immer noch in seiner Hand hielt. Er platzierte das Getränk auf einer Theke und ging, um dem Ruf der Natur zu folgen wieder in den Eingangsbereich. Der Ort, den zu finden es ihn verlangte, befand sich im Untergeschoss des Gebäudes.


    Als Boris erleichtert aus den schummrig beleuchteten Sanitärräumen trat und die Treppe hinaufstieg, um die nächste Runde durch die große Halle zu drehen, ärgerte er sich über den ganzen Müll, den die Leute so achtlos fallen ließen. Besonders auf der nicht allzu breiten Treppe war dieser Unrat ein nerviges Hindernis. Grade konnte er vage erkennen, wie vor ihm vor jemand auf eine weggeworfene Getränkedose trat. Mehr hörte er es, als dass er es wirklich sah. Die Dose wurde knackend zusammen gedrückt, und, wie es schon mal vorkommen kann, wenn man genau mittig darauf tritt, an den beiden Seiten leicht eingebogen, so dass sie am Schuh hängenblieb.


    Derjenige vor ihm schien es gar nicht zu bemerken, denn er ging weiter, wobei die Dose an seinem Fuß mitwanderte. War es am unteren Ende der Treppe verdammt dunkel gewesen, so wurde es mit jeder Stufe, die man hinauf stieg, heller, da hier das Licht der Eingangshalle von der Seite einfiel. Jetzt wurde es hell genug, dass er nicht nur die groben Konturen erkennen konnte, sondern auch die Schuhe selber - recht schmale Chucks, an deren einen sich die Dose geklammert hatte, als wolle sie wie ein blinder Passagier mitgenommen werden, ungeachtet der Tatsache, dass sie bei jedem Schritt erneut platt getreten wurde. Noch ein paar Stufen ging es so weiter, dann schien seinem Vordermann endlich aufzufallen, dass etwas an seinem Schuh hing.


    Mehrere Dinge passierten nahezu gleichzeitig. Am oberen Ende der Treppe bewegte sich eine Gruppe von Leuten zur Seite, so dass schlagartig mehr Licht hinab fiel. Die Person mit der Dose unter dem Schuh war stehen geblieben, hielt sich mit einer Hand am Geländer fest und versuchte durch seitliches Abstreifen des Schuhs an einer der Stufen den lästigen Fremdkörper loszuwerden. Boris hatte, da er ebenfalls stehen bleiben musste, den Blick von der unmittelbaren Fläche vor seinen eigenen Füßen gehoben und schaute nun auf. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. Oberhalb der Schuhe glänzte nun pinkfarbener Stoff, hauteng anliegend. Darüber ein schwarzer Tüllrock … verdammt, das war niemand anderes als Silvia, die auf die Dose getreten war.



    Endlich gelang es ihr, diese loszuwerden. Ohne Boris bemerkt zu haben, wandte sie sich wieder zum Gehen. Er wollte sie keinesfalls aus den Augen verlieren, jetzt, wo er sie so unverhofft zufällig wiedergefunden hatte. Wäre sie nicht auf die Dose getreten, hätte er seinen Blick nicht gehoben und sie womöglich gar nicht wahrgenommen.


    Boris folgte ihr in einigem Abstand in die große Halle, wo sie sich zwischen den Tanzenden hindurch schlängelte und zielstrebig eine kleine Gruppe von Leuten am hinteren Ende des Saals ansteuerte. Er blieb eine Weile in sichererer Entfernung stehen, als er erkannte, dass sie sich nicht weiter bewegen, sondern dort an Ort und Stelle bei den Leuten stehen bleiben würde. Die „Zwillinge“ waren zum Glück nicht zu sehen. Als es ihm dann irgendwann zu blöd wurde, alleine dort herumzulungern – die Gefahr, zufällig von Silvia gesehen zu werden war zwar gering, aber auch nicht ganz ausgeschlossen – gab Boris sich einen Ruck und hielt nun direkt auf die Gruppe zu. Er grübelte gerade darüber nach, ob er sich einfach dazu stellen solle und nicht weiter machen, oder, ob er Silvia vielleicht antippen solle, um ihr zu zeigen, dass er da war, als ihm diese Entscheidung glücklicherweise abgenommen wurde. Sie hatte ihn gesehen, als er nur noch zwei Meter von ihnen entfernt war...


    Fortsetzung folgt ...


    Direkt zu Kapitel 4: Karneval mit Folgen


    Ich fand, ein gegenseitiges in Lycra hüllen und dann gar nicht erst zur Party gehen wäre zu banal gewesen. Boris war ja auch schon an Silvia interessiert, bevor er Lycra überhaupt kennengelernt hat. Er ist augenblicklich zu gleichen Teilen an ihr selbst und an der Kleidung interessiert. So wie der Abend begonnen hat, scheint beides für ihn in weite Ferne gerückt. Mal sehen, ob für ihn noch was zu retten ist.

  • So Freunde, jetzt wird das Pferd von hinten aufgeräumt! Ich war übers Wochenende unterwegs und nicht online, habe aber fleißig weitergeschrieben, die nächsten 3-4 Kapitel sind schon da und müssen nur noch mal kurz auf logische Brüche etc. hin überarbeitet werden. In diesem Teil hier gibt es ein ziemliches Affentheater.


    Teil 4:

    „Da bist du ja! Wir haben dich schon vermisst und gedacht, du hättest Reißaus genommen, weil es dir doch nicht gefällt“, rief Silvia ihm mit schon halbwegs heiserer Stimme zu, während aus den Boxen ein älterer Mann gestand, dass er ein kölscher Jung sei und dass man daran auch nichts ändern könne.


    Bevor Boris etwas antworten konnte, begann Silvia ihn und die Leute um sich herum einander vorzustellen. Es waren ein paar Mädels darunter, die er teilweise schon in verschiedenen Seminaren oder Vorlesungen gesehen hatte, aber noch nie näheren Kontakt zu ihnen gehabt hatte, und andere, die er überhaupt nicht kannte. Die Namen konnte er aufgrund der Musik nicht richtig hören. Insgesamt waren auch drei Jungs dabei. Einen kannte Boris sogar, mit ihm hatte er sich schon gelegentlich unterhalten oder sie waren gemeinsam in der Mensa essen gewesen. Netter Kerl. Immerhin, wenn das mit Silvia nicht funktionieren würde, und danach sah es aus, hätte er einen „Kumpel“, mit dem er dann doch das eine oder andere Bier leeren würde.


    Die zwei anderen waren ihm gleich unsympathisch. Das mochte primär daran liegen, dass ihre beinahe ungeteilte Aufmerksamkeit Silvia galt. Keine Frage, sie buhlten beide um sie, und so wie es aussah, schien Silvia dieses Spiel zu mögen. Was ihn wiederum am meisten auf die Palme brachte, war die Tatsache, dass diese Typen, alle beide sogar, freundlich zu ihm waren. Gegenseitig versuchten sie sich auszustechen, konkurrierten darum, über wessen Witze Silvia mehr lachte, wen von ihnen sie öfter anfasste – ja bisweilen hielt sie sich bei dem einen oder anderem am Arm fest, wenn sie lachte oder einer der Herren ihr etwas sagte. In Boris schienen beide jedoch keine erstzunehmende Bedrohung zu sehen. Vermutlich war er „nicht ihre Liga“, und ihre herablassend freundliche Art hatte etwas davon, als ob sie mit einem Kind sprachen.


    Solche Affen! Das waren sie tatsächlich, denn beide hatten Ganzkörper-Gorilla Kostüme, deren Kopfteile jedoch wie Kapuzen nach hinten weggeklappt waren. Enthauptete Affen, denen Menschenköpfe aus den Hälsen geschossen waren. Ein selten dämlicher Anblick, wie Boris fand. Von diesen Riesen-Plüschtieren gab es sehr viele auf der Party, Hasen, Giraffen, Bären und so weiter. Boris fragte sich, ob die Leute in diesen Kostümen nicht eingingen. Es war an sich schon gut warm in der Halle.


    Er stand sicher eine Viertelstunde lang da und beteiligte sich so gut wie nicht an den Gesprächen, die die beiden Verehrer mit Silvia führten, zumal die Art ihrer Fragen ganz eindeutig in eine Richtung ging. Ob Sie lieber italienisch oder chinesisch Essen ginge?, was sie gerne in ihrer Freizeit unternahm?, ob sie nicht mal Lust hätte mit Affe Nr. 1 zum FC ins Stadion zu gehen? Er habe VIP Tickets für die Lounge auf der Westtribüne mit Buffet und allem drum und dran … Affe Nr. 2´s Familie besaß ein Ferienhaus in der Eifel, ob sie nicht eher Lust hätte, mal für ein Wochenende mit dorthin zu fahren? So ging es in einer Tour weiter. Boris hatte genug gehört und wandte sich resigniert seinem Bekannten zu.


    Mit diesem, er hieß Oliver, trank er dann tatsächlich ein paar Bier, wobei er spürte, dass er etwas lockerer wurde. Eine gewisse Erleichterung war, dass auch Oliver auf „Brautschau“ war, aber ganz offensichtlich nicht an Silvia interessiert war, sei es, weil sie nicht nach seinem Geschmack war, sei es, weil ihn die Gorillas – die beiden waren tatsächlich ein gutes Stück größer und, sofern man das durch die dicken Pelzkostüme sagen konnte, muskulöser als Boris – abgeschreckt hatten. Nach einer Weile bat ihn Oliver, der, wie er zwischenzeitlich gestanden hatte, auf eine der Studentinnen aus der Gruppe nahe Silvia scharf war, ob er nicht mal austesten könne, ob bei der Dame seines Interesses die Möglichkeit bestand, zu landen. Ausgerechnet er sollte als Wingman fungieren? Na ja, das zweite Bier, dass Boris sich in kürzerer Zeit reingestellt hatte, tat seine Wirkung, und er stimmte prompt zu.


    Er zog Oliver mit sich und wandte sich zu der Gruppe aus drei Mädels, die gegen die neue Gesellschaft zumindest nichts einzuwenden hatten. Boris versuchte sich, so gut es ging, in Smalltalk, fragte mal die eine nach ihrer Fächerkombination, mal die andere, in welchem Wohnheim sie denn untergekommen sei. Ganz entgegen seiner üblichen Art kam er in schwadronieren und berichtete auch so manches aus seinem Leben als Student. Irgendwie gelang es Oliver dann auch, in das Gespräch mit einzusteigen, nachdem Boris ihn mehrfach ebenfalls Banalitäten gefragt hatte. Tatsächlich entwickelte sich zwischen Oliver und der Studentin, auf die er ein Auge geworfen hatte, eine rege Unterhaltung, aus der sich Boris so bald es ihm möglich erschien, zurückzog.


    Etwas, das ihn schon vor einigen Minuten unbewusst irritiert hatte, wurde ihm nun auf eigentümliche Weise bewusst. Eines der beiden übrigen Mädchen, die seiner Erzählung ja ebenfalls gelauscht hatten, schaute ihn mit großen Augen unverwandt an. Sie stand auch ziemlich nah bei ihm und rückte von Minute zu Minute noch näher. Zufall, dachte Boris sich, es ist laut hier drin und sie hat Probleme mich richtig zu verstehen. Aber warum lächelt sie die ganze Zeit so?

    Zu allem Überfluss entschuldigte sich die andere Studentin mit der Erklärung, sie habe irgendwo weiter vorne jemanden gesehen, den sie kenne, da wolle sie mal Hallo sagen gehen. Weg war sie. Der Blickwechsel, den sie kurz zuvor mit Ana, so hieß die andere, gehabt hatte, war alles andere als unauffällig gewesen.


    „Ach je! Jetzt sind nur noch wir da“, sagte sie, und ihr Lächeln verstärkte sich. Sie war Brasilianerin, relativ klein, vielleicht so knapp unter 1,60 Meter, hatte hellbraune Haut und braune Augen. Schöne Augen, wie Boris zugeben musste. Ihre Haare waren etwa schulterlang, glatt und schwarz. Sie übte durchaus einen Reiz auf ihn aus, das konnte der gute Boris nicht leugnen. Sie mochte keine klassische Schönheit sein, ihre Zähne waren diesbezüglich das auffälligste Merkmal, da sie teilweise etwas hervorstanden und sich überlagerten. Als Kind hätte sie in kieferorthopädische Behandlung gemusst, um eine solche Fehlstellung frühzeitig mittels einer Zahnspange zu beheben.


    Was sollte er jetzt machen? Sie stand so dicht vor ihm, dass er ihre Haare riechen konnte. Ein Duft nach Kokos und Früchten, vermutlich von ihrem Shampoo, umfing ihn. Wie zufällig stieß ihre Hand immer häufiger gegen die seine, wenn sie etwas sagte. Manchmal hatte sie leichte Sprachfehler, was ebenfalls etwas Niedliches hatte, fand Boris. Eine solche Situation, wo eine junge Frau ganz eindeutig an ihm, dem Krämersohn aus der tiefsten Provinz, Interesse zeigte, war neu für ihn. Unter anderen Umständen, wenn nicht das am Nachmittag zuvor Geschehene wäre, wenn nicht das, was er erlebt und gesehen hatte, tatsächlich real gewesen wäre ... dann wäre er Ana vollkommen verfallen. Aber er konnte die Bilder, Silvia in dieser wunderbaren Hose, einfach nicht aus seinem Kopf bekommen. Wie zufällig drehte sich Boris in diesem Augenblick herum, um zu sehen, was Silvia und die beiden Primaten mittlerweile taten.


    Ihm stockte der Atem. Einer der Affen hatte sich das Kostüm jetzt halb ausgezogen, es hing ihm am Rumpf herab, die Arme hatte er sich wie die Ärmel eines Pullovers um die Hüften gebunden, der Kopf des Kostüms baumelte irgendwo hinter ihm auf Höhe seines Gesäß´. Er trug ein durchgeschwitztes T-Shirt unter dem Fell – und ja, er war sehr athletisch gebaut. Was Boris aber so entsetzte, war, dass der Typ seinen nunmehr unbepelzten Arm um Silvia gelegt hatte, wobei er die Hand sogar noch unter den kurzen Rock geschoben hatte und diese mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auf einer ihrer Pobacken ruhen ließ. Auf diesem wunderschönen, leuchtenden, glänzenden Stoff, der sich schon an sich so unglaublich gut anfühlte.


    Boris erstarrte innerlich. Sekundenlang konnte er sich nicht regen. Ana erklärte ihm irgendetwas, doch ihre Worte drangen nicht zu ihm vor. Seine nächste Empfindung war Zorn, er wollte losstürmen und diesem A****loch eine verpassen. Er würde die drei, vier Meter zu Silvia zurücklegen und diesem Affen ein volles Pfund aufs Maul geben. Sicher, der Kerl war stärker als er, keine Frage, aber Boris hatte das Überraschungsmoment auf seiner Seite. Er würde diesem aufgeblasenen Wichtigtuer zeigen, dass er auch noch ein Wörtchen mitzureden hatte, wenn es darum ging, Silvia anzugrabschen. Er konzentrierte sich, sammelte seinen Mut, richtete seinen Blick auf den Typen – um Mitansehen zu müssen, wie dieser sich zu Silvia hinab beugte und sie küsste. Sie beide küssten sich. Der zweite Affe hatte offenbar kapituliert und war abgezogen, zumindest war er nicht mehr in Sichtweite oder versuchte, durch sein Imponiergehabe, Silvias Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Diese galt einzig und allein dem anderen Affen, mit dem sie nun knutschend engumschlungen dastand.


    Fortsetzung folgt ...


    Direkt zu Kapitel 5: Karneval mit Folgen


    Kommt es zum Eklat? Rastet Boris aus oder packt ihn der Affe zuerst und schält ihn wie eine Banane? Mal sehen ...

  • Schön geschrieben, was Boris empfindet, während sich die "Affen" an seine Herzdame heranmachen. Und wie Ana auf ihn insgeheim Eindruck macht.


    Ich wäre fast dafür, Boris sollte nach dem Sprichwort "Der Spatz in der Hand (Ana) ist besser als die Taube auf dem Dach (Silvia)" handeln...

    Wäre da nicht Silvias Hochglanzkleidung...


    Vielleicht findet Boris ja noch einen anderen, gewaltlosen Weg, um an Silvia heranzukommen.

  • Ja, der Silvia-Zug scheint endgültig abgefahren zu sein, daher lagst du mit deiner Vermutung mit dem Spatz schon ganz richtig. Vorhang auf für ...



    Kapitel 5:


    Etwas zog Boris wieder zurück in die Normalität. Eine Berührung, ein Druck … Ana hatte seine Hand ergriffen und hielt diese nun, während sie ihn halb beschämt, halb sehnsuchtsvoll anblickte. Boris drehte sich wieder ihr zu. Spürte sie seine Verzweiflung? Ahnte sie, dass seine Aufmerksamkeit einer anderen galt? Ihre großen dunklen Augen blickten ihn an, sie sagte wieder etwas, und Boris beugte sich vor, um sie nun verstehen zu können: „… vermutlich nicht verstanden, oder warum du haben nichts gesagt?“


    „Zu laut!“, rief ihr Boris zu, während er auf eine der Lautsprecherboxen über ihnen deutete, aus der nun „Viva Colonia“ schmetterte, was von zahlreichen Gästen der Party lauthals mitgegrölt wurde. „Lass uns nach draußen gehen.“ Dabei griff nun auch er fester um ihre Hand und bahnte sich einen Weg durch die tanzende Menge. Im Eingangsbereich, wo es spürbar leiser war, steuerte er genau die Nische an, in der er bereits kurz nach seiner Ankunft Zuflucht gesucht hatte. Ana folgte ihm, wobei sie jetzt sogar ihre andere Hand um seine Taille gelegt hatte.


    Boris hatte eine Entscheidung getroffen. Am Ziel angekommen, zog er die zierliche Frau zu sich heran, beugte sich hinab und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sein Herz klopfte, wie würde sie reagieren. Trotz ihres offensichtlichen Interesses hatte er immer noch Bedenken, etwas zu tun, worauf sie empört reagieren könnte. Seine Befürchtungen waren jedoch unbegründet. Ana drückte sich jetzt fest an ihn, wobei sie ihr Gesicht an seinen Hals schmiegte und diesen mit einer Reihe von Küssen überzog. Boris küsste nun ihre Stirn, während er mit einer Hand durch ihr Haar strich, darauf bedacht, die darin steckenden künstlichen Blumen nicht zu lockern. Anas Verkleidung war nicht sehr aufwendig, sie hatte vermutlich in Anlehnung an Karneval in ihrem Heimatland eine farbenfrohe aber deutlich abgespeckte Version einer Kostümierung gewählt. In ihren Haaren trug sie ein Bündel bunter, aus Metallic-Folie gearbeiteter Blüten, ihr Oberteil war ein T-Shirt in bunten Farben, das herrlich zu ihrer braunen Haut passte. Als Hose trug sie eine schwarze Jeans.


    Sie standen dort, eng umschlungen und küssten sich. Das war es, womit sich Ana und Boris beinahe ohne Unterbrechungen die nächsten Stunden beschäftigten. Es fühlte sich wunderbar an, einfach unvergleichlich – und dennoch – von Zeit zu Zeit glitten Boris` Gedanken ab und er fragte sich, was Silvia wohl grade in diesem Augenblick machte. Es war unfair, das wusste er. Ana war so hinreißend, so süß, so lieb und sie klammerte sich an ihn, als wolle sie ihn nie wieder loslassen. Und wie dankte er es ihr? Indem er an eine andere dachte, die nicht einmal vor dem Erscheinen der Gorillas überhaupt nur in Erwägung gezogen hatte, etwas mit ihm, dem Dorfdeppen, anzufangen. Die Welt war ungerecht. Wieso war er so? Wieso konnte er Silvia nicht einfach vergessen und stattdessen mit Ana glücklich sein? Sie duftete so gut nach Kokos, ihre Küsse schmeckten süß, nach Fruchtpunsch, ihr Körper war warm und weich, was wollte er denn mehr? Immer wieder die abschweifenden Gedanken unterdrückend gab er sich ihr wieder hin. Ana hatte ihre Arme hinter seinem Nacken verschränkt und zog ihn so zu sich herab, wo sich ihre Lippen wieder und wieder berührten.


    Die Zeit verging wie im Fluge und ehe es einem der beiden so richtig bewusst wurde, war es bereits spät am Abend. Ana löste sich von Boris und machte ein betrübtes Gesicht. „Es ist schon spät“, sagte sie. „Gleich schon ein Uhr, und eigentlich wollte ich mich mit Isabella – vermutlich das andere Mädchen, das sie beide früher am Abend höflicherweise allein gelassen hatte – so um eins am Eingang treffen. Wir haben vor eine Taxi zu rufen.“


    „Wo must du denn hin?“, fragte Boris.


    „Kessenich“


    „Schade, ganz andere Richtung als bei mir“, gab Boris zurück. Sonst hätten wir doch zusammenfahren können. Während sie sich zum Ausgang vorarbeiteten und ihre Jacken von der Garderobe abholten tauschten Ana und Boris ihre Telefonnummern aus und versicherten, sich gegenseitig zu melden. Das andere Mädchen, Isabella, wartete bereits bei der Tür und bedachte die beiden mit einem breiten Grinsen, als sich Ana mit einem innigen Kuss von Boris verabschiedete.

    Dieser sah ihnen nach, wie sie in ein bereitstehendes Taxi einstiegen und davon fuhren. Er überlegte, wie die Abfahrtzeiten seiner Buslinie vom Busbahnhof aus waren, und wie viel Zeit er demnach noch hatte. Es blieb seiner Berechnung nach noch genügend Zeit, hier seine Blase zu entleeren, damit er danach entspannt den Heimweg antreten konnte und nicht notgedrungen einen der Alleebäume wässern musste.


    Er erledigte das „Geschäftliche“ im Keller und betrat wieder die Eingangshalle über die Treppe, wobei er unweigerlich erneut an Silvia denken musste, wie sie auf die leere Dose getreten war und diese noch ein ganzes Stück mitgenommen hatte, bevor es ihr aufgefallen war. Er sah sie noch genau vor sich, wie sie versuchte, die zerbeulte Dose abzustreifen, während sie dabei ihr glänzendes Bein mehrmals hob und senkte. Noch ganz in Gedanken steuerte er die Garderobe an, bis ihm im letzten Stück davor einfiel, dass er seine Jacke bereits anhatte. Während er sich umdrehte, um nun endgültig die Party zu verlassen, sah er wieder Silvia vor sich.



    Diesmal war es keine Illusion. Sie war es leibhaftig, wie sie sich soeben ihren Daunenmantel über den Tresen reichen ließ. Was Boris als Nächstes auffiel, war, dass sie allein war. Niemand den sie beide kannten, geschweige denn einer der beiden Affen war bei ihr. Boris glaubte, sowohl den höchsten als auch den tiefsten Punkt des Tages schon erlebt zu haben und daher nichts mehr zu befürchten zu haben. Schlimmer als es bereits war, konnte es einfach nicht mehr werden. Er ging auf Silvia zu und sagte: „Hey.“


    Langsam, ganz langsam, drehte sich Silvia zu ihm um. Sie fixierte ihn, wobei Boris den Eindruck hatte, ihre Augen müssten erst wie bei einer Linse an einer Kamera ein wenig rein und wieder raus zoomen, bis sie ihn scharf sehen konnte. Dann hob sie einen Arm und deutete auf ihn, während sie unnötig laut rief (die Musik in der Halle war mittlerweile etwas herabgeregelt worden): „Da bis ja, mein Held. Wo waas denn die ganze Zei?“ Sie lallte unverkennbar und war demnach stockbetrunken, wie Boris entsetzt feststellen musste.


    „Naja, mal hier, mal da“, gab er oberflächlich zurück.


    Silvia machte nun ein paar unbeholfene Schritte auf ihn zu, krallte sich plötzlich an seinem Arm fest und fuhr fort: „Wir sin schon n paa Helden, was? Wilkomn im Club der Looser.“


    „Was ist denn passiert?“, wollte Boris wissen, der von Silvias körperlichem Zustand ebenso wie von ihrer Gemütslage ein wenig schockiert war. Ihre Fahne nach Alkohol war nicht zu überriechen. Die Schminke rund um ihre Augen war verlaufen, als hätte sie geweint.


    „Is doch alles Sch***e“, fluchte sie. „Da denk man der Typ is in Ordnung und dann verarscht der einen nur.“ Wie, um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, schlug sie ihm dabei gegen die Brust. Boris ignorierte das und begann stattdessen ihrer anderen Hand, welche noch immer den Mantel fest umklammert hielt, diesen zu entwinden und ihr anschließend hinein zu helfen. Ganz offensichtlich war etwas zwischen ihr und dem Typ im Affenkostüm vorgefallen, das sie derart aus der Bahn geworfen hatte. Was genau, würde sie ihm in diesem Zustand sicher nicht erklären können.

    „Danke, bist n Schatz“, sagte sie stattdessen, als er ihr auch noch den langen Reißverschluss des Mantels geschlossen hatte und sie vorsichtig in Richtung Ausgang führte.


    „Ich denke, ich bringe dich besser bis zu deiner Wohnung“, sagte er, da er sich nicht einmal sicher war, ob sie in ihrem Zustand auf der Straße überhaupt die richtige Richtung eingeschlagen hätte.


    Er spürte, wie sei ihren Arm um ihn schlang und sich gegen ihn stützte. Auf diese Weise geleitete er sie schweigend die wenigen hundert Meter bis zu ihrer Wohnung. Dort angekommen wühlte sie eine ganze Weile in ihrer Handtasche, bis sie schließlich ein Schlüsselbund herauszog und gleich darauf fallen ließ.

    „Ups! Sowass is mir noch nie passiert“, teilte sie entschuldigend mit, während sie sich, beachtlich schwankend, versuchte nach den Schlüsseln zu bücken.


    „Lass nur, ich mach schon“, sagte Boris, der sich schnell bückte und sofort wieder stand, um Silvia festhalten zu können. Er schloss die Tür auf und stützte seine Kommilitonin, während sie sich langsam die zwei Stockwerke emporarbeiteten. Er schloss die Wohnungstür auf und half Silvia nun wieder, aus ihrem Mantel zu kommen, den er ordentlich aufhängte.

    „Kommst du klar?“, wollte er wissen, als er sich schon wieder halb in Richtung Eingangstür gewandt hatte.


    „Geh noch nich!“, sagte sie und wankte auf ihn zu. Sie ergriff seine Hand und zog ihn in Richtung des Wohnzimmers. Was sollte er jetzt machen? Notgedrungen, weil er sich nicht gewaltsam von ihr lösen wollte, stolperte er hinter ihr her. Vor dem Sofa angelangt, blieben sie stehen. Vielleicht, so dachte Boris, würde es genügen, wenn er Silvia hier ließ. Ihr ein Kissen unter den Kopf legte, noch irgendwo eine Decke auftrieb und sie so ihren Rausch ausschlafen ließ. Er setzte sich hin und wolle sie neben sich auf das Sofa ziehen, um ihr dann wenigstens die Schuhe auszuziehen, bevor sie die Beine auf den hellen Sofabezug hochlegte.

    Stattdessen entzog sie sich mit einem Ruck seinem lockeren Griff und verkündete: „Ich könnt jetz nen Drink vertragn. Wass mit dir?“


    „Das ist keine so gute Idee“, sagte Boris so bestimmt wie nur möglich.


    Silvia guckte ihn eine Weile an, leicht schwankend, dann zuckte sie die Achseln, wobei sie meinte: „Vielleich hasse recht“. Darauf hin ließ sie sich rückwärts auf seinen Schoß plumpsen.



    Fortsetzung folgt ...


    Direkt zu Kapitel 6: Karneval mit Folgen

  • Hier gibt es nun Kapitel 6 in der "Light-Version". Ich hatte ursprünglich etwas umfangreicher beschrieben, was dort auf dem Sofa geschieht, habe es dann aber noch mal überarbeitet und eine hoffentlich nicht anstößige Fassung erstellt. Das Original war jetzt auch nicht viel schlimmer, wer es lesen will, kann mir bescheid geben, dann schicke ich das Kapitel als PN.


    Kapitel 6:


    „Ach du heilige *******!“, durchfuhr es Boris. Was sollte er jetzt machen. War es nicht genau das, was er sich schon seit etlichen Wochen wünschte, seit er ein Auge auf Silvia geworfen hatte. War es nicht erst heute am frühen Abend gewesen, als er fast wahnsinnig geworden war, als er sah, dass jemand anderes Silvias Zuneigung bekam und sie berühren durfte? Jetzt saß sie hier auf ihm, schmiegte sich an ihn und …


    Ja was eigentlich? Sie war betrunken, nicht bei klarem Verstand. Nüchtern hätte sie wahrscheinlich einen Meter Abstand auf der Couch eingehalten. Das konnte er jetzt nicht ausnutzen, er konnte doch nicht …


    Sie räkelte sich und gab ein merkwürdiges Schnurren von sich, während sie sich mit ihrem Körper nach wie vor gegen den seinen drückte. Alter Schwede, dachte sich Boris. Was ging hier nur grade ab? Er hob seine Hände, die bis jetzt neben ihm auf dem Sofa geruht hatten. Kurz zögerte er, dann legte er eine Hand auf Silvias Oberschenkel. Das Gefühl war der helle Wahnsinn, er spürte, wie in seiner unteren Kommandozentrale soeben der Befehl gegeben wurde, Torpedo 1 startklar zu machen. Sacht strich er mit den Fingern über den glänzenden Stoff, da begann es in seiner Hose zu vibrieren.


    Sein Handy! Boris zog es mit der freien Hand hervor und klappte die Lederhülle auf. Eine Whatsapp-Nachricht von Ana. Sie war gut zu Hause angekommen und vermisste ihn so sehr. Tausend Küsse und süße Träume.

    Boris klappte das Handy wieder zu und nahm seine andere Hand von Silvias Bein. Verdammt, Ana hatte es nicht verdient, dass er sie so hinterging. Sie war doch so lieb.


    „Was issen los?“, maulte Silvia, die anscheinend liebkost werden wollte.


    „Das ist nicht der richtige Zeitpunkt, glaub mir“, gab Boris zurück. Wir sollten uns morgen unterhalten, und bis dahin gehörst du in Bett.


    „Dann geh mit mir ins Bett“, hauchte sie mir einer vor Heiserkeit rauen Stimme, die vermutlich sogar den Papst ins Wanken gebracht hätte, seine Überzeugungen über Bord zu werfen und ihr einfach zu gehorchen.


    „Ich bringe dich noch ins Bett, und dann … dann muss ich gehen.“


    „Wieso will mich bloß keiner?“, schluchzte sie mit einem Mal.


    Boris starrte sie verzweifelt an. „Es ist nicht so, dass ich nicht wollte … ganz bestimmt nicht. Nur, ist es grade jetzt … einfach nicht richtig. Verstehst du?“


    „Nein“, sagte sie trotzig wie ein Kind.


    Boris beugte sich, so gut er konnte, an ihr vorbei nach vorne und begann die Schnürsenkel ihrer Chucks aufzuknoten. Als ihm das gelungen war, kam er mit dem Ausziehen der Schuhe nicht weiter. Vorsichtig hob er sie nun an und schob eine Hand unter ihre Beine, mit der anderen stützte er ihren Rücken. So schob er sie halb von seinem Schoß und kippte sie ein wenig nach hinten, damit sich ihre Füße vom Boden hoben.


    „Was machstn?“, wollte sie wissen.


    „Ich helfe dir, ein paar Sachen auszuziehen, bevor ich dich ins Bett bringe.“ Dabei ergriff er mit einer Hand ihre Wade, während er mit der anderen den Schuh oberhalb der Ferse packte und ihr vorsichtig vom Fuß zog. Das gleiche Spiel wiederholte er mit dem zweiten Schuh, während Silvia nun neben ihm herumhampelte. Sie hatte begonnen, sich den schwarzen Tüllrock herabzuziehen, war aber nur bis zu den Knien gekommen, die ja noch halb gebeugt waren. Boris ergriff den Rock und zog ihn ihr weiter über die Beine hinab, bis er schließlich ebenfalls über die Füße glitt und frei war. Als Boris sich wieder ihr zuwandte, sah er, dass sie bereits begonnen hatte, sich nun ebenfalls die Leggings auszuziehen.


    „Ich glaube, das kannst du ruhig bis morgen anlassen“, sagte er mit trockener Stimme.

    Als Silvia auch nach mehreren Sekunden keine Anstalten machte, die Hose wieder hochzuziehen, löste Boris ihre Finger vom Hosenbund und begann seinerseits, den Stoff in Richtung Körpermitte zu bewegen. Weit kam er allerdings nicht, da sie nicht darauf reagierte, als er sie bat, ihren Hintern etwas anzuheben, damit er die Hose darüber ziehen konnte. Solange sie mit einem guten Teil ihres Körpergewichts auf ihrem Po saß, war es Boris auch nicht möglich, sie mit nur einer Hand anzuheben, während er mit der anderen die Leggings bewegte. So blieb ihm nichts weiter übrig, als sie zum Aufstehen zu bewegen.


    Silvia tat diesmal sogar, worum er sie bat und kam torkelnd auf die Beine. Was für eine Ironie, dachte sich Boris. Dutzende Male habe ich mir gewünscht, sie würde mal ein kürzeres Oberteil tragen, damit ich einen Blick auf ihren Po werfen kann – ich bin doch schließlich auch nur ein Mann – und jetzt steht sie hier vor mir und ihr Hintern strahlt mich an.


    Im Lagezentrum, wo nach dem Erhalt von Anas Nachricht alles wieder in standby versetzt worden war und Ruhe geherrscht hatte, kam erneut Hektik auf. Alle verfügbaren Energien wurden in die Primärwaffe geleitet, um diese klar zum Gefecht zu machen.

    Boris gab sich einen Ruck, erhob sich nun ebenfalls ein wenig und zog hinter Silvia stehend deren Beinkleider vorsichtig nach oben. Als er schlussendlich die Leggings über ihre Pobacken zog und diese von dem pinkfarbenen Stoff wunderbar glatt und ohne eine Falte überspannt wurden, wurde ihm erst richtig klar, dass Silvia, trotz ihrer vergleichsweise flachen Brüste, einen doch recht gut proportionierten Hintern für eine so schlanke Person besaß. Diese verdammten Pullover hatten das gut verborgen.


    Er sank wieder auf das Sofa, Silvias in Lycra gekleideten Po direkt vor dem Gesicht. Er konnte nicht anders, er musste es einfach tun ... Boris beugte sich vor und küsste die Wölbungen vor sich. War er pervers? Hätte jetzt jemand einen Blick auf seinen Schritt geworfen, so hätte man meinen können, ein paar Miniaturindianer versuchten darin gerade ein Zelt zu errichten.


    „Was tustn da?“, nuschelte Silvia, die sich halbherzig zu ihm umdrehte, in Wanken geriet, dann nach hinten kippte und erneut auf seinem Schoß landete.


    Boris verzog schmerzhaft das Gesicht. Die Indianer, die mit dem Zeltbau gut vorangekommen waren, mussten einen Totalschaden beklagen. Ein Gutes hatte das Ganze zumindest: Jegliche Ambitionen, Silvia zu berühren, hatten sich mit einem Schlag verflüchtigt.

    Langsam, ganz langsam wurde die Welt wieder normal.



    Silvia, die, nachdem sie auf ihn gefallen war (wobei sie nicht mitbekommen hatte, welche Auswirkungen das auf Boris gehabt hatte), und sich erneut an ihn angeschmiegt hatte, gab nun ein leises Schnarchen von sich. Sacht griff er wieder unter ihre Beine, legte einen Arm um ihren Rücken und erhob sich vorsichtig, wobei er die junge Frau mit sich anhob. Instinktiv klammerte sich Silvia um seinen Hals, ohne wirklich wach zu werden. Boris ging mit ihr durch die noch offen stehende Wohnzimmertür auf den Flur hinaus, schob sich an dem Garderobenschrank vorbei und versuchte dann, ohne mit seiner kostbaren Fracht irgendwo anzuecken, die Klinke von ihrer Schlafzimmertür herunterzudrücken. Nach ein paar Versuchen gelang es ihm auch, und er benutzte Silvias Füße, um die Türe behutsam aufzustoßen. Mit seinem Ellbogen betätigte er den Lichtschalter und trug Silvia dann hinüber zu ihrem Bett. Jetzt freute sich Boris sogar darüber, dass es ein Doppelbett war, denn es stand frei in den Raum hinein, so dass er auf die Seite des Bettes treten konnte, wo er Silvia so absetzen konnte, dass sie direkt richtig lag.


    Etwas umständlich fummelte er mit der Hand hinter ihrem Rücken an der Bettdecke herum, bis er diese greifen konnte und zur Seite schlug. Dann setzte er sich selbst auf die Bettkante, nachdem er Silvia so positioniert hatte, wie er meinte, dass es passen könnte. Bevor er ihre Umklammerung löste, entfernte er noch die Haargummis von ihren Zöpfen und lockerte das Haar ein wenig. Dann beugte er sie sanft nach hinten und bettete ihr Haupt auf dem Kopfkissen. Er streckte ihr die Beine aus, die sie immer noch angewinkelt gehalten hatte, warf einen letzten Blick auf die pinkfarbene Leggings und zog die Bettdecke hinauf bis unter ihr Kinn. Sie drehte sich leicht und murmelte etwas, das Boris nicht verstand. Er beugte sich noch einmal zu ihr herab und küsste sie auf die Stirn. Er blieb noch einige Augenblicke dort sitzen und lauschte ihrem regelmäßigen Atemzügen.


    „Gute Nacht“, flüsterte er schließlich, und nach einer Weile fügte noch hinzu: „Ich liebe dich!“ Dann erhob er sich, schlich zur Tür und löschte das Licht. Draußen im Flur entdeckte er noch seine eigene Jeans und war froh, endlich aus diesem „Kostüm“ heraus zu können. Die Baseballkappe und den Fuchspelz hatte er schon bei ihrer Ankunft an die Garderobe gehängt. Jetzt legte er noch die zusammengefaltete Jogginghose sowie den Schmuck dazu. Von einem Notizblock riss er einen Zettel ab und notierte seine Handynummer darauf. Diesen legte er ebenfalls zu den Sachen. Er vergewisserte sich, alles zu haben, Jacke, Handy, Portemonnaie, schaltete dann auch noch im Wohnzimmer und im Flur das Licht aus und zog leise die Wohnungstür hinter sich zu.


    Fortsetzung folgt ...


    Direkt zu Kapitel 7: Karneval mit Folgen