Karneval mit Folgen

  • Die beiden haben ja ziemlich viel vor.

    Eine Folge fast ohne Lycra (nur die Erwähnung der pinken Leggings)... Haben die beiden eigentlich noch ihre Sportsachen an?
    Danke übrigens, eine lustige DVD statt Horrorfilm - vielleicht steckt in "Ice Age" noch eine Anspielung/ein wesentlicher Knackpunkt, die/der sich jetzt noch nicht erschließt?


    PS: "Lass uns DVD gucken." "Gerne, bringst du K......e mit?"

    Ich bin gespannt, wie es weitergeht ;-)

  • Silvia entpuppt sich immer mehr als der aktive Part, nicht nur was das Sportpensum angeht.

    Außerdem kann sie (und damit wohl auch der Autor) sehr schmackhaft kochen. Der kulinarische Beitrag zu Beginn hat richtig Hunger gemacht. Da würde ich mich gerne mal einladen.

    Und der Rest des Kapitels macht natürlich "Hunger" auf mehr. Bestimmt gibt´s dann noch einige dieser schönen regionalen / lokalen Ortsbeschreibungen, die das Ganze so plausibel machen.

  • Ja Lycwolf, ich koche wirklich einigermaßen gerne, und das Gericht hier ist wirklich ziemlich schnell gemacht und schmeckt mir persönlich gut. Aber Toby, Ice Age werden die beiden nicht gucken - dafür aber etwas "Besseres", und das bringt dann endlich den Stein ins Rollen. So langsam muss sich das hier mal zum Finale steigern. Und es kommt mehr Lycra vor, in diesem kürzeren Kapitel. Ach ja, sie tragen noch die Leggings von vorhin.


    Kapitel 22:


    [Sie überlegte kurz, dann zog sie drei DVDs hervor. Einer davon war „Ice Age“. Boris zögerte nicht lange ...] und schob genau diesen sofort wieder zurück.


    „Der ist aber echt lustig“, wandte Silvia ein.

    „Ja, ich kenne ihn schon … und ich habe vor kurzem erst eine Fortsetzung davon gesehen“, gab er entschuldigend zurück. Er konnte ihr ja schlecht sagen, dass er diese animierten Tiere mit ihren prominenten Stimmen auf ewig mit dem Hochgefühl verbinden würde, dass er damals im Kino verspürt hatte, als er mit Ana dort war, und sie ihre Fingerfertigkeit unter Beweis gestellt hatte. Das war etwas, das er so in Erinnerung behalten wollte, ohne es mit jemandem zu teilen.


    Er betrachtete die beiden übrigen Kandidaten. Zum einen war es ein Film ein einem weiß-rosa-farbigen Cover mit Jennifer Aniston in der Hauptrolle. Der Titel sagte ihm nichts, aber es war vermutlich eine dieser seichten romantischen Komödien, die in letzter Zeit so populär waren. An sich bestimmt nicht Boris´erste Wahl … aber wenn er ihn mit Silvia zusammen schaute …

    Sein Blick wanderte zum zweiten verbliebenen Film. Der hieß schon True Romance – das konnte ja heiter werden. Er wollte in Gedanken schon Ene, mene, miste … spielen, um einen der beiden Filme zufällig auszuwählen, als er auf die Namen, die auf dem letztgenannten Cover standen, aufmerksam wurde. Drehbuch: Quentin Tarantino, Regie: Toni Scott, Darsteller: u. a. Brad Pitt, Samuel L. Jackson, Gary Oldman … Das genügte ihm. Boris mochte Tarantino, besonders Pulp Fiction und Kill Bill. Seltsam, dass er von diesem Film noch nie zuvor gehört hatte. Schnell schob er den Jennifer-Aniston-Film zurück in die Reihe und zog den anderen ganz hervor.

    „Die kenne ich beide noch nicht, aber der hier scheint mir persönlich interessanter zu sein. Was für ein Staraufgebot!"


    „Gute Wahl“, sagte Silvia und nahm ihm die DVD aus der Hand.


    Boris setzte sich aufs Sofa. Silvia legte die Disk ein und kam dann ebenfalls zum Sofa. Sie nahm eines der Kissen und klemmte es sich erst in den Nacken, war aber nicht ganz mit dem Resultat zufrieden und drückte es dann gegen Boris´ Schulter, bevor sie ihren Kopf darauf legte.

    „Ich darf mich doch ein bisschen anlehnen?“, fragte sie, ohne eine Antwort von ihm zu erwarten. Sie war ihm ziemlich nah in dieser Position, aber immerhin noch so wenig intim, dass es auch unter guten Freunden vertretbar war. Daher wandte Boris nichts dagegen ein. Wenn er ehrlich sein wollte, musste er zugeben, dass er diese Nähe jetzt genoss und sich sogleich auch wieder etwas bei ihm im Unterleib regte.


    „Ist ok“, murmelte er.


    Silvia beachtete dies scheinbar gar nicht sondern griff sich die Fernbedienung vom Tisch, wobei sie sich wie selbstverständlich mit einer Hand auf Boris´ Bein abstützte.


    Jetzt begann der der Film. Ein junger Mann saß spätabends in einem Kino. Offensichtlich hatte er dort eine ebenfalls junge Blondine kennengelernt. Während ihrer Unterhaltung stellten die beiden fest, dass sie eine Reihe gemeinsamer Interessen besaßen. Nach der Vorstellung gingen sie zusammen zum Appartement des jungen Manns. Im ersten Moment glaubte Boris, seine aktuellen Gedanken hätten ihm einen Streich gespielt, denn verrückterweise meinte er, gesehen zu haben, dass diese Blondine eine pinkfarbene Leggings trug. Das konnte doch nicht sein … Aber da, in dieser Einstellung war es eindeutig zu sehen. Boris rieb sich die Augen, um ganz sicher zu sein, aber je länger die Szene dauerte, desto häufiger und deutlicher war das Beinkleid der Frau zu sehen. Es war eine glänzende Leggings, pink mit schwarzem Leopardenfellmuster. Jetzt begannen die beiden Darsteller wieder miteinander rumzumachen, und Boris wünschte sich, er könne an die Stelle von Christian Slater treten, diese Frau berühren, sanft über ihre in Lycra gehüllten Beine fühlen …


    „Ha, wieso wundert mich das überhaupt nicht?“, sagte Silvia von der Seite.


    „Äh – wie?“, gab Boris dümmlich zurück.


    „Du bist scharf auf Patricia Arquette. Oder vermutlich eher auf ihre Leggings. Stimmt´s oder hab ich recht?“


    Leugnen war wohl zwecklos, Silvia hatte ihn durchschaut.


    „Erwischt“, gab er zu. „Die Hose ist aber auch … toll. Natürlich nicht so schön wie deine …“ Bei diesem holprigen Versuch, sich zu rechtfertigen, tätschelte er Silvias Oberschenkel in der pinkfarbenen Leggings. Oh mein Gott, dachte er noch im gleichen Augenblick. Jetzt war er zu weit gegangen, jetzt würde Silvia in ihm nur noch einen notge***n Idioten sehen, der alles, was weiblich und halbwegs in Lycra gekleidet, als Lustobjekt betrachtete. Sie konnte ja nicht wissen, dass Ana beispielsweise nahezu Lycra-abstinent lebte.


    Statt der befürchteten Reaktion, ein Abrücken, ein Wegschlagen seiner Hand, ein Aufschrei oder etwas anderem dieser Art, fühlte er jedoch nur, wie Silvia sofort ihre Hand auf seine legte, und diese somit auf ihrem Bein festhielt. „Ich würde ihre Leggings mindestens als genauso sexy bezeichnen“, sagte sie so beiläufig, als unterhielten sie sich über das Wetter. „ich bin schon seit Jahren auf der Suche nach genau so einer. Es gibt Leoleggings in schwarz-braun, in schwarz-silber und in schwarz-weiß – aber in schwarz-pink habe ich noch keine.“


    Weil er nicht wusste, was er sonst antworten sollte, lachte Boris gekünstelt und sagte: „Das klang jetzt fast so, als hättest du Leoleggins in all den anderen genannten Farben.“


    „Hab ich ja auch.“


    Nun war er sprachlos. Boris war sich sicher, in dem Stapel Lycra aus Silvias Schrank kein einziges Teil in Leofell-Optik gesehen zu haben. Gut, ein einzelnes Stück hätte er womöglich übersehen können, wenn es unglücklich unter einem anderen gelegen hatte, aber gleich drei?


    Silvia, die mittlerweile den Film gestoppt hatte, sagte, als hätte sie seine Gedanken erraten: „Du fragst dich sicher, warum du so ein Teil dieser Tage nicht gesehen hast, als ich meine Lycrasachen durchgegangen bin? Ich habe nur einen kleinen Teil meiner Sachen hier, das meiste ist noch im Haus meiner Eltern gebunkert.“


    Boris starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. Er wollte etwas sagen, sein Mund ging auf und zu, wie bei einem Fisch, doch kam ihm kein Ton über die Lippen.


    „Ungefähr 200“, sagte Silvia.


    „Wie? Was?“, brachte Boris schließlich hervor.


    „So viele Teile aus Lycra besitze ich. Ich vermute mal, so etwas in der Richtung wolltest du mich doch sicher früher oder später fragen.“


    „Äh – ja, genau, ich meine, warum …?“


    „Warum was? Warum ich so viele Lycrakleidungsstücke besitzte oder warum die meisten davon nicht in meiner Wohnung sind? Oder noch was anderes?“


    „Ich verstehe das jetzt nicht so ganz …“, stammelte Boris, dem das Ganze zusehends unheimlich wurde.


    „Was verstehst du daran nicht? Ich dachte, wenn es jemand versteht, dann du. Also, ganz langsam, zum mitdenken. Sag mir, wenn ich falsch liege. Ich habe diese große Sammlung an Lycra, weil ich einfach darauf stehe, genau so wie du. Boris, ich merke doch, wie du dich veränderst, sobald dieser Stoff in dein Blickfeld gerät. Und ich habe nur einen kleinen Teil davon hier, weil mein Ex-Freund anders war. Er stand mehr auf andere Dinge und hatte für Lycra nichts übrig. Ja, er hatte auch positive Seiten, sonst hätte ich seinerzeit nie etwas mit ihm angefangen … frag aber lieber nicht, denn heute sehe ich das auch nur noch als großen Fehler. Als ich anfangs noch viel mehr Lycra trug, hatte er sich darüber beschwert, und einmal, als es zu einem Streit darüber kam, hat er mehrere meiner Anzüge und Leggings aus Wut zerrissen. Im ganzen letzten Jahr habe ich Lycra dann nur noch heimlich getragen, immer nur dann, wenn er nicht in der Nähe war. Da habe ich nur einen kleinen Teil mit in diese Wohnung genommen, denn ich hatte unterbewusst noch immer die Befürchtung, er könne einen weiteren Ausraster bekommen und sich wieder an meinen Klamotten vergreifen. Auf der Karnevalsparty habe ich, abgesehen vom Sport, zum ersten Mal seit langem wieder Lycra in der Öffentlichkeit getragen.“


    „Damit hast du mein Leben ziemlich verändert“, sagte Boris.


    „Dann lag ich also richtig?“


    „Aber so was von richtig“, grinste er. „Seit du an jenem Tag mit dieser Leggings hier in dieses Wohnzimmer kamst, und ich zum ersten Mal in meinem Leben ganz bewusst diesen glänzenden Stoff warnahm, bin ich dem Zeug hoffnungslos verfallen.“

    Dabei streichelte er leicht über ihr Bein, da seine Hand immer noch darauf ruhte.


    „Jetzt, da du weißt, was dir noch so alles entgeht, bleibst du bei deinem Entschluss?“


    „Du weißt doch noch, dass ich bereits in dich verliebt war, bevor wir zu dieser Party gingen?“, stellte Boris eine Gegenfrage. „Bevor ich von der Existenz von Lycra im Allgemeinen und von deiner wundervollen Leggings im Speziellen überhaupt nur den Hauch einer Ahnung hatte?“


    „Ja“, sagte Silvia, „genau das würde die Sache – eine mögliche Beziehung – ja so anders machen, so viel besser. Ich kann mir sicher sein, dass du mich auch als Mensch unter dem Lycra magst und begehrst … und gleichzeitig hättest du die selbe Leidenschaft. Es wäre einfach Perfekt.“


    „Ich weiß“, sagte Boris resigniert. „Ich weiß.“ Dann schwieg er eine Weile und dachte über diese komplizierte Situation, diese sich ständig wieder bietende Wahlmöglichkeit nach. Und er wurde sich klar, dass er seine Entscheidung längst getroffen hatte, ohne es sich selbst einzugestehen.


    Fortsetzung folgt ...

  • Klasse, über Patricia Arquette den Bogen zu den Leggings zu schließen. Hoffentlich die ungeschnittene Fassung von True Romance (obwohl, so weit werden die beiden nicht kommen)

    Da outet sie sich tatsächlich als Leggings-Fan mit umfassender Garderobe - und hat dann aber nur wenig davon parat.

    Ich denke da wird sie nachbessern.

    Und überhaupt, wie kann ihr Ex nur behaupten, dass sie "zu viel" Lycra trug. Unverständlich :)

  • Hier noch eine kurze Fortsetzung. Augenblicklich komme ich wieder mal eher selten dazu, was zu schreiben, aber früher oder später gehts auf jeden Fall weiter.


    Kapitel 23






    „Gib mir bitte etwas Zeit“, sagte er schließlich. „Ich kann Ana nicht so einfach hintergehen, verstehst du?“






    „Wer könnte das besser verstehen als ich?“, seufzte sie.






    „Vielleicht“, fuhr Boris fort, „geht es sogar schneller als du denkst. Wir hatten neulich einen Streit. Ganz unabhängig von unserer Situation hier, wüsste ich nicht, ob oder wie lange das noch zwischen Ana und mir so harmonisch funktioniert.“






    „Ich müsste lügen, wenn ich jetzt sagte: Das mit eurem Streit tut mir leid.“






    Aus dem Augenwinkel sah Boris, dass sich ihr Mund zu einem leichten Grinsen verzog. Wer konnte es ihr verdenken? Und ja, auch er wünschte sich, die Beziehung zu Ana möglichst bald, aber dennoch im Guten zu beenden.






    Nachdem sie sich nun gewissermaßen das Ja-Wort für eine gemeinsame Beziehung gegeben hatten – nur mit dem Manko, dass diese zeitlich noch ein bisschen aufgeschoben werden musste – überwog bei Boris die Neugier, wie es denn bei Silvia zu ihrer Leidenschaft für Lycra gekommen war.






    Sie erzählte, was sie bereits an anderer Stelle gesagt hatte, dass sie seit ihrer Kindheit viel Sport gemacht hatte, darunter auch Ballett und Gymnastik. Schon als Mädchen mit ungefähr zehn Jahren – daran konnte sie sich noch erinnern – fühlte sie sich in Lycrakleidung sehr wohl. Sie mochte das seidig weiche Gefühl, wie der Stoff eng auf ihrer Haut anlag, und sie liebte den Glanz, den dieses Material besaß. Silvia erzählte, dass ihre Mutter sie mehrmals dazu überreden musste, ihre Turnkleidung nicht auch nachts im Bett zu tragen.






    „Als ich dann älter wurde und – naja, du weißt schon – meinen Körper entdeckte, kam noch dieses prickelnde Gefühl hinzu, zu wissen, dass dieser enge Stoff jede Kurve meines Körpers hervorhebt. Nicht, dass ich sonderlich üppige Kurven hätte …“ Dabei hob sie mit ihrer freien Hand ihre tatsächlich nicht allzu großen Brüste an.






    „Ich finde dich perfekt, so wie du bist. Ist doch eher ekelhaft, wenn man so Euter hat wie Bolly Duster, oder wie diese Milchfabrik auf zwei Beinen heißt.“






    „Danke. Aber mit ein wenig mehr Oberweite würde ich mich einfach wohler fühlen. Es muss ja nicht gleich so ein Extrem sein.“






    „Und deine anderen Rundungen“, sagte Boris, wobei sein Blick an ihr hinab glitt, „sind nun wirklich nicht von schlechten Eltern. Verdammt, beim Laufen vorhin im Treppenhaus hast du mir echt ganz schön den Kopf verdreht.“






    „Nichts anderes hatte ich auch beabsichtigt“, grinste sie ihn an, und ihre Hand, die sie immer noch auf seiner lag, führte diese über den Stoff ihrer pinkfarbenen Leggings.






    Boris musste ein wohliges Stöhnen unterdrücken, so gut fühlte sich das an. Jetzt entsann er sich wieder seiner Frage, für die er nun den richtigen Zeitpunkt gekommen sah: „Du sagtest, das hier wäre eine deiner Lieblingsleggings. Seit wann hast du die eigentlich schon?“ Er versuchte, dabei so beiläufig wie möglich zu klingen.






    „Stimmt“, sagte Silvia, die jetzt ebenfalls auf ihre Beine hinabschaute, „diese Hose habe ich nämlich von einem guten Freund bekommen.“






    Das war jetzt gänzlich unerwartet. Boris glotzte sie irritiert an. Sie hatte diese Leggings - oder besser gesagt die ursprüngliche, die er nun bei sich zuhause aufbewahrte, von einem Mann geschenkt bekommen? Gab es da etwa noch einen Konkurrenten, der Silvia gerne in Lycra sah? Herrje, ihre Beziehung hatte nicht einmal richtig begonnen, da gab es schon Störfeuer ... etwas, das seine Eifersucht weckte ...






    „Und auf die Frage, wie lange ich diese Leggings schon habe“, fuhr Silvia unbeeindruckt fort, „lass mich mal überlegen … ich würde sagen … so ungefähr eine halbe Woche.“ Sie grinste jetzt von einem Ohr zum anderen. „Och Boris, jetzt guck doch nicht so wie ein geprügelter Hund. Dachtest du, ich merke es nicht, wenn meine Leggings, die übrigens etwa fünf Jahre alt sein dürfte – ich war nämlich vierzehn, als ich sie bekam – mit ihren ganzen Gebrauchsspuren, dem Pilling, den teils geflickten Nähten und einem kaum noch lesbaren Waschzettel über Nacht wie neu geworden ist?“






    „Ich dachte, es wäre dir nicht aufgefallen“, brachte Boris leise hervor. „Warum hast du die denn jetzt an und warum hast du nichts gesagt, wenn du es doch bemerkt hast?“ Die Erleichterung, es doch nicht mit einem Lycra-liebenden Fremden, der Silvia Leggings zukommen ließ, zu tun zu haben, überwog bei weitem die Scham, bei seiner Aktion mit dem Austausch der beiden Hosen erwicht worden zu sein.






    „Vielleicht, weil ich auch einen gewissen Kitzel bei diesem Spiel verspüre“, gab Silvia zu. „Außerdem passt mir diese hier ja genauso gut und glänzt nicht weniger stark – was soll ich mich also darüber beschweren, dass die Mängel plötzlich weg sind und die Hose wieder wie neu?“






    „Naja, vielleicht hängst du ja an einer deiner Lieblingsleggings und möchtest lieber das Original als ein Fake von mir?“






    „Sicher, ich mochte diese Leggings wirklich, aber ich denke, sie ist bei dir in guten Händen.“



    Silvia zwinkerte ihm verschwörerisch zu.






    „Auf jeden Fall“, beeilte sich Boris zu erklären. „Ich habe sie nie angezogen, sondern vorsichtig in einem Beutel verstaut. Weil … du weißt schon …“






    „Du bist süß.“






    „Hältst du mich jetzt nicht für einen Perversen?“






    „Ach was, es ist doch ganz natürlich, dass man gerne etwas von der Person haben möchte, die man begehrt, um ihren Geruch ganz nah bei sich zu haben.“






    „Du bist einfach unglaublich, weißt du das?“






    „Hm, ich denke schon!“ Darauf mussten sie beide laut lachen.






    „Jetzt musst du mir aber doch mal erzählen, wie du an diese Leggings hier gekommen bist?“, wollte Silvia wissen.






    „Du weißt ja, dass ich an diesem Tag damals, wo ich dich zum ersten mal in dieser – also der anderen Leggings gesehen habe, ziemlich geflasht war. Ich habe danach einige Zeit darauf verwendet, im Internet zu recherchieren und so viel wie möglich über dieses Material und seiner Verwendung in Erfahrung zu bringen. Und natürlich brannte ich darauf, selbst so etwas zu besitzen, es anzuziehen, den Stoff zu berühren. An dem Abend, als du … als ich dich nach Hause gebracht hatte und wir hier auf dem Sofa saßen und ich dein Beine berührte“, er bewegte dabei seine Hand sacht über Silvias Oberschenkel, „das war wohl die phantastischste Erfahrung, die ich jemals gemacht hatte. Auch wenn es in den kommenden Wochen mehr als unwahrscheinlich war, dich jemals wieder so berühren zu können, so wollte ich doch wenigstens selber diese Art von Kleidung für mich haben. Schnell kam ich auf den Trichter, das bei der elektronischen Buch sowohl Händler ihre Neuware verkaufen, als auch Privatpersonen ihre Second-hand Kleidung. Ich habe mir gleich drei Teile bestellt, darunter auch diese pinkfarbene Leggings. Und keine Angst, das waren alles fabrikneue Teile“, fügte er rasch hinzu.






    „Das nenne ich mal motiviert! Aber mach dir keine Sorgen, ich habe selbst das eine oder andere Teil gebraucht gekauft.“






    „Falls – oder besser gesagt, wenn du mich demnächst mal besuchst, kann ich dir gerne zeigen, was ich bereits alles habe. Und wenn du willst, kannst du natürlich auch wieder deine eigene pinkfarbene Leggings zurückhaben“, fügte er noch rasch hinzu.






    „Du kannst sie gerne als Andenken behalten. Vielleicht schlüpfe ich noch das eine oder andere Mal hinein, wenn ich bei dir bin und wir … wenn du die andere Sache geklärt hast.“






    „Klingt verlockend. Aber jetzt sollten wir doch vielleicht mit dem Film weitermachen.“






    „Stimmt, das was ja der ursprüngliche Plan. Ich kann dir aber gleich sagen, dass außer dieser Leggings am Anfang kein Lycra darin vorkommt. Aber ein verdammt guter Film ist es trotzdem.“






    Silvia startete die Wiedergabe und sie schauten sich den Film ohne weitere Unterbrechungen bis zum Ende an. Boris konnte ihr nur zustimmen, der Streifen war tatsächlich beeindruckend.



    Erst als der Abspann einsetzte, erhob sich Silvia, die sich während der ganzen Zeit wieder an ihn angelehnt hatte, und verkündete, dass sie nun den Kaffee machen würde, deswegen er ursprünglich überhaupt nur herkommen wollte.






    Boris bot seine Hilfe an, aber Silvia versicherte ihm, dass sie das alleine hinbekäme. Auf dem Sofa sitzend zurückgelassen, spürte er die Kälte an der Seite, an die sich bis vor Kurzem noch ihr warmer Körper geschmiegt hatte. Er konnte die Geschwindigkeit, mit der sich die Dinge in den letzten Stunden entwickelt hatten, immer noch nicht fassen. Es war wie ein kleiner Stein, der zufällig ins Rollen kam, und bevor man sich versah, eine ganze Lawine in Bewegung gebracht hatte. Der Boden war schon vorbereitet, die Zweifel, ob oder wie es zwischen ihm und Ana weitergehen sollte, nagten bereits seit dem vorigen Tag an ihm. Besonders vor dem Hintergrund, dass Ana nur noch begrenzte Zeit in Deutschland, in Bonn, bleiben würde, bis sie dann ihrem Traum folgend zurück nach Brasilien ging. Selbst wenn er Silvia heute nicht getroffen und die Offenbarungen, die sie sich gegenseitig gemacht hatten, nicht gewesen wären, hätte er ernsthaft in Erwägung gezogen, seine Beziehung zu Ana zu beenden, sofern diese ihm keine Erklärung für ihr Verhalten bezüglich der Leggings geben würde. Das war, wie er sich durchaus bewusst war, eine zutiefst egoistische Einstellung. Dennoch sagte er sich, dass er eine dauerhafte Beziehung, die seinen Fetisch komplett außen vor ließ, nicht unbedingt das war, was er sich im Augenblick wünschte.


    Fortsetzung folgt ...


    Direkt zu Kapitel 24: Karneval mit Folgen

  • da kommt so eins aufs andere und es fügt sich...

    Erinnert mich an die Folge, wo Boris Silvia seine Gefühle für sie und die Erlebnisse am Karneval mitteilt -> Folge 11

    Boris' "Kleidertausch" ist jetzt wenigstens "legalisiert". So ein bisschen ungeschickt war er ja, zu meinen, Silvia bekäme das nicht mit... aber zum Glück wird ihm der "Tausch" jetzt positiv ausgelegt.
    Ich bin gespannt, wie das mit Ana weitergeht. Ob sie um ihn kämpft und noch Lycra-Geschütze auffährt? Ich vermute ja mal, dass sie in der Vergangenheit eine schlechte Erfahrung gemacht hat...

    Ich freu mich schon auf eine Fortsetzung...

  • Da hat Boris ja mal wieder deutlich mehr Glück wie Verstand gehabt. Seine "Sammel"-Leidenschaft hätte genauso gut alles zwischen ihm und Silvia zunichte machen können.

    Aber auch gut aufgelöst, Respekt.

    Spätestens dass er sie vermisst wenn sie lediglich Kaffee kochen geht, zeigt wie sehr er sie mag.

    Trotzdem hat die temperamentvolle Ana auch noch eine Rolle zu spielen. Bleibt interessant.

  • Ein wenig berechnend ist die Gute ja schon, aber was soll's, dient ja dem "guten Zweck" und wenn sie gerne Lycra trägt, ist sie doch schon per Definition eine Traumfrau.


    Wie bereits geschrieben dürfte er ganz bei Licht betrachtet langfristig nur mit Silvia glücklich werden, aber das dürfte Ana solange sie noch in Deutschland ist wahrscheinlich etwas anders sehen...


    Jetzt muss dieses Puzzle mit "einem Teil zuviel" nur weitergeschrieben werden. Herr Graf?

  • Hab mal wieder etwas Zeit zum Schreiben gehabt.


    Kapitel 24




    Silvia kam mit einem Tablett zurück ins Wohnzimmer und riss Boris aus seinen Gedanken. Rasch eilte er zum Tisch, um ihr wenigstens beim Verteilen des Geschirrs behilflich zu sein. Den Kaffee und die Kekse, die Silvia ebenfalls serviert hatte, genossen sie weitestgehend schweigend, wobei sie sich aber immer wieder vielsagende Blicke zuwarfen. Es stand außer Frage, dass es gehörig zwischen ihnen knisterte, und sie sich beide am liebsten hier und jetzt übereinander her gemacht hätten. Irgendwann gab sich Boris dann einen Ruck und teilte mit, dass es wohl das Vernünftigste sei, wenn er jetzt den Heimweg anträte. Silvia widersprach ihm nicht, und so bedankte er sich für den wundervollen Tag, half ihr noch beim Aufräumen und nahm sie schließlich in den Arm, um sie zum Abschied zu drücken. Auch sie drückte ihn fest und gab ihm anschließend noch einen schnellen Kuss auf die Wange. Damit hatte Boris nicht gerechnet, und er musste sich zwingen, standhaft zu bleiben. Allerdings erinnerte ihn die Regung in seinen unteren Etagen daran, dass er ja immer noch in Leggings gekleidet war. Bei der Euphorie, die er augenblicklich verspürte, hätte er keine Scham gehabt, so auf die Straße zu gehen – doch war es immer noch Februar, und selbst im vergleichsweise milden Rheinland lagen die Tageshöchstwerte derzeit bei rund fünf Grad Celsius. Schnell zog er sich seine Jeans über die Leggings, wechselte zudem noch die Schuhe, nahm seine Jacke und verließ nun endgültig die Wohnung. Im Bus überkam ihm beinahe ein Schütteln, so sehr freute er sich. Das hier war tausendmal besser als jeder Tagtraum, den er sich im letzten Semester durch den Kopf hatte gehen lassen, während er in nicht enden wollenden Vorlesungen Silvia beobachtet hatte und sich wünschte, mit ihr zusammen sein zu können – oder sie wenigstens einmal berühren zu können.






    Es war bereits dunkel, als er in seinem Zimmer ankam. Um noch großartig etwas zu unternehmen, fehlte Boris schlicht der Antrieb. So machte er etwas entspannende Musik an, legte sich aufs Bett und ließ den Tag noch einmal Revue passieren.






    Er musste eingeschlafen sein, denn als er erwachte, war es schon Morgen. Der CD-Player war noch an, er selbst trug noch seine Kleidung vom Vortag. Diese lange Erholungsphase hatte ihm gutgetan, Boris fühlte sich frisch und bereit, es mit allen Hürden aufnehmen zu können. Heute Nachmittag würde die erste Akrobatikstunde stattfinden, aber erst um 18 Uhr. Die Zeit davor wollte er dazu nutzten, sich mit Ana zu treffen. Er wollte klare Verhältnisse schaffen, und das am liebsten schon heute, vor seiner nächsten Begegnung mit Silvia. Er blickte auf die Uhr: kurz vor Acht. Konnte er da schon anrufen? Besser er fragte erst bei WhatsApp, ob sie schon auf den Beinen sei.

    Das war sie, denn Ana schrieb ihm gleich zurück. Sie säße grade im Bus und wäre auf dem Weg zu einer Konferenz. Boris starrte den Text ungläubig an. Was für eine Konferenz?. Er wählte ihre Nummer.

    „Hallo“, begann er, „ich hatte gehofft, wir könnten uns heute vielleicht treffen.“


    „Hallo Boris, heute ist schlecht. Heute ist hier in Bonn eine UN-Konferenz über Klimapolitik, und Entwicklungshilfe. Ich bearbeite in meiner Abschlussarbeit ja genau so ein Thema, daher hat mich mein Professor gefragt, ob ich nicht mit ihm an der Konferenz teilnehmen möchte. Also er ist als Wissenschaftlicher Berater dort, und ich darf ihm überall hin begleiten. Das ist doch toll.“



    „Klar“, pflichtete Boris ihr bei, der die Begeisterung in ihrer Stimme hören konnte. Vielleicht war es sogar gut, wenn sie durch diese Veranstaltung abgelenkt war, dann würde sie das, was er ihr zu sagen hatte, sich möglicherweise nicht so sehr zu Herzen nehmen. Schwachsinn, ermahnte er sich. Er würde ihr Herz brechen, das konnte durch nichts auf der Welt abgeschwächt werden. Lediglich für ihn selbst währe es eine Ausrede, sein Gewissen weniger zu belasten.



    „Ich bin gleich da, ich muss auflegen“, riss ihn Ana aus seinen Gedanken. „Die Konferenz dauert drei Tage, ich habe sicher viel Stress, ich weiß nicht, ob ich Zeit habe, dich zu Treffen. Also sagen wir am Donnerstag, dann ist wieder frei. Ok, Boris?“


    „Geht klar.“

    Ana hatte die Verbindung bereits beendet, bevor Boris sie noch fragen konnte, ob sie denn zumindest am Abend noch mal telefonieren könnten. Aber gut, dachte er sich, sollte seine Noch-Freundin von ihren Erlebnissen auf der Tagung berichten wollen, würde sie sich schon bei ihm melden.



    Als die Zeit zum Aufbruch gekommen war, packte Boris seine Sportsachen in einen Rucksack und machte sich auf den Weg zur Römerstraße, wo die Sporthalle nahe der Pädagogischen Fakultät sein Ziel war. Im Inneren erkannte er, dass es mehrere Hallen im Gebäudekomplex geben musste, denn im Korridor begegneten ihm zahlreiche Studenten, die Basketballtrikots trugen und vermutlich ebendiese Sportart in einer anderen Halle ausüben würden. Ein wenig orientierungslos blickte er sich um. Schließlich fragte er einen der ihm Entgegenkommenden, wo er denn den Saal für die Akrobatikveranstaltung fände.



    „Agro-Was? Keine Ahnung, nie gehört“, war alles, was er als Antwort bekam.


    Sollte er einfach in eine der Umkleiden gehen und sich schon mal umziehen? Jetzt, wo er diese hochgewachsenen Kerle in ihren schlabbernden, oft viel zu weit geschnittenen Trikots und Hosen und den schweren Basketballstiefeln überall um sich herum wahrnahm, erschien es ihm äußerst peinlich, sich selbst eine glänzende, hautenge Leggings anzuziehen. Diese Typen würden vielleicht nichts zu ihm sagen, doch sicher hinter vorgehaltener Hand über ihn lästern, sich darüber auslassen, dass er doch bestimmt ein Schwuler sei.



    Unsicher blieb Boris im Gang stehen und überlegte grade, ob er Silvia vielleicht eine Nachricht schreiben sollte, dass er sich im Gebäude überhaupt nicht auskenne und nicht wisse, wohin er gehen müsse, als er hinter sich eine vertraute Stimme hörte.



    „Na, was stehst du denn hier wie bestellt und nicht abgeholt?“



    „Silvia! Meine Rettung“, kam es mit Erleichterung von ihm.



    Sie eilte in seine ausgestreckten Arme und ließ sich drücken. Als sie sich vorneigte, um ihn zu Küssen, zögerte Boris.



    „Hast du … die Sache noch nicht geklärt?“


    „Nein, es hat sich noch keine Gelegenheit geboten. Vielleicht dauert es noch ein paar Tage, bis ich mich mit IHR treffen kann.“


    Silvia riss gespielt dramatisch die Augen weit auf: „Ein paar Tage? Ob ich so lange warten kann?“


    „Wo müssen wir überhaupt hin?“, wechselte Boris das Thema.


    „Ganz am Ende des Gangs ist unsere Halle.“ Sie zog ihn mit sich zwischen den immer noch aus der Umkleide strömenden Basketballspielern hindurch. Der Raum selbst war etwa 15 Meter lang und vielleicht sechs oder sieben Meter breit und somit kleiner, als Boris vermutet hatte. An der Wand links und rechts der Eingangstür standen Holzbänke, vor denen bereits einige Personen damit beschäftigt waren, sich ihre Straßenkleidung auszuziehen. Auch Silvia, die in ihrem altbekannten Outfit, Jeans, langer Pulli und Mantel darüber, erschienen war, begann sich diese Sachen auszuziehen. Darunter trug sie bereits eine Leggings – eine schöne, dreifarbig gemusterte in Silber, schwarz und rosa – und darüber einen schwarzen Body.


    „Gibt es hier denn keinen separaten Umkleideraum?“, fragte Boris vorsichtig.



    „Nein, es gibt nur die großen Umkleiden draußen, eine für Herren, eine für Damen. Die sind für alle Hallen gleichermaßen. Wenn du dich lieber dort umziehen willst, kannst du natürlich auch da hin gehen. Wir hier ziehen uns aber normalerweise immer direkt hier vor Ort um, es guckt einem ja keiner was weg.“



    Wie ihm jetzt auffiel, hatte alle anderen Teilnehmer des Akrobatikkurses ihre Sportkleidung bereits angehabt. Er selbst hatte nicht so weit gedacht. Jetzt blieb ihm nur die Wahl, sich hier und jetzt in Anwesenheit von etwa zehn Personen, die bis auf zwei allesamt weiblich waren, umzuziehen, oder die Kabine zu benutzen, die zwar nur von Männern besucht wurde, denen sein Lycraoutfit allerdings eher befremdlich vorkommen müsste.



    Er gab sich einen Ruck, stellte seine Tasche auf die Bank und begann damit, sich die Schuhe auszuziehen. Beim Oberteil war es auch noch kein Problem, da er sein T-Shirt, das er unter dem Pullover trug, einfach anbehalten würde. In seiner Tasche hatte er ein frisches dabei, das er nach dem Training anziehen würde. Jetzt kam der wirklich herausfordernde Teil: die Jeans. Um nicht unnötig lange nur in Unterhose dastehen zu müssen, legte er sich die Leggings – heute hatte er sich für die dunkelblaue entschieden – zurecht. Jetzt entledigte er sich seiner Jeans, warf diese ungefaltet zu Boden und griff sich die Leggings. Aber verdammt, mit Hast ging hier gar nichts. Boris bekam seine Füße kaum durch die Beinöffnungen, geriet beim zweiten Bein ins Stolpern und wäre um ein Haar zur Seite weggefallen, konnte sich aber noch grade halbwegs unelegant auf die Bank sinken lassen, die Leggings nur bis zu den Knien hochgezogen. Mit knallrotem Gesicht saß er da und blickte sich hastig um. Doch entgegen seiner Befürchtung schenkte ihm niemand sonderliche Beachtung – ausgenommen von Silvia, die seine Panik spürte und sich genau vor ihn stellte, um ihn vor möglichen Blicken zu verbergen.



    „Was machst du denn da?“, wollte sie wissen. Ohne eine Antwort abzuwarten fuhr sie fort: „Bleib ganz locker, wir ziehen uns hier alle um, und keinen interessiert das.“


    Fortsetzung folgt ...

  • Vor lauter Aufregung fast in Peinlichkeiten gestolpert.


    Die Geschichte liest sich einfach gut. Egal ob es um das Dreiecksverhältnis geht, oder um die Akrobatik bzw, Lycrakleidung an sich.

    Vor allem die "Randnotizen" über das Treiben auf dem Campus oder Ana´s Studienausflug zur Klimakonferenz, machen die ganze Sache lebendig und plausibel.

  • So, weiter gehts mit der ersten Akrobatikstunde. Da die Dreiecksgeschichte ja der Form halber schon so gut wie aufgelöst ist, bin ich einfach mal so gemein und füge der Gleichung noch eine weitere Unbekannte hinzu - die, um bei der Sprache der Mathematik zu bleiben, erst einmal eleminiert werden muss. Aber geht das denn so einfach ...


    Kapitel 25:


    Endlich hatte Boris auch seinen zweiten Fuß befreit und konnte sich die Leggings bis zur Taille hochziehen. Er wollte sich noch seine Sportschuhe anziehen, bemerkte aber, dass alle anderen barfuß waren, und so ließ er es bleiben. „Danke“, murmelte er Silvia zu, die sich neben ihn auf die Bank gesetzt hatte.


    „Für dich ist das sicher noch sehr ungewohnt“, spekulierte diese.


    „Ja, allerdings. Ich fühle mich irgendwie so entblößt. Also ich hoffe, du verstehst, was ich meine. Ich trage gerne Lycra – nur ist es für mich ganz neu, so unter Menschen zu gehen.“


    „Das kann ich sehr gut nachempfinden. Aber guck mal, alle hier haben was aus Lycra an, auch die Herren“, dabei nickte sie mit dem Kopf in Richtung eines Studenten, der nach ihnen den Raum betreten hatte und sich augenblicklich die Jeans auszog, wobei darunter eine schwarze Radlerhose zum Vorschein kam.


    Als dieser junge Mann fertig umgezogen war, kamen von der gegenüberliegenden Seite der Halle zwei Leute auf sie zu, bei denen es sich offensichtlich um die Trainer handeln musste, da einer von beiden, der Mann, ein Klemmbrett unter dem Arm hielt, während die Frau auf die Uhr schaute und sagte: So, ich denke wir können beginnen. Die meisten von euch kennen wir ja schon vom letzten Semester, aber ich sehe auch ein paar neue Gesichter. Am besten, wir stellen uns alle kurz einander vor. Ich bin die Franziska, und zusammen mit meinem Kollegen Dirk leite ich auch diesen Ferienkurs. Es ist schön, dass wir auch jetzt wieder um die zehn Personen zusammen bekommen haben – es gab auch schon Ferienkurse, die ausfallen mussten, da nur drei Leute daran teilnehmen wollten, und da lohnte sich der Aufwand einfach nicht. Es muss nur mal einer krank werden, oder einer verliert im Laufe der Zeit die Lust, und schon stehen wir fast alleine da ... Jetzt aber zu euch: Sagt kurz wie ihr heißt, welche Erfahrungen ihr schon in der Akrobatik habt und wie ihr zu uns gefunden habt – Letzteres gilt eher für die, die heute zum ersten Mal hier sind - und was euch sonst noch wichtig erscheint. Dirk, du kannst ja dann auf der Teilnehmerliste abhaken, wer alles da ist. Am besten fangen die an, die schon im letzten Kurs dabei waren.


    Der Reihe nach stellten sich acht Leute vor, sieben Mädels und ein Junge, die sich allesamt bereits aus dem letzten Kurs kannten und somit bereits einige Erfahrung in Akrobatik hatten. Manche von ihnen, meinte Boris, von dem Video her wiederzuerkennen. Silvia war die Letzte von ihnen. Sie hatte mit Absicht gewartet, da sie auf diese Weise den Bogen zu seiner Vorstellung spannen konnte. „Ich bin Silvia“, stellte sie sich vor, „die meisten von euch kennen mich ja schon. Für alle anderen: ich bin 19 Jahre jung und mache Akrobatik seit dem letzten Semester. Für diesen Ferienkurs habe ich noch für Verstärkung gesorgt. Das hier ist Boris …“ Sie zögerte kurz. „… ein guter Freund von mir, den ich überredet habe, ebenfalls teilzunehmen.“

    Alle Blicke wanden sich nun ihm zu. Ein wenig unbeholfen stellte Boris sich mit leiser Stimme weiter vor: „Hallo, naja, wie Silvia schon gesagt hat … ich heiße Boris. Ich bin ebenfalls 19 und habe noch gar keine Erfahrung hier mit.“ Er machte eine ausholende Handbewegung durch die Halle. Ok, ein paar Dinge hat sie mir schon erklärt, aber das würde ich …“


    „Ich bin Pierre“, fiel ihm der zuletzt erschienene junge Mann lautstark ins Wort. „Ich bin 22 und habe schon fast alles an Sportarten gemacht, was man sich denken kann. Das hier ist neu, und ich bin ständig auf der Suche nach neuen Reizen.“ Mit leiserer Stimme und an den anderen männlichen Teilnehmer gewandt, einen der Etablierten aus dem vergangenen Semester, fügte er noch hinzu: „Und ich sehe jetzt schon verdammt viel Reizvolles hier“, wobei er seinen Blick über die versammelten weiblichen Teilnehmer gleiten ließ. Den irritierten Ausdruck auf dem Gesicht seines Nebenmannes nahm er gar nicht zur Kenntnis.


    Boris verspürte jetzt schon eine Abneigung gegenüber diesem Macho, der sich ganz offensichtlich nicht einmal einen Hehl daraus machte, dass alle mitbekamen, wie er dachte. Zu seinem eigenen Vorteil sah dieser Kerl recht attraktiv aus, war groß und muskulös – zumindest in dem Punkt hatte er wohl nicht übertrieben: Dieser Körper wurde oft trainiert. Die schwarze Radlerhose spannte sich glänzend über feste Muskelpakete an seinen Oberschenkeln, ähnlich wie bei einem Profifußballer.


    Zu guter Letzt stellten sich noch zwei weitere Studentinnen vor, die ebenfalls neu hinzugekommen waren. Dann schloss das Trainergespann, nachdem Dirk die Anwesenheit aller 12 angemeldeten Teilnehmer festgestellt hatte, die Begrüßungsrunde und begann, eine Reihe von Aufwärm- und Dehnungsübungen vorzumachen. Nach einer knappen Viertelstunde war die Gruppe dann soweit vorbereitet, mit den eigentlichen Akrobatikübungen zu beginnen. Jeder der Neuen sollte mit einem der erfahrenen Kursteilnehmer ein Team bilden. Boris blickte sich nach Silvia um. Sie befand sich einige Meter entfernt.


    Eines der Mädchen, die ebenfalls schon länger dabei waren, und das in unmittelbarer Nähe zu Boris stand, drehte sich prompt zu ihm um und sagte: „Ok, dann helfe ich dir mal.“


    Anscheinend war es ihr gar nicht in den Sinn gekommen, erst zu fragen, ob er denn überhaupt mit ihr oder mit jemand anderem zusammen üben wollte.


    Er warf Silvia einen fragenden Blick zu, die jedoch nur mit dem Schultern zuckte.

    „Ok“, sagte er zu dem Mädchen – ihr Name war Saskia – und beruhigte sich selbst, dass es ohnehin nicht gut wäre, wenn er nur mit Silvia zusammen hängen würde. So konnte er sich zudem besser auf die Übungen konzentrieren und wäre nicht durch ihren Körper abgelenkt. Und nach der Trainingseinheit wäre die Freude, Silvia wieder nahe sein zu können, umso größer. Noch während Boris sich selbst von der Sinnhaftigkeit dieser Idee zu überzeugen versuchte, blickte er sich erneut zu Silvia um und sah, dass ausgerechnet dieser aufgeblasene Gockel Pierre sich als Silvias Teampartner anbot. Zunächst wollte diese mit einer der ebenfalls etablierten und ihr schon bekannten Frauen zusammen trainieren, da es schließlich doppelt so viele von ihnen gab, so dass nicht jeder mit einem der Neulinge ein Paar bilden brauchte. Pierre jedoch drängte sich regelrecht auf, es fehlte nicht viel, und er hätte das andere Mädchen auf Seite geschubst. Boris hörte ihn grade sagen: „Ich möchte von den Besten lernen, und du scheinst mir hier die Beste zu sein!“


    Was für ein Schwachsinn! Wie wollte er das beurteilen, wo sie doch in puncto Akrobatik noch gar nichts hatten zeigen müssen. Am liebsten wäre er losgestürmt und dazwischen gegangen. Aber wie hätte das ausgesehen? Zumal Silvia ihn vorhin nicht als ihren Freund, sondern nur als guten Freund vorgestellt hatte. Gewiss nicht aus böser Absicht, denn sie hätte sich nicht träumen lassen, hier einen Konkurrenzkampf um ihre Person erleben zu müssen – und faktisch waren sie ja noch gar kein Paar, solange Boris nicht offiziell mit Ana Schluss gemacht hatte. Er selbst war es doch, der das mehrfach betont hatte. Er biss die Zähne zusammen und schwor sich, in der nächsten Woche zum einen ganz offiziell mit Silvia liiert zu sein und zum anderen, eben deshalb, diesem Gockel nicht mehr klein bei zu geben.


    Das Training begann, und Saskia gab sich ihrerseits alle Mühe, Boris die Übungen zu erläutern, sofern die Erklärungen und das Vorturnen der beiden Trainer nicht ausreichend waren. Nach einer Weile kam er nicht darum herum, ihre Leggings, eine tief weinrote und stark glänzende Vertreterin ihrer Art, zu bewundern. Aber nicht auf die Weise, dass er sich am liebsten über seine Partnerin hergemacht hätte, sondern eher in der Art, dass er sich genau diese Hose für Silvia oder sich selbst wünschte. Auch wenn Saskia durchaus als hübsch zu bezeichnen war, hatte Boris in keiner Sekunde auch nur mit dem Gedanken daran gespielt, wie es wäre, wenn ...


    Als die 90 Minuten vorbei waren, bedankten sich die Trainer bei den Teilnehmern und hofften, in der kommenden Woche alle wieder zu sehen. Boris unterhielt sich noch kurz mit Saskia, die wissen wollte, wie ihm Akrobatik gefiele. Dann begann er sich umzuziehen, wobei er es diesmal so wie alle anderen machte und die Jeans über die Leggings zog statt sich erst bis auf die Unterwäsche auszuziehen. An der Tür wartete er auf Silvia, die noch nicht ganz so weit war.


    Endlich kam sie, ihren Sportbeutel noch in der Hand haltend um mit der Verschlusskordel kämpfend, auf ihn zu. Boris wollte gerne seinen Arm um sie legen, allen Vorsätzen zum trotz, und mit ihr zu Bushaltestelle schlendern. Herrje, sie hätte ihn doch sogar zur Begrüßung geküsst, wenn er das zugelassen hätte, was sprach also gegen diese Geste der Verbundenheit? Bevor er aber nur in ihre Nähe kommen konnte, schob sich Pierre dazwischen und legte seinerseits tatsächlich seinen Arm um Silvias Schultern. „Ich wollte mich für diese ganz großartige Trainingsstunde bedanken“, tönte er in bester Donald-Trump-Manier. „Ich gebe mich wie schon gesagt, nur mit dem Bestem zufrieden. Aber so herausragende Leistung möchte auch belohnt werden – ich lade dich auf einen Kaffee ein.“


    Boris tat einen Schritt nach vorne, um den auf sich zusteuernden Duo den Weg zu versperren. Er erwartete, dass Silvia sich jeden Moment von diesem aufdringlichen Typen losreißen würde.

    Anstatt anzuhalten oder zumindest langsamer zu werden, marschierte Pierre weiter, obwohl er, wie ein kurzer Augenkontakt bewiesen hatte, Boris vor sich stehen gesehen hatte. Im Letzten Augenblick machte der einen Satz zurück, wurde aber dennoch unsanft von der Schulter des kräftigen jungen Manns getroffen. Seinen anderen Arm hatte Pierre nach wie vor um Silvia gelegt und führte diese regelrecht mit sich.


    „Hey, entschuldige mal …“, setzte Boris an.


    „Entschuldigung angenommen!“, blaffte Pierre überheblich. „Pass in Zukunft einfach auf, mir nicht mehr im Weg zu stehen, dann ersparst du dir auch weitere Schmerzen.“


    Fortsetzung folgt ...


  • Derartige "unappetitliche Gesäßöffnungen" trifft man auch im wahren Leben immer wieder.


    Sind wir mal ehrlich, jede gute Story braucht so einen Antagonisten, der entweder die Leserschaft polarisiert, oder durch sein fieses Verhalten den besseren Charakter der Protagonisten hervor hebt.

    Pierre hat sich schon direkt die Berechtigung erworben, vom obersten Punkt einer Menschenpyramide zu fallen. Man wünscht solchen Typen halt nur das Beste.


    Ist und bleibt eine verdammt gute Story (und ich muss mich mächtig anstrengen, wenn ich mit einer neuen Geschichte dagegen "anstinken" will).

  • Danke euch allen für die netten Worte. Lycwolf, mach dir keine Sorgen, ich freue mich jetzt schon auf alles, was du uns in Zukunft präsentieren wirst. Wenn du deinem Stil treu bleibst, kann es nur gut werden.


    Leider ist Pierre von seiner Statur eher für die unterste Reihe prädestiniert. In einem möglichen Szenario würde er als wirklich böser Typ entwickelt, ich bin mir noch nicht sicher, ob ich das wirklich so will. Andererseits soll die Story ja nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen sein, sondern auch mal eine unerwartete und hefige Entwicklung nehmen. Mal sehen.


    Kapitel 26:


    Was war das denn jetzt für ein Spruch? Auch Silvia schien nun mit ihrer Geduld und dem Versuch, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, am Ende zu sein. Sie riss sich aus Pierres Griff und giftete ihn an: „Was ist dein Problem? Bist du schon als Ar***loch auf die Welt gekommen, oder haben dir deine Eltern zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt?“


    „Oho“, johlte der Beleidigte. „So widerspenstig – ich mag das!“


    „Bist du in Ok, Boris?“, fragte Silvia, den Adonis neben sich nunmehr einfach ignorierend.


    „Ach ja, ich vergaß, ihr seid ja best buddies“, kam ihm Pierre mit einer Antwort zuvor. „Ich denke, unser Date verschieben wir auf ein andermal. Schönen Abend noch, dir und deinem Pflegefall.“ Damit drehte er sich um und ging mit großen Schritten durch den Korridor, wie ein Offizier, der die Front abschritt.


    „Was für ein Spinner ...“, begann Silvia.


    „Das kannst du laut sagen“, bestätigte Boris, der sich immer noch die schmerzende Schulter hielt. „Erinnert mich irgendwie an den Kerl im Affenkostüm.“


    „Mich auch. Wenn ich gewusst hätte, wie sehr der neben der Spur läuft, hätte ich mich geweigert, mit ihm zusammen zu trainieren. Mann war das ekelig, wie der mich ständig angeglotzt hat.“


    „Du ahnst nicht, wie glücklich ich bin, das zu hören“, seufzte Boris erleichtert. „Also, nicht, dass ich es gut finde, dass dieser Kotzbrocken auf dich steht, sondern, dass es dir aufgefallen ist und du nicht auf seine Anmache eingegangen bist.“


    Mittlerweile hatten sie das Gebäude verlassen und waren in die Dunkelheit des Campusgeländes getreten. Frostige Luft umfing sie. Silvia schlang die Arme um Boris und drückte ihn fest. „Keine Sorge, mein Herz gehört nur dir. Das weißt du doch.“


    „Ich weiß, und ich bin so unglaublich froh, dass das so ist. Es … es ist einfach nur unangenehm, mit ansehen zu müssen, wie jemand anderes diese Tatsache zu ignorieren scheint und sich so an dich ranschmeißt.“


    „Lass ihn doch schmeißen so viel er will, bei mir stößt er auf eine Mauer aus Granit.“


    „Hoffentlich checkt der Typ das mal. Diese Eifersucht, auch wenn sie unbegründet ist, macht mich verrückt. Ich möchte dich am liebsten nur noch festhalten und … küssen.“ Mit diesen Worten kam er ihr entgegen, und ihre Lippen berührten sich. Der Kuss war erst zaghaft, jeder glaubte, der jeweils andere würde sofort wieder einen Rückzug machen. Nachdem das eine Weile lang nicht geschehen war, küssten sie sich inniger. Erst nach ein, zwei Minuten, die Boris wie eine Ewigkeit vorkamen, trennten sie sich wieder voneinander. Silvia war so taktvoll, nicht darauf hinzuweisen, dass Boris damit seiner strengen Keine-zwei-Beziehungen-gleichzeitig-Politik zuwidergehandelt hatte. Bis sie sich ein wenig später an der Bushaltestelle verabschiedeten, da sie in unterschiedliche Richtungen fahren mussten, redeten sie nicht mehr miteinander, sondern liebkosten sich nur noch zaghaft. Am nächsten Tag wollten sie sich nachmittags treffen, um sich um Boris´s Fahrrad zu kümmern. Mehr dazu wollte Silvia nicht verraten. Pierre mit seiner ungehobelten Art war zu diesem Zeitpunkt bereits vergessen.


    Im Laufe des Abends gab es keine Reaktion seitens Ana, sodass Boris davon ausging, erst in ein, zwei Tagen wieder etwas von ihr zu hören. Er würde sich nicht bei ihr melden, da er ohnehin nichts erreichen konnte, weil er schließlich nicht via Telefon oder Kurznachricht mit ihr Schluss machen wollte.


    Als er am nächsten Tag bei Silvia eintraf, erwartete diese ihn bereits komplett angezogen im Hausflur.

    „Gehen wir irgendwo hin?“, wollte er wissen.


    „Jep.“


    „Und wohin?“


    „Lass dich überraschen.“


    Wie sich herausstellte, steuerte Silvia ein großes Sportgeschäft in der Innenstadt an. Boris ahnte, was sie hier wollte. Spätestens, als sie in die Fahrradabteilung traten, war ihm klar, dass Silvia von ihm erwartete, dass er sich ein Fahrrad aussuchte.


    „Hör mal“, flüsterte er ihr zu, „das sind hier wirklich tolle Räder, aber … ich kann mir so etwas im Augenblick nicht leisten.“


    „Hm, deswegen hatte ich mir überlegt, es dir zu schenken.“


    „Das kannst du doch nicht machen!“, rief Boris entsetzt. „Hast du gesehen, was die so kosten?“


    „Ich habe doch schon mal gesagt, das meine Familie ziemlich wohlhabend ist. Ich will das auf keinen Fall hervorheben, im Gegenteil, es ist mir eher peinlich, aber jetzt habe ich endlich mal die Gelegenheit, etwas von dem Geld sinnvoll einzusetzen.“


    Boris widersprach ihr nicht mehr, da er wusste, dass sie sich nicht mehr von dieser Idee abbringen lassen würde. Gemeinsam gingen sie die Reihen der nagelneuen, nach Gummi und Schmieröl riechenden Fahrräder durch. Spontan blieben sie beide vor dem gleichen Rad stehen.

    „Das sieht doch toll aus“, sagte Silvia.


    „Genau das ist mir auch grade ins Auge gesprungen.“ Boris zog das Fahrrad, ein Trekkingrad in grau-schwarzer Optik hervor und begutachtete es aus der Nähe. Ein Verkäufer eilte herbei und bot ihm an, auf dem breiten Gang ein Stück weit zu fahren. Boris bat ihn zunächst, den Sattel auf seine Größe optimal einzustellen, was der Verkäufer auch mit wenigen Handgriffen hinbekam. Nach einer Runde durch die Etage stieg Boris grinsend vom Rad. „Also mir gefällts, und alles funktioniert perfekt.


    „Können wir es gleich mitnehmen?“, wollte Silvia wissen.


    „Natürlich“, sagte der Verkäufer und hängte eine Nummer an den Lenker. „Ein Mitarbeiter bringt es runter in die Warenausgabe im Erdgeschoß, da können Sie es dann gleich mit einem Abholschein bekommen. Wenn Sie mir jetzt bitte zur Kasse folgen möchten …“


    Auf den Preis hatte Boris noch gar nicht geschaut – einige der anderen Räder, an denen er vorbei gegangen war, lagen so im Bereich zwischen 400 und 900 Euro. Um so entsetzter war er, als auf dem Display der Kasse die Zahl 1699,90 aufleuchtete. Im Vergleich: Die monatliche Miete für sein Studentenzimmer im Wohnheim Tannenbusch lag bei 220 Euro – Wasser, Strom und Heizung bereits inbegriffen.


    Silvia schob jedoch, ohne zu zögern, ihre Bankkarte in das Lesegerät und tippte ihre Geheimzahl ein. Wie vereinbart erhielten sie darauf hin den Abholschein und die Info, dass es noch eine Viertelstunde dauern könnte, bis sie das Rad im Erdgeschoß in Empfang nehmen könnten.


    „Hör mal“, begann Boris, als sie sich in Richtung der Rolltreppe bewegten, „wenn ich gewusst hätte, das dieses Rad so teuer ist, hätte ich doch ein anderes genommen.“


    „Ich will nichts mehr davon hören. Wir fanden das Rad beide schön, du kommst gut damit zurecht, das ist doch die Hauptsache. Wenn du willst, kannst du mich ja auf einen Kaffee einladen, während wir darauf warten, das einer der Mitarbeiter es fertig bringt, das Rad nach unten zu fahren.“


    Gesagt, getan, steuerten sie daraufhin das kaufhausinterne Lokal an, wo sie sich einen Kaffee und ein Stück Kuchen von eher fragwürdiger Qualität gönnten. Während sie dasaßen und tranken, fragte Boris: „Hast du eigentlich spezielle Kleidung zum Radfahren? Ich habe gelesen, dass es dafür spezielle Hosen mit Polster gibt.“


    Silvia musste lachen: „Du hast gelesen … Owei, hast du denn noch nie einen Radfahrer mit so einer Hose gesehen?“


    „Naja, bestimmt schon, aber ich habe einfach nicht auf so Details geachtet.“


    „Ok. Und um auf deine Frage zurück zu kommen, ja ich habe spezielle Kleidung. Radlerhosen in lang und kurz, mit Trägern und ohne, dazu noch Trikots und einen Helm. Ich denke mal, man muss kein Prophet sein, um herauszufinden, dass du weder das eine noch das andere besitzt.“


    „Da hast du recht.“


    „Dann müssten wir auch noch mal in die Sportbekleidungsabteilung …“, sinnierte Silvia.


    „Kommt nicht in Frage!“, sagte Boris bestimmt.


    Silvia guckte ihn überrascht an.


    „Sorry, ich wollte nicht so laut werden. Ich möchte nur nicht, dass du noch mehr Geld ausgibst. Das ist mir ohnehin schon peinlich genug.“


    „Meine Radlerklamotten sind noch alle bei meinen Eltern, daher habe ich ebenfalls nichts hier und müsste mir was neues kaufen, wenn ich nicht noch bis zum nächsten Besuch daheim warten möchte. Vielleicht findest du ja auch was, das dir gefällt. Das kannst du dir ja selbst kaufen.“


    „Das können wir natürlich machen.“ Seine Stimmung war sofort wieder gestiegen, was zum einen daran liegen mochte, dass er nicht noch tiefer in Silvias Schuld stehen würde, aber vor allen Dingen daran, dass er und seine Angebetete in Kürze in Lycra voreinander stehen würden.


    Fortsetzung folgt ...