BIS ANS ENDE DER WELT

  • Wird unser Held seiner Geliebten Riccarda näher kommen?






    Als so leicht wie angenommen entpuppte sich der Rausch dann aber doch nicht. Er hatte keine genaue Erinnerung an den Weg von seiner Unterkunft hierher an den Flughafen. In weiser Voraussicht hatte er bereits gestern Nachmittag seinen Rucksack gepackt und nur das nötigste zur Körperpflege draußen gelassen. Verkatert stand er jetzt in der Abflughalle, war sich aber wenigstens sicher nichts zurückgelassen zu haben.

    Was gäbe er jetzt für ein Acetyl-Salicylsäurehaltiges Medikament.


    Vor dem Check-In-Counter stand eine sich eine lautstark streitende Menschenmenge versammelt und er konnte sich beim besten Willen keinen Grund für diesen Tumult vorstellen. Die meisten von ihnen sprachen kein Englisch, aber immer wieder gestikulierten sie auf die Tafel mit den Abflugzeiten.


    Stefan sah seinen Flug dort aufgeführt und war damit zufrieden. Die links davon abwechselnd eingeblendeten Kommentare fanden erst viel später den Weg in sein Bewusstsein.

    "Cancelled" .... "Postponed" ....

    Ein wirklich blöder Zeitpunkt für einen Fosters-Hangover.


    Eine Angestellte der Airline trat vor die aufgebrachten Fluggäste und versuchte deren Geräuschpegel zu übertönen.


    "Der Flug wurde wegen zu geringer Kapazitätsauslastung auf Morgen um die gleiche Zeit verschoben."


    Zu ihrem Glück traten ihr jetzt zwei Security-Kräfte zur Seite, denn ihr hübsches Uniform-Kostüm über den seidig bestrumpften Beinen hätte sie außer Stefan niemandem entgegen stellen können. Einigen der Reisenden stand der Wunsch sie zu lynchen ins Gesicht geschrieben.


    Stefan zog sich derweil aus dem Trubel zum Wartebereich mit den Sitzgelegenheiten zurück. Das lamentieren des aufgebrachten Mob war fruchtlos. Er erinnerte sich an den Vertragspassus, dass Charterflüge kurzfristig um bis zu 24 Stunden verschoben werden durften. Natürlich unter Ausschluss jeglicher Ersatzleistungen wie Unterkunft oder Verpflegung. Irgendwie musste der Spottpreis ja zustande kommen.


    Nach fast einer Stunde plärren und jammern hatten sich die anderen Reisenden endlich mit den Tatsachen abgefunden. Er vergewisserte sich lediglich noch einmal bei der Flugangestellten über den neuen Abflugtermin. Dann schlurfte er niedergeschlagen davon.


    Weitere 24 Stunden ohne Riccarda. Keine Bleibe über Nacht. Zum Glück hatte er noch einiges an Barmitteln. Verhungern musste er also nicht.

    Die milde, würzige Seeluft-Briese, die ihn am Busbahnhof des Airports umwehte war belebend und langsam wich der Restalkohol aus seinen Sinnen.

    "Whapitu-Beach", hatte der Engländer gestern erwähnt.

    Wieso trat ihm das gerade jetzt wieder ins Gedächtnis?

    Ach ja, natürlich. Es stand als Fahrziel auf einem der Abfahrtspläne.


    Es war mehr als eine dreiviertel Stunde Fahrt, doch er war froh dem Impuls nachgegeben zu haben. Nachdem sie die Randbezirke der Stadt hinter sich gelassen hatten, meldete sich die Natur mit ihrer unvergleichlichen Pracht zurück. Sie umfuhren einige mit Kiefern und exotischeren einheimischen Bäumen bewaldete Hügel, dann erreichten sie über eine gewundene Uferstraße die kleine Siedlung, die über einem malerischen Sandstrand thronte.


    "Whapitu Campground", wies das Schild auf dem Parkplatz aus, welcher auch dem Bus als Wendeplatz diente. Eine Lodge mit Campingplatz. Doch auch hier vor einem der Abstiege zum Strand hinunter, fand er ein einladendes Cafe´ in dem er ein spätes Frühstück zu sich nahm.

    Wieder machte sich der britische Kolonialeinfluss bemerkbar. Toast, gebratenen Speck, kleine Würstchen und Bohnen. Für ihn eher ein Mittagessen. Dazu der obligatorische Tee. Aber die Aussicht glich den Bildern eines Urlaubsprospekts, nur dass hier nichts retuschiert werden musste.

  • Desi

    Stimmt, der kleine Strand von Whatipu wird erst durch meine Phantasie belebt.

    Eigentlich sollten die folgenden Handlungsabschnitte am bekannteren Strand von Karakare stattfinden. Dieser befindet sich um die Landspitze etwa 2km entfernt und wird immer unter den ersten von Aucklands Stränden genannt.

    Aber ich entschied mich das folgende am etwas intimeren Whatipu-Beach anzusiedeln.

    Wie gesagt, reale Orte ja - aber immer mit etwas Phantasie aufgepeppt.

  • So Lesefreunde, noch ein Kapitel zum Wochenende.

    Gute Unterhaltung.





    So gestärkt sah die Welt schon wieder freundlicher aus. Von den letzten Stufen der breiten Holztreppe, ließ er seinen Blick über die halbmondförmige, flach ins Meer verlaufene Küste schweifen. Gordon hatte nicht zu viel versprochen. So sollte ein Badestrand aussehen.

    Er zog Schuhe und Strümpfe aus und watete eine Weile durch die seicht anlandenden Wellen am Strand entlang. In der Nähe einer Ansammlung von Felsen ließ er sich schließlich nieder. Außer ihm waren nicht allzu viele Gäste anwesend. Eigentlich verwunderlich für einen so einladenden Ort.


    Zunächst nahm er ein etwa halbstündiges Sonnenbad, nur mit einen Badeslip bekleidet. Danach zog er sich unter eines der vielfach vorhandenen, schattenspendenden Strohdächer zurück, von wo aus er das Treiben am nicht mehr als einen knappen Kilometer langen Strand beobachten konnte.


    Zwei Mädels in schwarzem Neopren waren ihm bereits vorhin oben auf dem großen Parkplatz aufgefallen. Sie luden Surfbretter von einem verrosteten Pick-Up herunter. Jetzt erst erkannte er, dass die Boards etwas dicker und breiter als regulär waren. Die Beiden in den körpergenau anliegenden Gummianzügen übten sich im Standup-Paddeling. Auf der Fläche des Bretts stehend war es gar nicht so einfach die Balance zu halten. Noch dazu wenn man probiert mit einem Kanupaddel zu Rudern. Es wirkte fast wie bei venezianischen Gondolieri.

    Obwohl sie mehr im als auf dem Wasser waren, hatten die jungen Frauen Riesenspaß dabei. Die Luft war erfüllt von ihrem kichern und erschrecktem aufschreien. Und ihre feucht glänzenden, schwarzen Körper waren ebenfalls nicht zu verachten.


    Die Zecherei gestern Abend war anscheinend doch nicht so trivial wie zunächst angenommen. Er musste ein wenig im Schatten eingedöst sein, denn die beiden Steh-Paddlerinnen waren nicht mehr zu sehen. Dafür war jetzt in seiner Nähe eine Gruppe halbstarker Einheimischer aufgetaucht. Unter lautem Johlen verfolgten sie eine Radioübertragung ihres Nationalsports, Rugby. Offensichtlich enthemmt durch alkoholhaltige Genussmittel, stellten sie einige der Spielzüge nach. Also vor allem das gegenseitige anrempeln.


    Stefan kam mit sich überein, dass dies nicht seine bevorzugte Nachbarschaft sei und zog mit seinem großen Rucksack näher an den Aufgang zum Parkplatz. Auch dort fanden sich Strohdächer in dessen Schatten er sich entspannen konnte.

    Wenngleich der Nachmittag bereits fortgeschritten war, vernahm er kein Hungergefühl. Das opulente Frühstück von heute Morgen hielt noch an.

    Von seinem Schattenplätzchen aus, sah er nun immer mehr Badegäste im oder am Wasser. Fast alle waren recht hochgeschlossen bekleidet. Wohl in erster Linie wegen der Quallen und der UV-Strahlung. Doch sein Innerstes schlug Salto bei dem selbstverständlichen Anblick der vielen Menschen in Ganzanzügen.


    Umgehend holte er seinen langärmeligen Gymnastikanzug und die Matrix-Leggings aus dem Rucksack und schlüpfte hinein. Der Spitzname für sein Beinkleid rührte von der Ähnlichkeit mit einem Retro Computerbildschirm-Design der gleichnamigen Filmreihe her. Dort waren es grüne Zahlenkolonnen, die in ihrer Intensität abschwächend wie ein Wasserfall über einen schwarzen Bildschirm liefen. Die Leggings waren primär in gewöhnlich glänzendem "Standard-Schwarz" gehalten. An verschiedenen Stellen wurde dies aufgelockert durch vertikale Reihen kleiner quadratischer Felder. Genau wie jene erwähnten Zahlenreihen, wiesen die Punktfolgen einen Verblassungseffekt auf. Sie begannen in einem grünlichen Weiß, durchliefen dann Hellgrün bis Dunkelgrün um schließlich nach sieben bis acht Wiederholungen mit der schwarzen Grundfarbe zu verschmelzen.


    Der Turnbody stellte ebenfalls eine eher schlichte, aber keinesfalls einfallslose Ornamentik zur Schau. Auch er war dunkel, genauer gesagt anthrazit, welches ein wenig ins dunkelbraun changierte. Der Torso wurde bedeckt von jeweils fünf, etwa zwei Finger breiten dunkelgrauen Streifen die abwechselnd in verschieden schrägen Neigungen verliefen bis sie am nächsten, kreuzenden Fünferpaket stoppten. Auch auf der Rückseite wiederholte sich dieses Muster. Die langen Ärmel hingegen blieben davon frei.


    Er war zwar früher schon einige Male in voller Lycrabekleidung im Wasser, aber dennoch nicht so oft dass es keine außergewöhnlichen Gefühle in ihm ausgelöst hätte. Besonders zum Schwimmen mussten Lycrasachen sehr stramm anliegen um nicht durch das Wasser unkontrolliert aus der Form gebracht zu werden. Diese Eigenschaft erfüllen seine Kleidungsstücke so gut, dass er sich fast in einem körperweiten Korsett wähnte.


    Das Wasser in der kleinen Bucht war recht ruhig, und so bereiteten die Schwimmzüge keine Mühe. Fast alle Badegäste waren annähernd komplett bekleidet. Auch Kinder und ältere Mitmenschen stellten keine Ausnahme davon dar. Dieses Beispiel sollte auch an europäischen Stränden Schule machen.

    Er konnte sehr weit raus schwimmen, ohne dass es so kalt wurde wie in der stürmischen Ngawai-Bay. Sämtliche Schwimmstile durchlaufend, bereitete ihm sein unfreiwilliger Urlaubstag jede Menge Freude. Er konnte sich buchstäblich mal so richtig treiben lassen.


    "Entschuldigung", entfuhr es ihm, als er auf dem Rücken schwimmend mit einem ebenfalls Rückenschwimmer zusammenstieß. "Sorry", verbesserte er sich schnell als ihm auffiel, dass er zunächst Deutsch gesprochen hatte.


    "Meine Schuld", entgegneter der Andere in stark gebrochenem, aber dennoch erkennbarem Deutsch. Eine sehr höfliche Geste, wie er fand.


    Beide waren bereits im seichteren Wasser und blieben kurz stehen um sich dann auf dem Weg nach draußen zu begeben.


    "Sehr Sprachbegabt", nutzte Stefan die Gelegenheit zu einer kurzen Konversation. Diesmal jedoch weiter in Englisch.


    "Ich war mal zu einem Austauschsemester in Deutschland", erklärte der etwas jüngere mit dem ölig glänzenden Neoprenanzug. "Leider kann ich kaum noch was. Ist ewig her"


    "Das eben war doch gar nicht so schlecht", lobte Stefan bevor sich ihre Wege trennten. Doch sein Gegenüber winkte ab und lachte als er sich in die entgegengesetzte Richtung davon machte.

    Noch im Fortgehen musterte er das Outfit des Deutschen aufs genaueste und drehte sich sogar mehrfach nach ihm um.


    Zurück auf seinem großen Badetuch erfreute sich Stefan am Anblick seines feuchten Lycrakörpers, der nach und nach trocknete. Wenn doch nur Riccarda jetzt hier wäre, dachte er sehnsuchtsvoll. Bei seinem Anblick würden ihr bestimmt die Augen über gehen. Nachdem er sie wiedergefunden hatte, musste er ihren umwerfenden Körperbau unbedingt mal beim Schwimmen betrachten. Natürlich in möglichst viel Lycra. Er würde dann seine Finger über das feuchte Glanzgewebe gleiten lassen und wieder freudige Schauer in ihr auslösen. Wie damals in der Berghütte.

    Diese Gedanken führten dazu, dass er sich auf den Bauch drehen musste, da seine Vorderseite inzwischen die Form eines Zirkuszelts angenommen hatte.


    Um wieder ´runter zu kommen, überdachte er sein weiteres Vorgehen. Der Tag neigte sich dem Abend entgegen und stellte ihn vor zwei Probleme. Zum einen begann er einen Anflug von Hunger zu verspüren, zum anderen hatte er immer noch keine Schlafgelegenheit für die Nacht und in einer knappen Stunde würde der letzte Bus zurück in die Stadt abfahren.

    Erst wollte er seine jetzt trockenen Lycrasachen wieder ausziehen, entschied sich aber dagegen. Schließlich liefen hier viele so herum. Den Rest packte er zusammen und legte seine Cargo-Shorts und T-Shirt oben auf. Später würde er diese überziehen, um nicht ganz so viel Aufmerksamkeit zu erregen. Er mochte es sich so zu zeigen wie er sich am wohlsten fühlte und mögliche Äußerungen von Erzkonservativen machten ihm nicht viel aus. Doch wollte er vermeiden zu einer Zielscheibe für etwaige gewaltbereite "Andersdenkende" zu werden.

    So steuerte den Aufgang zum Parkplatz an. Vielleicht würde er in der Lodge des Campgrounds einen Schlafplatz finden. Was zu essen gab´s dort bestimmt auch. Auf jeden Fall musste er dann aber nachsehen, ob früh morgens bereits ein Bus fährt.

  • Ich habe mir dieses Wochenende endlich mal die Zeit genommen, die Fortsetzung der Hütten-Geschichte zu lesen. Ich muss sagen, ich bin hellauf begeistert. Direkt vom ersten Moment an war es, als würde ich einen Film gucken, so bildreich ist die Landschaft beschrieben. Auch der vergleichsweise wesentlich länger geführte Spannungsbogen mit den zahlreichen Rückschlägen gefällt mir noch mal besser als bei "Spuren im Schnee".


    Die Enttäuschung, dass Riccarda immer schon so grade eben wieder weg ist, und es bislang nicht zum erhofften großen Wiedersehen gekommen ist, hält sich für uns lycrabegeisterte Leser zum Glück deshalb in Grenzen, weil Stefan an mehreren Orten auf Personen in Lycra getroffen ist. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich sogar gehofft habe, er würde "schwach" werden und mit der einen oder anderen jungen Dame, im Zug oder am Strand, flirten. Verdammt, ich habe mir sogar einen Augenblick lang gewünscht, er würde sich an die verheiratete Frau des Fischers ranmachen, nur um mehr über deren schöne Leggings zu lesen ...


    Dieses Spiel mit den Erwartungen, und dass es eben nicht bei jeder Gelegenheit, wo jemand in Lycra auftritt, gleich auch platt zu "ausgelebten Fetischfantasien" kommt, bildet noch mal eine ganz andere Ebene der Spannung.


    Nur mal eine Frage aus Neugier: Diese Lycrakleidung, die du so datailliert beschreibst, wie etwa die "Matrix-Leggings" - hast du selbst solche Stücke oder gibt es zumindest real eine Leggings in einem solchen Muster? Oder was ist mit der bunt getupften Leggings dieser Halbmaori im ersten Kapitel?


    Ich hoffe, dass die Geschichte noch eine Weile so weitergeht, denn das Lesen hat richtig Spaß gemacht.

  • Der Graf

    Danke für deine ausführlichen Kommentar. Du hast ziemlich genau meine Intention beschrieben, nämlich nicht im Stil von "Spuren im Schnee" weiter zu machen, sondern in eine andere, nicht minder interessante Richtung zu gehen.

    Insgesamt detailliere ich auch nicht jeden Handlungspunkt penibel aus. Damit möchte ich die eigene Phantasie des Lesers anregen, nicht nur zu "konsumieren".


    Zur Frage der beschriebenen Lycrakleidung: Oft sind es Sachen, die ich irgendwo mal gesehen habe, gelegentlich sogar Sachen aus dem Forum. In der Regel jedoch phantasievoll verändert.

    Sowohl die "Matrix"-Leggings, als auch das Beinkleid von Joanie sind reine Phantasieprodukte. Vor allem erstere würde mich in Real interessieren.

  • Noch ist unser Held nicht vom Strand weg.

    Kommt ihm noch etwas interessantes in die Quere?

    Viel Spaß







    An diesem Ende, oder Anfang des Strandes, je nach Standpunkt, hatte sich eine Bunte Truppe mit sehr viel Körperverhüllung niedergelassen. Soweit er es von hier aus beurteilen konnte, hauptsächlich Männer. Nein, zumindest auch zwei Frauen konnte er unter ihnen ausmachen. Bunt deshalb, weil die meisten farbige und sogar vielfarbige Schwimmanzüge trugen. Sofern es überhaupt alles Schwimmanzüge waren. Als Fan dieser Kleidung wusste er nämlich auch aus einiger Entfernung zwischen tatsächlicher Bademode und zweckentfremdeter Turnkleidung zu unterscheiden. Klar waren unter den zehn, zwölf Leuten auch welche mit regulären Schwimmsachen, doch die Mehrheit schien seinem Kleidungsstil anzuhängen.

    Es wirkte wie eine Mischung aus Picknick und Beach-Party. Sie hatten ein Feuer aus Treibholz entfacht und daneben meinte er sogar ein Grillrost zu erkennen. Auch jede Menge Kühlboxen waren dort gestapelt.


    Das musste er sich etwas genauer ansehen. Diejenigen die ihm am nächsten standen, trugen jedenfalls Gymnastikhosen und bunte Wettkampf-Turnanzüge darüber. Die weiblichen Mitglieder der Truppe sowieso. Selbst das eine oder andere Turnschläppchen konnte er ausmachen, wenngleich die typischen, sockenartigen Surfschuhe in der Überzahl waren.

    Sollte er sie ansprechen, oder erst nach den Fahrgelegenheiten sehen?, fragte er sich je näher er ihnen und damit auch der Treppe kam.


    "Hey German Guy", nahm ihm jemand die Entscheidung ab. "Komm zu uns herüber", rief ihm der Typ mit dem schwarzen Neoprenanzug von vorhin zu.

    "Du willst doch nicht etwa schon gehen?", fragte er als Stefan auf seiner Höhe angekommen war, wartete aber nicht auf seine Antwort, sondern wand sich an seine Freunde: "Ich hab´ euch doch erzählt, dass ich mal ´ne Weile in Deutschland gelebt habe."


    Die Reaktion seiner Kumpels war eher ein gelangweiltes ´Ja, du redest ja ständig darüber`, doch das störte ihn nicht. Stattdessen sagte er: "Was für ein Zufall, dass ich ausgerechnet mit einem Deutschen beim Schwimmen zusammenknalle? Noch dazu in so einem Outfit?"


    Seine Kumpels verhielten sich zwar ein wenig reservierter, hießen den fremden Lycraträger aber höflich willkommen. Viele von denen mochten ungefähr in seinem Alter sein, einige etwas jünger. Die meisten schienen darüber nachzudenken, ob sein Äußeres auf gleiche Gesinnung deutete oder nur Zufall war.


    Die jüngere der beiden Mädels kam interessiert durch den Pulk der Gruppe auf ihn zu. "Bist du schon in der "Real World" oder noch in der Matrix?", lästerte sie auf seine Leggings anspielend, welche sie intensiv musterte.


    "Davina", erklang eine kräftige Stimme von weiter weg. "Denk´ daran, Appetit darfst du dir holen, aber gegessen wird zu Hause."


    "Mann Rawley, du alter Miesepeter. Ich werd´ ihm schon nicht zu nahe kommen", gab sie zurück, wandte ihren Blick dann aber wieder Stefans Leggings zu. "Aber der German Guy hat echt ´nen Knackarsch. Und das Design seiner Tights ist voll scharf."


    Das war ihr Chrom-metallisch schimmernder Turnanzug aber auch. Ganz zu schweigen von den seidigen Caprihosen, die aus dem Body unten herauswuchsen. Weiß mit dünnen geometrischen Linien und verschieden farbigen Feldern, die durch diese Bänder eingefasst wurden.


    "Keine Angst", beschwichtigte das andere weibliche Mitglied. "Sie ist immer sehr direkt, meint es aber nicht so."


    "Meine ich wohl so", empörte sich die Erste gespielt. "Zumindest das mit dem Knackarsch." Ihr war anzusehen, dass sie nur zu gerne mal hingefasst hätte.


    Diese Antwort sorgte für allgemeine Erheiterung und die umstehenden lachten herzhaft.

    Einer aus der Truppe kam auf ihn zu und streckte ihm die Hand entgegen. "Ich bin Nick. Willkommen beim Spandex-Club New Zealand."


    Stefan konnte so schnell gar nicht denken, geschweige denn reagieren. Spandex Club - wie Geil war das denn?


    "Wie kommt ihr darauf, dass ich zu eurem "Club" passen könnte?", erkundigte er sich, obwohl ihm bereits dämmerte dass leugnen zwecklos war.


    "Weißt du", erklärte Nick, dessen giftgrüne Radler die kürzeste Beinbekleidung hier darstellten, "es gibt Menschen die ziehen Sachen aus Spandex einfach gelegentlich an. Und es gibt andere, die "tragen" das Material voller Stolz und Überzeugung. Du zählst zu letzteren."


    Stefan war nicht bewusst, dass seine Neigung so offensichtlich war. Andererseits waren diese Leute natürlich geübt im erkennen Gleichgesinnter.


    "Entspann´ dich, du bist unter Freunden", fuhr sein Gesprächspartner fort. "Wir haben sofort gemerkt, dass du bist wie wir."


    "Ich", drängte sich der Gummianzugträger mit der Deutschen Vergangenheit vor. "Ich war es, der gemerkt hat dass er ist wie wir!"


    "Jetzt labert nicht rum, Leute", meinte ein bärig voluminöses Mitglied der Gemeinschaft. "Gebt dem Mann mal was zu trinken", dröhnte seine sonore Stimme. Und mit einem Nachsatz fragte er: "Ein Steak oder zwei?"


    "Wie bitte?" Stefan stand etwas auf dem Schlauch.


    "Wir grillen gerade und die Glut ist heiß. Möchtest du ein Steak oder zwei?"


    Doch seine Antwort wartete er gar nicht erst ab. Vielmehr schritt der, vorne herum mit einer "Kiss The Cook"-Schürze vor Glutspritzern geschützte, wieder zu seinem Grill. Dabei brabbelte er mehr zu sich selbst: "Werd´ mal lieber zwei draufpacken. Wenn was übrig bleibt, werde ich mich dann selbst erbarmen."


    Flugs wurde dem noch immer verblüfften Lycra-Fan eine akzeptabel kühle Flasche mit drehbarem Kronkorken in die Hand gedrückt. Die Aufschrift auf dem Label einer der beliebtesten heimischen Biersorten, musste jedem deutschen Pauschalurlauber ein Schmunzeln ins Gesicht zaubern. Tui.


    Hin und her gerissen von der Gastfreundschaft der Lycra-Truppe zum einen und seiner Notwendigkeit morgen früh seinen Flug zu erreichen, musste er seine neuen Freunde etwas bremsen. "Danke, ist nett von euch, aber ich kann leider nicht bleiben. Ich muss spätestens morgen früh um Sechs am Flughafen sein und der letzte Bus fährt in wenigen Minuten."


    Zwei der jüngeren Männer kamen auf ihn zu. Ihr Anblick ließ Stefan kurz an seiner geschlechtlichen Präferenz zweifeln, so feminin und vor allem anziehend wirkten sie.


    "Mach dir darüber mal keine Sorgen", meinte der kleinere der beiden. "Wir fahren ja auch irgendwann heute Nacht zurück in die Stadt. Da können wir dich am Airport absetzen."


    Stefan lächelte, konnte aber nicht bewerten ob das Angebot ernst gemeint war. Denn momentan benötigte sein Hirn die gesamte Prozessorleistung um die Optik seines Gesprächspartners zu erfassen. Die seidenmatten Leggings in Schwarz-Weißem Nadelstreifen Design modellierten seine Bein-Anatomie aufs vortrefflichste. Noch weiblicher wirkte sein Oberkörper, der von einem Ärmellosen Badeanzug umhüllt war. Wie ein Gewitter aus tausenden von Blitzen wirkte die Bedruckung des Bodies. Doch das Blitzmuster war nicht wie in der Realität Blau-Weiß, sondern in Abstufungen von Rot gehalten, was dem Ganzen eine infernalische Note verlieh.


    Sein Partner war zwar etwas größer, aber noch schlanker und seine Körperform erschien noch mädchenhafter. Dieser trug knielange Caprihosen in schlichtem Mattschwarz. Darüber stellte er den Traum eines jeden Lycra-Fans zur Schau. Einen Badeanzug eines asiatischen Herstellers, dessen größte Ausführung selbst bei durchschnittlichen westlichen Mädels sehr knapp saß. Die Farbe Hotpink war nicht alleine der Hingucker. Die Materialausführung war die verrückt machende, glänzende Latex-Beschichtung, welche jegliche körperlichen Attribute durch verführerische Lichtreflexe betonte.


    Stefan stand der Mund offen. So einen wollte er auch an seiner Riccarda sehen.


    "Hallo?", riss ihn der, der ihn eben angesprochen hatte aus seinem Traum heraus. "Hast du gehört, um deinen Transport kümmern wir uns."


    "Was..., ähh ja....ähh Fahrt zum Flughafen.... verstanden".


    Lächelnd kam der grün beradlerte, der ich als Nick vorgestellt hatte zu ihnen und wandte sich an Stefan: "Ja, das ist normal, dass unser Spandex-Pärchen für offene Münder sorgt. Nicht wahr ihr Mäuschen?"


    Daraufhin trat der kleinere mit gespielter Entrüstung nach Nick, der sich im Gegenzug ebenso gespielt höflich entschuldigte. Keiner der Gruppe nahm besonders Notiz davon, was bewies wie locker man hier mit alternativer Geschlechtlichkeit umging.


    "Der kurze hier heißt David und sein Partner ist Marcus", stelle Nick ihm die beiden vor.


    Marcus, dessen sanfter Händedruck seine feminine Erscheinung noch unterstützte, war lediglich an dem deutlich nach Außen gewölbten Latex unterhalb seines Äquators noch als biologisch männlich zu erkennen. Ansonsten konnte er problemlos als Frau leben. Womöglich tat er das auch. David hingegen war zwar auch zierlich, hatte aber den Rest Maskulinität bewahrt, wie er Schwulen zu eigen ist.


    Oben vom Parkplatz her ertönte ein Signalhorn, wie es für größere Kraftfahrzeuge typisch ist.


    "Der letzte Bus", bemerkte die etwas ältere der beiden Mädels. "Der wartet noch zehn Minuten, dann fährt er ab. Deine letzte Chance dich zu entscheiden."

    Doch im inneren hatte er sich bereits entschieden. "Wenn ihr dafür sorgt, dass ich meinen Flug erreiche, möchte ich gerne mit euch feiern und euch näher kennen lernen."

  • mein kommentar ist ein zitat: spandex-club, wie geil ist das denn!

    ausserdem glaube ich, dass ich mich in einer der von dir beschriebenen figuren wiedererkennen darf und möchte mich dafür mal mit einem foto bedanken.

    das bild ist zwar nicht an einem strand entstanden, aber an einem fast trocken gefallenen flussbett in den französischen seealpen.

    liebe grüsse - manu

  • Hey Lycwolf, sehr eindrucksvoll beschrieben, den Club! Da möchte man zu gerne mal mitmischen.
    Und dass Tui auch eine neuseeländische Biersorte (und auch noch ein dort heimischer Vogel) ist, wusste ich auch noch nicht. Danke dir auch für solche Informationen! Ich lerne gerne Neues.
    Ich mag auch Formulierungen wie z.B. "der grün beradlerte".
    Beste Grüße vom Nereida-schwarz beturnanzugten
    Desi

    :) Desi-Badeanzug-HP und Nereida Drei auf desi.tervara.de :)

  • Für die Ostertage noch ein weiteres Kapitel aus Stefans Odyssee.

    Was wird wohl die Nacht am Strand so bringen?

    Gute Unterhaltung

    und Frohe "Eiertage"






    Sie wirkte sehr attraktiv auf ihn und erinnerte ihn wieder an Riccarda. Nicht von der Gesichtsform oder der Frisur her, aber durch die betont kurvige Körperlichkeit.


    "Ich bin übrigens Carol", stellte sie sich vor. "Davina, Nick, David und Marcus kennst du ja schon. Komm mit, ich mach dich mit den Anderen bekannt.


    Carol trug farbenfrohe Leggings, wie man sie der oft verklärten Darstellung eines mittelalterlichen Hofnarren oder eines Harlekins zuschrieb. Auf der Spitze stehendes Rautenmuster, das abwechselnd mit sämtlichen Farben des Regenbogens gefüllt war. Sie dehnten sich sehr einladend um ihre fraulichen Hüften. Wie er, hatte sie einen langärmligen Gymnastikanzug als Oberteil gewählt. Von der mittelblauen Grundfarbe ließen die vielen gekringelten Farbfäden, die das gesamte Textil chaotisch bedeckten, allerdings nicht mehr viel durchscheinen.


    Näher zum Lagerfeuer, an dem der Grillmeister jetzt intensiv tätig war, saßen weitere Mitglieder teils auf zwei vertrockneten Baumstämmen, teils auf ihren Handtüchern im Sand.

    In schneller Folge wurde er herumgereicht und schüttelte so viele verschiedene Hände, dass er schon kurz darauf Namen und Kleidung nicht mehr korrekt zusammenbringen konnte.


    "Toby", dabei wies Carol auf den Mann im schwarzen Neopren, "kennst du ja schon. Der gemütliche neben Davina heißt Rawley und er wird bestimmt mehrere Tage damit zu tun haben ihr deinen Hintern aus dem Gedächtnis zu bringen. Unser Küchenchef", dabei zeigte sie auf die raumgreifende Gestalt, hinter dessen Grillschürze sich prall gespannte Lycranähte präsentierten, "ist Clarence, aber alle nennen ihn nur Big Man."


    Möglicherweise wegen Statur und Namensähnlichkeit eine Remineszenz an den verstorbenen Saxophonisten aus Springsteens E Street Band.


    Nach einem herrlichen Sonnenuntergang, den die eigentlich lebhafte Gemeinschaft recht andächtig betrachtete, schritt die Dämmerung immer mehr auf die Dunkelheit zu.

    Clarence gab die ersten Fleischbrocken heraus und die beiden Damen sorgten für ein wenig Grünzeug und Kartoffelsalat, der die nicht vollständige Kühlung erstaunlich anstandslos überstanden hatte. Dazu gab es auch noch Barbecue-Soßen und Brötchen.


    Trotz Plastikbesteck und Pappteller war diese einfache Mahlzeit eine Gaumenfreude und er fühlte sich nach deren Verzehr rundum wohl.

    Auch die anderen hatten ihre Essensaufnahme größtenteils beendet, womit auch der Unterhaltungspegel wieder anstieg.

    Wie nicht anders zu erwarten, interessierten sich die meisten brennend für ihren Gast.


    "Was hat dich so weit von zu Hause weggelockt", fragte einer der vielleicht, vielleicht auch nicht Roger hieß. "Warst du auf Urlaub?"


    "Nein, eigentlich nicht", antwortete Stefan zwischen den letzten Kauvorgängen. "Aber wenn ich gewusst hätte, dass es hier eine "Lycra-Szene" gibt, hätte ich bestimmt schon früher den Weg her gefunden."


    "Lycra?", sagte ein anderer mehr zu sich selbst, wurde aber von seinem Sitznachbarn auf dem Baumstamm aufgeklärt. "Spandex"


    Anscheinend war diese Bezeichnung hier gebräuchlicher.


    Etwas später drang der gebündelte Schein einer leistungsfähigen Taschenlampe durch ihre, jetzt von einigen Wachsfackeln beleuchtete Szenerie.


    "Police! Everything Okay?", vernahmen sie eine befehlsgewohnte Stimme.


    Doch anstelle sie des Platzes zu verweisen, unterhielt sich der Uniformierte enspannt mit Clarence und Nick. Viel war nicht zu verstehen. Der Akzent mancher Einheimischer ist wirklich gewöhnungsbedürftig, vor allem wenn sie unter Ihresgleichen waren.

    Der Polizist gab sich zufrieden als er sich überzeugt hatte, dass das Strandfeuer weit genug von allem brennbaren entfernt war und bei den Kühlboxen sogar ein Feuerlöscher stand.

    Die Mitglieder des Spandex-Club machten so etwas bestimmt nicht zum ersten Mal.

    Selbst in diesem schummerigen Licht konnte man sehen, dass der Officer sich vor allem die nicht alltägliche Kleidung der Umstehenden ziemlich lange betrachtete. Doch er sagte nichts. Womöglich, dachte Stefan in seinem zufrieden entspannten Zustand, würde der Gesetzeshüter gerne selbst in ein Paar Tights schlüpfen und sich ihnen anschließen.


    "Nehmt aber euren Müll mit, wenn ihr geht", ermahnte der Vertreter der Staatsmacht als er ihnen noch einen schönen Abend wünschte und den Strand die Holztreppe hinauf verließ.


    "Du guckst ein bisschen ängstlich", sprach ihn Toby, der im Gummianzug an.


    "In Deutschland ist das alles etwas komplizierter. Da hättet ihr eine Genehmigung in dreifacher Ausfertigung gebraucht. Nebst einer Unbedenklichkeitserklärung, dass euer Feuerholz mindestens soundso lang trocken gelagert war und es nicht als Unterschlupf für seltene Tierarten dient."


    "Im Ernst?", fragte der Roger oder auch nicht Roger erstaunt.


    "Kann ich bestätigen", fiel Toby mit ein. "Aus meinem Studiensemester ist mir noch in Erinnerung, wie bürokratisch die Deutschen sein können. Hier ist zum Glück alles etwas liberaler."


    "Wo in Deutschland hast du denn studiert?", wollte Stefan wissen und der Andere freute sich, dass endlich mal jemand mit ihm darüber sprechen wollte.


    "In Gottingen."


    Wie meist im angelsächsischem Sprachbereich vorzufinden, bereiteten auch ihm Umlaute Probleme. Obwohl zumindest ein leichtes "ö" im Hintergrund zu vernehmen war.


    "Für mein eigenes Studium war ich nur wenige Kilometer weg davon", gestand Stefan und Toby´s Gesicht hellte sich noch mehr auf. "Ich war öfter mal in einem Live-Musik-Club in der Göttinger Altstadt namens Apex."


    "Sorry, den kenne ich nicht."


    "Ja, ist auch schon ´ne Weile her, bestimmt fünfzehn Jahre. Wann warst du dort?"


    "Erst vor drei Jahren", bekannte der Jüngere. Klar, dass sich nach so langer Zeit selbst im dieser eher verschlafenen Universitätsstadt einiges verändert haben musste.


    "Jetzt nerv´ ihn doch nicht mit deinen ollen Kamellen, Toby", unterbrach die kurvenreiche Carol ihr Gespräch. "Ich möchte lieber wissen, warum er hier ist und ob es bei ihm zu Hause auch solche Fetisch-Clubs wie unseren gibt."


    Stefan räusperte sich und auf einmal waren auch viele der Anderen zu ihnen gestoßen.


    "Natürlich gibt es bei uns auch eine Szene von Liebhabern dieser Art von Kleidung, aber so viele auf einem Fleck bei einem Treffen sieht man selten. Wie ist es denn bei euch? Seid ihr alle aus der selben Gegend? Wie seid ihr organisiert?"


    Das waren mehr Gegenfragen als man ihm selbst gestellt hatte. Doch Carol rückte näher an ihn heran und antwortete ausführlich.


    "Nein, die meisten von uns stammen von der Südinsel. Nur Clarence und Nick sind von hier. Eigentlich ist der Spandex-Club eine Internet-Gemeinschaft von bestimmt zweihundert Mitgliedern."


    "Aber weniger als die Hälfte davon sind auch aktiv", fügte Toby hinzu.


    "In den Sommermonaten versuchen wir uns immer irgendwo zum Campen und Schwimmen in unserer Lieblingskleidung zu treffen."


    "Ja, und im Winter gehen wir Skifahren in den südlichen Alpen", unterbrach der in Neopren Gewandete schon wieder. Sehr zum Ärgernis von Carol, die ihn mit einem bösen Blick bedachte.


    "Wir machen das seit ungefähr fünf Jahren", fuhr sie jetzt ungestört fort. "Nicht immer kann jeder gleich gut zu den entsprechenden Terminen und nicht jedes der Mitglieder geht auch so in die Öffentlichkeit. Aber mindestens Zehn Leute sind wir immer."


    "Beneidenswert", nahm Stefan das Gespräch wieder auf. "Ich habe bisher nur wenige Gleichgesinnte real getroffen. Obwohl sich auch bei uns viele in entsprechende Internetforen organisieren, wären Zehn bei einem Treffen schon umwerfend. Gelegentlich treffen sich mal drei oder vier in einem Schwimmbad oder ähnliches, doch das Meiste spielt sich im Netz ab."


    "Echt Schade", kommentierte Carol und rückte noch etwas näher. "Das Leben ist um so viel schöner, wenn man sich in der Wirklichkeit mit anderen Spandex-Fans treffen kann."


    Mit diesen Worten legte sie sanft, kaum merklich ihre Hand auf seinen lycraumspannten Oberschenkel. Stefan erschauerte kurz, denn mit so etwas hatte er nicht gerechnet. Wenn er die Berührung richtig interpretierte, wäre es genau das was ihm schon einige Wochen fehlte. Darüber hinaus entfernte sich Riccarda von Stunde zu Stunde mehr aus seiner Reichweite.


    Nein! Er musste dieses Missverständnis aufklären. Doch er wollte der Lycra-Trägerin auch nicht vor den Kopf stoßen und so rückte er lediglich etwas von ihr ab.


    "Das stimmt", begann er seinen Bericht über sein hier sein. "Und vor einigen Wochen habe ich tatsächlich eine Frau mit ähnlichen Neigungen getroffen."


    Spätestens jetzt ging es Carol auf, dass ihre wie auch immer gearteten Mühen wohl vergebens waren.


    "Wir hatten eine phantastische Nacht zusammen. Und diese führte mich letztendlich nach Neuseeland."


    Gebannt lauschten die Spandex-Fans seiner Geschichte. Angefangen mit seiner Recherche nach ihr, über die Reise hierher mit all ihren Widrigkeiten und Fehlschlägen und er vergaß auch Sela und Joanie nicht.


    "Da hast du ja ganz schön was durchgemacht", sagte einer der Lauscher, dessen Name er nicht mehr wusste. "Aber so wie du strahlst wenn du von ihr erzählst, ist sie den Aufwand bestimmt wert."


    Stefan erwiderte nichts darauf, doch in Gedanken gab er dem neuseeländischen Lycra-Fan Recht.


    Obwohl er sich mit den alkoholischen Getränken zurückhielt, wurde die Nacht am Strand dennoch feuchtfröhlich. Jeder der glatt und glänzend bekleideten hatte die eine oder andere Anekdote beizusteuern. Zwar bleib es dabei, dass er wegen des hiesigen Akzents nicht immer alles komplett verstand, doch erschloss sich fast alles über den Kontext. Die Berichte über Treffen und gemeinsame Unternehmungen mit fetischistischem Hintergrund faszinierten Stefan. Wenn es doch nur zu Hause auch so etwas gäbe.


    Höhepunkt der Aktivitäten des Spandex-Clubs war offenbar die Teilnahme von fast dreißig Mitgliedern an der Gay-Pride-Parade in Christchurch vor zwei Jahren. Das größte Treffen des Clubs bislang, das vor allem die Solidarität zu ihrem Spandex-Traumpaar Marcus und David unter Beweis stellte.


    "Big Man" Clarence sorgte unterdessen mit seinem von einer Autobatterie gespeisten mp3-Player in Verbindung mit zwei grob zusammengezimmerten Lautsprecherboxen für musikalische Unterhaltung. Einige dösten bereits mit Blick in die beruhigenden Flammen, andere stimmten in den Gesang zu Rockmusik der vergangenen Dekade ein.

    Spätestens nachdem Stefan beim Welthit der Lokalmatadoren Crowded House lautstark mitsang, war er als Ehren-Kiwi akzeptiert.

    "... Everywhere you go, always take the weather with you ..."

    Doch auch vom anderen "Down Under"-Kontinent war Musik vertreten, beispielsweise von der Australischen Hardrockband, deren Gitarrist selbst mit siebzig Jahren immer noch in Schuluniform über die Bühne hüpft. Als jedoch Steely Dan von Rikki und der Telefonnummer sangen, wurde er nachdenklich.


    "Du denkst an sie, oder?", fragte Clarence auf Stefans melancholischen Gesichtsausdruck hin.


    "Hmm", antwortete dieser noch immer etwas abwesend. "Ich hoffe ich finde Sie. Zu lange jage ich ihr bereits nach, nur um immer kurz vor dem Wiedersehen zu scheitern. Wenn du meinst, dass ihr nachzureisen eine blöde Idee war, dann gebe ich dir Recht."


    "Na ganz umsonst war dein Trip doch wohl nicht", gesellte sich Nick, der mit den grünen Cycling Tights hinzu. "Schließlich hast du dadurch unsere Spandex-Gemeinschaft kennen gelernt", kommentierte dieser nicht ohne Stolz.

    Stefan musste lächeln und die kurze depressive Verstimmung war vorüber. Die drei stießen an und "Big Man" meinte: "Keine Angst, wir sorgen schon dafür dass du deinen Flug erreichst und deinen Schatz schon bald wieder in die Arme schließen kannst."

  • Hallo Lycwolf,

    mir gefällt dein "Road-Trip" (ich nenne das mal so, auch wenn es sich auf dem Meer, am Strand, später im Flugzeug? abspielt) und verschlinge jede der Folgen. Kann es sein, dass unser Forum hier auftaucht? ;-) Mich würde jetzt noch die Adresse der neuseeländischen Spandex-Community interessieren :-o

  • Schöne Beschreibung dieser Lagerfeuerromantik samt Standidylle ... und dann noch die Avancen von Carol. Nicht nur der Big Man spielt hier mit dem Feuer. Bislang ist Stefan ja tapfer, aber bleibt er standhaft?


    Nebenbei lerne ich auch noch was über Musik, das meiste der genannten Namen oder Titel sind für mich leider Böhmische Dörfer. Ist der Typ in der Schuluniform von AC/DC? Die kenne ich zumindest, auch wenn ich bis jetzt echt nicht gewusst hatte, dass die Australier sind.

  • toby

    "Road-Trip" trifft es sehr genau. Auch ich hätte gerne die Adresse des Spandex-Club NZ.

    So schön es in Neuseeland auch für Stefan ist, hat er ja noch seine Riccarda wieder zu finden. Und bisher ist er ja "nur" auf der anderen Seite des Globus und noch nicht "Am Ende der Welt".

    Da kommt also noch was.


    Der Graf

    Der "Rentner" in Schuluniform ist Angus Young, Lead Gitarrist von AC/DC.

    Die Familie Young stammt zwar ursprünglich aus Schottland, wanderte aber nach Australien aus als die Kinder, die später jene Band gründeten noch klein waren.

    Crowded House dürfte damals nicht an dir vorbei gegangen sein. Wenn du es hörst, kennst du es.

  • Hier nun eine weitere Etappe von Stefans Road Trip, wie ihn Toby so treffend beschrieb.

    Er muss weiter. Seiner Geliebten hinterher.

    Viel Spaß beim lesen





    In der dunkelsten Stunde vor Morgengrauen, so gegen Vier Uhr, begann ein Teil der Truppe "Klar Schiff" zu machen. Nick, Clarence, der mutmaßliche Roger, das Lycrapärchen und Carol brachen als Erste auf um Stefan zum Airport zu bringen. Die Verabschiedung von den Anderen war ein sehr herzliches umarmen, drücken und vor allem gegenseitiges befühlen der Kunstfaserkleidung. Lycrafans können halt nicht aus ihrer Haut raus und der Tastsinn gewinnt immer die Oberhand.


    Das standesgemäße Gefährt, ebenfalls aus Stefans Heimat, wurde vom "Big Man" Clarence pilotiert. Trotz des bereits betagten Alters, war der VW-Bus im Inneren recht aktuell ausgestattet. Die Sitze waren bequem und der nun in die Soundanlage eingeklinkte Audioplayer sorgte auch hier für musikalische Untermalung als sie die entlang der gewundenen Küstenstraße den Millionen Lichtern der Großstadt entgegen fuhren.


    Auckland erwachte gerade zaghaft in der ersten Morgendämmerung. Die Metropole bedeckt unter anderem den schmalsten Landstreifen der Nordinsel. An jener Stelle liegen zwischen West- und Ostküste gerade einmal zwei Kilometer. Clarence hatte die Ostroute zum Flughafen gewählt und so kamen sie alle in den Genuss eines feurig leuchtenden Sonnenaufgangs.


    Der Himmel war in ein tiefes Orange getaucht, als sie von der Schnellstraße über die Ostküste blickten. Alle hielten den Atem an. Der Anblick der Morgenröte war von solch einer Intensität, dass man unwillkürlich Ausschau nach einem Geschwader Hubschrauber hielt, welches unter den Klängen von Wagners Walkürenritt auf den Strand zu brettert.

    Clarence hinter dem Steuer hatte exakt dieselbe Assoziation und nach ein paar Berührungen des Touchpads erfüllten die Fanfaren Richard Wagners den Innenraum des Busses. Passend dazu zitierte Nick von der Rückbank Robert Duvall´s Textzeile: "I like the smell of Napalm in the morning. Tastes like...Victory!"

    Der Rest der Mitfahrer applaudierte dieser Oscar-reifen Leistung.


    Derart gut gelaunt fuhren sie mehr als Rechtzeitig am Flughafengebäude vor. Roger oder auch nicht half beim Ausladen seines großen Rucksacks.

    Stefan bedankte sich und fragte: "Wie war nochmal dein Name?"


    "Stuart"


    Peinlich. Zum Glück hatte er ihn nicht mit Roger angesprochen. Aber wenn er sich ihn so betrachtete, sah er trotzdem eher nach einem Roger aus, denn nach einen Stuart.


    Die Sieben standen in ihren, in der Morgensonne schillernden Lycrasachen vor dem Terminal. Jetzt hieß es auch hier Abschied nehmen. Nur zu gerne wäre er noch einige Tage mit dieser Truppe in seiner Lieblingskleidung umher gezogen. Aber die Mission Riccarda duldete keinen Aufschub.

    Ein letztes Drücken, vor allem von David und Marcus sehr intensiv, dann Händeschütteln und Schulterklopfen und schon wurde sein Sehvermögen undeutlich. Trotz Freude füllten sich seine Augäpfel mit salziger Flüssigkeit.


    "Schade, dass ich noch so wenig von eurem phantastischen Land gesehen habe" schniefte er, sichtlich bemüht nicht die Fassung zu verlieren. "Aber eines steht fest. Ich weiß noch nicht wann, aber ich werde auf jeden Fall zurückkehren."


    "Bring dann deine Riccarda mit", schluchzte Carol fast stimmlos als sie sich zum Abschied nochmals an ihn schmiegte und ihren Kopf auf seine Lycrabrust bettete.


    Mit einem letzten "Kia Ora" entwand er sich ihrer Umarmung und strebte dem Eingang zu um nicht doch noch emotional einzuknicken. Die Leute in ihren glänzend bunten Gymnastikanzügen und Leggings winkten ihm zu, dann schlossen sich die automatischen Türen.

    Nun konnte er sich wieder auf die nächste Etappe seiner Reise konzentrieren.


    Unter den gestern noch sehr aufgebrachten Fluggästen am Check-in sorgte sein momentaner Aufzug zumindest für einige Verwunderung. Das Ensemble aus Gymnastikanzug und Leggings war auch hier nicht gerade ein alltäglicher Anblick. Doch so aufgeladen von der positiven Energie der vergangenen Nacht, machten ihm die teils interessierten, größtenteils jedoch abfälligen Blicke nicht das geringste aus. Schließlich hatte er eine Reise von voraussichtlich mehr als dreißig Stunden vor sich und da konnte ein bisschen Bequemlichkeit nicht schaden.


    Die Sicherheitskontrolle verlief problemlos, hatte er doch gerade wegen seiner taschenlosen Kleidung alles andere in seinem Handgepäck-Rucksack verstaut. Auch reguläre Oberbekleidung hatte er dort noch hineingestopft, bevor er seinen großen Rucksack aufgegeben hatte.

    An einem sich langsam drehenden Globus im Wartebereich der Abflughalle rief sich Stefan die irrwitzigen Entfernungen die zurückzulegen er im Begriff war ins Gedächtnis. Erster Zwischenstopp in Hong-Kong. Danach in die Türkei nach Antalya. Von dort aus nach Nordspanien. La Coruna in Galicien. Der Globus machte deutlich was ihm bislang gar nicht so bewusst gewesen war. Sein Ziel lag mit unglaublicher geometrischer Präzision seinen Startpunkt gegenüber. Er würde also den halben Globus umrunden um in Spanien auf die Antipoden Neuseelands zu treffen.

    Doch all das spielte eine untergeordnete Rolle.

    Er wollte nur mit einer bestimmten Person in Spanien zusammentreffen.