BIS ANS ENDE DER WELT

  • Hallo liebe Leserschaft.

    Bedingt durch unangenehme äußere Einflüsse mit etwas Verspätung, folgt hier die Fortsetzung der Kurzgeschichte "Spuren im Schnee" Da diese schon einige Wochen alt ist, kann es empfehlenswert sein diese noch mal kurz durchzulesen um die Motivation des Protagonisten in der Fortsetzung nachvollziehen zu können.

    Die Sache weiter zu spinnen war zunächst nicht ganz einfach, da die ursprüngliche Story eigentlich abgeschlossen war, und es dabei primär um die Gelüste der Zweisamkeit in entsprechender Kleidung ging.

    Zwischenzeitlich legten die hervorragenden Beiträge der erfreulich wachsenden Autorenschar die Messlatte für Stories wieder ein Stück höher. Da musste sich lycwolf schon ein bisschen anstrengen.

    Ob das gelungen ist - urteilt selbst.

    Wohl bekomm´s






    BIS ANS ENDE DER WELT




    Fetischstory von lycwolf






    Sollte es wirklich so enden?, fragte er sich als ihn erneut eine Welle salzigen Meerwassers unter sich begrub. Verzweifelt hielt er sich an dem umlaufenden Strick des Schlauchboots fest. Sich samt seinen vollgesogenen Klamotten hoch zu ziehen wurde zunehmend schwerer. Nicht zuletzt da seine Muskeln im tiefen, kalten Wasser am Ende der großen Bucht immer schneller auskühlten.

    Erneut beförderte eine klatschende Welle einen Schwall des widerwärtigen Salzwassers in seinen Mund, gerade als er Luft holen wollte. Der dadurch ausgelöste Hustenanfall schwächte ihn noch weiter. Immer häufiger geriet sein Kopf unter die aufgewühlte Wasserfläche.

    Zwischen den einzelnen Wellenbergen sah er gerade noch, wie das große Schiff in der Ferne das Kap umrundete und auf das offene Meer zuhielt. Seinem Ziel so nah und urplötzlich doch so fern.

    Er unternahm einen letzten, verzweifelten und ebenso erfolglosen Versuch wieder zurück in das Schlauchboot zu kommen. Aus seinen Fingern, die sich schmerzhaft um das raue, dünne Seil gekrallt hatten, wich jegliches Gefühl. Kälte und Erschöpfung machten ihm unmissverständlich klar, dass ihn gleich der Endpunkt einer saublöden, impulsgesteuerten Idee erwartete.


    Die kräftigen Arme, die den beinahe Bewusstlosen am Kragen und unter der Schulter packten, glichen riesigen Hydraulikzangen. Er war also doch noch am Leben, denn er spürte die Härte einer Bordwand als sein Rücken darüber glitt.


    "Lass alles raus, Kumpel", vernahm er als er sich postwendend übergab, sobald er auf den nassen Planken zum liegen kam. Noch während er verzweifelt versuchte wieder genügend Atemluft in seine Lungen zu bekommen, sah er schemenhaft durch den Schleier vor seinen Augen eine massige Gestalt, die sich von ihm entfernte.


    Keine Ahnung wie lange er so da lag. Auf jeden Fall schreckte ihn eine Berührung an der Schulter auf.


    "Na, geht doch schon wieder, was Mate?"


    Er erschrak, denn er blickte in ein breites Gesicht mit furchteinflößenden Tattoos über der gesamten linken Hälfte.


    "Dich hat´s ja ganz schön durchgeschüttelt, wie?" fragte der hünenhafte Maori, dessen jetzt breites Grinsen ihn umgehend freundlicher wirken ließ.


    So langsam kämpften sich seine Sinne zurück in den üblichen Betriebszustand, doch seine Zunge hatte noch einige Schwierigkeiten mit dem englischen Artikulieren. "Das ... Boot. Ist es ...?", stammelte er.


    "Ich hab´s geborgen. Ist vertäut am Heck. Webster´s Schlauchboot, nicht wahr? Ich erkenn´s an den gelben Streifen."


    Jetzt wurde ihm vollends bewusst wo er war. Durch den, vorsichtig ausgedrückt, "schwierigen" regionalen Akzent verstand er oft nur die Hälfte, obwohl es Englisch war. Zum Glück hatte er ein wenig Vorbildung durch die Regiekommentare Peter Jacksons. Doch sehr weit kam er damit auch nicht.


    "Ja", antwortete er. "Mr. Webster war so ... freundlich es mir ... auszuleihen."


    "Wie ich ihn kenne zu einem Wuchertarif", ergänzte der kräftige Naturbursche.


    Dies zauberte ein Grinsen auf ihrer beider Gesichter.


    "Du hast verdammtes Glück, dass ich gerade von einem Gelegenheitsjob zurück kam", meinte der Maori ernster. Dabei versuchte er etwas langsamer und deutlicher zu reden, denn er hatte bemerkt dass er es hier mit einem Touristen zu tun hatte. "Normalerweise wäre ich jetzt weit draußen beim Fischen. Wie heißt du?"


    "Stefan."


    "Sela", antwortete der Andere und hielt ihm eine massige Pranke entgegen, welche er noch immer etwas kraftlos schüttelte.


    "Hier, nimm ein Schluck", hielt er ihm den Becher einer Thermoskanne entgegen.


    Das Gebräu roch komisch. Als Stefan daran nippte wurde ihm aber klar, dass es sich nicht wie vermutet um Kaffee handelte, sondern um eine echt belebende Fleischbrühe.


    "Mann, das weckt die Lebensgeister", stellte er fest, war sich aber nicht sicher ob dieses Sprichwort hier auf der anderen Seite des Globus eine Entsprechung hatte. Das erneut breite Grinsen seines Gegenübers bestätigte jedoch dass es verstanden wurde.


    "Na siehst du, alles halb so wild. Ich bring dich erst mal zu mir. Meine Frau kümmert sich um deine Klamotten und ich bring Webster sein Gummiboot zurück."




    Aus der Führerkabine drang das charakteristische knacken und rauschen eines Funkgeräts an seine Ohren, während der Fischkutter die östliche Landspitze der Bucht ansteuerte. Verstehen konnte er kaum etwas, aber es mochte darum gehen ihn abzuholen..Die Luft war mild wie es für Frühsommer üblich ist. Kaum zu glauben, dass dort draußen das Wasser dermaßen kalt gewesen war. Stefan saß auf einem der zusammengelegten Fangnetze und fröstelte unter der Decke die ihm der Fischer geborgt hatte.

    Von einer kleinen Ansammlung von Häusern ragte ein Anleger in die Bucht hinaus. Die Konstruktion aus Gitterrosten und Schwimmpontons war am Ende wie der Buchstabe "T" geformt. Dort wartete etwas schillernd buntes auf die Ankunft des Kutters.


    "Joanie", rief der Maori-Hüne der wartenden Person zu, noch bevor sie angelandet waren. "Kümmer´ dich bitte um unseren Gast. Webster hat mal wieder ein Touri mit einem Spielzeugboot in die Strömung gelassen. Dem werd´ ich jetzt mal den Marsch blasen. Der Arme ist fast abgesoffen im Ditch."


    Sela bremste den Fischkutter gerade so weit ab, dass Stefan umsteigen konnte. Dann tuckerte er sofort weiter zur anderen Seite der Bucht, wo der Vermieter des Schlauchboots seinen Anleger hatte.


    "Bist du von der Lodge?", fragte die junge, wenngleich auch etwas mütterlich wirkende Frau als sie den Durchnässten in Empfang nahm.


    Bei jedem seiner Schritte quatschte es in seinen Schuhen.


    "Lodge?", fragte er.


    "Die Helena-Bay-Lodge, dort drüben auf der anderen Seite. Es gibt immer wieder Urlauber die unsere Bucht unterschätzen. Sobald es aufs offene Meer rausgeht, fällt der Boden tief ab und es gibt starke Strömungen."

    Die Frau sprach mehr zu sich selbst und zeterte "Diesem Webster müsste man mal das Handwerk legen. Immer wieder kassiert er ahnungslose Touristen ab und bringt sie in Lebensgefahr."


    "Nein", antwortete Stefan auf die ursprüngliche Frage als sie auf der Veranda eines geräumigen Holzhauses angekommen waren. "Ich wohne nicht in der Lodge. Ich bin Backpacker."


    "Und dein Rucksack liegt jetzt am Grunde der Bay?"


    "Nein, glücklicherweise nicht." Stefan fasste sich erschrocken an die Gesäßtasche seiner Jeans. Realer Wetlook. Glückes Geschick - seine Brieftasche war noch da. Die Börse aus dünner Kunststoff-Folie sah zwar billig aus, aber es hatte schon mehrfach ihre Wasserdichtheit unter Beweis gestellt.

    "Ich wohne in einem "Bed and Breakfast" südlich von hier. Dort habe ich auch meine Sachen." Dabei blickte er niedergeschlagen an sich herab. "Hilft mir im Moment nicht viel, was?"


    "Erst müssen wir dich mal trocken legen." Mit diesen Worten führte ihn die Frau des Fischers in eine Waschküche.

    "Zieh´ alles aus. Ich wasche deine Sachen durch und trockne sie. Da hinten ist eine Dusche. Handtücher liegen daneben."


    Sie reichte ihm noch ein großes, graues Paket. "Wird dir wohl etwas zu groß sein, aber es hält dich warm."


    Es war eine Jogginghose mit einen Kapuzenpulli. Dazu handgestrickte Wollsocken. Kein Wunder, befand er sich doch im Land der Schafe.


    "Tut mir leid, dass ich solche Umstände mache", meinte er verlegen.


    "Ach was", wiegelte sie ab. "Wenn jemand weiß wie man Kleidung trocken bekommt, dann ich", meinte sie voller Stolz. Und das sicher mit Recht, denn ihr Mann kam bestimmt regelmäßig nass nach Hause.


    Erst jetzt merkte er wie erschöpft er war und wie sehr seine Hände und Arme schmerzten. Er war froh die durchweichten Sachen vom Leib zu bekommen. Dann aber zögerte er. Mist. Er hatte ja einen Badeanzug drunter. Egal! Da musste er durch, wenn er keine Schwindsucht riskieren wollte.

    Bevor er das alles zu einem Stapel zusammenlegte, holte er noch den Kleinkram aus den Taschen. Schlüssel, Geldbeutel, Kleingeld. Dann endlich belebte ihn das warme Wasser, als es ihn komplett einhüllend überströmte.


    Unterdessen schickte sich seine Wohltäterin an sein Zeugs in die Waschmaschine zu stopfen.


    "Wolltest du schwimmen gehen?", rief sie ihm durch das Prasseln der Dusche zu. "Ich meine, wegen dem Singlet."


    Die Frage galt wohl seinen Badeanzug.


    "Ich hatte mir zumindest die Option darauf freigehalten", trat er die Flucht nach Vorne an. "Mir war nicht klar, dass das Meer hier im Sommer dermaßen kalt ist."


    "Ach, innerhalb der Bucht ist es gar nicht so kühl", meinte sie als die Waschmaschine anlief. "Erst weiter draußen friert man. Aber dein Swimsuit hätte dir nicht geholfen. Du solltest besser einen Ganzanzug nehmen, hier gibt es nämlich einige fiese Quallen."


    Das hatte er ganz vergessen. In den Gewässern hier lebten einige Meeresbewohner, die sich mit unangenehmem Nesselgift zu schützen wussten. Da hätte er sich keine großen Sorgen wegen des Badeanzugs machen brauchen. Großflächige Körperverhüllungen sind hier wohl nicht ungewöhnlich. Zudem war es ja auch der schlichte, Grau gestreifte mit geschlossener Rückenpartie, der schon mehr in Richtung Wettkampfanzug tendiert.


    "Wenn du fertig bist", rief sie, "komm zu mir in die Küche. Einfach rechts und dann wieder links."




    Joanie schmunzelte als sie ihn in den legeren Sportsachen ihres Mannes sah. Er wirkte als hätte ihn die heiße Dusche einlaufen lassen. Zum zweiten Mal an diesem Tag war er vom ertrinken bedroht, dieses mal jedoch durch Baumwolltextilien.


    "Was soll´s", meinte er und sah dabei an seinem Schlabberkörper herab, der wie in einem Kartoffelsack hing. "Zumindest ist es warm und bequem."


    Er setzte sich an den großen Küchentisch aus blank gescheuertem Holz und trank gierig von dem Wasser, das sie ihm anbot.


    "An Sela liegen die Sachen viel enger an", witzelte sie. "Fast wie dein Singlet." Dabei zwinkerte sie ihm kaum merklich zu.


    Hatte etwa eine völlig fremde Frau auf der anderen Seite des Erdballs, die ihn erst wenige Minuten kannte ihn bereits durchschaut? Er beschloss fürs Erste nicht weiter darauf einzugehen. Statt dessen hatte er Gelegenheit seine Gönnerin näher zu betrachten, während sie anscheinend die Vorbereitungen für ein Abendessen traf.


    "Du heißt Steven?"


    "Stefan", korrigierte er. "German".


    "Dann Kia Ora, Stefan" begrüßte sie ihn nun offiziell in der Sprache der Maori. Eine Floskel die jedoch auch allen anderen Kiwis geläufig war.


    Auch in ihr steckten die Gene der Ureinwohner, doch im Gegensatz zu Sela hatten sich ihre Erbanlagen bereits über mehrere Generationen mit denen der weißen Siedler vermischt. Sie vereinte sowohl frauliches, als auch mädchenhaftes in sich. Die glatte Karamellhaut machte ihr rundliches Gesicht sofort sympathisch. Ihre Kleidung glich einer Farbexplosion. Sie trug ein Tank-Top in siebziger Jahre Batik-Design, dessen Farbvielfalt an Jamaika oder andere Südseegebiete erinnerte über einem gleichermaßen bunten Lycrabody. Oder war es ein Badeanzug? Dazu ein ebenso farbenfrohes Stirnband, welches sich nach hinten mit ihren dunklen, lockigen Haaren verflocht. Noch interessanter jedoch fand er ihr Beinkleid. Auch wenn ihr Körper etwas ausladender und kurviger war, wirkte die eng anliegende Hülle sehr attraktiv.

    Gerade fiel ihm ein, dass er nicht einmal wusste ob hier der Ausdruck "Leggings" gebräuchlich oder gar verständlich war. Doch genau das war es. Leicht seidig schimmernde Leggings mit unzähligen bunten Farbflecken, ähnlich ihrem Top. Wahrscheinlich nannte man sowas hier "Slacks" oder so.


    "Jetzt mal raus mit der Sprache", riss sie ihn aus seinen Überlegungen. "Wie kommt´s dass du ein unfreiwilliges Bad in der Ngawai Bay genommen hast?"


    "Ngawai?", stutzte er, "ich dache es heißt Helena."


    "Helena- Bay ist der Name der Ortschaft", erklärte sie, "Ngawai ist die Meeresbucht."


    Stefan seufzte tief und ausladend. "Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll."


    "Dann geht es bestimmt um eine Frau, habe ich Recht?"

    Er nickte und musste grinsen.

    Ja, dachte er, sie hat mich durchschaut.


    Teil II

    BIS ANS ENDE DER WELT

    Am liebsten glatt und glänzend!

    Einmal editiert, zuletzt von Badeanzugchris () aus folgendem Grund: Link zum Teil 2 hinzugefügt

  • Ungewohnter Beginn für eine Lycra-Geschichte, aber warum nicht?

    Von der Handlungsabfolge ist es ein guter und typischer Lycwolf-Start.

    Die Hintergründe werden uns später bestimmt (häppchenweise) klar.

    OK, wer SPUREN IM SCHNEE gelesen hat, könnte ein paar mehr Anhaltspunkte haben.

    Was auch aufhorchen lässt, ist die Kleidung der Fischersfrau.

    Manomann ...

    Fein gemacht, Lycwolf.


    Ich musste allerdings nachgucken, was ein Singlet ist.

    :) Desi-Badeanzug-HP und Nereida Drei auf desi.tervara.de :)

  • Ob typisch oder untypisch - je nach Sichtweise habt ihr beiden Recht.

    Rim insofern, als dass zu Beginn nicht alles linear erklärt wird, sondern sich mit Rückblenden über 4-5 Kapitel verteilt.

    Desi insofern, als dass der Anfang, der den Leser wie auch die Handlungsperson buchstäblich "ins kalte Wasser" wirft. schon typisch ist.


    Rim Ich musste mir ja deine (nicht unberechtigte) Kritik von letztens zu Herzen nehmen und mehr Verwicklungen und Rätselraten einbauen.


    Desi Schön, dass du dich intensiv mit dem gelesenen auseinandersetzt. Der Ausdruck "Singlet" für einteiligen Bade- oder Turnanzug ist speziell in Großbritannien und damit auch in den ehemaligen Kolonien gebräuchlich. Der Hintergrund ist wohl die noch immer vorherrschende Ablehnung alles französischen, wie z.B. der Bezeichnung "Leotard" (natürlich vermischt sich das heutzutage immer mehr)

  • Hallo Gleichgesinnte,

    Es geht weiter mit Stefan. So nach und nach klärt sich auf warum er dort ist. Die Kapitel sind gewollt kurz gehalten, denn es steckt viel Information drin, welche die Phantasie des Lesers beflügeln soll. Und bei nur flüchtigem Drüberlesen erschließt sich nicht gleich was dahinter steckt.

    Gute Unterhaltung






    "Kia Ora, mein Liebling", begrüßte der stämmige Fischer seine Frau als er in die Küche trat. "Ich geh rasch duschen", sagte er und gab ihr einen Kuss auf die Wange, während sie am Herd schnibbelte.

    "Was macht unser Gast?", fragte er und sah in Stefans Richtung.


    "Alive again", antwortete dieser und hob den Arm zum Gruß, an welchem der Ärmel mehrfach umgeschlagen werden musste um einigermaßen zu passen.


    Sela lachte kehlig und meinte: "Da muss dich meine Joanie aber ´ne Zeit lang ordentlich füttern, bis du in meine Sachen passt." Damit verschwand er.


    "Du hast doch sicher Hunger, oder?", wollte sich die Dame des Hauses bei ihrem Gast vergewissern.


    "Ehrlich gesagt, ja. Was richtiges zu Essen hatte ich bereits seit ein paar Tagen nicht mehr. Nur Junkfood.", gab er zu und fragte: "Kann ich etwas helfen?"


    Joanie wies ihn an, Teller und Besteck aus dem Schrank hinter ihn zu verteilen. Dazu noch ein Körbchen mit kleinen Weizenbrötchen. Aus den beiden großen Pfannen auf dem Gasherd strömte ein appetitanregender Duft.


    Gleich darauf kam auch der Herr des Hauses zurück und es wurde aufgetischt. Es gab jede Menge gebratenen Fisch - was sonst. Dazu Bratkartoffeln und gemischtes Gemüse. Schon alleine der Anblick ließ ihn sentimental werden. Stefan verdrückte eine Träne.


    "Na, na, Ditch-Diver", klopfte ihm Sela aufmunternd auf den Rücken. "Wer wird denn weinen, schließlich bist du doch mit dem Leben davongekommen."


    "Sorry, ich war nur gerade überwältigt von eurer Gastfreundschaft."


    "Lang tüchtig zu", forderten ihn beide auf.


    Selten hatte er Seefisch so frisch genossen. Jeder Bissen schmolz geradezu in seinem Mund.


    "Ihr glaubt nicht wie gut das tut", sagte er nachdem die ersten Bissen seinen ärgsten Hunger gestillt hatten. "Seit ich von zu Hause weg bin, hatte ich nur noch Plastikessen."


    "Jetzt musst du uns aber erzählen, was dich da raus getrieben hat", brannte der Maori voller Ungeduld.


    Seine Frau fiel ihm ins Wort: "Er wollte bestimmt mal ein zünftiges Bad nehmen." Seinen Badeanzug ließ sie jedoch unerwähnt.


    Es dauerte eine Weile bis die drei alles restlos aufgegessen hatten. Beim zufriedenen Abwischen seines Mundes fühlte sich Stefan ein wenig schuldig.


    "Hey, nochmal Danke dass du mich aus dem, wie sagtest du? Ditch? gezogen hast. Ich weiß nicht wie ich das je wieder gut machen kann."


    "Ach was", wiegelte sein Retter ab, "mach dir darüber keine Gedanken. Es reicht wenn du überall herumerzählst wie gut es dir auf der Nordinsel ergangen ist."


    "Ditch", erklärte Joanie, "ist der Ausdruck der Kiwis für den Zusammenfluss der Tasman-Sea, den Meeresarm zwischen Australien und Neuseeland und dem Pazifik" Dann räumte sie ab und ergänzte: "Wir machen es uns im Wohnzimmer gemütlich, dann erzählst du uns endlich wie du hier her gekommen bist."



    Wie das ganze Haus, so strahlte auch das Wohnzimmer etwas gemütliches aus. Bequeme Lederpolster, Naturholzmobiliar, und bernsteinfarbenes Feuerwasser aus großen Gläsern. Das Einzige, was wirklich auf ein fernes Ausland deutete, war der Wandschmuck aus traditionellen Jagd- und Angelutensilien in ihrer, für die Ureinwohner typischen Bemalung.


    "Wie Joanie bereits erraten hat", begann er seine Geschichte, "steckt hinter all dem eine Frau."


    "Na das erklärt doch schon alles, oder?", warf Sela ein, doch seine Gattin bedeutete ihm still zu sein und ihn nicht zu unterbrechen.


    "Vor etwa sechs Wochen habe ich zu Hause eine Frau kennen gelernt", fuhr Stefan fort, seinen Blick hauptsächlich auf die hochprozentige Flüssigkeit in seinem Glas geheftet. "Es hat sofort zwischen uns gefunkt, aber gleich sowas von."


    Joanie gluckste vergnügt und lehnte sich an ihren Gatten.


    "Wir hatten nur eine einzige Nacht zusammen. Kennt ihr das Gefühl, plötzlich denjenigen gefunden zu haben der die ganze Zeit in eurem Leben gefehlt hat?", richtete er die Frage an die beiden, worauf Sela antwortete: "Was meinst du wie wir beide uns getroffen haben?"


    "Dann könnt ihr euch auch vorstellen wie mir zu Mute war, als sie plötzlich morgens nicht mehr da war. Ich wusste nicht mehr von ihr als ihren Vornamen. Wir haben uns auf einer Berghütte kennen gelernt. Keine Ahnung woher sie stammt oder wo sie wohnt. Mir blieb lediglich eine Telefonnummer ohne Verbindung und die Aussage, dass sie Acht Wochen lang beruflich nach Neuseeland muss."


    "Das ist bitter", pflichtete ihm der Fischer bei.


    "Nach einiger Zeit verließ mich dann die Geduld. Ich bekam es mit der Angst zu tun, sie womöglich nie wieder zu sehen. Dann stellte ich Nachforschungen an und fand heraus wer sie höchstwahrscheinlich ist, was sie beruflich macht und wo ich sie finden könnte. Die Details erspare ich euch, aber das war es, was mich heute Mittag hier an den Strand der Bucht gebracht hat."


    "Oh, wie romantisch."

    Frauen gefiel sowas. Und auch er hatte gehofft seine Angebetete damit zu beeindrucken.

    "Erzähl weiter", wurde die Forderung nach mehr Details laut. "Wie heißt sie?"


    "Riccarda", antwortete er und dachte daran, wie sie wohl auf seinen derzeitigen Aufzug reagieren würde. Gedankenverloren zupfte er die zu langen Ärmel ergebnislos zurecht.


    "Ich hatte in Erfahrung gebracht, dass sie hier vor der Bucht zu finden sein müsste. Auf einem Forschungsschiff. Ich konnte es von der Küste aus sehen, nur half mir das auch nicht weiter. So planlos wie ich am Rand der Wohnsiedlung umherstreifte, muss ich dem geschäftstüchtigen Mr. Webster aufgefallen sein."


    "Ich würde ihn nicht "Mr." nennen", warf Sela ein.


    "Wie auch immer, sein Angebot schien mir passend und was sollte auf dem kurze Stück mit einem Außenborder schon schief gehen? So gab ich diesem Typ meine letzten Kiwi-Dollars und machte mich auf den Weg"


    Er sah beschämt zu Boden. "Letztlich reichten meine nautischen Fähigkeiten doch nicht aus, um auf die plötzliche Strömung und den unerwarteten Wellengang richtig zu reagieren. Ich glaube, ich hab´ so ziemlich alles falsch gemacht, was mich schließlich im, wie ihr so schön sagt "Ditch" landen ließ. Wenn du nicht zufällig vorbeigekommen wärst, gäb´s mich jetzt wohl nicht mehr." In Gedanken setzte er hinzu: `und Riccarda würde vergeblich auf meinen Anruf warten.´


    "So groß war der Zufall gar nicht", erklärte Sela nachdem Stefan geendet hatte. "Ich war gerade auf dem Rückweg nachdem ich mich von der Gruppe verabschiedet hatte. Die letzten vierzehn Tage habe ich nämlich für das Forscherteam gearbeitet. Die haben mich zur Unterstützung angeheuert und gegen einen Nebenverdienst hat hier niemand was."


    Stefan war auf einmal hellwach und spürte Anspannung in sich aufsteigen.


    "Die haben außerhalb der Bucht jede Menge Messgeräte im Meer versenkt. Irgendwas mit Strömung und Plankton."


    Stefan hielt es nicht mehr zurück. "Du kennst sie also? Hast du sie etwa gesehen, ich meine, ist dir eine Frau an Bord aufgefallen?" Seine Fragen sprudelten hervor wie ein Wasserfall.


    "Da waren mehrere Frauen im Team."


    "Eine Deutsche?"


    "So weit ich sagen kann, war das Team international zusammengesetzt. Franzosen, Spanier, Engländer und auch Deutsche. Auffällig war nur die "Schaf-Schererin"."


    "Schaf-Schererin?"


    "So nannte ich die eine vom Führungsteam. Recht sympathisch. Auch eine Deutsche, aber sehr sprachbegabt. Mit ihrem Hut und dem Tuch das sie ständig um den Hals trug, sah sie aus wie die hier allgegenwärtigen Schafscherer."


    Stefan schluckte, dann platzte es aus ihn heraus: "Ein rotes Tuch, gemustert?"


    "Ja"


    "Das war sie. Das war Riccarda! Weißt du wo sie hin wollten?"


    "Keine Ahnung", antwortete der Hüne und es war ihm sichtlich unangenehm ihm keine bessere Auskunft geben zu können. "Ich nehme an, dass sie fertig waren und zurück nach Auckland sind. Von Dort aus fliegen sie dann wohl wieder nach Hause."


    Stefan war völlig aufgedreht. "Dann habe ich sie also nur um Minuten verpasst?" Er blickte sich fahrig um. "Ich muss ihr nach. Ich muss nach Auckland, ich....."

    Dabei stand er nervös auf und stolperte fast über die viel zu langen Hosenbeine.


    Der Fischer packte ihn am Arm und zog ihn freundlich aber bestimmt wieder zurück auf die Couch.


    "Beruhige dich mal wieder. Du bist nicht ganz auf dem Damm und vor kurzem fast ertrunken. Deine Sachen sind pitschnass. Willst du etwa in einem zu großen Jogginganzug zu Fuß die 115 Meilen nach Auckland zurücklegen? Schlaf dich erst mal aus. Morgen sieht die Sache ganz anders aus. Bis dahin ist auch dein Zeug wieder trocken."

    "Aber ...", setzte Stefan nochmals zu Überlegungen an, sah dann aber selbst ein dass ihn dies nur wieder in Gefahr brächte. "Habt ihr wenigstens eine Ahnung wann die Busse in Richtung Süden fahren?"


    Teil III

    BIS ANS ENDE DER WELT

  • Hat keine Kiwi-Dollars mehr und will ihr hinterher...

    Naja.

    Ich versuche gerade mal einen Ort zu finden, der 115 Meilen nördlich von Auckland am Ditch liegt. Würde auf Whangarei tippen, das liegt aber an der Ostseite der Nordinsel und nicht an der Westseite (Ditch).

    Egal.

    Es bleibt spannend. Vielleicht helfen ihm Sela und Joanie ja weiterhin.

    :) Desi-Badeanzug-HP und Nereida Drei auf desi.tervara.de :)

  • Desi

    Mit Whangarei liegst du so verkehrt gar nicht. Mehr darüber im nächsten Kapitel.

    Du musst berücksichtigen, dass der komplette Umfluss der Nordspitze auch auf der Westseite, was eigentlich schon Pazifik ist, ebenfalls gemeinhin als "Ditch" bezeichnet wird. (Ist natürlich nicht mit Wikipedia alleine herauszufinden und auch ich bin da mehr durch Zufall draufgestoßen)

    Danke, dass du dir so viel Mühe machst die geografischen Beschreibungen nachzuvollziehen. Hoffentlich habe ich nicht allzu viel Ungereimtheiten eingebaut, schließlich war ich noch nie in Neuseeland. Vieles entspringt einfach der Phantasie.


    Rim

    Das nächste Kapitel liefert mehr Antworten und ist etwas länger. Wahrscheinlich erst Montag (Bin gerade bei der Rechtschreibprüfung und hab auch schon wieder die Hälfte umgeschrieben, weil mir immer wieder was Neues einfällt)

  • Danke Lycwolf.

    Da siehst du mal, dass ich mich mit deiner Geschichte beschäftige.

    Ich wusste nicht, dass auch die Ostseite der Nordspitze zum "Ditch" mitgerechnet wird.

    Manchmal gucke ich nach solchen Dingen. Ich probiere auch meine eigene Geschichte so zu schreiben, dass sie plausibel ist.

    Ich war übrigens auch noch nie in Neuseeland, kenne mich mit dem Land nicht aus.


    Daher lasse ich mich einfach von deiner Geschichte treiben. Du bist in diesem Thema der Kapitän, irgendwo führst du mich und die anderen Leser schon hin.

    Du machst das schon, wie ich dich kenne.

    :) Desi-Badeanzug-HP und Nereida Drei auf desi.tervara.de :)

  • Das folgende waren ursprünglich zwei Kapitel, aber thematisch passte es so besser zusammen. Diesmal gibt´s auch einiges an Aufklärung.

    Gute Unterhaltung





    Die Landschaft zog am Fenster des alten, mit Wellblech beplankten Busses vorüber Natürlich gab es hier im Norden der Nordinsel nur einen Bus am Tag. Den gleichen, mit dem er gestern hier angekommen war. Insgeheim war er aber froh über die doch recht ordentlichen Möglichkeiten öffentlicher Verkehrsmittel. Ein Mietfahrzeug hätte beim hiesigen Linksverkehr früher oder später unausweichlich in einem Fiasko geendet. Dankbar dachte er zurück an seine neuen Freunde von der anderen Seite der Welt.



    Joanie hatte es sich natürlich nicht nehmen lassen ihm noch ein paar belegte Brote mit auf den Weg zu geben. ´Damit du dich nicht gleich wieder nur von Hamburgern ernähren musst´, hatte sie gesagt als er ihr gastfreundliches Haus in Richtung des kleinen Ortes verließ.


    Gestern Abend redeten sie noch eine ganze Weile bis sein übermüdeter Körper schließlich seinen Tribut einforderte. Er erwachte am späten Morgen auf der bequemen Couch, eingeringelt in eine leichte Decke. Sela war schon früh aufs Meer rausgefahren und ließ ihm noch alles Gute und Erfolg für seine Suche ausrichten. Seine Frau kümmerte sich wieder beispielhaft um ihn und servierte ein fürstliches Frühstück.

    Heute trug sie ein gelbes Top im Feinripp-Unterhemd-Stil, Ton in Ton mit einem diesmal gelben Stirnband in ihrer Lockenpracht. Eine solche Farbwahl konnte bei Norduropäerinnen schnell kränklich wirken, aber die Kombination mit Joanies dunklerem Teint schien mehr als gelungen. Ihrer Vorliebe für die bequemen Leggings war sie treu geblieben, diesmal in glänzendem Anthrazit mit mattem, grauen Fischgrätenmuster, welches die griffige Anatomie ihrer Extremitäten trefflich betonte.


    "Wie kann ich euch je für all das danken, was ihr für mich getan habt?", fragte er verlegen als er seine nun trockenen Sachen wieder angezogen hatte.


    Die Halb-Maori lächelte und umarmte ihn mit dem kräftigen Druck einer Frau, der körperliche Arbeit nicht fremd war. "Finde deine Riccarda und erzähle ihr von uns."


    Sie gab ihm noch ein Abschiedsgeschenk mit auf den Weg, welches er in ehrlicher Verlegenheit zunächst ablehnen wollte. Doch sie insistierte nachdrücklich. Es war weich und in buntes Papier eingeschlagen. Joanie nötigte ihm das Versprechen ab, es erst zu öffnen wenn er Neuseeland wieder den Rücken gekehrt hatte.


    "Kia Ora", verabschiedeten sich die beiden und jeder hatte seinen eigenen Kampf mit der Tränenflüssigkeit auszufechten.



    Unter dem beständigen Schaukeln des Busses wurde ihm bewusst, dass er hier zum ersten Mal jene Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft angetroffen hatte, die man den Kiwis gemeinhin nachsagte.



    Ganz im Gegensatz zu seiner Ankunft in Wellington vor einigen Tagen. Nach über 24 Stunden Flug von Frankfurt, mit Zwischenstopp in Singapur.

    Über den mürrischen und schlechtgelaunten Zollinspektor, der seinen großen Trekkingrucksack durchwühlte konnten auch die omnipräsenten Werbetafeln "Welcome to Middle-Earth" nicht hinwegtäuschen. Die Fantasy- Erfolgsfilme wurden vom Fremdenverkehr auf breiter Front ausgeschlachtet. Kaum ein Plakat von der einen nicht ein Hobbit oder Gollum anblickte.


    "Was haben diese Sachen zu bedeuten?", fragte der Zöllner als er Stefans Kurzarm-Gymnastikbody und die glänzenden Leggings herauszog. "Sie sind doch keine Frau, oder?"


    `Das geht dich einen feuchten Kehricht an, du Maulwurf`, hätte er dieser "Gesäßöffnung" gerne ins Gesicht gesagt, aber er war einfach zu erschöpft vom Flug gewesen. Außerdem saßen solche Typen immer am längeren Hebel. Noch dazu wenn ihnen eine Uniform Macht verlieh. Zudem hatte er auch noch die Suche nach einem kostengünstigen Zugticket vor sich. Deshalb war ihm daran gelegen sich hier nicht länger als nötig aufzuhalten.

    Doch er konnte es sich auch nicht verkneifen dem Offiziellen seine begrenzte und altbackene Sichtweise vorzuhalten.


    "Ich bin Transvestit. Kann ich jetzt gehen?"


    Mit verächtlichem Schnauben stopfte der Ewig Gestrige die Sachen wieder hinein in den Rucksack, der vor seiner Durchsuchung mal ordentlich gepackt gewesen war.

    Toller Empfang. Wenn es so weiterginge, konnte das ja Heiter werden.


    Die sommerlichen Temperaturen hellten seine Stimmung jedoch wieder auf. Vor allem wenn man berücksichtigte, dass zu Hause auf der Nordhalbkugel gerade schmuddeliger Winter herrschte. Während er auf den Zug wartete, der ihn von der Hauptstadt der Doppelinsel zur größten Stadt Auckland bringen sollte, konnte er sich an der einheimischen Sommermode erfreuen. Zumindest unter den jüngeren Frauen und Jugendlichen schien in dieser Saison nichts an Weißen T-Shirts über schwarzen Leggings und Lederballerinas vorbei zu gehen. Eine Modeerscheinung die er voll und ganz befürwortete.



    Als würde diese schon Wochen her sein, blickte Stefan jetzt im Bus auf seine Ankunft zurück. Seitdem war eigentlich alles schief gegangen, oder zumindest nicht wie erwartet verlaufen. Doch jetzt sah er wieder einen kleinen Hoffnungsschimmer. Das Forschungsschiff brauchte bestimmt genauso lange nach Auckland wie er mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

    Zumindest kannte er das Büro welches den Forschern die Ausrüstung und das Schiff vermietet hatte noch von seinem letzten Besuch. Dieser war übrigens auch nicht fruchtbar verlaufen. Aus dem wissenschaftlichen Blog des Instituts hatte er damals nur einen vagen Hinweis auf die Ostküste der Nordinsel bekommen. Mehr als die Positionsangabe vor Helena-Bay war jedoch auch dort nicht herauszubekommen. Datenschutz. Wenigstens würde er diesmal einen Kontakt zur Forschergruppe fordern. Vor mehr als zwei Tagen hatte er noch darauf verzichtet, weil er ja seine Geliebte überraschen wollte. Doch nach den vielen Misserfolgen wollte er ab jetzt auf Nummer Sicher gehen.



    Die Fahrt von Helena Bay über Whakapara mit seinen ausgedehnten Schafsfarmen, bis hinunter nach Whangarei, dem Städtchen wo er einquartiert war, dauerte knapp zwei Stunden. Der Spätnachmittag ging bereits in den Abend über, als er wieder zurück in seinen kleinen Zimmer war.

    Mehr aus Konvention heraus probierte er, wie schon unzählige Male zuvor, Riccarda´s Telefonnummer. Anscheinend war eine generelle Sperre eingerichtet, die ihm selbst hier keine Verbindung ermöglichte. Die Ansage, dass "der gewünschte Gesprächsteilnehmer derzeit nicht erreichbar sei" weiter abzuhören, würde ihn lediglich zur sattsam bekannten Rufumleitung ans Institut bringen.


    Auf diese Weise war er ja erst auf ihre Spur gekommen. Immer wieder hatte er Daheim vergeblich die Nummer versucht, bis er es irgendwann einmal komplett durchklingeln ließ. Zu seiner Überraschung wurde er ans Deutsche Zentrum für Marine-Biodiversitätsforschung in Wilhelmshaven umgeleitet. Dort erfuhr er, dass Riccarda Forster (jetzt hatte er auch einen Nachnamen) als Leiterin einer Forschungsgruppe auf einem "Field-Trip" in Neuseeland unterwegs sei. Es wäre ein leichtes gewesen auf diesem Wege in Kontakt mit ihr zu kommen, aber in Stefans Kopf machte sich bereits die romantische Vorstellung breit, sie dort zu überraschen.


    Wilhelmshaven. Nach Nordsee hatte sie gar nicht geklungen. Obwohl, muss sie ja auch nicht, nur weil sie dort arbeitet. Durch die Webseite des Instituts, welches mit diversen Universitäten und Hochschulen zusammenarbeitet, erfuhr er mehr über die Mission, deren Ziele und vor allem über die geplanten Örtlichkeiten.

    Zu jener Zeit war Flaute in seinem Business, was ja ursprünglich der Anlass dafür war, sich intensiver mit seiner verlorenen Bekanntschaft auseinander zu setzen.. Noch ein wenig Recherche und schon unternahm er etwas, das bis Dato für ihn völlig undenkbar war. Relativ spontan suchte er sich einen bezahlbaren Flug nach Down Under, packte seinen großen Reiserucksack und machte sich auf den Weg.


    Rückblickend sicher keine seiner besten Entscheidungen. Kostspielig und bislang größtenteils erfolglos. Vielleicht war das eine der Ausprägungen von "Liebe macht blind".

    Noch am Abend erkundigte er sich in Whangarei nach einer Zugverbindung nach Auckland. Er hätte den Nachtzug nehmen können, doch die gleiche Reise früh am nächsten Morgen kostete nur die Hälfte und so beschloss er seine bereits bezahlte Übernachtung noch in Anspruch zu nehmen.



    Der Zug war trotz der frühen Zeit - die Uhr zeigte erst kurz vor Fünf - voll besetzt. Hauptsächlich Berufspendler, die einen weiten Arbeitsweg hatten. Nach der kurzen Morgendämmerung, erlebte er wieder die beeindruckende Gegend um sich herum, für die dieses Land berühmt war. Die Naturdokus versprachen nicht zu viel. Hier sah alles aus wie aus einem Bilderbuch. In schnellem Wechsel veränderte sich die Landschaft. Weites Grasland, dann wieder mächtige Flusstäler die in spiegelglatte Seen mündeten. Und immer wieder blaue, schneebedeckte Gipfel in der Ferne, welche in der Sommersonne leuchteten.

    Und wie es jedem Touri auffallen musste, hatten die Einheimischen jeden Blick für das für sie Alltägliche verloren.



    Diese Fahrt war wesentlich kürzer als der Trip von Wellington nach Norden. Für jene 410 Meilen, was bummelig 650 km entsprach, benötigte der Zug damals über Sieben Stunden. Obwohl er nur weinig Zwischenhalte machte. Genau wie jetzt auch, klebten seine Augen auf der unglaublichen Landschaft und sein Mund war vor lauter Staunen nicht zu schließen. Das war das Erkennungsmerkmal aller Ortsfremden.

    Die unzähligen Schafherden in den Ebenen links und rechts der Bahnlinie und der majestätische Anblick der schneebedeckte Vulkanberge im Zentrum der Nordinsel, allen voran Mount Ruapehu, hatten sich für immer in sein Gedächtnis gebrannt.


    Gleichsam aber auch die beiden jungen Frauen, die ihm heute Morgen eine ganze Weile gegenüber saßen. Vielleicht Anfang Zwanzig. Während die eine eher nach Bürojob, aber keinesfalls altbacken aussah, war die Andere eher der flippige, sportliche Typ. Völlig vertieft in ihr Gesprächsthema, nahmen sie kaum Notiz von ihm. Offenbar hatte die dezentere der Beiden seit kurzem einen neuen Verehrer und ihre Freundin wollte natürlich alles Darüber erfahren.


    Die frisch Verliebte war mit einer gewissen Eleganz gekleidet, wie sie für einen der besseren Jobs mit Kundenkontakt üblich ist. Konservative, helle Bluse, ein dunkler Rock mittlerer Länge und ein taillierter Blazer in Aubergine. Nicht ganz auf dieser Linie, aber auch nicht weit davon weg, lagen die seidig grauen Leggings, die ihre schlanken Beine ästhetisch modellierten. Womöglich trug sie diese nur in den kühleren Morgenstunden und ließ sie später in ihrer geräumigen Umhängetasche verschwinden. Schade eigentlich, denn nach Stefans Meinung rundeten sie ihre Erscheinung angenehm ab. Ihre Beine endeten in einfachen Lederballerinas, aber möglicherweise trug sie auch diese nur während der Fahrt und tauschte sie später gegen elegantere Pumps.


    Die andere sah eher nach Fitness-Studio oder ähnlichem aus. Zwar hatte sie ein dünnes Strickjäckchen übergeworfen, zeigte ansonsten unter ihrem weißen Tank-Top viel Bauchnabel und ihr durchtrainiertes Abdomen. Der eigentliche Eyecatcher jedoch waren die kräftig glänzenden, schwarzen Lauftights. Akzente bei diesen, setzten die an unterschiedlichen Stellen zu findenden Ausschnitte, deren geometrische Öffnungen mit mitteldichtem, schwarzem Nylon hinterlegt waren. Dazu trug sie Rot-Weiße Sportschuhe aus Leinenstoff, benannt nach ihrem amerikanischen Erfinder.


    Gut dass die Beiden mit sich selbst beschäftigt waren, denn sein Blick klebte förmlich an ihren attraktiv verhüllten Beinen. Aus den Gesprächsfetzen die er aufschnappte, konnte er sich zusammenreimen dass sie mittlerweile bei den intimeren Details angekommen waren. Hellhörig wurde er, als immer häufiger das Wort "Spandex" fiel. Offenbar verstand die Elegante nicht, warum ihr "Neuer" so sehr auf dieses Material stand. Ob das nicht unnormal sei? Doch die Sportlerin konnte sie beruhigen, indem sie ihr erklärte dass doch jeder Kerl irgendwo eine Macke habe und sie letztlich nur davon profitieren könne, wenn sie ihn das ausleben ließ. Außerdem kenne sie viele Typen die solche Sachen nicht nur zum Sport tragen und fände Männer in Tights eigentlich cool.


    Eine sehr vernünftige junge Dame, dachte Stefan. Da könnte sich manch andere eine Scheibe von abschneiden.

    So gingen die etwas mehr als anderthalb Stunden der Fahrt vorbei wie im Flug. Seine Sitznachbarinnen stiegen in Auckland-Zentrum aus, während er noch eine Station weiter nach Süden musste.

    Bis er aus dem Bahnhof heraus war und sich auf den Weg in den ihm bereits bekannten Büro- und Gewerbepark gemacht hatte, ging es auf halb Acht zu. Um jene Zeit zeigte sich dieser, von der Arbeitswelt geprägte Teil der Stadt noch geruhsam. Seinen Rucksack geschultert, machte sich auf den Weg zu dem mehrstöckigen Haus, in welchem er schon einmal vorgesprochen hatte. Stefan ließ sich Zeit, denn vor Neun Uhr würde er hier keinen antreffen.

  • Auch wenn ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass derzeit das geschriebene Wort nur wenig Zuspruch findet, geht Stefans Odyssee natürlich weiter.

    Viel Spaß






    Ein gutes Beispiel für globale Entwicklung im Kleinen, stellte die Wiedergeburt der "Tante Emma Läden" in modernem Gewand dar. Wie in Deutschen Städten, traf man auch hier auf die kleinen, kioskartigen Geschäfte die Tabakwaren, Erfrischungen, Süßigkeiten und kleine Snacks feil boten. Das alles erweitert um einen Call-Shop mit Internet-Telefonie ins Ausland, Prepaid-Karten und Websurfing-Gelegenheit. Die Unterschiede zu Deutschland lagen zum einen im landestypischen Hauptgetränk Tee, zum anderen an der Nationalität der Betreiber. Liefen solche Shops bei uns eher unter nahöstlicher Leitung, so dominierte hier die indische Kultur.


    Mit dem Becher Tee, den er in "Ranjid´s Call ´n´ Surf" erstanden hatte, steuerte er die kleine Parkanlage in der Nähe an. Auf einer der zahlreichen Holzbänke, welche einen Rasenplatz mit exotischen Bäumen umsäumten, nahm er sein Frühstück zu sich. Heute in aller Frühe hatte er noch keinen Appetit gehabt, aber der strahlende Morgen machte ihm Lust auf Joanies belegte Brote.

    Der hausgemachte Geschmack ließ das freundlichen Paar und sein Abenteuer in der Ngawai-Bay Revue passieren. Eigentlich ein schönes Fleckchen zum Urlaub machen.



    Er dachte auch an sein letztes Zusammentreffen mit der resoluten Empfangsdame dieses Büros, das die "Vor Ort Koordination" für Forschungsreisen aus aller Welt übernahm. Von seinen lauteren Absichten wollte sie sich nicht überzeugen lassen und gab demnach nur widerwillig Auskunft. "Bärbeißig", war ein Ausdruck der ihm dabei in den Sinn kam. Lediglich zu an welchem Ort er auf das Forschungsschiff mit seiner schmerzlich vermissten Bekannten treffen könne war dieser graumelierten Festung zu entlocken. Das Selbe rechnete er sich auch jetzt aus. Vielleicht garniert mit einer Telefonnummer? Von dieser sturen Sekretärin am Front Desk bestimmt nicht, aber vielleicht gab es ja auch noch andere Mitarbeiterinnen.


    Während dieser Gedanken und seines gemütlichen Frühstücks, war es interessant die Stadt langsam erwachen zu sehen. Diese Entschleunigung tat auch ihm gut und machte seinen Kopf wieder frei und Aufnahmebereit für neue Informationen.


    "Nicht Sie schon wieder, gehen Sie weg!"

    Das Glück war ihm also nicht hold, als er kurz nach Neun am Empfang des Bürogebäudes vorsprach. Zwei Querstraßen entfernt von dem Park, dessen Atmosphäre jene Hoffnungen schürte, welche mit einem Mal wieder schwanden.


    "Ich werde Ihnen heute auch nicht mehr sagen als vor drei Tagen", meinte die grimmige Empfangsdame noch eine Stufe unfreundlicher als letztens.


    Stefan setzte sein liebenswürdigstes Koala-Bär-Gesicht auf. "Nun geben sie sich doch einen Ruck", lächelte er ihr zu. "Sie wissen doch wie es ist verliebt zu sein", dabei klimperte er verführerisch mit den Augendeckeln. "Ich möchte doch nur wissen wann und wo die Forschungsgruppe ankommt. " Und etwas leiser und gespielt verlegen fügte er hinzu: "Und vielleicht eine kleine Telefonnummer?"


    Genauso gut hätte er von einem der Bäume im Park eine Reaktion auf einen Fußtritt erwarten können.


    "Wenn sie nicht einmal eine Telefonnummer haben", schnarrte sie wie eine alte Schullehrerin, "dann kann es mit der Liebe ja nicht so weit her sein. Wenden Sie sich an die jeweilige Universität oder das entsprechende Forschungsinstitut. Wir dürfen nichts weitergeben, Datenschutz"


    Das Totschlagsargument.

    Klasse du olle Schnepfe, dachte er sich. Als hätte ich das nicht schon über ihren Arbeitgeber versucht. Die rückten auch nichts heraus.

    Enttäuscht fragte er: "Wenigstens die Ankunft der Expedition? Please? Pretty Please?"


    "Das Schiff und seine Crew werden gegen Abend erwartet", gab sie unerwartet freizügig preis. Doch sie schien noch etwas zurück zu halten.


    "Aber?", bohrte er deshalb nach.


    "Nun, ich verrate nicht zu viel wenn ich ihnen sage, dass das Schiff einen Heli-Port hat. Und der Hubschrauber war bereits gestern Abend zurück. Den Rest müssen sie sich selbst zusammenreimen."


    Nach einem kurzen Moment um die Situation korrekt zu erfassen, ging ihm eine stattliche Auswahl unflätigster Schimpfworte durch den Kopf. Offenbar hatte er Riccarda schon wieder verpasst und mehr würde er hier nicht erfahren.


    "Vielen herzlichen Dank", verabschiedete er sich und sein Gegenüber bemerkte noch nicht einmal wie viel des mit Sarkasmus vermischten Zorns in seiner Stimme mitschwang.



    Er wusste nicht weiter, also trottete er bedächtig wieder Richtung Bahnhof und fragte sich, ob er bei Ranjid auch einen Strick bekommen würde der kräftig genug war sich daran aufzuknüpfen.

    Ranjid´s Call ´n´ Surf, las er erneut das Ladentransparent.


    "Ich Idiot", klatschte er sich an die Stirn, "Der Blog!"

    Minuten später fand er sich im Hinterzimmer des indischen Kiosks an einer Tastatur wieder, auf welcher er die Ursprünge der vielen Flecken gar nicht wissen wollte.

    Tatsächlich gab es bereits seit gestern Mittag ein Update. Etwa zu der Zeit, als das Salzwasser sein Innerstes nach außen gekehrt hatte. Das Meiste war sehr fachspezifisch gehalten und somit verstand er nur wenig davon. Es folgten einige Diagramme die wohl so etwas wie Bojen in verschiedenen Meerestiefen zeigten und eine Landkarte mit dem Strömungsverhältnissen. Aber im letzten Absatz war die Rede von weiteren Tätigkeiten an der Küste Galiciens.

    Nordwest Spanien? Bestimmt, denn es stand auch was von Santiago de Compostela dabei.

    Na Toll, dachte er. Wie komme ich jetzt vom Arsch der Welt nach Spanien?

  • Ich gebe dir recht Lycwolf, das die schreibende Zunft in die Ecke der Nicht Beachtung gedrängt wird und mal wieder, und ich sage es dieses Mal mit einem gewissen Zorn eines Moderators, die Oberflächkeit gepaart mit der Selbstherrlichkeit und Arroganz der betrachtenden Lycra Fans regiert.


    Mir gefällt es, wie du die kleinen feinen Details einbindest. Man könnte meinen, du warst selbst dort gewesen.

    Wieder ein an schubsen für mich, an die Tastatur zurück zu kehren. Der art hohe Qualität kann ich schlecht alleine stehen lassen

  • Rim

    Freut mich, wenn es dich zu eigenem Tastenklappern anspornt und du die Herausforderung annimmst;)


    Was meine Einleitung angeht, sehe ich es nicht ganz so streng wie du. Zumindest muss man mit einbeziehen, dass eventuell einige in Skiurlaub, oder doch noch der Grippe anheim gefallen sind.

    Andererseits hast du natürlich Recht damit, dass das Zeug ja gelesen wird (Die Zugriffszahlen gehen zumindest in diese Richtung), aber kaum einer eine Reaktion darauf zeigt. Als würde es einfach als "gottgegeben" hingenommen, wenn einer was postet.


    Aber die Diskussion hierrüber gehört nicht in diesen Thread, deshalb kümmere ich mich um das, was ich am besten kann, nämlich die Story fortführen.

  • Och Mensch, armer Stefan. Sein Pech ist unser Glück.
    Kommen wir doch zu weiteren Episoden.
    Abenteuerlich wird es weitergehen.
    Nur eines: Warst du wirklich noch nie in Neuseeland? Deine genauen Schilderungen lassen mich daran zweifeln.

    :) Desi-Badeanzug-HP und Nereida Drei auf desi.tervara.de :)

  • Kommt Stefan problemlos nach Spanien um seine Riccarda endlich wieder zu sehen?

    Gute Unterhaltung.






    Glücklicherweise war der Flughafen nicht allzu weit entfernt. Da er aber erst mal im falschen Bus saß, ging es bereits auf Elf Uhr zu als er sich bei den Charteranbietern nach der günstigsten Verbindung durchfragen konnte.


    "Von Auckland nach Santiago oder Leon?", vergewisserte sich die blasse nordische Schönheit am Computer und ließ die Tastatur klappern. "Der Direktflug nach Barcelona mit Anschluss nach Norden Ist vor zwei Stunden raus."


    Nicht einmal ihr engelsgleiches, blondes Haar, ihre Eisblauen Augen und ihre hauchzart seidig bestrumpften Beine, die unter dem Tisch hervor lugten, konnten seine Laune bessern.


    "Und der nächste in die Richtung?"


    "Heute Abend. Nach Madrid."


    Doch der Blick auf den Endpreis stimmte ihn keineswegs fröhlicher. So viel hatte er nicht mal für den Herflug plus Bahntickets und Unterkunft bislang bezahlt.


    "Dann wäre da noch was morgen früh. Allerdings mit Zwischenstopp in Hong Kong nach Antalya. Von dort aus weiter mit einem anderen Flugzeug. Dafür dann aber direkt nach La Coruna."


    Würde wohl stressig werden, aber der Preis betrug nur einen Bruchteil der bisher vorgeschlagenen Verbindungen. Er überlegte nicht lange und reservierte einen Platz. Seine Kreditkarte glitt durch das Lesegerät und er hoffte, dass sie soviel noch hergab.


    Jetzt brauchte er bloß noch eine Bleibe für die Nacht. Noch im Flughafen besorgte er sich etwas Handgeld, auch wenn es nicht der beste Umtauschkurs für Kiwi-Dollars war.

    Das obligatorische Airport-Sheraton war etwas zu luxuriös für seinen Geldbeutel. Deshalb fuhr er mit dem Bus zwei, drei Ortschaften die Küste entlang. Wie überall auf der Welt, war auch hier in Flughafennähe nur schlecht eine bezahlbare Übernachtung zu bekommen.


    "Wir sind eigentlich voll ausgebucht", meinte die üppige, schwitzende Dame an der Rezeption einer Ferienhaus-Anlage. die auch kleine Holzhütten vermietete. "Aber wenn´s nur für eine Nacht ist, hätte ich noch ein Plätzchen frei."


    Tierschutzorganisationen hätten wohl selbst einem Hund mehr Platz und Komfort zugestanden. Dieser heruntergekommene Bretterverschlag war keinesfalls die dafür aufgerufenen New Zealand Dollars wert, die woanders für ein ordentliches Apartment gereicht hätten. Doch er hatte keine andere Wahl und war es auch Leid weiter zu suchen.


    Nach einem Besuch der Gemeinschaftsdusche fühlte sich Stefan wieder etwas besser. Auf einem Lageplan wurde ein kleiner Strandabschnitt, nicht weit entfernt beworben. Was lag also näher als ein wenig Farbe auf seine kalkweißen Waden zu bekommen. Die Kleidung der Wahl hierfür waren natürlich seine blauen Radler, die in der Sonne seidig schimmerten. Oben herum hatte er lediglich ein T-Shirt an. Dieses ließ, sich verglichen mit einem Body, leichter ausziehen um mehr Haut von der Sonne wärmen zu lassen. Und nebenbei auch die derzeit auf Sparflamme agierende Vitamin-D-Produktion anzukurbeln. Natürlich war ihn bewusst, dass die schützende Ozonschicht in dieser Gegend bereits abnahm, aber er hatte auch nicht vor sich Stundenlang in die Sonne zu legen.


    Doch auch das Schwimmen gehen würde er sich reiflich überlegen, nachdem er den blumig angepriesenen "Strand" erblickte. Das Wasser war voller Algen und auch sonst befand sich der Küstenabschnitt in einem eher ungepflegten Zustand. Zumindest eine lang gezogene Grasfläche, die sich zum Wasser hin sanft neigte, lud zum Verweilen ein. Die sonstigen anwesenden Touristen wirkten allesamt als wäre ihnen gerade jetzt klar geworden, dass vollmundige Werbeaussagen nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun haben müssen. Doch gleich ihm, versuchten sie das Beste aus der Situation zu machen.


    Stefan döste auf dem Rücken liegend ein wenig vor sich hin, den Blick auf die startenden und landenden Flugzeuge auf der gut Fünf Kilometer entfernten Seite der großen Bucht gerichtet. Er musste innerlich lachen. Wenn er das Riccarda erzählte, dass er während sie bereits in Spanien war, tausende Kilometer entfernt das suboptimalste Sonnenbad seines Lebens nahm.

    Einige mutige gingen tatsächlich in das brackige Wasser. Allerdings nur in Ganzkörper-Schwimmanzügen aus Neopren oder Lycra, stets darauf bedacht nicht unter zu tauchen.


    Nach einer Weile schlenderte er zu dem kleinen Kiosk, der sich hochtrabend "Beach-Bar" nannte. Das Angebot war übersichtlich und da dieser Verkaufsstand dem Rest der Umgebung angepasst war, hätte er auch nichts anderes außer versiegelten Lebensmitteln und Konserven gewollt.

    Also Dosenbier.

    Da lokale Brauerzeugnisse, wie Speight´s nicht im Angebot waren, hatte er die Wahl zwischen Heineken und Fosters. Also entschied er sich für das australische Getränk um wenigstens einigermaßen was ortsansässiges zu konsumieren.


    "Auch schon besseres gesehen, was?", fragte der ältere, sonnengegerbte Mann der auf einem der abgenutzten Gartenstühle vor dem Kiosk saß.


    Stefan nickte und gesellte sich zu ihm. In Abwandlung eines Filmzitats sagte er: "Wenn es irgendwo einen herrlichen Urlaubsort gibt, sind wir hier am weitesten davon entfernt."


    "Cheers Mate", prostete ihm der Ältere zu.


    Der Verschluss seiner Dose zischte und er nahm einen tiefen Zug.


    "Aahh!" entfuhr es ihm zufrieden. Das Bier war angenehm kühl. Übrigens das erste angenehme heute Nachmittag.


    "Wenn du mal einen richtig guten Strand sehen willst", erklärte sein Gegenüber nachdem auch dieser einen tüchtigen Schluck aus seiner Dose genommen hatte, "dann empfehle ich dir Whatipu -Beach auf der anderen Seite von Auckland."

    Dabei beschrieb sein Arm eine bogenförmige Bewegung von hier über den Flughafen und die Südseite der Stadt, bis zu einem entfernten Kap im Nordwesten.


    "Dort findest du alles, was man sich unter Strandurlaub vorstellt, und es ist nicht so überlaufen wie der bekannte Strand von Karekare, der zwei Kilometer nördlich davon beginnt."


    Die Kohlensäure ließ Stefan kurz aufstoßen. "Leider fliege ich morgen schon wieder weiter", entgegnete er mit etwas Traurigkeit in der Stimme.


    "Na dann mach´ das Zweitbeste und ertränke deinen Frust."


    Die dünnen Weißblechdosen klackten als sie anstießen.


    Sie reichten sich die Hände und stellten sich vor. "Gordon", sagte der Alte, worauf er "Stefan" erwiderte.


    "Ein Kraut also", witzelte Gordon nicht ernst gemeint.


    Stefan hatte diesen Ausdruck bisher nur in Dokumentationen über den Krieg vernommen. Ein Spitzname, den die Engländer den Deutschen wegen ihrer Ernährungsgewohnheiten gegeben hatten. Aber er kannte auch die passende Erwiderung.


    "Wenigstens kein Thommy."


    Dieser schlagfertige Konter ließ den anderen kräftig Lachen.


    "Warst du hier auf Urlaub?", erkundigte sich Gordon im Rahmen belanglosen Smalltalks.


    "Nein ...", antwortete Stefan und machte eine kurze Denkpause. "Ich ... jage einem Phantom hinterher."


    Der Alte sah ihn durchdringend an und aus seinem Gesicht sprach Lebenserfahrung. "Eine Frau also", traf er den Nagel auf den Kopf und der Deutsche nickte.

    Ohne sich viel zu unterhalten, verbrachten sie die Zeit bis zur Dämmerung damit abwechselnd für Nachschub zu sorgen. Nur gut dass der Kiosk schloss als es dunkel wurde, sonst hätte dieser Abend Böse geendet.

    Angetüddelt verabschiedeten sich die ungleichen Trankesfreunde und Stefan fiel auf dem Heimweg die wohltuende Entspannung auf, die der leichte Rausch bewirkte.