BIS ANS ENDE DER WELT

  • Die Spannung steigt ... auf 30 Stunden Flug hätte ich so was von keine Lust. Sollte Riccarda dann wieder weg sein, würde ich vermutlich durchdrehen. Na, hoffentlich holt Stefan sich keine Erkältung, bei den Klimaanlagen im Flugzeug und seiner leichten Kleidung.


    Ich habe übrigens genau eine CD von AC/DC, und zwar Razors Egde. Das war (gemeinsam mit einer Genesis CD) meine erste CD überhaupt.

  • Dann schauen wir doch mal, ob unser Held mit seinen Leggings und Turnanzug im Flugzeug friert, oder ob ihn etwas anderes beschäftigt.

    Viel Spaß beim lesen.





    Das deutlich abgenutzte Charterflugzeug schien schon unzählige Flugmeilen zuviel auf dem Buckel zu haben. Es machte nicht gerade den besten Eindruck, aber die Flugbegleiterinnen schienen sich regelrecht darum zu streiten wer von ihnen den ungewöhnlich gekleideten Gast bewirten durfte. Die zierlichen Asiatinnen in ihren knappen Kostümröcken und den hochglänzend bestrumpften Seidenbeinen waren natürlich eine Augenweide. Nicht zuletzt durch ihr zuvorkommendes, fast schon klischeehaft devotes Auftreten. Tatsächlich bekam Stefan nur wenig davon mit. Der Organismus forderte sein Recht und so verbrachte er die meiste Zeit im Schlaf.


    In seinen Träumen vermischte sich Reales mit Erinnerungen zu surrealen Szenen. So befand er sich in Mitten einem leeren Plaza de Toros, wie zu einer spanischen Corrida. Auf dem obersten Rang der aus Brettern erbauten Tribünen stand eine atemberaubend kurvige Frau. Ihr gesamter Körper war mit schillerndem Lycra umhüllt. Auch Gesicht und Hände waren bedeckt. Sie blickte von ihm abgewandt in die Ferne. Um ihren Hals flatterte ein rot gemustertes Tuch im heißen Wind und ihr Haupt wurde von einem abgenutzten Lederhut mit groben Nähten bedeckt, der an Crocodile Dundee erinnerte.


    Hinter ihm stand eine Meute von Menschen die ihn anfeuerte. Alle waren in die unterschiedlichsten Lycrasachen gekleidet. Turnanzüge, Badeanzüge, Gymnastikoutfits, Tights, alles bunt und glänzend. Auf den Rängen dahinter wurden Transparente mit der Aufschrift "Spandex Now" hochgehalten.


    Vor ihm, in der Mitte der Arena, stand ein Schreibtisch mit einer vertrockneten, verkniffen dreinblickenden älteren Dame dahinter. Sie ließ ihn nicht passieren und redete unablässig von Datenschutz und dass sie nicht an seinen amourösen Abenteuern interessiert wäre.

    Unter den anfeuernden Rufen der Lycraträger verwickelte er sich ein Handgemenge mit der abweisenden Empfangsdame, doch diese stand wie eine Mauer. So sehr er sich auch anstrengte, kam er dennoch nicht an ihr vorbei. Nach einer endlos erscheinenden Zeit wurde er schließlich von den muskulösen Armen eines tätowierten Maori hinter die Bande und auf die unterste Tribüne gezogen.


    Die Frau weiter oben blickte immer noch still in die Ferne und schien nichts von alledem wahrzunehmen.

    Eine schrillbunt gekleidete Halb-Maori drückte ihm ein Päckchen in die Hand und schob ihn die Tribünenränge empor. Kurz bevor er die attraktive, stille Zentaifrau mit dem Halstuch erreichen konnte, stand der türkische Präsident Erdogan vor ihm und ließ ihn wegen unangemessener Kleidung verhaften.

    Als die bulligen Wachmänner ihn unsanft abführten, schreckte er aus seinem Albtraum hoch.


    Die Maschine setzte zur Landung in Hong-Kong an und er würde sich vor dem Weiterflug nach Antalya "normale" Kleidung überziehen.


    Der neue, unter ingenieurtechnischer Höchstleistung dem Meer abgetrotzte Flughafen von Hong-Kong war riesig. Zwar fehlte der frühere Nervenkitzel mitten durch Hochhäuser hindurch zu landen, doch war die gigantische künstliche Insel nicht minder atemberaubend. Die Stunde im Transitbereich nutzte Stefan zunächst um Jeans und T-Shirt über zu ziehen. Nicht nur wegen seines Traums, dem man in dieser Hinsicht eine gewisse Realitätsnähe nicht absprechen konnte. Sondern weil es merklich kühler geworden war um nur von einer dünnen Schicht Lycra bedeckt zu sein.


    Ein kleiner Snack aus Glasnudeln und nicht weiter identifizierbarem Gemüse (er hoffte inständig dass es Gemüse war), dann machte er sich auf zu einem der Telefonzellen-artigen Internet-Terminals. Es gab die Zugänge sowohl mit Chinesischer Tastatur, als auch mit Lateinischen Lettern.

    Zwar gab man sich an einem solchen Drehkreuz international und weltoffen, doch die strikte Webzensur Chinas war allgegenwärtig. Nicht einmal in seinen eigenen Mailaccount kam er. Dafür war aber die Webseite und der Blog des ozeanografischen Instituts erreichbar. Die Seite schien ziemlich aktuell zu sein. Hauptsächlich gab es seitenweise Testergebnisse, mit denen allenfalls Fachleute etwas anzufangen wussten. Aber auch ein Foto, dessen Umgebung er heute Morgen noch gesehen hatte. Eine Handvoll Wissenschaftler posierte vor einem großen Globus im Wartebereich der Abflughalle von Auckland. Riccarda hielt sich zwar im Hintergrund, doch Hut und Halstuch verrieten sie.

    Der folgende Eintrag war aus Spanien. Begriffe wie "Costa da morte" und das Muschelsymbol des Jakobs-Pilgerwegs tauchten auf. Tätigkeiten an der Playa Amela wurden beschrieben. Offensichtlich ähnliche Untersuchungen der Meeresströmungen wie in Neuseeland. Zumindest ein Anhaltspunkt wie er sie finden konnte.


    Stefan musste zum Weiterflug einchecken, doch er hatte die Fährte zu seiner Angebeteten wieder aufgenommen. Sein Vorhaben Riccarda zu finden und zu überraschen war wieder präsent.

  • Der Abstand zu Riccarda verkleinert sich um 9100 km... weitere 8000 km nach Antalya und 3300 km nach La Coruna liegen noch vor ihm. (Summe 20400 km, halber Erdumfang!) Viel kann da noch passieren. Hoffentlich lassen ihn die türkischen Behörden weiter reisen...
    Stefans Traum - ein Spiegel seines bisherigen Abenteuers. Daraus blieb mir in Erinnerung ein Päckchen, was ihm zugesteckt wurde. Und Joanie hatte ihn doch wirklich eines zugesteckt...

  • Danke, Danke, vielen Dank, Dankeschön. (das habe ich mir von einem bekannten Ostfriesen entliehen)

    Ich dachte schon, das geheimnisvolle "Päckchen" wäre durch die sonstigen Vorkommnisse in Vergessenheit geraten.

    Das heutige Kapitel ist recht kurz, aber vielleicht offenbart sich ja der Inhalt von Joanies Päckchen.





    Flughafen Antalya.

    Erschöpft und wie gerädert von dem nicht enden wollenden Flug stieg er mit noch wackligen Beinen aus dem Avionischen Gerät, das ihn fast um die Hälfte des Erdballs geschippert hatte. Stefan war müde, um nicht zu sagen quengelig, musste aber fokussiert bleiben um seinen Anschlussflug nach Spanien zu finden.

    Was gäbe er jetzt für eine Dusche und ein leidlich sauberes Hotelbett. Statt dessen musste er sich durch die Mengen vorwiegend islamischer Kulturangehöriger durchkämpfen. Obwohl er sich auf einem internationalen Flughafen befand, kam ihm das lautstarke Gezetere vor wie ein orientalischer Basar.

    Das massive Auftreten uniformierter Ordnungspersonen mit dicken Schnauzbärten und einem regelrechten Arsenal an Waffen trug auch nicht dazu bei seine Stimmung zu heben. Vielmehr bestätigten sie seinen von Vorurteilen indizierten Albtraum von mittlerweile gestern. Nur gut, dass er hier nicht in Leggings rumlief.


    Durch viel Nachfragen mit Antworten in meist nur gebrochenem Englisch und noch mehr Sucherei hatte er schließlich den Schalter der spanischen Charterfluglinie gefunden. Wie zu dem Preis nicht anders zu erwarten, gab es auch hier Diskussionen über vermeintliche Unstimmigkeiten und unklare Reisepapiere.

    Sein Spanisch reichte leider nur so weit um nicht direkt verhungern zu müssen und Englisch war wundersamer Weise nicht gerade die bevorzugte Fremdsprache des "Travel Assistant", als den ihn dessen Namensschild hochtrabend auswies.

    Stefan übergab ihm seine Papiere und forderte ihn auf, das alles mit seinen Kollegen zu klären. Er selbst machte es sich auf einer der Sitzgelegenheiten gemütlich und war bereit die Sache auszusitzen. Während seiner bisherigen Reise hatte er in dieser Hinsicht viel dazu gelernt.


    Er zog die rote Getränkedose eines schwarzbraunen, zuckerhaltigen Getränks aus seinem großen Reiserucksack. Der tiefen Zug der einigermaßen kühlen Brühe, die er an einem Automaten in Auckland erstanden hatte war belebend.

    Neuseeland war jetzt bereits wieder so weit entfernt. Doch am Rande von Europa angekommen, fühlte er sich deutlich weniger wohl.


    Joanie

    Warum dachte er gerade jetzt an sie?

    Ach ja. Da war ja noch das Päckchen das sie ihm aufgedrängt und das er völlig vergessen hatte. ´Erst öffnen wenn du Neuseeland wieder verlässt´, hatte sie gesagt.

    Vorsichtig kramte er nach dem in buntes Papier eingeschlagenen Geschenk. Ganz unten im Rucksack fand er es. Eine Ecke war eingerissen, aber ansonsten noch alles intakt. Vorsichtig schlug er das Papier über dem weichen Inhalt zurück und erblickte bunten Stoff mit einem Zettel darauf.


    "Ich weiß, dass du drauf stehst. Du kannst ihn ja mit deiner Rikki teilen. J."


    Es war der herrlich glänzende, bunt gemusterte Badeanzug, den Joanie bei ihrer ersten Begegnung getragen hatte. Trotz seiner Angeschlagenheit damals, hatte er den Blick kaum davon abwenden können. Und obwohl sie es geschickt überspielte, war es auch ihr nicht entgangen. Genauso wenig, wie dass er seinen eigenen Schwimmanzug nicht nur zum schwimmen untergezogen hatte.

    Eine tolle Frau.

    Diese erfreuliche Begebenheit hellte seine Stimmung auf und schien mit seiner positiven Energie sogar die Diskussionen um seinen Weiterflug aufzuklären. Kurz darauf wurde er nämlich an den Schalter gebeten und davon unterrichtet, dass alles in Ordnung sei. Stefan verschloss seinen Rucksack wieder und gab das Gepäckstück für den Flug auf. Eine knappe Stunde später befand er sich auf seiner, wie er hoffte, letzten Etappe um endlich seine Riccarda wieder in die Arme schließen zu können.

  • Hallo Lesefreunde,

    das letzte Kapitel war ja ein wenig knapp. Heute gibt´s wieder etwas mehr.

    Welche Steine das Schicksal Stefan wohl in Spanien in den Weg legt?





    "Ben Venudo", versprach die Ankunftshalle in der Regionalsprache der autonomen Provinz Galicia an der nordwestlichsten Ecke Spaniens. Der Flughafen war eher klein, verglichen mit den letzten die er kennen gelernt hatte. Fast schon familiär. Somit gingen das Aussteigen und die Gepäckausgabe zügig vonstatten, was ihm sehr gelegen kam.

    Stefan fühlte sich wie durch die Mangel gedreht, aufgefressen und wieder ausgespien. Vor fast 34 Stunden hatte er sich auf der exakt anderen Seite der Welt von den Mitgliedern des Spandex-Club NZ verabschiedet. Und nach all der Zeit ohne umfassende Körperhygiene empfand er sich selbst als olfaktorische Herausforderung für jeden der sich länger in seiner Nähe aufhalten musste.


    Es war bereits Abend und seine Prioritäten lauteten Mietwagen, Unterkunft, Dusche, Bett.


    Für die Spätschicht am Schalter der Autovermietung war eine Dame eingeteilt, die man zur Hauptgeschäftszeit sicher nicht auf die Kunden loslassen konnte. Nicht äußerlich. In dieser Richtung war sie sogar sehr attraktiv. Doch leider bestätigte dies lediglich das Klischee des hübschen Doofchens.

    Es war spät, er war müde und selbst mit nur geringen Englischkenntnissen konnte es doch nicht so schwer sein, Daten von einem Führerschein in ein Formular zu übertragen, eine Kreditkarte zu scannen und den entsprechenden Schlüssel herauszugeben. Stefan war drauf und dran sein ungeschicktes Gegenüber zu fragen, in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis ihre Eltern wohl zueinander stünden. Doch abgesehen davon, dass sie das ebenfalls nicht verstanden hätte, war er zu kaputt.


    Eine dreiviertel Stunde später konnte Stefan endlich sein Reisegepäck durch die Heckklappe des beliebtesten Kleinwagens der spanischen VW-Tochter in den Kofferraum laden.

    Die Fahrt ging in südwestliche Richtung und er war froh, dass der Verkehr hier weniger dicht war. In seiner momentanen Verfassung hielt er sich nämlich nur für eingeschränkt Verkehrstauglich.


    "Vacancia", blinkte ihm nach nicht allzu langer Fahrt die Leuchtreklame einer europaweit operierenden Motelkette entgegen und er war glücklich nicht weiter suchen zu müssen.

    Als sich kurz darauf seine Zimmertür hinter ihm schloss, wich urplötzlich jeglicher Antrieb aus seinem Körper. Er ließ sich aufs Bett fallen, kaum dass sein Rucksack den Boden daneben erreicht hatte.


    Doch nicht lange und er raffte sich wieder auf. So gerne er auch Lycra-Sachen trug, sei es als Hauptkleidung oder wie jetzt als Unterwäsche. Irgendwann musste man sich waschen und die Sachen wechseln.

    Unter dem brausenden Schwall warmen Wassers beschlich ihn das übertriebene Gefühl, verkrusteten Dreck mit einem Spachtel von seiner Haut schaben zu müssen. Danach fühlte er sich wie neu geboren.


    Jetzt nur noch was frisches anziehen und dann in die Falle. Doch leider hatte er in den letzten Tagen alles an Wäsche verbraucht. Ein Paar gelbe Hotpants aus Wetlook-Lycra, eigentlich eher Radler mit kürzerem Bein, waren als einziges geblieben.

    Das bedeutete noch mal Arbeit vorm zu Bett gehen. Trotz dicker Ringe unter den Augen, verteilte er mit geübten Bewegungen sein Handwaschmittel im lauwarmen Wasser des Waschbeckens und schwenkte seine verschwitzten Lycrasachen von der Reise, zusammen mit sonstiger Unterwäsche kräftig durch. Noch ein Klarspülgang, dann hing alles verteilt an Handtuchhaltern und über der Duschvorhangstange.


    Stefan war kein "Nacktschläfer", also freundete er sich mit den Hotpants an.

    Bereits fast im Bett, fiel ihm Joanies Geschenk ein. Der bunte Badeanzug saß zwar knapp, aber farblich stellte es die ideale Ergänzung dar. Einige Male legte er noch Hand an seinen frisch mit Lycra umkleideten Körper und erfreute sich an der seidigen Glätte, dann dämmerte er hinüber in Morpheus Reich.


    Der Traum von der Stierkampfarena und der abgewandten Zentaifrau plagte ihn wieder. Dieses Mal sprang sie von der Tribüne hinab. Weg von ihm, noch bevor er sie erreichen konnte.

    Jemand hatte laut "Riccarda" gerufen, dachte er als er hochschreckte, nur um zu erkennen dass er selbst es gewesen war. Die fluoreszierende Zeitanzeige teilte ihm mit, dass es noch mitten in der Nacht war und er doch gefälligst wieder einschlafen solle.


    Die weitere Nacht verlief trotzdem nicht völlig ruhig. Immer wieder deckte er sich auf und zuguterletzt waren nur noch seine Beine von der Bettdecke verhüllt. Zusammenhängende Träume hatte er keine mehr. Lediglich Fragmente von zuvor erlebtem, in der Regel mit Lycra-Inhalt. Durch den Nebel seines fast bewusstlosen Schlafs nahm er für ihn unverständliche spanische Sprachfetzen wahr. Das Wort "Camarera" tauchte öfter auf. Das Rasseln eines Schlüsselbunds, dann wieder schnatterndes spanisch. Das alles erlebte er wie durch ein delirierenden Dunst hindurch.


    4:32 zeigte die Uhr als er schließlich erwachte. Die Nacht war ihm wesentlich länger vorgekommen, zugleich fühlte er sich frisch und vollkommen ausgeruht. Vielleicht der Jet-Lag.

    In seinen herrlich engen Lycrasachen schlurfte er ins Bad und goss sich ein Glas Wasser ein, welches er wie ein halb Verdursteter leer trank. Das Zweite genauso. Als wäre er ausgetrocknet.

    Irgendwas im Bad kam ihm verändert vor. Er war sich sicher noch spät gestern Abend einige Kleidungsstücke gewaschen und zum trocknen aufgehängt zu haben. Hatte er das vor lauter Müdigkeit nur geträumt? Aber wo waren dann seine verschwitzten Sachen? Jedenfalls nicht im Bad.


    Stefan ging zurück ins Zimmer und staunte nicht schlecht. Auf der Sitzfläche des Stuhls lagen feinsäuberlich gefaltet zwei T-Shirts, zwei Paar Socken, zwei Paar Unterhosen eine blaue Radler, sowie seine Matrix-Leggings nebst dem Gymnastikanzug mit dem Streifenmuster.

    Er schüttelte voller Unverständnis den Kopf und war sich völlig sicher seit mindestens drei Tagen keinen Alkohol mehr zu sich genommen zu haben. Und der große "Wäsche Zusammenleger" war er auch nicht unbedingt.

    `Hat mir irgend jemand die Festplatte neu formatiert, oder werde ich jetzt langsam Senil?`


    Da er keine logische Erklärung fand, griff er sich die Fernbedienung des auf einem Schwenkarm montierten Fernsehers, setzte sich aufs Bett und zappte durch die Kanäle. Meist spanische Sender mit Frühstücksfernsehen. Weiter hinten folgten BBC News und CNN.

    Fernsehen war auch nicht das Richtige, dachte er bis er unvermittelt wie versteinert auf das Bild des Nachrichtenkanals starrte. Rechts neben dem obligatorischen Laufband der "Breaking News" prangten Datum und Uhrzeit.

    Schei....benwaschanlage!

    Er hatte nicht nur fünf Stunden geschlafen. Vielmehr hatte er einen kompletten Tag samt Nacht verpennt.

    Das, wovon er meinte geträumt zu haben war offenbar das Zimmermädchen gewesen, das mehrfach nachgefragt hatte und schließlich mit dem Hauptschlüssel eingetreten war.

    Stefan musste lachen. Das Zimmermädchen hatte also seine bereits wieder trockenen Sachen zusammengefaltet, während er wie im Vollrausch in Badeanzug und Glanzhöschen auf dem Bett schnarchte.

  • Dieser Traum ist so herrlich realistisch, weil, wie in echten Träumen, reale Erlebnisse (die Halbmaori mit dem Päckchen), Ängste (Erdogan - vermutlich stellvertretend für die türkischen Behörden, die seine Reise noch stören könnten) und persönliche Wünsche und Vorstellungen (Lycra, die Arena, vermutlich als Sinnbild für Spanien und somit Riccardas Aufenthaltsort) vermischt werden. Und dann diese seltsamen Gestalten, wie die verbitterte ältere Dame, die "nicht an amourösen Abenteuern" interessiert ist. Genau solche Szenen, wo man am Ende des Traums wach wird und sich deshalb noch daran erinnern kann und sich fragt: "Was zum Geier war das denn jetzt?" hätte David Lynch nicht besser beschreiben können.


    Schön, dass das Geheimnis mit dem Päckchen nun gelüftet wurde.


    Ich bin gespannt, wie es weitergeht und ob das Zimmermädchen noch eine Rolle spielt.

  • Wer so eine lange Flugreise absolviert hat, kann einfach nicht mehr. Schlafen muss sein.

    Hihi, das Zimmermädchen (camarera) hat ihn in Joanies Anzug gesehen...


    Schön geschrieben. Auch spannend, da es nun (mindestens) eine Mitwisserin gibt. Natürlich wird auch das Hauptziel (Riccarda) nicht aus den Augen verloren. Bestimmt hast du wieder ein paar schöne Beschreibungen im Gepäck, diesmal über die galizische Küste.

  • toby

    Was das "Hand anlegen" angeht, muss ich da ein bisschen relativieren.

    Mir war bereits beim Schreiben klar, das dies falsch verstanden werden könnte, wusste aber nicht wie ich es besser formulieren sollte.

    Im Gegensatz zum üblicherweise gemeinten, wollte ich damit nur ausdrücken, dass seine Hände sich am Lycrastoff des Anzugs erfreuen.

    Ganz klar, dass er nach einer derart anstrengenden Reise keine Neigung mehr zum "Taschenbillard" verspürt.

  • Es geht weiter mit Stefan´s Suche nach der Liebsten.





    Wie peinlich, dachte Stefan nochmal als er zwei Stunden später sein Motelzimmer verließ. Er hatte Jeans und T-Shirt über seine Lycrasachen gezogen und musste auch den Pullover aus seinem kleinen Rucksack hinzu nehmen. Sicher, er befand sich in Spanien, doch zu dieser Jahreszeit war es an der Atlantikküste nicht gerade warm. Zwar kletterte das Quecksilber um einiges höher als daheim, aber es war keineswegs so mild wie beispielsweise am Mittelmeer.


    Die Rezeptionistin grinste verschmitzt als er nach der Benutzung des Internet-Terminals für seine weitere Recherche fragte. Es wunderte ihn nicht, dass ein Typ im Badeanzug und mit Lycrasachen die Runde im Flurfunk gemacht hatte.

    Sei´s drum. Er jedenfalls hatte schon wieder einen ganzen Tag verloren und musste herausfinden, wo Riccarda sich aufhalten könnte. Leider hatte der Blog noch kein Update erfahren und so blieben ihm als Hinweis nur die Playa Amela und ein Ort namens Castrominan.


    Trotz ihrer nur unzureichend zu unterdrückenden Belustigung war die Dame an der Rezeption sehr hilfsbereit und erklärte ihm genau über welche Straßen er am besten nach Castrominan käme.


    Als Stefan sein Mietfahrzeug aufschloss, ratterten zwei der Zimmermädchen mit ihren Karren auf dem Parkplatz an ihm vorbei.


    "Hola, Chico", rief hm die jüngere nach. Aus dem folgenden Redeschwall konnte er nur wenige Worte identifizieren. Dinge wie "el Banador" oder "sexy Leotardo" konnten sich nur auf seine Lycrakleidung beziehen. Dann kicherten beide wobei die jüngere ihren Arbeitskittel so weit hochzog bis sie einen Schenkel in weißen Radlern enthüllte.

    Stefan fühlte die Schamesröte in sich aufsteigen, während die Raumpflegerinnen heiter schnatternd davon zogen.


    Na ja, wenigstens haben die ihren Spaß, schloss er die Sache für sich ab und machte sich auf den Weg.


    Zunächst fuhr er gen Süden, Richtung Santiago de Compostela, was etwa 80 km entfernt lag, hielt sich dann aber wie geraten westlich. Hier im Hinterland der Küste war die Vegetation karg und die Landschaft eintönig. Richtig schnell ging es auf den nicht allzu gut ausgebauten Straßen auch nicht voran. Eher waren es Wirtschaftswege, die sich durch´s Gelände schlängelten.


    Hoffentlich würde er auf einen Hinweis über den Verbleib der Forscher stoßen. Mittlerweile einem Ritual gleich, wählte er Riccarda's Nummer. Freilich ohne mit irgendeinem Erfolg zu rechnen. Auch dieses Mal wurde er von der einzigen Konstante in seinem derzeitigen Leben nicht enttäuscht. `The person you´ve called is temporarily not available`


    Der unrunde Lauf des Motors und das darauf folgende stottern holten Stefan in die Realität zurück. Der Wagen bockte einige Male wie ein Stier der sich nicht fangen lassen will, dann leuchteten eine Unmenge bedrohlich wirkender Anzeigen an den Armaturen auf und sein Gefährt rollte langsam bis zum Stillstand aus.

    Der Anlasser ließ sich noch betätigen doch anspringen wollte der Motor nicht mehr.


    Stefan trat hinaus auf die menschenleere Straße, reckte die Arme gen Himmel und rief anklagend aus voller Brust: "WARUM IMMER ICH?"

    Dann trat er an das Gummi des Vorderrads, was seinen Fuß deutlich mehr schmerzte als den Reifen und schrie mit sich überschlagender Stimme jenes Wort heraus, welches er als Gegenstand nicht einmal anfassen mochte.


    Nachdem er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte, wusste er selbst nicht warum er die Motorhaube öffnete und ratlos auf die vielen Plastikabdeckungen schaute. Schließlich hatte er nicht die geringste Ahnung von automobiler Technik. Außer, wenn er auf ein um den Keilriemen gewickeltes Wiesel gestoßen wäre, konnte er doch sowieso nichts machen.

    Er unternahm noch einen letzten Startversuch, dann zog er die Karte mit der Servicenummer aus der Sonnenblende hervor.


    Der Herstellername des Fahrzeugs musste eine Abkürzung sein. Kein Zweifel. ´Spanisches Elend Als Transportmittel´, dachte er derweil er die Nummer wählte.

    Nach etwa einer viertel Stunde, in der er an verschiedene Mitarbeiter weiter gereicht wurde, hatte er zumindest so viel verstanden, als dass ein Pannendienst käme und es eine Stunde dauern könne. Hoffentlich war es gelungen seine ungefähre Position einigermaßen verständlich machen, sonst würde eine Stunde bestimmt nicht reichen.

    So ein Mist!

    Wenn das so weiter ging, würde es Abend werden bis er an die Küste käme.

    Vielleicht wäre er besser im Motel geblieben und hätte sich mit dem Zimmermädchen über Leggings und Radler ausgetauscht.


    Doch seinem Zynismus zum Trotz, kam fast genau eine Stunde später tatsächlich ein Abschleppwagen auf ihn zu. Übrigens das einzige Fahrzeug während der ganzen Zeit.

    Obwohl der Pannenhelfer bemüht war, den Fehler mittels vielfältiger Testgeräte aufzuspüren, bleib letzten Endes nur das Aufladen des Wagens.

    Stefan verstand den Spanier nicht, dieser wiederum verstand ihn nicht und so einigten sie sich mit Händen und Füßen darauf, dass der Pannendienst-Fahrer ihn zurück zum Motel brachte.

    Von dort aus wollte der Abschlepper weiter zur Mietwagenzentrale. Stefan fragte nach "Replacement", doch der Fahrer tippte nachdenklich auf seine Armbanduhr und murmelte in gebrochenem Englisch "Tomorrow".

    Na Super. Wieder ein Tag passe´. Die Hoffnung schwand zunehmend, dass er seine Riccarda noch vor ihrer Rückkehr nach Deutschland wiedersehen würde.

  • Owei, wenn man denkt es kann für ihn nicht noch schlimmer kommen, setzt du immer noch eins oben drauf. Also bleibt Stefan nichts übrig, als noch einen Tag zu verlieren, wo er zu allem Überfluss noch die unrühmliche Lycra-Atraktion des Motels geworden ist. Ich möchte im Augenblick nicht mit ihm tauschen ...

  • Wenn ich auf den Titel dieser Geschichte schiele, vermute ich, dass Lycwolf es unserm gebeutelten Stefan auch weiterhin nicht einfach machen wird.Ich wäre nicht erstaunt, wenn es auch in Spanien kein Wiedersehen gibt,

    [...] und schrie mit sich überschlagender Stimme jenes Wort heraus, welches er als Gegenstand nicht einmal anfassen mochte.

    Mal ganz im Geheimen und nur unter uns: Das Wort lautet: "Schurwolle".