• Hallo Freunde anschmiegsamer Kunstfaserkleidung.
    Bei Schreiberlingen ist die Muse oft unberechenbar. Da hat man gerade eine Geschichte zu Ende gebracht und der Kopf steckt schon wieder voll neuer Ideen. Nur dass keine davon so richtig zünden mag. Dann entwickelt man in diverse Richtungen und so langsam verdichten sich einige dieser Ideen zu passablen Entwürfen.
    Und während dieses Herumprobierens trifft einen der Gedankenblitz. Etwas völlig anderes erscheint vor dem geistigen Auge. Bereits mit viel Details und gedanklich weit ausgearbeitet. In so einem Fall legt man die sonstigen Entwürfe beiseite und weiß, dass die kommenden Wochen wieder jeden Menge Verspannungen beim tippen auf dem Netbook mit sich bringen.
    Das Resultat dürft ihr euch, wenn ihr wollt, zu Gemüte führen.
    Viel Spaß dabei.







    SCHWERELOS


    Fetischstory von lycwolf




    Prolog

    Die junge Frau mit den mittellangen brünetten Haaren checkte nochmals den Sitz ihrer Ausrüstung. Bereits häufig geübt, überließ sie dennoch nichts dem Zufall. Die Kleidung wurde ebenfalls überprüft. Obwohl, viel Kleidung war es ja nicht gerade. Mehr um die Nervosität zu dämpfen, zupfte sie jedes noch so kleine Fältchen aus dem eigentlich wie angegossen sitzenden Ganzanzug heraus.

    Heute trug sie den seidig schimmernden Zentai zum ersten Mal außerhalb der Proben. Das orangene Ganzkörperkondom war komplett geschlossen, bis auf das Gesichtsfeld. Und dieses wurde überdeckt von einer gleichsam ovalen Schale aus Plexiglas, die den Wind abhielt und über die eingearbeitete Perforation relativ unbeeinträchtigt das Atmen ermöglichte. Darüber umschloss noch eine Schutzhaube ihren Kopf, welche mit ihren vielen Schlitzöffnungen wirkte wie ein altertümlicher Rugby-Helm.

    Neben ihr machte sich auch der Bild-Dokumentator bereit. Den kurz geschorenen, fast kahlen Schädel bereits unter dem Helm verborgen, glich er mit seiner technischen Zusatzausrüstung eher einem Cyborg. Der Fotograf und Videofilmer rückte die ActionCam auf seinem Helm zurecht. Eine größere HD-Digitalkamera befestigte er mit Gurten an seinem linken Handgelenk.

    "Toller Fernblick Heute, was?", fragte er und wies auf die Terrassen des Kaiserstuhls in schräger Blickrichtung tief unter ihnen. Und auch auf die dahinter befindlichen Vogesen, die sich im Blau des Himmels auflösten.

    Doch die gelenkige Dame in Orange war zu angespannt um die Schönheit der Natur zu würdigen. Einer früheren Gewohnheit folgend, klopfte sie die schmalen Aufstandsflächen ihrer Spitzenschuhe mehrfach auf den mit Nadelvlies bezogenen Boden des Frachtraums. Tänzerinnen machten das üblicherweise um sich eines sicheren Standes zu vergewissern und um die kleine Raulederkappe von letzten Verunreinigungen zu befreien. Ein Ritual, das für ihr heutiges Vorhaben eigentlich vollkommen überflüssig war.

    "Noch drei Minuten", brüllte der größere der Männer um den Lärm des tosenden Windes durch die soeben geöffnete Tür zu übertönen.

    Der hünenhafte, zweite Kameramann trug ebenfalls einen der für Himmelstaucher charakteristischen, farbigen Ballonseiden-Anzüge. Er schob seine Schutzbrille zurecht und nahm letzte Justierungen an der größten der Kameras vor. Jenes sündhaft teure technische Wunderwerk trug er an einem Haltegeschirr vor seiner Brust und korrigierte die Neigung des nicht allzu großen Flatscreens.

    Noch ein letzter Blick auf den Höhenmesser, dann erstarb das Brummen des Propellers und die Leuchte über der offenen Luke wechselte von Rot zu Grün. Ohne länger darüber nachzudenken, folgte die leicht bekleidete Frau todesmutig den beiden Kameraleuten in die bodenlose Tiefe.

    Nicht schlecht für eine, die vor gerade sechs Wochen ihren ersten Tandemsprung absolviert hatte.







    1.

    Die junge Frau steuerte ihren Kleinwagen auf den Parkplatz des Unternehmens, welches Rundflüge und Fallschirmsprünge anbot. Ihre Gewissheit für diesen Entschluss, schwand mit jedem Meter dem sie den Hangargebäuden näher kam. Auf dem großen Tor konnte man noch schemenhaft das überpinselte Ahornblatt erkennen. Das Staatswappen und sogleich militärische Kennzeichen der Kanadischen Luftstreitkräfte, die neben anderen hier einmal stationiert waren. Heutzutage war das Fluggelände ein so genanntes Konversionsgebiet, in welchem die ehemals militärischen Einrichtungen ziviler Nutzung zugeführt wurden. Gewerbeansiedlungen jeglicher Art bestimmten das Erscheinungsbild.

    Sie fragte sich, ob das Vorhaben nicht doch noch einmal überdacht werden sollte.
    Dann aber, rief sie sich all das in den letzten anderthalb Jahren gemeisterte ins Gedächtnis. Dagegen war ein Tandemsprung doch nur ein Klacks.


    Selbst der Versuch zum ersten Mal nach der Operation zaghafte Schritte zu unternehmen, barg mehr Gefahren. Die Angst damals, auf ebenem Boden zu fallen war weitaus größer gewesen. Die Therapeutinnen in der Reha gaben sich jede erdenkliche Mühe es ihr leichter zu machen. Von Vorteil war nur, dass sie es ja gewohnt war ihren Lebensunterhalt mit ihrem Körper zu verdienen. Das gegenüber normalen Menschen viel intensivere Körpergefühl sollte ihr dabei zu Gute kommen. Schließlich betrieb sie von Kindheit an so etwas wie Leistungssport.

    Doch das Bewusstsein, mit einer Chance von etwa eins zu tausend an einem Leben im Rollstuhl vorbeigeschrammt zu sein, hatte sie spürbar gehemmt. Nach der letzten Operation, deren Erfolg jener Zeit noch gar nicht bewertet werden konnte, war sie regelrecht immobil. Mehr als fünf Wochen mittels Schienen zur Unbeweglichkeit verdammt, hatten ihre Wirbelsäule versteift und die Muskulatur verkümmern lassen. Selbst die langwierige und schmerzhafte Bewegungstherapie im automatischen Beugegerät konnte sie nicht ausreichend auf ihre ersten eigenen Schritte vorbereiten. Jene zehn Minuten jedenfalls, während der sie auf Barrenholme gestützt vorsichtig einen Fuß vor den anderen zu setzen lernte, schlauchten sie mehr als früher zwei Vorstellungen hintereinander.

    Damals hatte sie sich geschworen, dass falls sie je wieder auf die Beine käme, sie all das nachholen würde was sie bislang ihrer Karriere geopfert hatte. Einer Karriere die ein jähes Ende gefunden hatte.


    Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen.

    "Hallo, ich bin Caro. Ich habe für heute einen Fallschirmsprung bei euch gebucht", sagte sie mit fester Stimme zu dem Riesen, der auf einer langen Theke gerade letzte Faltungen eines Gleitschirms vornahm.

    "Da hast du Glück", erwiderte dieser ohne von seiner Arbeit aufzublicken. "Sobald ich hier fertig bin, können wir schon los."

    Sie vermutete es wäre von Vorteil, wenn sie nicht noch lange warten müsste.
    Ein etwas kleinerer, normal gewachsener Mann mit trotz seines jungen Alters bereits schütterem Haarwuchs und Stoppelbart, legte ihr ein Klemmbrett mit einem Fragebogen vor.

    "Salut", begrüßte sie dieser im selben relaxten Tonfall wie der Andere. (Salut= franz. Phonetisch "Salü")
    "Füll das bitte aus. Standardtext um uns von Rechtsansprüchen zu entbinden."
    Nicht direkt aufmunternd fügte er hinzu "Du unterschreibst damit lediglich, dass dein Tod selbst verursacht und von dir gewollt war."
    Dann aber lachte er.
    "Keine Angst, es ist noch keiner oben geblieben und nur jeder zwanzigste bleibt auf der Strecke. Stimmt´s, Thor?"

    Von seinem Mitarbeiter kam nur ein knappes Grunzen.
    Ihr war schon klar, dass dies der typische Galgenhumor von Fallschirmspringern sein musste. Trotzdem ging sie noch einmal kurz in sich, setzte aber dann doch ihren Namen unter das Papier.

    "Ich brauch noch ein paar Minuten", antwortete der Große, skandinavisch wirkende mit einer lockeren Lässigkeit, die einem eher vor Niederländischen Coffee-Shops begegnet. "Gib ihr schon mal einen Flatteranzug und erklär´ ihr wie´s läuft."
    Er war noch mit dem Verschließen des Schirmsacks beschäftigt.

    Mit Flatteranzug meinte er wohl einen der bunt gemusterten Schutzoveralls, die in verschiedenen Größen an einer Garderobe hingen. Ein dünner Seidenstoff, eher füllig gearbeitet. Wie von einem Maler. Oder dem Tatortreiniger der, nachdem die Staatsanwaltschaft zu Ende ermittelt hatte, ihre Überreste auf dem Boden zusammenwischen würde.

    "Also ...Caroline", sagte der kahlköpfige und las dabei ihren vollen Namen vom Anmeldeformular. "Wenn du willst, kannst du auch deine Bluse hier lassen. Diese Overalls halten zwar den Wind super ab, sind aber nicht gerade Atmungsaktiv. Außerdem ist´s ziemlich warm heute. Könnte unbequem werden."

    "Ohne "e"

    "Pardon?"

    "Das "e" ist stumm. Mein Name spricht sich Carolin", verbesserte sie ihn. während sie bereits ihre Oberbekleidung abstreifte.
    Mit seinem erkennbar französischen Einschlag sollte er das eigentlich verstehen.

    Was die Wärme anging, hatte er nicht unrecht. Schon jetzt waren die Temperaturen ganz schön hoch. Caro hatte sich sowieso leger gekleidet. Mattschwarze Leggings und einen ärmellosen Turnanzug als Unterwäsche. Die leichte Sommerbluse und den kurzen Rock hing sie auf einen der freien Bügel.

    "Du bist Sportlerin", stellte ihr Betreuer fest als sie Gymnastikmäßig gekleidet vor ihm stand.

    Sie wirkte nachdenklich. Beinahe abwesend.

    "Pardon e moi", meinte er leicht verlegen als sie nicht gleich darauf reagierte. "Ich ... meinte nur ....Dein Body ist ganz schön ... definiert."

    "Berufskrankheit", antwortete sie als sie in den Seidenanzug hinein stieg. "Ich war mal sowas wie eine Sportlerin."
    Dann schlüpfte sie wieder in ihre farblosen Chucks.

    Er nickte anerkennend. und legte einige Protektoren auf den Tisch hinter ihr.

    "Keine Sorge, ich hab´ vorhin nur Spaß gemacht. Ein Tandemsprung ist völlig Narrensicher."

    "Wird er deshalb nur von Narren ausgeführt?" Caroline lächelte beim einclipsen der Knie- und Ellbogenschützer.

    Der unrasierte Typ mit der stoppeligen Frisur und dem leicht frankophilen Einschlag war ihr nicht unsympathisch. Er half beim Anlegen eines Gurtgeschirrs, welches auf dem Rücken mit diversen Befestigungshaken ausgestattet war.

    "Das muss ziemlich fest sitzen", erklärte er und zog die Gurte stramm. "Damit wirst du mit dem aktiven Springer, dem "Tandemmaster" verbunden."

    Es folgten noch Anweisungen zu Ausstieg, Flugverhalten und vor allem zur Landung. Dazu einige Übungen auf einer übergroßen Yoga-Matte. Kurz darauf kam auch der große Blonde mit dem rötlichen Bart wieder herein. Er trug jetzt ebenfalls ein Gurtgeschirr und den vorhin gepackten Rucksack mit dem Fallschirm auf dem Rücken.

    "Ich bin Thorsten", stellte er sich ihr jetzt förmlich vor. "Ich springe mit dir. Yves hat dir ja bereits alles notwendige erklärt und eigentlich brauchst du dich nur entspannen und die Arbeit mir zu überlassen."

    "Das sagt sich leicht für jemanden, der das schon öfter gemacht hat", entgegnete Caro noch immer etwas unsicher.

    "Pas de problème", meinte der, der ihr als Yves vorgestellt wurde, "Bei Thor bist du in besten Händen." Und zu dem blonden: "Gibst du Bescheid, dass wir startklar sind?"

    "Längst erledigt. Robby ist schon auf dem Weg."

    Er hatte seinen Satz noch nicht richtig beendet, als bereits Motorengeräusche vom Rollfeld herein drangen.

    "Bin ich etwa euer einziger Gast heute?", fragte Caroline erstaunt als ihr der Helm in die Hand gedrückt wurde und es deutlich nach Aufbruch aussah.

    Yves meinte etwas niedergeschlagen: "Ja, zur Zeit ist nicht gerade viel los, aber wir sorgen trotzdem dafür, dass dein Erlebnis einzigartig wird."

  • Juchu, eine neue Geschichte. Und gleich geht es wieder Lycwolf-typisch los, mit einer rätselhaften Einleitung, die viel Raum zum Spekulieren lässt, wie sich die Story bis dahin entwicklen wird. Auch der gleich präsente Lokalcolorit, etwa in Form der Frankokanadier und der Aussprache der Wörter lässt die Geschichte fast schon wie einen vertonten Film vor meinem geistigen Auge ablaufen.


    Bin gespannt, wie der Sprung mit dem Donnergott persönlich ablaufen wird.

  • Ahhh ein neues zwischen den Zeilen bereits angekündigtes Lycwolfschiges Werk . Vorbei die jene anschubslose Zeit am eigenen Werk

    nach eine Kleinigkeit zu kreiieren um auf gleicher Höhe zu bleiben.

  • Danke für die Vorschuss-Lorbeeren.

    Da morgen Feiertag ist, gibt´s bereits heute den nächsten Abschnitt.

    Wohl bekomm´s






    Der betagte, einmotorige Schulterdecker wartete bereits mir laufendem Propeller von dem Hangar. Ganz schön laut, deshalb musste Thorsten seine Anweisungen schreien. Im Inneren der Passagierkabine war es aber ein wenig ruhiger, vor allem nachdem sich der große Rolladen vor dem Ausstieg auf Knopfdruck geschlossen hatte.

    Die Maschine ruckte langsam an, nur um sofort wieder zu stoppen. Auch der großgewachsene Profispringer blickte fragend aus dem kleinen Fenster. Eine weitere Gestalt mit Rucksack und Helm in Händen lief auf sie zu und entpuppte sich beim näher kommen als Yves.

    "Nehmt mich noch mit", rief er durch die bereits wieder geöffnete Luke.

    Nachdem auch er drinnen war, rollte das Flugzeug endlich in Richtung Startposition. Im Innenraum gab es einige Klappsitze mit Sicherheitsgurten auf denen die Drei jetzt Platz nahmen. Ansonsten war die Ausstattung eher spartanisch. Noch einige Polsterungen und ein Filzteppich.

    Der Motorenlärm schwoll wieder an, als die Maschine abhob und sich danach in großen Schleifen stetig in die Höhe schraubte.

    "Was hat dich zum mitkommen veranlasst?", rief der Große seinem Kollegen zu, der gerade seinen Fallschirm, sowie die sonst nötige Ausstattung anlegte.

    "Ich dachte, wenn eh´ nichts los ist, könnte ich vielleicht die neue Kamera unter Praxisbedingungen testen."
    Bei diesen Worten hob er ein etwa Milchtüten-großes, schwarzes Gebilde hoch und schnallte es sich um das linke Handgelenk.

    Auf Caro´s fragenden Blick hin erklärte ihr Sprungpartner: "Wir machen nebenbei auch Luftaufnahmen für Werbefilme und so. Das Fallschirm-Business allein wirft nicht genug ab."

    Diese Antwort genügte ihr. Für weitere Fragen wäre auch keine Zeit mehr gewesen, denn sie gingen nochmal sämtliche Anweisungen durch. vor allem, dass sie bei der Landung die Beine anziehen solle, bis der Tandemmaster wieder einen festen Stand hatte.
    Dann hieß es "Helm auf" und "Einklinken". Sie fühlte sich wie ein siamesischer Zwilling, so wie sie mit ihrem Rücken an die Brust des Anderen gekoppelt war.
    Eine rote Lampe leuchtete auf und sie manövrierten sich gemeinsam zur Tür, deren Öffnungsmechanismus Yves bereits betätigt hatte.

    Ein kühler Luftzug flutete die Kabine.
    Caro kauerte an der Türschwelle während Thor hinter ihr kniete und sich mit beiden Händen am Lukenrahmen festhielt.
    Der Propeller verstummte und das Flugzeug ging in den Gleitflug über. Die Signalleuchte wechselte von Rot nach Grün.

    "Bereit?" schrie es an ihrem Hinterkopf.
    Eigentlich war sie alles andere als bereit, doch der Daumen ihrer rechten Hand wies optimistisch nach oben.

    Eine blöde Idee, dachte sie als sie nach einem kleinen Schubs dem Schachbrettmuster aus Landwirtschaftlichen Nutzflächen mehr als vier Kilometer tiefer entgegen stürzte.
    Wie abgesprochen, breitete sie ihre Arme und Beine aus. Es ruckte kaum merklich als sich der kleine Steuerfallschirm öffnete, der die Fluglage des Gespanns stabilisierte.
    Das Atmen fiel schwer. Etwa so, als hielte man bei voller Fahrt dem Kopf aus dem Autofenster. Doch die an der Schutzbrille angebrachte Blende ermöglichte das Luft holen dennoch, sobald man sich erst mal daran gewöhnt hatte den Kopf etwas weiter nach Unten zu halten.

    Je mehr ihr Körper vom Wind durchgewalkt wurde, desto mehr begann sie den Sprung zu genießen. Den Elementen ausgeliefert zu sein. Schon lange hatte sie sich nicht mehr so lebendig gefühlt.

    Links raste etwas im Sturzflug an ihnen vorbei. Das konnte nur Yves gewesen sein, der sich kurz darauf dutzende Meter unter ihnen auf den Rücken drehte und an seiner Kamera herumspielte.

    Nach etwa zwei Minuten bekam sie von Thor das nächste Signal, indem er ihr sein Handgelenk mit dem Höhenmesser ins Sichtfeld hielt. Das bedeutete Beine schließen und anspannen, sowie die Arme über Kreuz an die Schultergurte. Der Ruck als sich der riesige Schirm öffnete war deutlich und der vormals blaue Himmel über ihnen verwandelte sich in eine wellige Fläche aus Türkis und Neongrün.
    Der brausende Wind von eben erstarb zu einem lauen Luftzug.

    "Alles OK?", erkundigte sich der Tandem-Master.

    Wieder bestätigte sie nur mit dem Daumen-Hoch-Signal. Diesmal jedoch nicht weil ihr der Wind die Sprache verschlug, sondern weil sie tatsächlich sprachlos war. Frei in der Luft hängend zu gleiten verschaffte ihr ein Hochgefühl nach dem anderen.
    Bei Hebefiguren mit ihren früheren Tanzpartnern hatte sie ähnliche Schwebezustände erfahren. Doch das hier war ein gänzlich anderes Kaliber. Es fühlte sich fast wie Schwerelosigkeit an und der Blick in die grenzenlose Weite erzeugte ein erregendes Kribbeln im Bauch.

    Tief unter dem Gespann entfaltete sich jetzt auch der Gleitschirm des zweiten Springers. Dieser war deutlich kleiner und erlaubte seinem Träger wendige Flugmanöver, wovon dieser auch umgehend Gebrauch machte.
    Caro war froh, dass ihr Flug dagegen sehr ruhig und gemächlich vonstatten ging. Über die Steuerseile ließ Thorsten den Schirm in weiten, gemächlichen Schleifen kreisen, was immer wieder neue Ausblicke auf die grandiose Landschaft des Oberrheingrabens ermöglichte.

    Caroline war glücklich.
    Glücklich wie schon lange nicht mehr. Innerlich schalt sie sich, dass sie zuerst so zögerlich war. Ihre Wangen begannen bereits zu schmerzen von dem überbreiten Grinsen, das einfach nicht mehr weichen wollte. Immer neue Weitblicke taten sich auf und sie konnte jetzt auch verschiedene Landmarken unter sich ausmachen, an denen sie sonst mit dem Auto vorbei fuhr. Alles sah so anders aus von oben.
    Eine ganze Zeit lang meinte sie dem Boden gar nicht näher zu kommen, doch nach und nach füllte die Landebahn mit den umgebenden Grasflächen das Blickfeld immer mehr aus.

    "Bereit zur Landung!" ertönte es dann nach einer ganzen Weile hinter ihr und sie zog die Beine an, wie ausgemacht.

    Erst hielt sie ihre Sinkgeschwindigkeit für zu hoch, doch kurz über dem Boden zog Thor mit einem kräftigen Ruck an den Seilen den Schirm so zusammen, dass sich darunter ein dichteres Luftpolster bildete. Die Landung war letztlich nicht anders als der Schritt eine Treppenstufe hinunter und sie trafen fast genau das ins Gras gemähte Kreuz.

    Yves war einige Meter entfernt von ihnen gelandet und hatte den seidenen Lebensretter bereits zusammengerafft. Er kam herbei als Thorsten die Gurte löste und Caro wieder frei war. Sie lachte überschwänglich und machte Luftsprünge, als könnten diese das grandiose Gefühl von eben zurückbringen.

    "War das Geil!", rief sie freudig aus und tänzelte um die beiden Springer herum. Dann umarmte sie erst den Tandem-Master und danach seinen Kollegen. Immer wieder bedankte sie sich für das Erlebnis und war sich sicher, dass es jeden Cent der nicht gerade geringen Gebühr wert gewesen war.

    "Scheint als hätte es dir gefallen", stellte Yves noch etwas überrumpelt von ihrer Reaktion fest.

    "Gefallen? Die Endorphine werfen Blasen in meinen Adern. Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich es gleich noch mal machen."

    Wieder sprang sie ausgelassen wie ein kleines Kind über den Rasen der Landefläche.

    "Wenn du willst, kannst du dir mit uns zusammen die Testaufnahmen ansehen. Komm, wir laden dich noch auf einen Drink ein", bot Yves an. "Damit du wieder runterkommst."


    Zurück im Hangar zog sie sich wieder um, während die Springer ihre Ausrüstung verstauten. Das breite Grinsen war immer noch in ihr Gesicht gemeißelt und nur die Ohren hinderten es daran sich um den kompletten Kopf auszubreiten. Die Bluse behielt sie über ihrem Arm, denn bei der Hitze genügte ihr Gymnastikbody voll und ganz.

    "Meinst du, wir sollten sie fragen?", sagte der Riese so leise zu seinem Kameraden, dass Caroline es nicht hören konnte.

    "Weiß nicht", antwortete dieser und betrachtete nochmals ihren gelenkigen Körper in der hautengen Turnkleidung. "Sie könnte schon passen, aber ich will auch nicht mit der Tür ins Haus fallen."

  • Gut, dann will ich euch nicht länger warten lassen. Es geht nahtlos weiter.




    Vor dem alten Hangar standen zwei Sonnenschirme und einige Campingstühle. Caro und Thorsten hatten bereits Platz genommen, während Yves sich mit drei kleinen, gekühlten Flaschen Eistee zu ihnen gesellte.


    "War ich sehr überdreht eben?", erkundigte sie sich schüchtern, jetzt wo der Adrenalinpegel wieder auf Normalmaß gesunken war.


    "Ach woher, daran sind wir gewöhnt", wiegelte Yves ab. "Ein Tandemsprung ist üblicherweise der erste Kontakt mit diesem Sport. Fast alle Leute reagieren so."


    "Abgesehen von denen, die generell zum Lachen das Untergeschoß aufsuchen", fügte der Blonde mit dem rötlichen Bart hinzu.


    Die drei schmunzelten und prosteten sich mit den kleinen Plastikflaschen zu.


    "Wie sind die Probeaufnahmen geworden?", erkundigte sie sich bei Yves.


    "Oh, hab´ ich ganz vergessen."

    Er ging zurück in die Geschäftsräume und tauchte kurz darauf mit einem Tablet-PC wieder auf. "Ich vermute der Anfang ist sehr verwackelt", sagte er beim anstöpseln.


    Die ersten Bilder waren tatsächlich nicht zu gebrauchen, Dadurch, dass die Kamera an seinem Arm befestigt war, sah man nur eine wilde Abfolge von Wackelaufnahmen. Dann aber, als er sich auf den Rücken gedreht hatte, konnte sie sich deutlich unter ihrem Sprungpartner hängen sehen. Trotzdem war es hier draußen zu hell um wirklichen Genuss an dem kurzen Clip zu finden.


    "Ihr habt gesagt ihr würdet auch Werbefilme machen. Geht es dabei um Leute im Flug?"


    "Im Prinzip ja, aber nicht ausschließlich", antworte Thorsten weil sein Kollege noch mit den Testaufnahmen beschäftigt war. "Oft wünschen auch Sprunggäste ein Filmchen ihres Abenteuers. Doch hauptsächlich machen wir Videos mit Luftakrobatik."


    "Luftakrobatik?" Caro´s Interesse war geweckt.


    Yves ließ jetzt auch sein Tablet links liegen. "Wir wollten ... diesbezüglich sowieso noch ein paar Worte mit dir wechseln."

    Die Gelegenheit schien günstig, aber er wusste noch nicht wie er es ihr schmackhaft machen sollte.


    Der große Blonde übernahm. "Es geht um gymnastische Vorführungen vor der Kamera. Nur, dass das alles im freien Fall stattfindet. Uns ist aufgefallen wie sportlich du bist und da unsere bisherige Partnerin verhindert ist, dachten wir..."


    "... dass du vielleicht daran interessiert wärst", schloss Yves, der seine Sprache wieder gefunden hatte.


    Sie wusste noch nicht so genau, was sie sich darunter vorstellen sollte.

    Das Tablet diente zur Demonstration. Gleich das erste Foto weckte ihre Aufmerksamkeit. Es war eine Werbeanzeige, die einen Mann mit wirrem, schwarzem Haar in einem schillernden Sprunganzug vor blauem Himmel zeigte. Perfekt inszeniert mit idealem Kontrast durch das flach einfallende Sonnenlicht. Das Besondere war das Snowboard an seinen Füßen, mit dem er durch die Wolken "surfte".


    "Da war ich allerdings noch etwas jünger", bekannte Yves. "Und hatte noch einiges mehr an Haar. Aber schon damals war Thor hier als Fotograf besser als ich."


    Der angesprochene grinste ein wenig verlegen.


    Als nächstes kam ein Videoclip. Im Fokus stand eine weibliche Person, die kerzengerade durch das Bild fiel. Ihr platinblondes Haar wedelte als Pferdeschweif hinter ihr her. Der folgende Schnitt zeigte sie wieder komplett von einer Position unterhalb. An Stelle eines großen Schutzhelms trug sie nur eine Lederkappe, wie die Flieger in zweiten Weltkrieg. Die Augen waren von einer rahmenlose Schutzbrille bedeckt, welche ihre Gesichtszüge unbeeinträchtigt ließ. Auch hatte sie keinen der üblichen Flatteranzüge an, sondern war körpergerecht von einer größtenteils pinkfarbenen Lycrahaut umhüllt. Ihre Schuhe waren Gymnastikschläppchen und der Kleidung entsprechend zeigte sie einen Spagat bis zur horizontalen. Diesen hielt sie sogar als sie sich langsam im Luftstrom um ihre Achse drehte.

    Das alles wirkte sehr professionell und selbst bei Nahaufnahmen lächelte sie, was in diesem Luftzug sicher nicht einfach war. Es folgten noch einige Salti vor- und rückwärts, sowie tänzerische Elemente. Sie hatte sich perfekt unter Kontrolle und alles wirkte sehr ästhetisch.

    Den Abschluss bildeten Aufnahmen in der Totalen, wie sie bereits an einem Schirm hängend zu Boden sank.


    "Na, was sagst du?", fragte Yves aufgeregt.


    Doch ihr Zögern deutete bereits auf eine Antwort die den beiden nicht sehr gefallen würde.


    "Wisst ihr, Jungs, das würde mir schon Spaß machen. Schon alleine weil es meinem Bewegungsdrang entgegen käme. Aber ich muss leider ablehnen."


    "Wieso?"


    "Zum einen müsste ich erst mal Fallschirmspringen lernen und das scheint mir insgesamt doch eher ein kostspieliges Hobby zu sein. Darüber hinaus bin ich gerade dabei in einem neuen Beruf Fuß zu fassen, wofür ich erstmal viel Zeit aufwenden muss."


    "Ach, das lässt sich doch irgendwie hinbiegen", warf der Hüne lässig ein. "Außerdem müsstest du es ja auch nicht Umsonst machen."


    "Doch vor allem", ließ sie ihn nicht weiter argumentieren, "könnte das ein gesundheitliches Problem für mich werden. Ich hatte eine schlimme Rückenverletzung und fürchte, dass die Belastungen zu hoch werden könnten."


    Man sah ihr an, dass es ihr ernst damit und sie traurig darüber war. Die beiden Fallschirmspringer wollten deshalb nicht indiskret nachbohren. Das Ganze gab ihrem perfekten Tag einen gehörigen Dämpfer.


    "Danke für das unvergessliche Erlebnis", verabschiedete sie sich etwas gedrückt und stand auf. "Danke auch für das Getränk."

    Damit ging sie zielgerichtet zu ihrem Wagen und ließ die beiden anderen nachdenklich zurück.

  • Da der letzte Abschnitt etwas knapp war, gibt´s noch was für´s Wochenende.

    Viel Spaß dabei.





    2.

    Caroline dachte die folgenden Tage immer wieder an ihren Tandemsprung. Und auch an das Angebot der beiden. Mit ihrer beruflichen Vergangenheit wäre sie die ideale Partnerin für die Luftakrobatik. Dazu noch ein Nebenverdienst, den sie ebenfalls ungern ausließ. Doch sie musste sich diesen Gedanken aus dem Kopf schlagen. Statt dessen sollte sie dankbar sein überhaupt wieder gehen zu können. Mehr noch. Sie konnte sogar umfangreicher Sport betreiben als es der Durchschnittsbürger überhaupt fertig brachte.

    Seit vier Monaten hatte sie einen Halbtagsjob, der die kleine Invalidenrente zu einem fast normalen Einkommen aufstockte.
    Und es machte ihr Spaß mit den Kindern zu arbeiten. Sie betreute nämlich abwechselnd verschiedene Kindergärten für spielerischen Sport und Bewegungspädagogik. Ein ganzes Jahr hatte die Umschulung gedauert, wobei es hauptsächlich um die theoretischen Aspekte der Kita-Erziehung ging. Im praktischen Sport war sie bereits umfassender ausgebildet als alle anderen Kursteilnehmer, wenngleich sie immer noch in der Rekonvaleszenz steckte und sich langsam an ihr gewohntes Niveau heran trainieren musste.

    Die Zeit bis hierher war keine leichte gewesen. Nicht allein körperlich, sondern vor allem auch seelisch.
    Von einem Moment auf den anderen nichts mehr leisten zu können, nichts mehr wert zu sein. Die perfekt geplante Karriere im Eimer.
    Nein, das was sie sich seither erarbeitet hatte, würde sie nicht auf´s Spiel setzen.


    Doch am folgenden Samstag kam es zu einer unerwarteten Begegnung.

    Für jemanden, der Gymnastik und Tanz unterrichtet ist es nicht ungewöhnlich öfter mal neue Trainingskleidung zu kaufen. Ihre bevorzugte Anlaufstelle hierfür war der Laden für Ballettbedarf in Stuttgart, in dem sie seit mehr als zehn Jahren Stammkundin war. Selbst wenn es von ihrem neuen Wohnort deutlich weiter in die Großstadt war.
    Es gab natürlich auch anders lautende Kommentare von ihren früheren Kolleginnen vom Staatsballett, aber ihrer Meinung nach gab es hier die größte Auswahl an allem was man in diesem Metier benötigt. Außerdem kannte sie die Inhaberin persönlich, was ihr nicht selten einen ordentlichen Rabatt bescherte.

    Bei Caro wirkte es fast immer so, als würde sie hier nicht nur für Sport oder Tanz einkaufen, sondern auch ihre Alltagskleidung erwerben. Sie besaß wenig "reguläre" Kleidung. Jedenfalls weniger, als der weibliche Durchschnitt im Schrank zu hängen hatte.
    Fast immer trug sie ihre "Allround"-Kleidung, was stets etwa Körperbetonendes war. Sie liebte glatte Sachen, welche ihren durchtrainierten Body wie flüssige Farbe umflossen. Leggings und Turnanzug zählten zum Standard-Repertoire und das in mannigfaltigen Variationen. Je nach Jahreszeit kamen dann noch Strumpfhosen oder langärmelige Oberteile dazu. Ihr früherer Beruf als Tänzerin hatte sie die Praktikabilität und zeitlose Eleganz von Lycra zu schätzen gelehrt. Auch hinsichtlich der Schuhe blieb sie diesem Schema treu. Wenn es schon keine Turnschläppchen waren, trug sie häufig Ballerinas. Die Fußbekleidung musste leicht und anschmiegsam sein. Gelegentlich schlüpfte sie auch mal in ein Paar der beliebten Leinenturnschuhe.

    Die Ladenbesitzerin war nicht zugegen, dafür aber ihre Tochter. Etwas jünger als Caroline und ebenfalls im "Corps de Ballet" an der hiesigen Staatsoper.

    "Hi Caro, lange nicht gesehen. Du wirst es nicht glauben was es Neues in der Truppe gibt. Wir haben einen neuen Solo-Tänzer", plapperte sie unmittelbar los. Obwohl sie wusste, dass Caroline nicht gerne an ihr früheres Leben erinnert wurde, gehörte sie immer noch irgendwie dazu. "Der Typ ist göttlich", schwärmte sie. "Groß, stark, beweglich und aus Brasilien. Alle fahren total auf ihn ab."

    "Dann pass mal auf, dass es nicht zur Beißerei mit seiner Frau kommt, liebe Melissa. Bestimmt eine Samba-Tänzerin die dir deine hübschen Augen auskratzt."

    "Ach woher, der Kerl ist stockschwul, ne richtige Tunte, aber sooo süüüßß!"

    "Dann seid ihr Hühner wohl nicht zu halten, was? Habt ihr also endlich mal einen Primo-Ballerino der dem Klischee seines Berufsstandes entspricht."

    "Jaa", antwortete Melissa mit einem Strahlen übers ganze Gesicht. "Ist doch super. Ein Kerl der auch gleichzeitig Freundin sein kann. Nicht so ein Macho wie Jan...."

    Sie brach abrupt ab und schlug die Hand vor den Mund.
    Dieser Name war in Carolines Gegenwart ein NoGo. Auch das hatte sie in ihrer Sorglosigkeit vergessen.

    Die Ex-Ballerina atmete tief durch und blickte in das verlegene Gesicht ihres Gegenübers. "Ich brauch mal wieder verschiedenes in Richtung Basicwear", lenkte sie schließlich das peinliche Gespräch auf die geschäftliche Richtung.

    "Klar, geh´ ruhig hinter und bedien´ dich. Mama ist bei Großhändlern unterwegs, aber du kennst dich ja hier sowieso besser aus wie ich", bot Melissa an.
    Als Caro bereits ins Lager verschwunden war, rief sie ihr nach: "Wir haben auch die neue Kollektion von Lycraworld ´rein bekommen. Gerade frisch eingeräumt."

    Sie mochte die Produkte dieses immer größer werdenden Herstellers. Durch ein überzeugendes Preis/Qualitätsverhältnis war deren Bekanntheitsgrad über die letzten Jahre kontinuierlich gewachsen. Kein Geheimtipp mehr, wie früher. Die wurden immer mehr zum "Vollsortimenter". Bei schnörkellosen Lycrasachen waren sie schon immer unschlagbar. Zwischenzeitlich hatten sie aber auch bei optisch anspruchsvollerer Wettkampf- und Bühnenkleidung aufgeholt und machten den etablierten Herstellern Konkurrenz. Nur in Sachen Strumpfhosen/Beintrikots hinkten sie noch ein wenig hinter den Marktführern zurück, doch was Schläppchen anging hatte es einen großen Schritt nach Vorn gegeben.

    Es dauerte nicht lange und sie hatte zusammen was sie brauchte. Glänzende Leggings in kräftigem Grün, dazu ein Kurzarm-Body in klassischem Schwarz und ein langärmliger Turnanzug mit Blau-Gelber Ornamentik.
    Als sie sich wieder in Richtung Laden aufmachte, blieb sie vor der Galerie der Ganzanzüge stehen. Schon seit langem hatte es ihr ein schimmernder Zentai in feurigem Orange angetan. Aber wann sollte sie den denn Tragen, jetzt wo sie den Brettern die einst ihre Welt bedeuteten ferner war denn je?

    Sie schluckte und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt. Auch musste sie aufpassen, dass ihre jüngere Ex-Kollegin nicht vor lauter Schwärmerei für ihren Tänzer mit alternativer Geschlechtspräferenz die Lycra-Teile falsch zusammenrechnete.

    "Dann sieh´ mal zu, dass du diesem brasilianischen Ballerino nicht zu sehr verfällst", sagte Caro mit leichter Bitterkeit in der Stimme zu Melissa und verabschiedete sich.

    Draußen auf der Straße öffnete sie die Stofftasche mit ihren Einkäufen um sie bei Sonnenlicht zu betrachten. Kein Stoff auf der Welt konnte es mit diesen feinen, seidigen Glanz aufnehmen. Schon seit langem brauchte sie nichts anderes mehr. Sogar über die Kleidung hinausgehend. Was sie nämlich erlebte, wenn sie sich umhüllt von dieser körpergenauen Kunstfaser intensiv berührte, konnte ihr kein Mann bieten.

    "Oh, Entschuldigung", murmelte sie als sie tief in Gedanken mit jemandem auf dem Gehweg zusammenstieß. Doch dann bemerkte sie, dass diese Person ebenso unachtsam war, weil sie während des Gehens schwarze Gurtbänder verstellte.

    "Pardon, meine Schuld", erwiderte der Andere und bückte sich um ihr beim Aufheben des Turnanzugs zu helfen, der aus der Tasche gefallen war.
    Leider hatte sie denselben Impuls und so stießen beide mit den Köpfen aneinander.

    "Aua!"

  • lycwolf

    Schön geschrieben aus der geheimnisvollen Welt von Caroline. Es sickert durch, was sie vorher getrieben hat. Und dass sie dank Melissa immer noch Teil der früheren Welt geblieben ist. Neugierig bin ich auf den Zusammenstoß und was sich daraus ergibt. Und wie sie auf den orangefarbenen Zentai zurückkommt. Und was mit Thor und Yves wird. Und die Einflechtung von Lycraworld. Ach, so viele Dinge, die mich bei der Stange halten.


    Daumen hoch, meine Parabolantenne ist weiterhin auf die Geschichte der schwerelosen Caroline gerichtet, der Luftraum gehört ihr :-)

  • Wunderbar, die Geschichte bekommt mit einem Mal deutlich mehr Tiefe. Das vorerst ausgeschlagene Angebot, an den "Luftaufnahmen" mitzuwirken, Caros Vorliebe für Lycra - auch im Alltag, dieser mysteriöse Jan, der ein dunkles Kapitel in ihrer Vergangenheit beim Ballett zu sein scheint, ihre schrittweise Rehabilation in der Arbeitswelt und schließlich noch das wortwörtliche Zusammentreffen mit jemandem auf der Straße bieten viele mögliche Richtungen, wohin sich die Story weiter entwickeln wird. Und dass Melissas Familie ein auf Lycra ausgerichtetes Fachgeschäft betreibt, treibt meine Fantasie auch zu wilden Höhenflügen.

  • Nun gut, so einigermaßen war schon vorauszusehen mit wem Caro zusammenstieß.

    Hier geht es nahtlos weiter.






    "Excuse moi"

    "Yves?"

    Erst jetzt hatte sie ihn an seinem fast kahlen Kopf mit dem auf wenige Millimeter gestutzten Haarkranz und den dunklen Bartstoppeln erkannt.

    "Caro? Was für ein Zufall", sagte er und hielt immer noch ihren Gymnastikbody in Händen.

    Einen Moment lang standen sich beide stumm gegenüber. Sie bemerkte wie er sie wieder intensiv musterte. Genau wie letztens, als er ihren sportlich definierten Körper lobte. War es nur die Statur, oder auch ihre Kleidung, welche ihn stocken ließ?

    "Du ... kannst mir den ... Anzug jetzt zurückgeben", meinte sie, was ihn erschreckt zusammenzucken ließ und dadurch in Verlegenheit brachte.

    "Oh, ja. Pardon nochmals."
    Damit reichte er das glatte, faltenfreie Lycrateil an seine Besitzerin zurück.
    "Ähhm.... hast du ein wenig Zeit?", fragte er weiterhin leicht schüchtern. "Wir könnten da vorn in dem kleinen Bistro etwas trinken."

    Caroline überlegte einen Moment. Zeit hatte sie und ganz unsympathisch war ihr der maskuline Typ auch nicht. "Ja, warum nicht", willigte sie ein und so fanden sie sich kurz darauf unter der ausladenden Markise des genannten Bistro wieder.

    "Du hast Sportsachen gekauft?", wiederholte er das Offensichtliche.

    Caro nickte und nahm einen Schluck des direkt frisch gepressten Fruchtsafts aus Orangen, Limonen und einer Hand voll Himbeeren.

    "Ich habe mir anderes Gurtzeug für die Kamera besorgt. Das vom Test war zu wackelig."

    "Wie läuft das Geschäft mit dem Himmelhüpfen?", wollte sie wissen.

    "Ach", seufzte er, "Es könnte besser sein" und nippte an seinem Glas. "Andererseits haben wir so mehr Zeit für die Filmerei."
    Er überlegte kurz, ob er die Gelegenheit nutzen solle und fuhr fort: "Nur fehlt uns zur Zeit das richtige Motiv. So richtige Hingucker sind wir beiden Jungs ja nicht gerade."

    Caro musste schmunzeln. Es war klar, dass er sie wieder zu überreden versuchte. Eigentlich süß wie er sich um sie bemühte. Sie genoss das regelrecht, blieb aber standhaft und lenkte die Unterhaltung in eine andere Richtung. "Wenn ihr eure Clips dreht, macht ihr das nach Auftrag oder einfach nur so und bietet es dann an?"

    Yves freute sich über ihr Interesse. "Mal so, mal so. Manchmal haben Werbeagenturen genaue Vorstellungen. Ansonsten spielen Thor und Ich oft den "Klinkenputzer" bei den einschlägigen Firmen. Irgendwas geht immer, aber mit einem gymnastisch begabten Model....", dabei sah er ihr direkt in die Augen, "....wären die Umsatzchancen besser."
    Er blieb hartnäckig.

    "Ich kann dich ja verstehen", entgegnete sie, "Und auch wenn es mich interessiert, habe ich eigentlich nicht die Zeit das alles zu erlernen."

    "Und Uneigentlich?"

    Der Kerl wollte nicht locker lassen und sie musste wohl mehr von sich preisgeben. "Es ist nicht alleine, dass ich mich gerade in einem neuen Job zurecht zu finden habe. Ich muss auch mit einem völlig neuen Leben klarkommen."

    Yves nahm einen weiteren Schluck und blickte sie aufmerksam an.
    Sie fühlte, dass es so langsam an der Zeit war mal wieder Vertrauen zu jemandem aufzubauen. Seit der Sache mit Jan hatte sie sich völlig abgekapselt und der Kerl hier schien wirklich in Ordnung zu sein.
    Also holte sie tief Luft und erklärte: "Ich hatte vor knapp zwei Jahren einen schweren Arbeitsunfall. Lange Zeit war unklar ob ich je wieder gehen könne, geschweige denn Sport treiben. Die Genesungszeit war sehr hart, physisch wie auch psychisch. Es verlief zwar alles besser als geglaubt, aber meine Kariere konnte ich abschreiben."

    Feuchte Schimmer traten in ihre Augen während sie es sagte.

    "Tut mir leid", murmelte Yves und war sich einen Moment nicht sicher wo er hinsehen sollte.

    "Aber ich habe eine neue Perspektive", fuhr sie fort als das kurze Tief überwunden war. "Eine Umschulung in Richtung Erziehung und Sportpädagogik brachte mir einen neuen Job ein. Zwar nur dreißig Stunden die Woche, aber zusammen mit der kleinen Invalidenrente reicht es."

    "Was genau ist deine Arbeit?"

    "Bei mehreren Kindergärten betreue ich im Wechsel die Turngruppen. Frühkindliche Bewegungserziehung wird immer wichtiger in unserer "Sitzgesellschaft". Den Kiddy´s macht es Spaß und mir natürlich auch. Ganz ohne Bewegung und Sport käme ich nicht klar."

    Nicht ohne Stolz berichtete sie ausführlich von ihrer Arbeit.

    "Was hast du vorher gemacht?", erkundigte sich Yves..

    "Ich war beim Staatsballett. Vollzeit. Erste Compagnie."

    "Ah, jetzt verstehe ich deine Turnerfigur. Und auch deine Kleidungswahl."
    Er musterte sie noch mal genau. Lediglich die Jeans-Shorts wichen Materialmäßig ab. Die Lycrasachen schienen ihm wirklich zu gefallen.

    "Ich denke das siehst du falsch", entgegnete sie. "Dass Tänzerinnen stets Trikotstoffe tragen ist ein verbreiteter Irrglaube. Übrigens genau wie der, dass alle Tänzer vom anderen Ufer sind. Jedenfalls, wer solche Sachen schon bei der Arbeit trägt, kleidet sich privat meist ganz anders. Ich bin da eher die Ausnahme."

    "Als ob der Schornsteinfeger auch Abends noch im rußigen Anzug rumlaufen würde, meinst du das so?"

    "Ja, so ähnlich."

    "Und wieso bist du dann so eine Ausnahme?"
    Yves bohrte deutlich nach.

    "Ach, ich find´s halt ungemein praktisch. Außerdem habe ich mich so daran gewöhnt, dass ich kaum was anderes tragen mag. Es sei denn ich gehe aus, oder im Winter", erklärte sie, ließ aber aus dass sie noch ein deutlich weiter reichendes Verhältnis zu der Gewebemischung aus Polyamid und Elasthan hatte.

    "Fast wie Fourier, dem man nachsagte, er habe stets die gleiche Kleidung getragen, um kein Gehirnschmalz für solch profane Überlegungen wie "Was ziehe ich heute nur an?" zu vergeuden."

    "War das nicht Einstein?", kam Caro´s Gegenfrage auf die ihr Gegenüber bereits gewartet hatte.

    "Einstein ist der bekannteste Physiker mit diesem Tick. Aber Fourier hatte diesen schon Hundert Jahre vor ihm, allerdings erreichte er nie seinen Berühmtheitsgrad. Außer Naturwissenschaftlern, teilten diese Vorliebe auch noch andere Berühmtheiten. Hitchcock, Jobs und sogar Zuckerberg"

    "Du kennst dich ganz gut aus mit Wissenschaftlern, wie?"

    "Ich hab´ mal vier Semester Physik studiert."

    "Und...?"
    Jetzt war Sie mit bohren dran.

    "Nichts. Ich hatte nur plötzlich andere Vorstellungen für mein Leben."

    Caroline hatte ihr fast leeres Glas abgestellt und ihrem durchdringenden Blick konnte er nicht widerstehen.

    Etwas ausweichend gestand Er: "Ein paar Kommilitonen und ich waren damals auf so einem alternativen Weltverbesserer-Trip. Erst eiferten wir George Harrison nach und suchten Erleuchtung in Indien. Danach entschieden wir uns, dass Surfen unsere neue Religion sei und verbrachten ein Jahr am Bondi-Beach in Australien."

    "Klingt nach jeder Menge Abenteuer."

    "War es auch. Zumindest bis uns die Realität einholte und wir völlig abgebrannt und desillusioniert mit eingekniffenem Schwanz wieder zu Hause vorsprachen."
    Yves machte eine kurze Pause.
    "Seitdem hatte ich jede Menge gejobbt, bis ich Thor wieder traf und "selbständiger Unternehmer" wurde." Dabei machte er eine betonende Gänsefüßchen-Geste mit den Fingern.

    "Und wie lange macht ihr das jetzt?"

    Yves musste tatsächlich einen Moment nachdenken und schien von dem Ergebnis selbst überrascht. "Das muss jetzt... ja, das ist jetzt das fünfte Jahr. Mannomann wie die Zeit vergeht."
    Er schlug die Beine übereinander und lehnte sich nachdenklich zurück, als ließe er die letzten Jahre vor seinem geistigen Auge Revue passieren.

    Caroline bog sich nach hinten, um unter dem Sonnenschutz heraus die Uhr an der Wand eines nahen Juweliergeschäfts zu erkennen. ´Wie die Zeit vergeht´ war das Stichwort. "Schon spät. Ich muss noch was für nächste Woche vorbereiten."
    Sie stand auf zum Gehen.

    "Warte", beeilte sich ihr Gesprächspartner sie zurückzuhalten. "Ich wollte dich doch noch fragen, ob du nicht doch deine Meinung ändern würdest...."

    Sie schüttelte den Kopf. "Nein, wirklich. Ich hab´ keine Zeit um bei eurem "Luftzirkus" mitzumachen. Danke für das Gespräch. Und für den Drink."

    Aber so schnell gab ein echter Fallschirmspringer nicht auf. "Ende nächster Woche beginnen doch die Ferien. Kannst du nicht noch mal bei uns vorbeikommen?" Dabei machte er ein Gesicht wie ein getretener Hund.

    Caro´s Ausdruck hingegen war ihr `Ich hab´ doch schon Nein gesagt´-Gesicht und sie holte bereits tief Luft für eine Abfuhr, als er nachsetzte: "Ich will dir nur was zeigen. Danach kannst du immer noch ablehnen."

    Sie schaute ihn ernst an.

    "Bitteeeeee!"

    "Na gut. Ich kann aber erst Montag", gab sie sich schließlich geschlagen.

    "Perfekt. OK. Prima", rief er fahrig aus. Dann also Montag in einer Woche. Geht´s morgens um Zehn? Bei uns auf dem Flugplatz?"

    Sie nickte und er wirkte von einer großen Last befreit. Er drückte ihr noch eine Visitenkarte in die Hand. "Falls etwas dazwischen kommt, unsere Kontaktdaten und auch private Nummern."

    "Jetzt muss ich aber wirklich!"

  • Zum Wochenende ein Kapitel, das vielleicht den einen oder anderen bei dem schönen Wetter zu einem ähnlichen Ausflug verleitet.

    Viel Vergnügen.





    3.


    Die folgende Woche ging locker vorüber. Danach hatten auch die Kindergärten Ferien und Caroline konnte sich endlich mal um all das kümmern was oft liegen blieb. Vor allem machte sie mal wieder klar Schiff in ihrer kleinen Wohnung. Zwar zählte putzen nicht direkt zu ihren Favoriten, aber wenn alles sauber und ordentlich war, gefiel ihr schon. Außerdem konnte sie dabei ihre Lieblingskleidung tragen, die Musik aufdrehen und die Hausarbeit mit Tanzimprovisation verbinden.


    Sie trug mattgelbe Capri-Tights und darüber einen Einteiler aus Lycra. Dieser entsprach nicht dem standardmäßigen Erscheinungsbild dieses Stoffes. Zwar hatte das hellblaue Material den üblichen seidenmatten Schimmer, doch war in Längsrichtung eine Art Struktur eingeprägt. Wie Nadelstreifen, wodurch die entstehenden feinen Rippen abwechselnd dunkel und dann wieder hell wirkten. Auf ein Röckchen oder Shorts, wie in der Öffentlichkeit verzichtete sie hier drinnen. An den Füßen hatte sie Turnschläppchen im Wettkampf-Stil. Bereits ziemlich abgenutzt, saßen sie wie eine zweite Haut. Wie eigentlich alles das sie trug. Mit etwas Phantasie konnte man sogar erkennen, dass die Gymnastikschuhe irgendwann einmal Weiß gewesen sein mussten.


    Zu den treibenden Beats der alten 90´s Dance Music wedelte sie mit dem Wischmop und schwang dabei ihren Körper hin und her. Eine Musical-reife Darbietung, die ihre tänzerische Vergangenheit durchscheinen ließ. Zwar dauerte die Arbeit wegen der fast turnerischen Bewegungen länger, ging ihr dafür aber leichter von der Hand.

    Es gab Zeiten, da sie den Erinnerungen ans Ballett auswich, weil es sie ´runter zog. Doch heute hatte sie einfach nur Spaß und freute sich ihres Lebens. Ob es nur das gute Wetter war, oder ob das Erlebnis ihres Tandemsprungs noch nachwirkte? Möglicherweise lag es sogar an Yves? Zwischen ihr und diesem stoppeligen Kahlkopf schien es ja zu knistern. Sie grinste sich eins und dachte ´mal sehen.´


    Zum Müll ´runter bringen, zog sie dann doch den dunkelblauen Stretch-Mini über. Schließlich wollte sie nicht daran Schuld sein wenn der ältere Herr, der im Parterre immer am Fenster lag einen Herzinfarkt erlitt. Kein unangenehmer Zeitgenosse und auch nicht aufdringlich, aber ihr üblicher Aufzug ließ ihn doch immer mehrmals hinschauen.

    Heute jedoch nicht. Er war er nicht da. Schade eigentlich, dachte sie schelmisch als die Vormittagssonne ihre Strahlen über ihre Kunstfaserhülle tanzen ließ.

    Neben den Mülltonnen im Keller entdeckte sie ihr Fahrrad. Fast vergessen an die Seite geräumt. Schon lange hatte sie keinen Ausflug mehr gemacht.


    Keine halbe Stunde später stand sie wieder im Keller. Diesmal im Radler-Einteiler mit kurzen Armen dessen Beine bis zum Knie reichten. Die Grundfarbe war schwarz, doch auf Brust und Rücken fanden sich große weiße Areale, auf denen bei Profifahrern die Reklame Platz fände. Allerdings war sie kein Profi. Auch auf Klickpedale mit speziellen Radschuhen verzichtete sie. Zu oft hatte sie die Peinlichkeiten miterlebt, wenn Freizeitprofis samt Velo umfielen wie ein nasser Sack, weil sich die Schuhe nicht lösten. Davon abgesehen war das bei Mountain-Bikes sowieso weniger üblich. Ihre Laufschuhe taten´s auch. Auf einen Helm indes, wollte sie nicht verzichten.

    Jetzt musste sie aber erst mal Kettenspannung und Luftdruck prüfen. Trotz längerer Standzeit war alles OK und so rollte sie kurz darauf begleitet von dem charakteristischen Rasseln des Leerlaufs aus dem Wohngebiet heraus.


    Seit Caroline hier wohnte, hatte sie noch wenig Gelegenheit gehabt die landschaftlichen Reize der südlichen Ortenau kennen zu lernen. Bereits nach kurzer Zeit trat sie auf einem sehr angenehmen Radweg in die Pedale. Hier, wo die Ausläufer des Schwarzwalds hügelig in die Rheinebene übergingen, wechselte die Landschaft alle Nase lang. Mal über kräftige Anstiege zu bewaldeten Höhen, Mal durch Almwiesen. Oder vorbei an Steilhanglagen voller Weinreben und danach wieder durch enge und kühle, von Bächen durchflossene Täler.

    Das Richtige um den Kopf frei zu bekommen und den Tag zu genießen.


    Nach etwas mehr als einer Stunde machte sie Rast an einer kleinen Wanderhütte, etwa auf halber Höhe zwischen dem zuvor erklommenen Schwarzwaldgipfel und der tiefer liegenden Ebene. Hier gab es einen Felsabbruch, der von Kletterern frequentiert wurde. Ein kleiner Rinnsal vom Berg war zu einem Trog eingefasst und bildete einen der häufig anzutreffenden "Schnapsbrunnen". Erdbeer- oder Blumenfeldern ähnlich, wurde hier auf Vertrauensbasis hochprozentiges vorgehalten. Auch wenn die bewirtschaftete Hütte geschlossen war, konnte der müde Wanderer für einen kleinen Obolus Treibstoff auffüllen.

    Caro´s Geschmack war das nicht, obwohl der Werbeslogan ansprechend war: "Investieren Sie in Kirschwasser - Wo sonst bekommen Sie heute noch 45%".


    Eine große, kühle Apfelschorle leistete ihr Gesellschaft beim Beobachten der Felswand-Artisten. Auch so ein Sport den sie sich immer versagt hatte. Zu groß war das Risiko einer Verletzung die ihre Ballettkarriere beendet hätte. Mittlerweile war diese Befürchtung bedeutungslos. Vielleicht würde sie das auch mal probieren, aber nicht heute. Sie zehrte noch von dem Erlebnis des freien Falls und so wie es aussah, konnte da ja noch was nachkommen. Wer wusste, was sie am Montag erwarten würde?


    Sie dachte an die vergangenen Tage und daran, dass sie endlich diesen Vollarsch Jan aus ihren Gedanken verbannt hatte. Gut, indem sie dies dachte, dachte sie natürlich doch an ihn. Aber es deprimierte sie nicht mehr so wie früher.


    Beim Betrachten der Klettergruppe hoch über ihr in der Wand fragte sie sich, ob es hier auch Base-Jumper gäbe. Leute die Klettern und Fallschirmspringen miteinander verbanden. Lebensgefährlich, ohne Frage. Und obwohl sie so etwas nie wagen würde, reizte sie der Gedanke trotzdem über alle Maßen.

    Koinzidenz oder das zweite Gesicht. Jedenfalls hatte sie den Gedanken kaum zu Ende geführt, als sich unter den Anwesenden Gemurmel erhob, welches sodann in einen Tumult überging. Im gleichen Moment segelte bereits ein Gleitschirm über das lichte Waldstück hinweg talwärts. Man sah ihn nur kurz, doch das genügte um den Wanderern die Münder offen stehen zu lassen. Um hier zu fliegen, musste derjenige von der Steilwand ganz oben abgesprungen sein. Seine Beine streiften fast die Baumwipfel.


    Caroline fühlte sich erholt und so leerte sie ihr Glas und schwang sich wieder auf den Drahtesel. Von hier an ging es nur noch bergab. Erst über Serpentinen und dann flacher bis in die Wiesentäler hinab.

    Am Rand eines weiten Feldes hielt sie an, weil nahe der Straße gerade jemand einen Fallschirm zusammenrollte und hinter den Sitz eines Quads packte.


    "Hätte ich mir gleich denken können, dass du der Lebensmüde von eben warst", rief sie zu dem Springer hinüber, dessen unter dem Sturzhelm herauslugende strohblonde Mähne, gepaart mit der Statur eines Wikingers ihn verraten hatte.


    Erst erkannte er sie nicht, doch als er näher kam rief er erstaunt. "Meine Tandempartnerin! Was machst du denn hier?"


    "Ich wohne nicht allzu weit von hier. Ist fast mein Hinterhof, jedenfalls was Entfernungen mit dem Rad angeht."


    "Hast du den Sprung gesehen?", fragte Thorsten aufgeregt.


    "Nur ganz kurz. Ich war oben bei der Kletterhütte. Hast ganz schön für Aufsehen gesorgt."


    "Irgendwelche Autoritätspersonen? Ich meine, jemand der dieser illegalen Aktion von Amtswegen ablehnend gegenüber stehen würde?"


    "Nicht dass ich sagen könnte", beschwichtigte sie ihn.


    "Egal", meinte er und startete hastig das Quad. "Werd´ mal besser die Mücke machen, bevor noch wer auf dumme Gedanken kommt."

    Als er die Straße erreichte hielt er neben ihr an. "Du hast Yves getroffen?", rief er unter dem Helm heraus. Mehr als Feststellung, denn als Frage.


    Caro nickte und fragte ihrerseits: "Was habt ihr denn mit mir vor?"


    "Was ganz tolles", antwortete er frohgelaunt und drehte am Gasgriff. "Lass dich überraschen!"


    Damit knatterte er davon.

    Und keinen Moment zu spät, denn vom Berg herunter kam ein Geländewagen mit Forst-Kennzeichnung.

    Was für ein Verrückter, dachte sie und machte sich auf den Heimweg.

  • Nach dem Ausflug in die Natur geht es weiter im Text...





    4.

    Sonntag Nacht schlief Caro unruhig. Andauernd träumte sie irgendwelchen Blödsinn, ohne dass sie sich konkret daran erinnern konnte. Doch mit einem Mal wurden die Bilder in ihrem Geiste realer.

    "Jan, verlass mich nicht!" rief sie als sie schweißgebadet erwachte.
    Offenbar hatte sie doch noch nicht ganz mit ihm abgeschlossen.

    Sie stand auf um etwas zu trinken. Ihr war klar, dass es sie nur wieder ´runter ziehen würde, wenn sie diese Gedanken zuließ. Genauso klar war aber auch, dass sie keinen Schlaf mehr finden würde, wenn sie sich nicht ihren Dämonen stellte.
    Der Unfall damals bestimmte immer noch oft ihre Nächte. Zwar wurde es weniger, aber immer mal wieder wurde sie davon gepeinigt. Am meisten von dem was danach passierte.


    Die Premiere damals musste mit der Zweitbesetzung stattfinden. "The Show must go on", das war das eherne Gesetz der darstellenden Künste. Und auch allgemein akzeptiert. So freute es sie, als Jan ihr im Krankenhaus mitteilte die Aufführung sei ein großer Erfolg gewesen. Allerdings bedeutete dies auch, dass er mehr im Ballett eingespannt war, statt sie besuchen zu können.

    Erst die niederschmetternde Diagnose mit hoher Wahrscheinlichkeit gelähmt zu bleiben, dann wieder Hoffnung auf Grund der deutlich besseren Prognose nach einigen Operationen. Sie hätte ihn dringend an ihrer Seite gebraucht, verstand aber die Entbehrungen ihres Berufs. Zumindest meinte sie das wäre der Hintergrund dafür, dass er sich immer weiter von ihr entfernte und abwesend wirkte, selbst wenn er bei ihr war.
    Die Reha schließlich, verlangte mehr Anstrengung von ihr ab, als es dem Tanz jemals möglich gewesen war. Auch das trug dazu bei die Vorzeichen nicht zu erkennen.

    Eine Kollegin hatte es ihr schließlich gesagt. Wahrscheinlich pfiffen es bereits die Spatzen von den Dächern. Gerade jetzt, wo sie zum ersten Mal spürbare Fortschritte machte.
    Ihr Idealbild von Partner hatte begonnen sich mit der Zweitbesetzung zu trösten.
    Dieser Ar....
    Doch das war noch nicht einmal das am meisten verletzende. Schlimmer fand sie seine selbstverständliche Haltung zu dieser Angelegenheit.

    "Ach weißt du", hatte er ohne jedes Unrechtsbewusstsein gebeichtet, "Nachdem mit dir ja nichts mehr anzufangen war, musste ich doch sehen wo ich bleibe. Außerdem kann mir meine neue Partnerin zu einer Stelle in Berlin verhelfen. Schließlich muss ich in meiner Karriere vorankommen."

    Das war wie ein Schlag ins Gesicht. Die ganze Zeit als sie zusammen waren, wäre ihr nie eine solche Oberflächlichkeit in den Sinn gekommen. Sie hatte ihn wirklich geliebt, während er in ihr nur ein Betthäschen sah. Wie konnte er sie nur so fallen lassen? Wie konnte überhaupt ein Mensch derart niederträchtig sein?
    Wie konnte er ihr das nur antun?

    Ihre gebrochenen Knochen würden irgendwann wieder zusammenheilen. Aber ihr Herz, das in diesem Augenblick in unendlich viele Fragmente zerbarst, sollte sich davon nicht mehr erholen.
    Sie stürzte in eine psychische Grube, weitaus tiefer als ihr physischer Fall von der Bühne. Ihre Genesung verzögerte sich dadurch, war sogar stark gefährdet.


    Eine bittere Träne rann über ihre Wange und tropfte auf das Wachstuch des Küchentischs. Damals wie heute hätte sie dringend jemanden gebraucht der ihr Trost spendet. Aber sie erinnerte sich auch daran, wie sie irgendwann all ihren Zorn und Hass auf Jan zusammen nahm und in unbändigen Lebenswillen umwandelte. Mit aller Konsequenz erkämpfte sie sich ihren Platz im Leben zurück. Der Gedanke daran ließ die schwarzen Wolken verblassen.
    Seinerzeit hatte sie sich geschworen, nur noch an sich selbst zu denken - und alles zu tun wonach ihr der Sinn stand. Sich keinem Wunsch mehr zu versagen.

    Der Fallschirmsprung war eines dieser Dinge. Mal sehen, was sie morgen erwarten würde.








    5.

    Der Weg von ihrer Wohnung in den südlichen Randbezirken von Offenburg bis zum Fluggelände bei Lahr war nicht gerade weit. Während der Zehn Minuten Fahrt dachte Caro darüber nach, ob sie passend gekleidet sei. Sie wusste ja nicht worum es sich bei der Überraschung handelte. Andererseits konnte es ja nur mit irgendetwas Luftsportlichem zu tun haben. Und dazu passte ihr übliches Outfit perfekt.
    Da der Morgen sie bereits mit strahlendem Sonnenschein begrüßte, wählte sie auch ihre Kleidung entsprechend. Gelbe Cycling-Tights (ohne Polster), darüber ein Badeanzug mit so genanntem "Ringerrücken", einer breiten, T-förmigen Ausbildung welche die Schulterblätter frei ließ, ansonsten aber keine weiteren Öffnungen hatte. Die Grundfarbe war ein kräftiges Orange. Darauf waren kleine weiße Quadrate von etwa einem halben Zentimeter aufgedruckt. Diese begannen im Schritt mit geringer Anzahl. Weiter nach Oben nahm ihre Dichte zu, bis an den breiten Trägern die Fläche komplett weiß war. Dazu trug sie noch einen ebenfalls orangenen Baumwoll-Mini, welcher die gelben Radlerschenkel nach Unten herausragen ließ.

    Erst wollte sie mit dem Rad fahren, entschied sich dann aber doch für das Auto, für den Fall dass sie noch irgendwo hin müsste. Vor dem kleinen Hangar parkte bereits das Quad, mit dem sie Thorsten gesehen hatte und beim Aussteigen kam ihr bereits Yves entgegen.

    "Bonjour", begrüßte er sie mit einem demonstrativen Blick auf das verboten gute Wetter.

    Auch er zeigte Bein, mit einer Kleidungswahl ähnlich der ihren. Allerdings glänzten seine Radler nicht genauso, sondern waren Mattschwarz. Zusammen mit dem großzügigen weißen T-Shirt fast schon konservativ. Auch die Turnschuhe des Herstellers, der sich nach einer Figur aus der griechischen Mythologie benannte, passten in dieses Bild.

    "Salut", erwiderte sie seinen Gruß und passte sich damit seinen gelegentlich französischen Floskeln an. "Was habt ihr beide euch denn für mich ausgedacht?", fragte sie erwartungsfroh während sie auch Thor mit seiner Wikingerstatur aus der Bürotür treten sah.

    "Eigentlich schade bei dem guten Wetter", erklärte Yves während er sie zu einem alten Kombi leitete. "Aber so haben wir auch mehr Zeit und können´s intensiver auskosten."

    Das klärte sie auch nicht weiter auf. Trotzdem stieg sie in den Wagen.

    "Sagt ihr mir wenigstens wie weit wir fahren?"

    "Jetzt sei doch nicht so naseweis", schmunzelte Thor hinter dem Steuer. "Ich hab doch gesagt es wird dir gefallen."

    Mehr war wohl nicht aus ihm heraus zu bringen.
    Caro sah sich im Auto um. Hinten lagen Helme, Overalls und einige Kunststoffkisten, deren unversehrtes Äußeres im krassen Gegenteil zum Erscheinungsbild des Fahrzeugs stand.

    "Ist das dein Auto?", fragte sie den Großen mit einem abschätzigen Blick auf das nicht mehr ganz so frische Interieur.

    "Nein, das ist unser gemeinsamer Firmenwagen".

    "Und die Ausrüstung da hinten?"

    "Abwarten."

    "Na gut", sagte sie gespielt trotzig, "wenn ihr mir nichts sagt seid ihr selbst schuld wenn ich unpassend angezogen bin. Ich habe nämlich nichts zum wechseln mit."

    Insgeheim hoffte sie damit die Anderen zu einer Auskunft zu bewegen, aber Yves meinte nur: "Ist schon OK, was du anhast."

    Sie fuhren entlang des Flugplatzgeländes. Hier hatten sich neben Sport-und Frachtflugfirmen auch vollkommen Genrefremde Unternehmen angesiedelt. Technik- und Engineering-Companies, Logistik und Lagerzentren und eigentlich alle, die viel Platz für wenig Miete suchen. Selbst der Internetversender, in dessen Reklame die Kundinnen immer einen Schreikrampf bekamen, unterhielt hier ein Warenverteilzentrum.
    Dann passierten sie eines Tore der ehemaligen Checkpoints und verließen das Konversionsgelände. Dennoch blieb die Kreisstraße welcher sie folgten meist in der Nähe der Umzäunung.

    Caroline kam das seltsam vor. So richtig entfernten sie sich nicht vom Flugplatz. Vielmehr umrundeten sie ihn, um nicht die Landebahn queren zu müssen. Nach etwa zehn Minuten Fahrt bogen sie an einem entfernteren Gate wieder ins Gelände ein und kamen unweit davon zum stehen.

    "Nee, oder?", fragte sie entrüstet. "Die ganze Geheimniskrämerei nur um auf die andere Seite zu kommen?

    "Man gibt sich ja Mühe", antwortete Thor voller Ironie.

    Sie standen vor mehrere flachen und einem hohen Gebäude. Äußerlich schmucklos, doch die obere Hälfte der hohen Trapezblechwand wurde von einem Geschwindigkeit heischenden Schriftzug beherrscht.

    "INDOOR DIVE"

    "Nicht was ich jetzt denke, oder?"

    "Keine Ahnung was du so denkst, aber wahrscheinlich ist es genau das."

    Sie teilten die Ausrüstungsgegenstände untereinander auf und gingen auf einen der flacheren Bauten zu. Caro hatte das, wofür sie es hielt schon mal in einem TV-Bericht gesehen. Ein Windkanal in dem die Leute im Aufwind schweben konnten.
    Den Haupteingang ließen sie links liegen und bewegten sich auf eine schlichte Brandschutztür zu.

    "Montag Vormittag ist normalerweise geschlossen", erklärte Yves als er mit der Faust kräftig gegen das stählerne Türblatt hämmerte.

    "Und warum können wir da trotzdem rein?"

    "Weil wir keine normalen Leute sind, was hast du denn gedacht?"

  • Unglaublich, wie besch... sich dieser Jan verhalten hat. Da kann man nur hoffen, das Caro bald den Schmerz verwunden hat und ein anderer Mann ihre Träume beherrscht. Trotz dieser traurigen Momente gibts dann auch immer wieder mal was zum schmunzeln, wie etwa die Anmerkung mit der Werbung und den Kundinnen mit dem Schreikrampf. Auch sonst findest du wieder tolle Umschreibungen, wie etwa bei der Turnschuhmarke, und auch die Details der Lycra-Kleidung lassen das Ganze vor dem geistigen Auge glänzende Wirklichkeit werden.

  • lycwolf
    schönen Dank für deine zwei neuen Folgen. Ein wenig Licht in Carolines Vergangenheit hast du gebracht.

    Deine Anspielungen sind immer sehr reizvoll (wie auch vom Grafen bemerkt), z.B. auf die sagenhafte griechische Siegesgöttin, die mit N beginnt und mit IKE aufhört.

    Du verstehst es, immer nur ein Stückchen preiszugeben, genauso auch von Thors und Yves' Plan. Da hätte ich gerne näher gewusst, was die beiden von normalen Leuten unterscheidet, und was sie in dem Indoor Dive mit Caroline vorhaben.
    Also - lass deine Helden die Brandschutztür öffnen...