• 20.


    "Bonjour, mon Cherie. Wir müssen heute ohne Thor auskommen", eröffneter er ihr zwischen verliebten Küssen als sie sich zwei Tage später vor den Hallen von "Indoor Dive" trafen.


    Nach dem gestrigen Training für "Grazie und Anmut" war Yves nochmal in die Firma zurückgekehrt um mit seinem blonden Kollegen die Vorgehensweise für den Nachdreh durch zu gehen. Bei der Gelegenheit flatterte ein Auftrag für je einen Solo- und einen Tandemsprung ins Haus, die Thorsten heute abwickelte.


    Da Derzeit der Windkanal wegen Wartungsarbeiten für die Öffentlichkeit gesperrt war, wollten sie die Chance nutzen ihre Partner-Performance final zu üben.


    "Mit den gröberen Arbeiten sind wir bereits durch", sagte Tom, das "Mädchen für Alles" bei Indoor-Dive. "Die sonstige Wartung findet abseits des Tunnels statt. Ist sogar gut, wenn ihr heute trainiert. Ich möchte nämlich eine höhere Leistungsstufe testen und da ihr ja viel Auftrieb braucht, passt das gut zusammen."


    Die Räumlichkeiten waren Caro mittlerweile so vertraut, dass sie sich blind zurecht fand. Auch das Umkleiden ging flott von statten.


    "Dann können wir ja mal das "Rad" probieren", meinte sie und spielte damit auf eine Figur an, die sie sich beim mittlerweile routinemäßigen Ballett-Training ausgedacht hatten.


    "Ja, nur blöd, dass wir keine Testaufnahmen machen können."


    Womit er nicht ganz Recht hatte, da zumindest die Betriebseigene Überwachungskamera ständig das Geschehen im Windtunnel aufzeichnete. Für einen ersten Test wie die Nummer wirkte müsste das genügen.


    "Sportlich, sportlich", höhnte Tom ein wenig als er Yves in der rot-weißen Lycra Kombination sah Sein Blick ruhte auch etwas länger auf seinen Ballettschläppchen, doch einen Kommentar darüber behielt er zum Glück für sich.


    Caroline hätte eigentlich auch ihr "Straßenoutfit anbehalten können, denn unter dem kurzen Röckchen aus Lederimitat trug sie sowieso einen Badeanzug in dunkelgrau, mit verschlungenen Ornamenten in dezenten Blauschattierungen. Dazu hatte sie halbmatte Sportleggings kombiniert. Fast das komplette Bein entlang, zog sich der amerikanische Markenname, welcher in Deutschland an männliches Rotwild erinnerte.

    Doch für das Herumtollen im Luftstrom bevorzugte sie mehr Stoff an Armen und Rücken. Diesmal war es ein langärmliger Gymnastikanzug aus glänzend blauem Lycra. Daran angeformt war aus dem gleichen Material ein Faltenröckchen, fast wie ein Tutu. Ihre aus dem Anzug herauswachsenden Beine waren von höchstglänzendem Strumpfmaterial überzogen. Die Sorte, wie man sie beim Gardetanz oder auch Cheerleading sieht. Schwarze Lederschläppchen mit geteilter Laufsohle, die sich wie Socken anschmiegten, komplettierten ihren Aufzug.




    Die Turbine war bereits gestartet und sorgte mit niedriger Drehzahl für einen noch leichten Luftzug, als die beiden die Schleuse öffneten.


    "Ich geb euch erst mal mittlere Leistung um alles zu checken", rief Tom vom Steuerpult aus. Dann fahre ich auf die bisherige Höchstleistung hoch. Nach der Pause dürft ihr mal ausprobieren, wie sich die neue "Vollgas"- Stellung anfühlt. Das ist dann wirklich wie die normale Endgeschwindigkeit im freien Fall."


    Und diese lag in der Regel knapp über 200 Kilometer pro Stunde, erinnerte sich die Tänzerin an den Physikunterricht in der Schule.


    Beim Eintritt genügte das Luftpolster noch nicht um sie zu tragen, doch das änderte sich umgehend. Auf mittlerer Stufe konnten die beiden bereits schweben, solange sie Arme und Beine so beim Körper ließen, dass sich die Angriffsfläche vergrößerte. Einige Übungen im gleitenden Manövrieren waren bereits möglich. Im gleißenden Licht der Kammerbeleuchtung besah sich Caroline intensiv ihren Freund während sie einander langsam umkreisten. Seine Leggings glänzten und die schimmernden Konturen unter dem Hüllmaterial machten sie mächtig an.

    Er schien ihr Erscheinungsbild gleichermaßen anziehend zu finden. Zumindest zeichnete sich im Vorderbau seines Anzugs eine deutliche Füllung ab. Für den endgültigen Sprung konnte ein Suspensorium nicht die schlechteste Wahl sein.


    Doch für weitere Gedanken blieb ihr keine Zeit. Der Techniker erhöhte die Leistung und jetzt konnten sie problemlos mit ausgebreiteten Armen und Beinen schweben. Das Zusammenfinden zur Zweierformation, das Annähern und wieder Trennen gelang wesentlich harmonischer als beim letzten Mal. Bei Caro machten sich die Routine und bei Yves die Ballettstunden positiv bemerkbar.

    Und da war auch noch etwas anderes. Durch ihr Zusammensein, schlugen ihre inneren Uhren im Gleichtakt. Jeder wusste stets was der andere gerade dachte und tun wollte.

    Den Ornamenten eines Kaleidoskops gleich, malten sie in völliger Synchronizität ineinander übergehende Muster in den Luftstrom.


    Die wenigen Minuten vergingen sprichwörtlich wie im Flug und sie erlangten Gewissheit, dass dieser Part nicht mehr trainiert werden musste.


    "Hey, ihr beiden habt´s voll drauf", lobte Tom als sie zur Pause die Kammer verließen. "Wenn´s Samstags mal wieder richtig voll hier ist, könntet ihr das doch mal vorführen. Da würden auch wieder einige Freiflüge für herausspringen."


    "Dein lukratives Angebot würden wir gerne annehmen", antwortete Yves, "nur momentan haben wir ziemlich viel um die Ohren. Aber in vierzehn Tagen können wir mal darüber reden."


    Sie ruhten sich kurz aus und massierten sich wieder Gefühl in die Lycraglieder. Der andauernde Wind erzeugte auf Dauer ein leicht taubes Gefühl.

    Caro nahm einen Schluck aus der Wasserflasche und meinte danach: "Ich denke um den Großteil der Übungen brauchen wir uns keine Gedanken mehr zu machen. Wenn das mit dem "Rad" noch hinhaut, wäre das das I-Tüpfelchen."




    Thorsten hatte noch immer das Tandem-Geschirr an, als er das bestens gelaunte Paar verabschiedete. Die beiden waren bereits in den mittleren Jahren und nach ihrer Ausdrucksweise musste es sich um Akademiker handeln. Oder auch um Anwälte oder Ärzte. Auf jeden Fall zahlten sie gut und legten sogar ein fürstliches Trinkgeld hinzu. Geld, das ihr Fallschirmunternehmen dringend gebrauchen konnte. Damit und mit den Einnahmen der Uni-Archäologen waren zwar die größten Löcher im Kassenbuch gestopft, doch das Damoklesschwert der Insolvenz schwebte nach wie vor über ihnen.


    "Danke und noch einen schönen Tag. Wenn sie mal wieder Lust haben...?", rief er dem Paar nach.


    Der Mann war Solo gesprungen. Seine Nachweise, die ältesten noch aus der Bundeswehrzeit und auch die weiteren, regelmäßigen Einträge im Sprungbuch waren beeindruckend. Seine Partnerin war Thor´s Tandemgast und für sie war es das erste Mal. Das war es, was er an diesem Job so mochte. Der komplette Wechsel in den Gesichtern Vorher und Nachher. Er hatte ein gutes Gefühl die beiden noch öfter zu sehen. Die Frau jedenfalls hatte großen Gefallen daran gefunden. Und leisten konnten sie es sich bestimmt, dachte er als er den Rücklichtern des nachtschwarzen Maserati nachblickte.


    Dann ging er zurück in die Halle um sich dem weniger entspannenden Teil der Arbeit zu widmen. Fallschirme packen muss mit äußerster Konzentration ausgeführt werden. Schließlich hingen Leben davon ab.


    Er erschrak regelrecht darüber, als er bemerkte dass er nicht alleine war.

    Jemand, wer trotz normaler Beleuchtung im Raum eher wie ein Schatten wirkte. Oder noch besser, geschrumpft. Zusammengesunken mit hängenden Schultern, den Blick gen Boden gerichtet.

    Es war Nadja und sie sah aus, als hätte sie mehrere Nächte durchgefeiert und wäre danach verprügelt worden.


    "Ich, .... ich wollte ... wissen ob eure Kollegin sich schwer verletzt hat?", fragte sie stimmlos ohne ihm direkt anzuschauen.


    Ihr Gesicht wirkte aufgedunsen und die Augen waren verquollen und verheult. Sie saß schlaff auf dem langen Holztisch und schniefte.

    Thorsten antwortete nicht. Er legte die Ausrüstung hin und ging hinüber zum Kühlschrank.


    "Hier". Er hielt ihr eine kleine Wasserflasche entgegen. "Trink erst mal was."


    Er hatte Nadja bereits in vielen Gemütszuständen erlebt, aber derart fertig war sich noch nie gewesen. Nachdem sie genippt hatte sah sie ihn fragend an.


    "Dann warst es also doch du, die die Matte weggeräumt hat", stellte er leise fest. Einerseits war er enttäuscht von ihr, andererseits wollte er schon gerne wissen was dahinter steckte.


    "Es tut mir leid", wimmerte sie und zog die Nase hoch. "Wirklich, ich wollte das nicht. Nun sag´ schon. Ist ihr was passiert?"


    Thorsten wartete einen Moment mit der Antwort und legte zunächst das Tandemgeschirr ab. Er betrachtete sie genau und war sich sicher, dass sie ernsthaft bereute was sie getan hatte. Mehr als alles andere, was sie sich in der Vergangenheit geleistet hatte.


    "Nein, du hast Glück. Es ist nichts passiert", gab er in immer noch leisem Tonfall zurück.


    Der lange Tisch auf dem sie saß knarrte, doch es machte eher den Eindruck, als sei ihr gerade ein mittleres Felsmassiv vom Herzen gefallen.

    "Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist", schluchzte sie weiter. "Ich mach´ aber auch immer alles kaputt."


    Er hatte nichts dagegen, dass sie vom Selbstmitleid vereinnahmt wurde. Mittlerweile war selbst er der Meinung, dass sie die Grenze weit überschritten hatte.


    "Läuft was zwischen den beiden?"


    "Selbst wenn nichts laufen würde, solltest du mittlerweile begriffen haben dass dein Zug schon so lange abgefahren ist, dass du nicht mal mehr die Rücklichter sehen kannst."

    Fast war er ein wenig zornig darüber, dass sie immer noch auf den Falschen abzielte. Und der Richtige seiner Meinung nach direkt vor ihr stand.


    "War ja auch nur so ´ne Idee."

    Wieder schwammen ihre Pupillen in salziger Flüssigkeit.


    Das konnten ebenso gut Krokodilstränen sein, vermutete der riesenhafte Blondschopf. Dann aber machte sich sein Helfer- und Beschützernaturell bemerkbar. Er konnte Mädchen einfach nicht weinen sehen. Kaum hatte er seinen massiven Arm tröstend um sie gelegt, da klammerte sie sich auch bereits an ihm fest.


    "Mit dieser ....blödsinnigen Aktion habe ich mir alle Möglichkeiten verbaut je wieder bei sowas geilem mitzumachen", wimmerte sie stockend an seiner Brust.


    "Warum bist du auch nur so versessen darauf? Du hast doch genügend andere Arten dich in Szene zu setzen. Alleine das Modelling ....."


    Sie ließ ihn nicht ausreden, winkte ab. "Das ist doch alles vorbei. Die halten mich mittlerweile auch alle für eine unzuverlässige Diva."


    "Nun gut, für diesen Ruf hast du dich über die Jahre hinweg ja auch ganz schön ins Zeug gelegt ", entgegnete er.


    "Und die Jüngste bin ich auch nicht mehr", fügte sie unter noch mehr Schluchzen hinzu.


    Lange Zeit sagte niemand was. Thorsten fühlte wie sich durch ihre Tränen immer mehr Nässe auf seinem T-Shirt ausbreitete. Zumindest hoffte er, dass es nur Tränen waren und nicht noch etwas unappetitlicheres.

    Dann nach einiger Zeit löste sie sich von ihm.


    "Das aller schlimmste jedoch ist", sagte sie gefasster, "Dass ich dich so mies behandelt habe. Doch, das meine ich ernst. Erst in den letzten Tagen ist mir bewusst geworden, dass du als einziger immer gut zu mir warst und meine Marotten hingenommen hast. Ich war so verblendet, habe die Welt um mich herum gar nicht real wahrgenommen. Bestimmt kann ich das, was ich dir angetan habe auch nicht mehr gut machen."


    Was hätte er darauf erwidern sollen, wenn ihn von untern hoch ein Paar gebrochene Augen anflehten?




    Tom ließ den Schaufelrädern freien Lauf und zunächst befürchteten sie nach oben ins Fangnetz gepustet zu werden. Tatsächlich war der Auftrieb aber gar nicht so viel kräftiger als die bisherige Höchstleistung. Doch war es genau das Quäntchen das immer zum realistischen Erlebnis gefehlt hatte.


    Was das Luftakrobatische Paar sich überlegt hatte, war die logische Fortführung von Überschlägen und Salti, welche sie zuvor gegenläufig synchron ausgeführt hatten. Der kräftige Luftstrom ermöglichte ein bogenförmiges Abtauchen ihrer Körper wie in einem Schwimmbecken. Sobald der eine nach unten tauchte, ließ der andere sich nach oben tragen. Jetzt brauchten sie sich nur noch gegenseitig an Händen und Füßen zu packen und würden dann einem Rhönrad gleich im vertikalen Luftstrom rotieren.


    Soweit die Theorie. Zunächst schien es auch zu klappen. doch glich es eher der Kontur eines aufgeklatschten Ei. Es dauerte einige Zeit, bis sie herausgefunden hatten an welcher Position sie jeweils ihre Körperspannung erhöhen und an welcher sie sie verringern mussten. Dann jedoch, stellte sich der erhoffte Erfolg ein und sie lachten ausgelassen vor Freude über das Gelingen.


    Leider fuhr die Leistung bereits wieder langsam zurück und der Trainingstag schien beendet.


    "Und wenn wir versprechen in vierzehn Tagen eine Show abzuliefern", umgarnte Caro den Techniker mit ihrem jungmädchenhaften Charme, "lässt du uns dann noch eine weitere Einheit rein? Bitte?"

    Sie wusste im Voraus, dass er ihrem Augenaufschlag erliegen würde.


    "Na gut, aber ich nehm´ dich beim Wort, Mädel!"

    Fünf Minuten später konnten sie und Yves das kreiseln perfektionieren. Sie gingen sogar noch weiter und drehten ihre Körper dabei nach außen. War zwar anstrengender, aber die Spannung konnte besser gehalten werden. Doch diese Haltung war nicht lange durchzustehen und deshalb konzentrierten sie sich wieder auf die vorherige Version.

    Mit etwas Geschick schafften sie sogar den Übergang von der vertikalen Lage des Rads in die Horizontale. Gleich einer ringförmigen Raumstation aus einem klassischen Science-Fiction Film, kreiste ein menschliches Rhönrad im Aufwind-Tunnel.

  • Damit das Lesevergnügen nicht abreißt, hier noch ein weiteres Kapitel zum Wochenende.

    Viel Spaß.




    21.

    "Bist du sicher, dass dein Megaspielzeug wieder richtig funktioniert?", fragte Caroline scherzhaft und deutete auf Thorstens Kamera mit der 4K Auflösung.

    "Wenn das Ding heute wieder ´rumzickt, dann soll den Händler der Blitz während einer sanitären Verrichtung treffen!" kam die zu erwartende Antwort.
    Der Wikinger hatte nämlich das Gerät ohne Befund durchchecken lassen.
    "Die lapidare Antwort des Verkäufers war, das könne schon mal vorkommen bei digitalen Systemen. Der muss ja auch nicht nochmal auf das passende Wetter warten, um die fehlenden Teile nach zu drehen."

    "Beruhige dich, Großer", stichelte sein Geschäftspartner, "Heute darfst du alles alleine filmen, während ich mich der Lächerlichkeit preisgebe."

    Heute stand nämlich nicht etwa der Nachdreh von Caro´s orangener Solo-Performance an, sondern der Pas de deux der Turteltäubchen. Yves trug noch eine Jogginghose über seinem silbergrauen Ganzanzug, die er auch erst im Flugzeug ausziehen wollte. Doch seinen Superhelden-Oberkörper konnte er dadurch nicht verbergen.
    Seine Freundin hingegen genierte sich nicht so sehr und hatte lediglich noch die Turnschuhe gegen die Schläppchen zu tauschen. Der reparierte Metallicbody mit dem eingearbeiteten Tutu glänzte selbst ohne direkte Beleuchtung verboten aufreizend.

    Robbie flog einen Kilometer höher, damit sie mehr Zeit für die Aufführung hatten und Thor mehr Perspektiven einfangen konnte. In der Zeit des Aufstiegs zeigte Yves was sie gestern Neues erarbeitet hatten. Der Donnergott staunte nicht schlecht über die qualitativ zwar schlechten, thematisch jedoch umso aufregenderen Aufnahmen der Sicherheitskamera von "Indoor Dive".

    "Wenn das jetzt gleich genauso gut hinhaut, wird das ein super Programmpunkt", kommentiert er die Bilder auf Yves Smartphone, während die Frachtmaschine sich der Absprunghöhe näherte. Für mehr war keine Zeit, denn die Kontroll-Leuchten über der Luke gingen bereits an und sie mussten sich fertig machen.

    Kaum waren die drei in das wolkenlose Blau gesprungen, regierte der Sonnenglanz auf den Lycra-Kostümen.
    Auch wenn Yves sich immer noch ein wenig dagegen wehrte. Mit seinem Aussehen und den erlernten Bewegungen, ging er problemlos als Profitänzer durch. Die beiden "umtanzten" sich als befänden sie sich auf einer Theaterbühne und nicht etwa in Fünftausend Metern Höhe. Körperspannung bis in die von ledernen Ballettschläppchen umhüllten Zehenspitzen. Fließende Eleganz trotz heftigem Gegenwind. Lichtreflexe auf der Kleidung, insbesondere auch auf Caro´s Glanzstrumpfhosen. Und vor allem, stets ein Lächeln auf den Lippen.
    Diese unendliche Freiheit machte beiden gehörigen Spaß und das konnte man auch sehen.

    Nach der tänzerischen Darbietung, folgte die Zweierformation, mit ihren langsameren Rotationsfiguren. Jeder Griff, jedes Entfernen und wieder heranziehen saß auf den Punkt. Thor konnte die Szenerie sowohl von oben, als auch von unten aufzeichnen.

    Einige synchrone Turnübungen läuteten dann das große Finale ein. Wie im Strom des Wassers "umschwammen" sich die stählernen Lycrakörper und boten dem gleißenden Sonnenlicht immer wieder neue Angriffsflächen.
    Mittels abtauchendem Rollen fanden sie schließlich gegenläufig zueinander und packten die Fußgelenke des jeweils anderen. Jetzt Spannung aufbauen und schon rotierte das menschliche Hamsterrad gemächlich vertikal um seine Achse.

    Ein leichtes locker lassen an einer Körperseite, bewirkte ein ebenso gemächliches Kippen, welches das Rad schließlich bis in die horizontale brachte bevor sie die Formation endgültig auflösen mussten.
    Sie sahen Thors Handzeichen und ließen sich schweren Herzens voneinander weg treiben.
    Als der Sicherheitsabstand groß genug war, entfalteten sich nur wenig versetzt zwei Gleitschirme, während Der Kameramann mitten durch die Beiden hindurch stürzte. Ein wenig tiefer öffnete sich auch dessen Schirm.

    Das getrennte Liebespaar begann im schwerelosen Zustand umgehend einander in weiten Bögen zu umfliegen, was dem großen Blonden Gelegenheit für Close-Up´s und halbnahe Tele-Aufnahmen gab.
    Doch auch dieser Sprung fand sein natürliches Ende auf der geräumigen Wiese neben der Landebahn des ehemaligen Militärfluggeländes.

    Mit dem trotz aller Eleganz dennoch behindernden Kostüm, empfand Caro das zusammenziehen des riesigen Nylontuchs als sehr umständlich. Ihr "Tanzpartner" hatte es da ein wenig einfacher. Doch der schnellste war Thorsten, der vor ihnen auf dem Boden war und den Beiden bereits den Beutel mit ihren Schuhen zuwarf. Er reckte jubelnd die Hände in die Höhe.

    "Yes!", rief er gellend und stieß noch weitere Freudenschreie aus. "Wenn das nicht die phantastischste "Luftnummer" war die ich je auf Festplatte gebannt habe, dann weiß ich auch nicht!"

    "Denkst du es war gut?", fragte die Jungpädagogin übervorsichtig nach.

    "Nein, das war nicht gut. Das war Grandios!"

    Die drei fielen einander in die Arme und Hüpften, wenn auch die Seile des Schirms Caro dabei etwas behinderten.

    Bis zum Büro zurück verhielten sie sich dennoch ungewöhnlich ruhig. Keiner traute sich etwas zu sagen, bevor sie nicht die Aufnahmen auf einen größeren Bildschirm gesehen hatten. Die Angst, erneut dem digitalen Fehlerteufel anheim zu fallen war einfach zu groß.
    Wenige Minuten später dann die Erleichterung.

    "Das ärgert mich ja jetzt mal richtig", gab Thor eine Unmutsbekundung ab mit der keiner der anderen gerechnet hatte.

    "Was ärgert dich?", fragte Caro fast schon ängstlich.

    "Na, dass keiner daran gedacht hat für so einen Anlass Sekt kalt zu stellen."

    Doch auch ohne dies berauschende Getränk verlief der Rest des Nachmittags ausgelassen und in Feierlaune.

  • Hab mir grade wegen etwas längerer Abwesenheit die letzten 4 Kapitel "reingezogen" - und kann Desi nur recht geben, am liebsten würde ich immer weiterlesen um zu erfahren, was als nächstes passieren wird.


    Die Reue Nadjas, die tatsächlich aufrichtig zu sein scheint, macht zwar ihre Taten nicht ungeschehen oder mildert diese ab, doch lässt zumindest hoffen, dass sie nicht ganz verloren ist. Mit der richtigen Unterstützung schafft sie vielleicht die Abkehr von der dunklen Seite. Jan hingegen scheint nun für Caro das größere Problem darzustellen - jetzt, wo er weiß, wo sie sich aufhält und was sie so treibt - nicht zuletzt mit Yves. Schätze mal, dass ihm das Verhältnis, das seine Ex-Freundin zu ihrem Teampartner hat, nicht entgangen ist.

  • lycwolf  

    Glückwunsch zu Caros und Yves' Tanz am Himmel!
    Und dass die Aufnahmen diesmal besser wurden.
    Und dass kein Bösewicht in Kap. 21 erschien.
    Für Nadja in Kap. 20 sehe ich ein Licht am Horizont. Vielleicht darf sie ja... o.k. ich bin schon still.
    Nur was der Profiballerino noch treibt, ist unklar.


    Du schreibst jedenfalls immer so mitreißend, dass man da gerne mal mitspringen möchte.

  • Besten Dank für eure wohlmeinenden Kommentare und dass ihr mitfiebert.

    Deshalb geht es auch direkt weiter, auch wenn es diesmal wieder nicht ohne Störenfriede zugeht.





    22.

    "Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht", eröffnete Thorsten beim nächsten Zusammentreffen des Dreigespanns.

    Noch in der Nacht hatte er aus einigen Szenen, sowohl vom Pas de deux als auch vom "Karottensprung" einen Teaser für die Werbeagentur zusammengebastelt. Die Hoffnung doch noch einen Aufschub zu bekommen, oder wenigstens einen weiteren Vorschuss war noch nicht ganz verflogen.

    Ungeduldige Blicke ruhten auf dem Wikinger.

    "Zuerst die Gute", forderte Yves.

    "Es gibt keinen Vorschuss und der Termin steht unabänderlich."

    "Das war die gute Nachricht?", staunte Caroline. "Was ist dann wohl die schlechte?"

    "Sie möchten nicht nur beide Clips fertig ausgearbeitet in verschiedenen Längen, sondern auch noch einen dritten. Offenbar sehen sie Potenzial in unserer Arbeit."

    "Wie sollen wir das nur schaffen?" Yves wirkte niedergeschlagen. "Die Deadline rückt immer näher."

    "Es gibt allerdings einen Ansporn", machte der Große sie neugierig. "Wenn wir einwilligen, wird unser Vertrag dahingehend geändert, dass wir auch die dreifache Vergütung erhalten."

    In einem Cartoon würden jetzt die Dollarzeichen in den Augen der Beteiligten erscheinen. Doch die Ernüchterung folgte postwendend.

    "Was hältst du davon?", fragte der Teilfranzose seinen Kompagnon.

    "Zuerst dachte ich an eine Situation, die durch eine ganze Menge Exkremente anstelle einer geeigneteren Sitzgelegenheit geprägt war", gab der Blonde in seinem üblichen Galgenhumor zurück. "Oder um es einfacher auszudrücken: Wir sitzen in der Sch..."

    "Na ja, vielleicht nicht ganz so drastisch", wehrte Yves ab.

    "Aber zumindest sitzen wir zwischen den Stühlen und haben die Wahl zwischen Pest und Cholera."

    "Der Auftrag würde unseren Hals endgültig aus der Schlinge ziehen", kommentierte der Chef des Unternehmens nachdenklich. "Aber um das durchzukriegen, müssten wir täglich springen und Thor müsste dazu noch Nachts das Material bearbeiten."

    "Also ich würde mir das schon zutrauen", antwortete der Angesprochene voll Zuversicht.

    "Warum nur, habe ich daran nicht gezweifelt? Aber wir bräuchten auch noch eine Choreografie für den dritten Clip."

    Nach einer Denkpause, brachte Yves die Situation auf den Punkt. "Also, das Wetter bleibt beständig, Robbie hat nur wenige andere Aufträge und du Thor, würdest jegliche Freizeit opfern um das Bildmaterial in Form zu bringen, Richtig?"

    Nicken.

    "Wie sieht´s bei dir aus?", fragte er Caro.

    "Noch sind Ferien. Ich hab´ Zeit und bin jetzt so in der Materie drin, dass ich auch Extraleistungen hinbekomme."

    "Was aber, wenn wir nicht alles Termingerecht fertig bekommen", sinnierte der Kahlköpfige mehr an sich selbst gerichtet.
    "Thor, kannst du die Vertragsänderung als Option aushandeln? So dass wir primär die ursprüngliche Vereinbarung erfüllen müssen und die Erweiterung nur greift wenn wir es auch schaffen?"

    "Du meinst um etwaigen Vertragsstrafen aus dem Weg zu gehen? Mal sehen. Versuchen kann ich´s, wird aber nicht einfach. Auch wenn der Chef der Werbeagentur recht verständnisvoll ist."

    "OK, so machen wir´s", bestätigte Yves. "Gleichzeitig kümmern wir uns morgen um die fehlenden Szenen von Caro´s Solo-Sprung. Und dann müssen wir uns noch ein drittes Szenario ausdenken.



    Müde und ziemlich geschlaucht von der Arbeit der letzten Tage, verbrachte das Pärchen den Abend bei Caroline, während Thorsten zu Hause die verschiedenen Varianten des Paarsprungs montieren wollte.

    Immer wieder überlegten sie sich mögliche Szenenfolgen für ein weiteres Video, doch der Geist war ebenso abgeschafft wie der Körper. Selbst das obligatorische Lycrafummeln auf der Couch brachte nicht die ersehnte Wirkung. Zu stark war die Ablenkung und fast schien es, als würde ihre noch sehr frische Beziehung bereits auf die erste Probe gestellt. Andererseits war beiden klar, dass man im Leben Prioritäten setzen musste. Sie würden schon mal wieder Gelegenheit zum intensiveren Ausleben der Partnerschaft bekommen.
    Jetzt hieß es sich erst mal auf die kommende Zeit konzentrieren. Der Abgabetermin lag nur noch drei Tage entfernt.



    Am nächsten Morgen fuhr Yves bereits früh zum Flugplatz um die nötigen Routinearbeiten hinter sich zu bekommen, bevor die ergänzenden Aufnahmen anstanden.
    Caroline fühlte sich entsprechend einsam ohne ihr liebgewordenes, lebensgroßes Lycra-Kuscheltier. Selbst so simple Dinge wie Kaffee kochen und frühstücken gingen mehr oder weniger daneben. Sie hatte auch nicht wirklich eine Aufgabe. Jedenfalls keine, die sie interessierte. Irgendwann schnappte sie sich deshalb ihre bereits gepackte Tasche mit den Showklamotten und beschloss lieber auf dem Flugplatz abzuhängen bis es los ging.
    Thor würde auch irgendwann auftauchen und seine Ergebnisse präsentieren. Das könnte bestimmt etwas vom üblichen Lampenfieber dämpfen.

    Ihr älterer Mitbewohner aus dem Parterre lag mal wieder am offenen Fenster und sie tauschten Grußfloskeln aus. Doch ihm schien sie auch nicht zu gefallen. Kein Wunder, war sie doch völlig ungewohnt im "Schlabberlook" unterwegs. Also Jogginghose und Kapuzenpulli.
    Ihr Wagen stand ein Haus weiter und so schlurfte sie gedankenversonnen über den Gehsteig.

    "He Caro, warte doch mal", holte sie eine vertraute, wenn auch wenig willkommene Stimme in die Wirklichkeit zurück. Sie kam vom anderen Ende der Straße.

    Noch ein gutes Stück bis zu ihrem Fahrzeug, deshalb beschleunigte sie ihre Schritte.
    Also war es doch keine Täuschung letztens. Jan stalkte sie.
    Ärgerlich, wie bereits wieder Zorn und Abscheu in ihr aufstiegen und sogar ihre Konzentration durcheinander brachten. Der Schlüssel fiel zu Boden und beim aufheben konnte sie seine durchtrainierte Gestalt immer näher kommen sehen.
    Nichts wie weg dachte sie, doch sie bekam die Autotür nur schwerlich auf. Als sie endlich drinnen saß, drückte sie die Verriegelung und schnaufte erst einmal durch. Keinen Moment zu spät, denn schon klopfte ihr aufdringlicher Ex an die Scheibe und versuchte zu ihr zu gelangen. Zum Glück parkte keiner vor ihr, so dass sie sich mit einem Kavalierstart aus der Misere ziehen konnte. Der Arsch lief ihr sogar noch nach und hätte sie fast eingeholt, als Caro an der nächsten Einmündung Vorfahrt gewähren musste.

    Die nächste bewusste Wahrnehmung hatte sie erst wieder auf der Landstraße, bereits außerhalb der Bebauung. So etwas war brandgefährlich, deswegen hielt sie am Straßenrand, um erst einmal wieder ganz zu sich zu kommen. In ihrer Verfassung war sie jedenfalls nicht fahrtüchtig. Mehr noch, sie stellte eine potenzielle Gefahr für andere dar.
    Trotz der sommerlichen Wärme begann sie zu frösteln. Das mit Jan musste ein Ende haben. Sie würde ihn anzeigen, sobald der Job hier zu Ende war.
    Dieser Vorsatz ließ sie wieder klar im Kopf werden und die Oberhand über ihre Handlungen zurück erlangen.



    Hinter dem Hangar stand bereits der altersschwache Kombi und sie freute sich, bald schon Thor´s Resultate zu Gesicht zu bekommen. Doch dann fiel ihr wieder ein, dass in den letzten Tagen Yves ständig das "Gemeinschaftsmobil" benutzte.
    Aber bereits beim aussteigen vernahm sie das laute Motorengeräusch eines Quads, das eindeutig dem groß gewachsenen Fallschirmspringer zuzuordnen war.
    Schon komisch, doch mit einem Mal fühlte sie sich besser. Musste an seiner respekteinflößenden Statur und seiner Beschützerrolle liegen. Sie hatte vor, ihre beiden Partner erst mal nicht mit ihrer unangenehmen Begegnung zu behelligen. Die hatten eh´ genügend andere Dinge um die Ohren.

    Nach der allgemeinen Begrüßung versammelten sie sich gespannt vor dem Rechner im Büro. Thorsten gab sich, als sprühe er geradezu vor Tatendrang, doch die tiefen, grauen Schatten unter seinen Augen zeugten vom Gegenteil.

    "Chapeau mein Bester. Dafür dass du dir die Nacht um die Ohren gehauen hast", bedankte sich Yves als er den Speicherstick anstöpselte und die Dateien öffnete.

    "Ich hab´ auch etwas Musik drunter gelegt", forderte er dazu auf die Boxen einzuschalten.
    "Wie gewünscht, Längen von dreißig Sekunden, einer Minute und annähernd zwei Minuten. Und für unsere eigene Verwendung auch in maximaler Länge."

    Letzteren Zusammenschnitt sahen sie sich zuerst an. Glasklare, scharfe Bilder in dynamischer Schnittfolge. Manche Einstellungen zeigten fast schon unanständig viele Details auf den Anzügen der Akteure. Die Musik war dazu passend rhythmisch und perkussiv. Längere Ballettposen wurden von klassischen Klängen untermalt, welche für die Formationsmuster hymnischer Filmmusik wichen.
    Caro und Yves standen die Münder offen. Ihnen war bislang nicht bewusst, wie anders sie auf dem Bildschirm wirkten. Viel besser als geglaubt und durch die hervorragende Schnittarbeit auch unheimlich ansprechend und gewinnend.

    Für die finale Darbietung, dem "Rad", steigerte sich die Musik zu einem majestätischen, großorchestralen Crescendo, bis schließlich eine Irisblende ins Schwarze den Clip beendete.

    Spontaner Applaus setzte ein und Caro hüpfte an dem Riesen in die Höhe, um ihm einen dicken Schmatzer auf die Backe zu drücken.

    "Damit haben wie sie in der Tasche."
    Zum ersten Mal seit Tagen schien Yves einen Lichtstreif am Horizont zu erblicken. Dennoch war ihm bewusst, wie viel Arbeit noch auf sie wartete.
    "Jetzt müssen wir zusehen, die fehlenden Teile von Caro´s Solosprung in den Kasten zu bekommen."



    "Du bist ziemlich fertig, was?" bemerkte Caro als Thorsten langsamer als gewohnt auf das Transportflugzeug zu ging.
    Yves war bereits eingestiegen und sie Beide kamen nach.

    "Zur Zeit merke ich, dass ich keinen Zwanzig mehr bin", gab dieser mit müder Stimme zu.

    "Hast du die ganze Nacht nicht geschlafen? Nur die Aufnahmen montiert?"

    "Hmm... nicht so ganz", druckste der sanfte Riese herum. "Zur Zeit ... kommen Nadja und ich uns näher. Sie hat sich an mich gewandt und dann ... Na ja, du weißt schon."

    Caroline freute sich für ihn. "Ist doch großartig. Dann kommt deine Müdigkeit wenigstens nicht nur von der Arbeit."

    Dies entrang dem Wikinger ein Lächeln.

    Im Weitergehen zögerte Caro kurz.

    "Was ist", erkundigte er sich, doch seine Begleiterin schüttelte den Kopf und setzte ihren Gang fort.

    "Nichts, ich dachte ich hätte da jemanden gesehen, aber da ist keiner."

    Doch Thorstens Adleraugen sahen ihn. Hinten, bei der Einfahrt der Gerüstbaufirma. Seine Kleidung verschmolz, begünstigt durch einen Schatten, mit dem Hintergrund. Er meinte ihn schon einmal hier gesehen zu haben, doch da Caro es auf sich beruhen ließ, sagte er weiter nichts.

    Die restlichen Schritte bis zum Einsteigen verbrachten sie schweigend. Doch Caroline hatte einen Verdacht und dieser schmeckte ihr überhaupt nicht.

  • Bevor mir der "Lycra-Krimi" den Rang abläuft, muss ich mich beeilen meine Story weiter voran zu treiben.

    Gute Unterhaltung.





    Kurz vor dem Absprung herrschte angespannte Stille im Frachtraum. Jeder schien über die Maßen konzentriert auf die zu bewältigende Aufgabe zu sein. Jetzt nur keine Fehler machen.

    Das Binden der Spitzenschuhe fiel ihr schwer. Andauernd dachte sie an ihren Stalker, der sie möglicherweise bis hierher verfolgt hatte. Sie musste ihn unbedingt aus dem Kopf bekommen.


    "Caro?" fragte jemand laut durch das Brausen des Windes, der in der bereits offenen Luke wirbelte.


    Vor lauter abschweifender Gedanken, hatte sie gar nicht mitbekommen dass der Absprung bevorstand.


    "Alles klar?", rief ihr Freund nochmals und sie hob die Daumen.


    "Dann los!"


    Während des freien Falls gewann endlich der Automatismus die Oberhand und die Choreografie lief wie von selbst ab. Trotzdem blitzte Jan´s Bild einige Male vor ihrem geistigen Auge auf und prompt führte das zu Fehlern.

    Auch Thorsten schien sich gelegentlich schwer zu tun, denn einmal kam sogar der erfahrene Springer kurz ins Trudeln.


    Trotz des herrlichen Wetters und den ruhigen Windbedingungen, waren alle drei nach der Landung nicht so gut gelaunt wie üblich.


    "Leute, das war irgendwie zu viel Laissez-faire", monierte Yves zu Recht. "Da fehlte ein bisschen der Einsatz."


    "Ich weiß", gestand die Karotten-Ballerina, "Ich war nicht immer ganz bei der Sache."


    "Und ich hab´ auch einmal Mist gebaut", fügte Thorsten hinzu. "Mal sehen, ob das nötigste OK ist."


    "Na, ja. Ein Malheur ist ja nicht direkt passiert", relativierte Yves seine Kritik als er die Niedergeschlagenheit seiner Mitstreiter bemerkte. "Ich meinte nur, beim letzten Mal wirkte es frischer. Irgendwie Engagierter."


    "Vielleicht sollten wir die Zusatzclips absagen", meinte Thorsten. "Ich glaube wir sind alle weit von unserer Bestform entfernt."


    "Aber gerade deshalb müssen wir jetzt mehr als sonst zusammenhalten und das durchziehen."

    Selbst Yves´ Motivationsreden ließen den früheren Biss vermissen.




    "Naja", ertönte es kurz darauf aus dem Büro, wo Thor die Aufnahmen gecheckt hatte. "Die Teile die noch fehlten, haben wir in bester Qualität, wenn auch das Gesamtergebnis schlechter ist als letztens. Vielleicht fällt es nicht auf und ich kann die Clips vom Solo-Sprung fertig stellen."


    Das hob die Stimmung nicht so richtig und das aufmunterndes Schulterklopfen wirkte gezwungen. Danach machte sich Yves daran die Fallschirme wieder zu ordnen.


    "Und was bedrückt dich?", fragte Thor in brüderlichem Ton die abwesend wirkende Caroline.


    Erst wollte sie nicht antworten, konnte es aber dann doch nicht zurück halten. "Ich hatte dir doch von meinem Ex erzählt? Der, der mich durch halb Stuttgart verfolgt hat?"


    Der Große nickte.


    "Der hat mir schon wieder aufgelauert. Und außerdem denke ich dass er es war, den ich möglicherweise vorhin hier gesehen habe."


    "Weiß Yves darüber Bescheid?"


    "Nein, noch nicht. Der hat momentan genug mit der Bank um die Ohren und wälzt in jeder freien Minute eure Kassenbücher."


    "Was will dieser Idiot bloß noch von dir? Kein Wunder dass du nicht gut drauf bist. Der soll sich ja nicht hier blicken lassen, sonst..."


    "Schon gut", dämpfte sie seine Rage. "Ich denke ich werde ihn Anzeigen und eine Unterlassung erwirken."


    "Guter Entschluss. Und wenn das nicht fruchtet, weißt du ja dass ich dich gerne unterstütze."

    Dabei hob er demonstrativ eine seiner großen Fäuste.


    Das Telefon läutete und er musste Yves an den Apparat rufen. "Ist der Kreditberater", flüsterte er mit zugehaltener Sprechmuschel. "Klang ziemlich ernst."


    Das Gespräch schien länger zu werden, weshalb Thor Yves Arbeit an den Fallschirmen übernahm. Caro indes, packte ihre Kostüme zusammen um sie schon mal zum Auto zu tragen.




    Ihr Wagen stand auf dem am weitesten entfernten Parkplatz des Unternehmens, um die näheren für potenzielle Kunden frei zu halten. Die paar Schritte in der Spätsommer-Sonne taten ihr ganz gut. Sie verstaute die Tasche im Kofferraum des Kleinwagens und wollte gerade die Heckklappe schließen, als ein Schatten zwischen Sie und dem Anbau des Hangars trat.


    Sie erschrak. Es war Jan.


    "Hey Caro. Ich weiß dass ich mich blöd benommen habe, aber lass es uns doch noch einmal miteinander probieren."

    Sein Tonfall stand jedoch in krassem Gegensatz zu den, für sich alleine genommen vernünftigen Worten. Ihre Angst wurde zu Wut.


    "Lass mich endlich in Ruhe und hör auf mir dauernd nachzustellen", sagte sie und probierte das Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken. "Ich werde dich anzeigen, wenn du nicht verschwindest!"


    "Komm schon", dabei packte er sie am Arm. "Jetzt hab´ dich nicht so. Du weißt doch, dass du mich brauchst."


    "Dich?", entgegnete sie mit gespielter Überraschung. "Dich brauche ich bestimmt nicht mehr. lass los, du Schwein!"


    Als ihre Beschimpfungen lauter wurden, hielt er ihr den Mund zu und drückte sie gegen das Auto. Ihre Furcht wuchs, als ihr klar wurde wie bedrohlich sich die Situation entpuppte. Die Kraft des Solo-Tänzers war nicht zu unterschätzen. Er war groß, und durchtrainiert. Und völlig Irre, so wie er sich anschickte die zierliche Tänzerin zu überwältigen.

    Caro versuchte sich zu wehren, aber er hatte auch ihre Beine mit den seinen an das Fahrzeug gepresst. Sein Blick glich jemandem, den man eher in Räumen mit gepolsterten Wänden verwahren sollte.


    "Du willst mich doch... Du brauchst mich", fauchte er ihr entgegen mit einem Gesichtsausdruck, der seinerzeit Klaus Kinski´s Schauspielkarriere begründete.


    "Hmm.... Hmmpf!" war alles, das sie voller Angst hervorbringen konnte.


    In seiner Rage bemerkte Jan nicht den Schatten, der plötzlich Carolines sonnenbeschienenes Gesicht bedeckte und sich verfinsternd hinter ihn erhob. Erst als etwas, das sich anfühlte wie die Ausleger eines Gabelstaplers ihn unter den Achseln packte und einen halben Meter frei in die Höhe hob, wusste er dass da noch jemand stand.


    Caro sprang zur Seite, nachdem sie wieder frei war und bekam gerade noch mit wie ihr Ex in die entgegengesetzte Richtung flog und im Staub landete. Thor warf ihr einen fragenden Blick zu, aber sie nickte nur und wies mit dem Daumen nach Oben.


    Jan hatte sich aufgerappelt und sprang auf Thorsten zu. Sicher, der Tänzer hätte es mit fast jedem aufnehmen können. Doch hier hätte er ebenso gut gegen eine hundertjährige Eiche anstürmen können. Der unnachgiebige Körper stoppte seinen Vorwärtsdrang.

    Doch das schien ihm nichts auszumachen. Noch immer glühte der Wahnsinn in seinen Augen, als er begann einige gekonnte Martial Arts Moves zu zeigen.

    Leider beeindruckten diese sein Gegenüber kaum. Statt dessen sagte der Wikinger mit gefährlich leiser Stimme zu ihm: "Hau jetzt ganz schnell ab, Fräulein "Bruce Lee" und lass Caro in Ruhe, sonst ..."


    Weiter kam er nicht, denn Jan hatte einen schnellen Ausfall in seine Richtung gestartet, dem er gerade so ausweichen konnte. Der Tänzer gebärdete sich zwar lächerlich, aber nicht ungefährlich. In der asiatischen Kampfkunst schien er jedenfalls kein Anfänger zu sein.


    "Das geht dich gar nichts an, du Riesenbaby. Halt´ dich da gefälligst ´raus", warf Jan ihm entgegen als er sich für den nächsten Angriff sammelte.


    Doch damit hatte er den Großen richtig sauer gemacht.

    "Ich sag´s dir noch einmal im Guten. Mach dich vom Acker und lass das Mädel zufrieden."


    "Jetzt krieg´ ich aber Angst, Fleischkloß!"


    "Überleg´ du dir lieber, ob das hier der Moment sein soll, an dem sich dein Leben umfassend ändert", kam die letzte Warnung von Thorsten.


    Jan baute Körperspannung auf, bereit die Energie wie ein Flitzebogen zu entladen. Bruce Lee schoss übermenschlich schnell auf Thor zu - und wurde von einer Bratpfannenartigen Hand Bud Spencers zu Boden gedroschen.


    Er kümmerte sich nicht um den im Staub wimmernden Tänzer der aus dem Ohr blutete, sondern wandte sich an Caro: "Alles OK?"


    "Ja, alles in Ordnung."

    Doch sie ging auf ihren Stalker zu, der gerade wieder auf die Beine kam. "Und du verschwindest jetzt Ein für Allemal aus meinem Leben!" zischte sie so voller Zorn, dass ihre Aussprache äußerst feucht wurde.


    "Das wird dir noch leid tun", murmelte der Unterlegene, doch als Thor demonstrativ einen Schritt auf ihn zu ging, gab er schließlich Fersengeld.


    "Ist was passiert?", kam Yves jetzt auch herbei gerannt. "Ich war noch am Telefon und habe Streit gehört."


    "Streit?", spielte der Große den Dummen und sah Caro an.


    "Nein, kein Streit hier", pflichtete diese bei und grinste breit als alle drei wieder hinein gingen.

  • Wurde die Sache mit Jan final aus dem Weg geräumt? Was ist mit den leicht verpatzten Aufnahmen und dem Abgabetermin? Vor allem fehlt die dritte Performance. Welche Alternative steht hierfür noch offen? Das alles hängt wiederum mit der Finanzlage und somit der Zukunft zusammen. Wie das wohl ausgeht?





    23.

    "Ich finde schon, du solltest ihn anzeigen. Er könnte es ja nochmal versuchen", meinte Caro´s Freund nachdem sie ihm dann doch den Vorfall mit Jan gebeichtet hatte.

    "Der hat bestimmt erst mal genug", mischte sich Thorsten ein.

    "Ja, ich glaube auch, dass ihm das eine Lehre war", sagte Caroline. "Und wenn nicht, darfst du nochmal ran, Großer."

    Sie mussten lachen, doch Yves war noch immer besorgt. "Du solltest das nicht auf die leichte Schulter nehmen, Chèrie."

    "Du hast ihn nicht wegrennen sehen. Ich bin sicher, das ich vor dem Ruhe habe. Außerdem ist momentan wichtiger was wir als dritten Clip abgeben wollen. So wie du sagst, setzt euch die Bank die Pistole auf die Brust und wir kommen gar nicht drum herum in den verbleibenden anderthalb Tagen noch was präsentables zurecht zu schustern."

    Auch wenn es ihm missfiel, so musste er seiner Freundin doch beipflichten. Sie hatten keine Alternative mehr.
    "Es muss was einfaches, aber effektvolles sein, denn um etwas kompliziertes zu entwickeln fehlt uns schlicht die Zeit."

    "Und es müsste auch gar nicht so lang sein", warf Thor ein. "Eine Minute im geschnittenen Zustand würde genügen."

    So saßen sie zu dritt auf dem langen Seil-Tisch und zermarterten sich das Hirn.

    "Formationsmuster in bunten Klamotten kommen immer an", brach der Kahlköpfige schließlich das verzweifelt grübelnde Schweigen.

    "Ja, schon", meinte Thorsten, "aber so etwas ähnliches haben wir ja schon und nur zu zweit gibt das nicht allzu viel her. ich kann ja schlecht mit springen. Einer muss es ja filmen."

    Auch das stimmte.

    Augenblicke später hüpfte Caro herunter und schnippte dabei mit den Fingern. "Ich hab´s!"
    Hätte sie sich vorher noch an der Nase gekratzt, wäre sie glatt als gewitzter Wikingerjunge durch gegangen.
    Verschwörerisch nahm sie Thorsten beiseite, während ihr Freund dem Tuscheln tatenlos zusehen musste. Der Blonde nickte ihr zu, als sie zurückkehrten um Yves den Plan zu unterbreiten.

    "Wir werden zu dritt springen", eröffnete die Turnlehrerin und legte ihren Plan so schnell vor, dass Widersprüche erst einmal unmöglich wurden. "Erst eine Dreierformation mit einfachen Mustern, dann einige Close-Up´s mit Gymnastikeinlagen und zum Schluss nochmal ein Kaleidoskop-Muster."

    "Ja, schon OK", antwortete Yves etwa unsicher. "Aber wer ist der dritte Springer?"



    Das fertig geschnittene Video von Caro Solo im orangenen Zentai, das Thorsten bis spät in die Nacht fertiggestellt hatte, stimmte Yves nicht versöhnlicher. Auch wenn der Blonde alles in seiner Macht stehende getan hatte, entsprachen die Zusatzaufnahmen einfach nicht seinem Qualitätsanspruch. Womöglich würde dies das erste Mal werden, dass sie etwas abgaben, wovon sie nicht völlig überzeugt waren. Das missfiel ihm.

    Noch dazu hatte er mit seiner Freundin einen mächtigen Streit, der sich noch lange nachdem sie ihm ihr Konzept präsentiert hatte hinzog. Selbst zu Hause wetterte er noch immer dagegen. Offenbar war das schlimmste daran, dass sie Recht hatte und es in der Kürze der Zeit wirklich keine Alternative dazu gab. Es tat ihr Leid ihn derart unter Druck zu setzen, aber sie wollte nicht mit ansehen müssen, wie das Unternehmen ihres Liebsten an seinem Stolz scheiten würde.

    Nach schier endlosen Diskussionen schlug sie irgendwann mit der Hand auf den Tisch und gebot ihm endlich still zu sein und es hinzunehmen. Schließlich gäbe es schlimmeres als das.
    Und eigentlich hatte sie damit gerechnet, dass diese Machtprobe ihre Beziehung beenden würde. Doch überraschenderweise gab er schließlich klein bei und sie fanden wenigstens noch ein paar Stunden Schlaf, bis sie wieder zum Flugplatz mussten.



    "Bist du Caro?", fragte die helle Stimme etwas scheu als sie ihr die Hand reichte.

    "Schön dich kennen zu lernen", entgegnete die Angesprochene und spürte einen eher schüchternen Druck beim Händeschütteln. "Noch dazu wo wir einen so schlechten Start hatten. Du weißt worum es geht?"

    "Ja, Thor hat mir alles erklärt und mir noch mal tüchtig den Kopf gewaschen."

    "Lass gut sein", winkte Caro ab. "Ist ja nichts passiert."

    "Aber ich möchte dass du weißt, wie sehr es mir leid tut. Ich war so neben der Spur, dass ich dir wirklich schaden wollte. Bis ich das alles realisiert hatte, war es bereits zu spät", beichtete sie voller Scham. "Das alles tut mir so leid. Kannst du mir verzeihen?"

    Caroline umarmte die blonde Schönheit, die dabei einige Tränen vergoss.
    "Dein Freund hat mir das alles erklärt und wie gesagt, es ist ja nichts passiert. Schwieriger war es Yves davon zu überzeugen, dass deine Teilnahme nötig ist."

    "Und ich gehe auch jetzt noch nicht D'accord mit Caro", mischte sich der Stoppelbärtige ein. "Ich werde dich genau im Auge behalten, Nadja."

    Thorsten klärte die Situation. "Jetzt wo wir alle unsere Standpunkte vertreten haben, könnten wir uns vielleicht um die Arbeit kümmern? Herumzanken könnt ihr von mir aus Übermorgen."
    Er rief alle an einem Whiteboard zusammen, auf dem sie bereits gestern Abend den geplanten Ablauf skizziert hatten.

    "Wir haben nur einen Versuch, da das Flugzeug für andere Aufträge gebucht ist", erklärte der Große nachdem er alles nochmal wiederholt hatte. "Maximal eine zweite Chance, aber dafür müsste Robbie einen Kunden ausschmieren. Sehen wir also zu, dass es beim ersten Mal klappt."

    Während Thor sich um die Technik kümmerte, absolvierten die drei Akteure ein Dehnungs- und Aufwärmtraining unter Caro´s Anleitung. Nadja konnte sich als ehemalige Gymnastin ebenso gut bewegen wie die Tänzerin. Doch man sah ihr an, wie erstaunt sie über Yves´ Eleganz und Grazie war. Doch als sie danach auch noch sah wie er in die weißen Glanzleggings und den Rot-Weißen Gymanzug stieg, meinte sie ihren Augen nicht zu trauen.

    "Hast du das mit ihm angestellt?", fragte sie ungläubig.

    "Zum Teil", bekannte Caroline. "Zum Teil schlummerte es bereits in ihm und musste nur geweckt werden."

    Nadja blieb trotzdem lange Zeit der Mund offen stehen.
    Sie selbst trug zunächst lediglich eine hautfarbene Glanzstrumpfhose unter ihrer Alltagskleidung. Die Leggings die sie dann aber darüber zog, hatte vorher noch keiner gesehen. Sie waren nicht silbern, jedenfalls nicht so wie man es sich bei Lycraleggings vorstellen würde. Es sah mehr nach Chrom aus. Wie die Stoßstange eines Oldtimers. Eine glatte, spiegelnde Chromfläche. Es schien mühsam die engen Dinger anzuziehen, doch dafür saßen sie absolut faltenfrei. Und Thor beschlugen die Pupillen als er seinen Schatz so sah.
    Darüber kam dann noch ein Wettkampfanzug, bei dem sich die grüne untere Hälfte asymmetrisch mit der weißen oberen Hälfte vermischte. Das Lycra hatte einen regulären Glanzgrad, doch in der Mischzone waren zusätzlich einige Strass-Applikationen aufgetragen. Ihre langen, blonden Haare bändigte sie mit mehreren Haargummis, die sie jeweils im Abstand von ungefähr Zehn Zentimetern zueinander setzte.

    Carolines Outfit schließlich bestand aus Stegleggings in Standard-Blau, kombiniert mit einen Halbarm-Body in Wetlook-Gelb. Dieser schillerte je nach Lichteinfall fast golden.

    "Brauchst du noch Schläppchen oder ähnliches?", fragte Caro die Gymnastin mit den verchromten Beinen als diese ihre Laufschuhe überzog.

    "Nein, ich habe Kappen mit. Die ziehe ich aber erst oben an."

    Dann hieß es auch bereits Schirme und Ausrüstung aufnehmen und einsteigen.



    "Kannst du mit dem vielen Zeugs an dir dran überhaupt noch den Schirm steuern?", fragte Nadja mit Blick auf den mit technischen Apparaturen nur so übersäten Thorsten während des Steigflugs.

    "Wenn nicht, müsst ihr die Reste halt mit Schaufel und Besen zusammenräumen. Übermorgen ist Biomüll dran."
    Trotz der Anspannung war er um einen coolen Spruch nicht verlegen.

    Yves hingegen war recht still und reagierte nicht einmal auf Nadja´s pfeifen als er seine Ballettschuhe überstreifte.
    "Was ist?", fragte Caro besorgt und nahm ihn im Frachtraum etwas beiseite.

    "Ach, ich glaub´ es war einfach ein bisschen viel die letzten Tage. Ich müsste dringend persönlich zur Bank. Jetzt möchte ich das hier einfach nur zu Ende bringen."

    "Du Ärmster. Und dann komme ich und zwinge dir auch noch deine Nemesis auf."

    "Dass ich und Nadja keine Freunde mehr werden lässt sich schlecht leugnen. Aber ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass du die richtige Entscheidung getroffen hast und dass ich es war, der sich unprofessionell verhalten hat."
    Dafür bekam er schließlich einen dicken Kuss, bevor er Helm und Schutzvisier anlegte.

    Nadja war ebenfalls fast soweit. Auch ihre Schuhe verschwanden in dem Beutel, der zusätzlich noch an den bereits schwer bepackten Thorsten gehängt wurde. Die Schläppchen die sie überzog wirkten zunächst als seien sie kaputt. Sie bedeckten nämlich nur den Zehenbereich ihrer bestrumpften Füße. Dann wurde Caro aber klar was sie vorhin gemeint hatte. Das waren RSG-Kappen, wie sie typisch waren für die Rhythmische Sportgymnastik. Sie umschlossen lediglich den vorderen Teil des Fußes und wurden um die Fersen herum von langen Elastikbändern gehalten. Doch auch sie gab es für gewöhnlich nur in schwarz oder weiß. Diese Exemplare waren jedoch anders. Sie wiesen dasselbe Chromdesign auf wie ihre Leggings und das sah verdammt scharf aus.

    Yves schob die Laderaumtür hoch.

    "Alle bereit?"

    Alle Daumen wiesen nach Oben.
    Das Licht wechselte von Rot auf Grün.
    Jetzt galt es!

  • Und ab geht´s. Wieder Schwerelos im freien Fall.




    24.


    Wie an einer Perlenschnur aufgereiht, stürzten vier Personen ins Freie. Thor schoss etwas tiefer hinab und nahm dann eine stabile Position unter den Dreien ein. Diese zögerten nicht lange und fanden sich zur ersten Formation zusammen. Dafür hielten sie sich gegenseitig an ausgestreckten Armen. Sehr simpel, aber im gleißenden Sonnenlicht und aus der richtigen Perspektive betrachtet nicht weniger Wirkungsvoll. Vor allem mit den unterschiedlichen Lycrasachen.


    Nach synchronen und auch abwechselnden Turnposen kam ein schwierigerer Programmpunkt. Nadja hatte es ihnen während der Trockenübungen erklärt, doch ohne vorherige Probe im Windkanal war Caro mehr als skeptisch. Sie und Yves mussten sich horizontal parallel mit einigen Längen Abstand zueinander legen, was in der Kameraperspektive wirkte als stünden sie aufrecht. Nadja manövrierte so an sie heran, bis sie auf Caroline´s Schultern "stand". Dann stieß sie sich von ihr ab und schlug mehrere perfekte "Räder", bis sie schließlich auf Yves Schultern "landete".


    Erstaunlicherweise gelang dieser Stunt, bei dem Nadja die Hauptaufgabe zufiel auf Anhieb. Auch Thor, der das alles in sanftem Kurvenflug aufgenommen hatte, signalisierte große Zufriedenheit.

    Die Zeit wurde knapp und so fanden sich die drei schimmernden Lycraspringer noch einmal zu einer Formation zusammen. Diesmal bildete der männliche Part mit weit gespreizten Armen und Beinen die Spitze eines Dreiecks, während die beiden Frauen jeweils einen seiner Füße packten und ihrerseits weit gespreizt flogen.


    Der Kameramann konnte jene Szene sowohl von oben, wie auch von unten aufnehmen, während er langsam um das Dreieck kreiste. Die je nach Standort differierenden Lichtreflexe auf den Lycrasachen, sorgten für atemberaubende Ansichten.


    Zum Schluss der Freiflug-Phase verblieb Nadja weiter oben, während Caro und Yves sich an den Händen hielten. Thorsten hatte sich direkt darunter positioniert. In dem Moment, als sich das Liebespaar voneinander abstieß, tauchte die Blonde senkrecht durch die entstehende Öffnung hindurch. Genau auf die Kamera zu, um diese nur um Haaresbreite zu verfehlen.


    Jetzt mussten sich alle sputen genügend Abstand voneinander zu erreichen und schon poppten vier große Fallschirme auf.

    Zwar war es nicht geplant, doch Thor versuchte dennoch einige Nahaufnahmen von Gesichtern einzufangen.




    "Jaa, wir haben´s geschafft!" Triumphierten alle und auch das Abklatschen nach der Landung war herzlicher und vor allem verdienter als das Gestrige.


    "So stelle ich mir das vor", rief Yves und war regelrecht aus dem Häuschen. Noch ein sorgenvoller Blick zu seinem Geschäftspartner und Kameramann hin.


    "Ich glaube demnächst machen wir nur noch Sachen ohne Vorbereitung, denn soweit ich es beurteilen kann war das mehr als perfekt", bestätigte Thorsten das allgemeine Hochgefühl.


    "Das muss jetzt nur noch alles bis morgen geschnitten werden", fügte der Große hinzu als alle wieder im Hangar versammelt waren. "Morgen früh die Übergabe und dann geben sie die Gelder frei. Danach sollte die Bank endlich beruhigt sein."


    "Bank ist das richtige Stichwort", sagte Yves nachdem er die geliebten Lycra-Teile wieder gegen zivilere Klamotten getauscht hatte. "Ich denke es ist am besten, wenn ich nochmal persönlich bei unserem Kreditberater vorspreche um ihn zu überzeugen bis morgen mit den offiziellen Schritten wegen Insolvenz zu warten."


    "Klar", meinte Caro, auch wenn es ihr nicht Recht war dass er so überhastet davon zog.


    "Tja, dann werden wir uns wohl mal nach Hause aufmachen, wo du dich dann bis morgen früh an den Rechner verziehst", meinte Nadja wobei ihr anzumerken war, dass sie lieber was gänzlich anderes mit ihm machen würde.


    "Ähhm", begann Thor einen fast entschuldigenden Widerspruch. "Wir müssen da erst noch was anderes erledigen."

    Dabei sah er zuerst an der ganzen Technik an seinem Körper herab und blickte dann verständnissuchend zu Caroline.

  • Was möchte Thor noch so dringnd erledigen, wo sie doch eh schon so knapp in der Zeit liegen und der Konkurs wie ein dasmoklesschwert über ihrem Unternehmen hängt?





    25.

    Es war gerade noch genügend Platz für zwei Personen in Robbies Frachtraum. Als Thor ihn anrief hatte er bereits die Kisten eingeladen, doch der Wikinger konnte ihn davon überzeugen, dass er sie auf seinem Lieferflug lediglich "unterwegs absetzen" musste.

    Caro hatte sofort verstanden was er wollte. Er war Perfektionist und die ergänzenden Aufnahmen des "Karotten"-Sprungs letztens passten einfach nicht in dieses Schema. Natürlich war das Risiko groß, dass er damit Zeit vergeudete die er dringend am Rechner brauchen würde und Yves hätte es ihm sowieso ausgeredet. Andererseits hatten sie nur noch diese eine Chance bei optimalem Wetter vielleicht etwas Besseres zustande zu bringen.

    Den orangenen Zentai hatte Caroline vorsorglich mit eingepackt und so gut wie sie drauf war, wollte sie unbedingt ihre Nachlässigkeiten wegen Jan´s Stalking ausbügeln. Sie mussten nur zwei frisch gepackte Fallschirme schultern und schon konnte es losgehen.

    "Fahr zu mir nach Hause und hol´ meinen Rechner her", trug er Nadja zackig auf. "Und bring was zu Essen mit, das wird eine lange Nacht."

    "Zauberwort mit fünf Buchstaben und zwei "t"?", empörte sie sich gespielt über seine fast militärischen Anweisungen.

    "Flott?"



    Der Kreditberater sah Yves durchdringend an. "Wissen sie, auch ich habe Vorgesetzte. ich weiß nicht wie ich das noch vor denen verantworten soll. Irgendwo muss die Bank mal einen Schlussstrich ziehen."

    "Einen Tag."
    Seine Bitte klang fast schon weinerlich. "Geben sie uns noch einen Tag."
    Er hatte das Gefühl, dass die wenigen, stoppeligen Haare die ihm geblieben waren auf der Stelle ergrauen würden.

    "Wir haben ihnen bereits mehrere Aufschübe zugebilligt", sagte der Banker mit einem schweren Seufzen. "Mehr als wir unseren Kunden für gewöhnlich zugestehen."

    "Das weiß ich und ich bin auch dankbar dafür", versuchte Yves ihn zu überzeugen. "Aber morgen früh erfüllen wir einen Auftrag, der sämtliche Außenstände tilgt."

    "Selbst wenn das so ist, wie lange dauert danach noch die Zahlung?"

    "Die Agentur hat versprochen sofort nach Erhalt unserer Lieferung die Gelder frei zu geben."

    Tiefe Sorgenfalten erschienen auf der hohen Stirn des Kreditberaters. Man konnte förmlich sehen, wie seine Vorgesetzten ihm deswegen im Nacken saßen. Derartige Zahlungsziele waren fast ein Ding der Unmöglichkeit.
    Yves blieb nur noch der Hundeblick, welchem zumindest seine Freundin nichts abschlagen konnte.

    Sein Gegenüber seufzte nochmals und klappte den Aktenordner auf seinem Schreibtisch zu. "Ich bin sicher, dass ich das bereue", sagte er schließlich mit einem Anflug von Fatalismus in der Stimme. "Wenn bis Morgen, Zehn Uhr keine Buchung erfolgt ist, ziehen wir die Reißleine!"



    Jetzt musste alles störungsfrei ablaufen, dachte er als er zum Flugplatz zurück fuhr um Caro abzuholen. Hoffentlich war Thorsten schon zu Hause bei der Arbeit und vergeudete nicht unnötig Zeit mit Fallschirmpacken.
    Doch was er sah als er ankam, stimmte ihn keineswegs zuversichtlich.

    "Steht ihr etwa seit drei Stunden hier herum während ich bei der Bank war?", fragte er leicht gereizt als er Thor immer noch im Springeranzug und mit sämtlichen Kameras vorm offenen Hangartor stehen sah.

    Sein Kollege setzte gerade zu einer Erklärung an als ihm auffiel, dass auch Caroline noch im Lycradress war. Doch irgendwas stimmte nicht an diesem Bild. Warum trug sie den "Karotten"-Anzug? Was ging hier vor?

    Seine Freundin nahm ihn beiseite, während Thor mit Nadja hineingingen damit diese ihm aus seiner "Cyborg-Rüstung" heraus helfen konnte.

    "Also", begann Caro mit ihrer Erklärung. "Wir beide haben während du weg warst, doch noch einen Sprung zum Nachdreh der verpatzten Szenen absolviert."

    Sie konnte direkt zusehen, wie sich Yves´ Gesichtsfarbe immer mehr der einer reifen Tomate annäherte. Offensichtlich wand er jede Menge Kraft dafür auf, nicht sofort zu explodieren.

    "Merde, Merde, Merde!", sagte er, sichtlich bemüht seine Stimme zu mäßigen. "Ich habe mit letzter Kraft einen Aufschub bis Morgen früh erwirkt und ihr verplempert kostbare Zeit mit unnötiger Perfektion. Du machst dir keine Vorstellung davon, wie ich beim Kreditberater zu Kreuze kriechen musste! Was, wenn uns am Schluss die entscheidende Stunde fehlt?"

    "Jetzt beruhige dich", sagte sie wobei sie sein Gesicht in beide Hände nahm und ihm fest in die Augen blickte. "Die Zeit wird reichen. Nadja hat zwischenzeitlich Thor´s Equipment hierher geholt, damit wir keine Zeit verlieren. Er fängt direkt mit der Nachbearbeitung an. Und der Austausch der Sequenzen sei kein großer Aufwand."

    "Ist der Nachdreh wenigstens gut verlaufen?"

    "Perfekt. Kein Vergleich zu gestern. Wir müssen dem Großen jetzt nur eine ungestörte Arbeitsumgebung schaffen."

    "Ich muss mit ihm reden", meinte Yves und versuchte von Caro los zu kommen. Doch diese packte ihn am Arm.

    "Das musst du nicht. Halt´ dich ein bisschen zurück. Der weiß was er macht."

    Yves blickte seine bessere Hälfte eine Zeit lang schweigend an. Dann musste er Grinsen. "Was habe ich früher nur ohne dich gemacht?"

    "Das frage ich mich auch manchmal", neckte sie ihn nachdem sich seine Gesichtsfarbe wieder normalisiert hatte. "Und wenn du was tun willst, kannst du mir aus dem Anzug helfen."

    "Wieso?", führte er nun die Neckereien fort. "Gefällt mir doch, wie du darin aussiehst."

    Zuguterletzt durfte Caro aber dennoch die Kleidung wechseln. Lauftights und ein T-Shirt schienen ihr für den Alltag doch geeigneter.

    Dann fing das Warten an. Thor arbeitete hochkonzentriert und Nadja schien perfekt auf ihn eingespielt. Sie goss ihm immer zeitnah Kaffee nach, versorgte ihn mit seinen Lieblingskeksen und ließ ihn soweit er es brauchte in Ruhe.

    Die Sonne war untergegangen und im Licht der großen Deckenstrahlern legte Yves mit Carolines Hilfe die Fallschirme fachgerecht zusammen. Doch irgendwann waren alle Aufräumarbeiten gemacht.
    Zum Glück meldete sich bei Thor der Hunger und so schafften sie Pizza von einem Italiener in Lahr heran.

    Zum gemeinsamen "Abendmahl" legte auch der Wikinger eine Pause ein.

    "Wie läuft´s?", erdreistete sich Yves zu fragen.

    "Läuft nicht", knurrte der Große zwischen zwei Bissen und die Augen seines Kumpels wurden schlagartig groß.
    "Kann nicht laufen. Hat nämlich keine Beine", klärte die gewohnte Ironie die Spannung auf.

    "Mann Thor, mach sowas nicht mit meinem schwachen Herz."

    "Jetzt mach dich mal ein bisschen locker, Monsieur. Das krieg´ ich schon alles hin."

    Dann gab er ihm einen Speicherstick und sagte: "Hier sind ein paar Standbilder und zwei Gigabyte Musik. Sucht doch in der Zwischenzeit mal was passendes heraus."

    Mit dem letzten, dreieckigen Teigsegment verzog er sich daraufhin wieder an seinen Rechner.



    Die Nacht schritt voran und die Hallenbeleuchtung übte eine unwiderstehliche Anziehung auf Scharen von Insekten aus. Immer wieder fielen verbrannte Motten oder ähnliches von der Decke, während die Sportpädagogin und der Teilfranzose sich durch Thor´s Musikrepertoire durchhörten.

    "Wie kann man nur so einen weit gespreizten Musikgeschmack haben?", wunderte sich Yves. "Von Metal bis Mozart, von Schlager bis Techno und von Jazzrock bis Ambient. Wie sollen wir da was geeignetes finden?"

    Sie betrachteten sich die Standbilder, die wegen der hohen Auflösung des Videomaterials gestochen scharf und farbstark waren.

    "Du siehst appetitlich aus", lobte er ihre Nahaufnahme bei der die Sonne verführerische Lichtreflexe auf die von ihrem Sportlerkörper ausgeformte Lycrahülle zauberte.

    "Danke, du bist aber auch nicht zu verachten, Ballerino", neckte sie und wies auf ein Bild welches seine Pose in perfekter Eleganz und mit Körperspannung bis in die perfekt überstreckten Zehenspitzen zeigte.

    "Hab´ ich alles nur dir zu verdanken", flüsterte er ihr ins Ohr und küsste danach ihren Nacken.

    "Hey, bleib brav. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen."

    Sie beschlossen durch einen kleinen Rundgang ihren Geist wieder aufzufrischen. Mittlerweile war es Ein Uhr durch. Hinter dem Bürofenster sahen sie Thor konzentriert vor dem Monitor und hinter ihm Nadja, die wie eine Trainerin mit einer Nackenmassage für sein Wohl sorgte.

    "Da haben sich wohl zwei gefunden", bemerkte er.

    "Hmm. Und sie hat auch ganz schön was drauf", fügte Caro hinzu.

    "Hoffentlich schafft er es, dass sie sich wirklich ändert."



    "He, ihr Schlafmützen", wurden sie von Thor´s kräftiger Stimme geweckt, als sie kurz eingenickt waren. "Ich racker mich ab und die Herrschaften halten ein Nickerchen. habt ihr Musik ´rausgesucht?"

    "Wir haben uns wirklich Mühe gegeben", sagte Yves und versuchte wach und überzeugend zu klingen, obwohl er ein Gähnen nicht unterdrücken konnte. Schließlich zeigte die Uhr bereits kurz nach Zwei.

    "Irgendwann sind wir zu dem Schluss gekommen, dass eigentlich fast alles dazu passt", übernahm jetzt Caro während Nadja an alle Kaffee verteilte. "Ich bin der Meinung, dass man Musik nehmen sollte, die auf den ersten Blick nichts mit den Bildern zu tun hat. Sozusagen als Gegenpol."

    "Meine liebe Caroline", lobte Thorsten und betonte absichtlich das eigentlich stumme "e". "Du wirst mir immer sympathischer. Wenn ich nicht schon vergeben wäre ...."
    Dabei mussten alle etwas über die zunächst finsteren Mienen von Nadja und Yves schmunzeln.

    "Übrig geblieben bei der Auswahl sind: "Intro" von The XX, aber das schien uns bereits zu oft benutzt, Teile des ersten Satzes aus Beethovens "sechster" und "Comet Halley" von Stellardrone."

    "Mit beiden letzteren bin ich einverstanden und bei ersterem gebe ich euch Recht. Ist ein Super Stück, aber schon viel zu abgenudelt. Außerdem werden die ja sowieso ihre eigene Musik dazu nehmen, deshalb mach ich einfach mal beides."

    Sprach´s und verzog sich wieder an seinen Arbeitsplatz.




    Kurz nach Vier Uhr morgens, die ersten Vögel begannen bereits zu zwitschern, war es dann vollbracht.

    "Ich bring´ ihn nach Hause", sagte Nadja als Thor beim Vorführen des Clips eingeschlafen war.

    Yves hingegen, hatte das Nachttief bereits überwunden und stellte alle geforderten Varianten für die Agentur auf einen USB-Stick zusammen, während Caro auf jener Couch schnarchte auf der sie sich damals zum ersten Mal näher gekommen waren.

    Kurz vor Neun versuchte Yves einen einigermaßen frischen Eindruck zu machen als er die Arbeit bei der Werbeagentur ablieferte. Die Spannung wuchs unerträglich während der zuständige Mitarbeiter Clip für Clip begutachtete.

    "Phantastisch!", sagte dieser schließlich, wodurch eine Zentnerlast von dem Jungunternehmer abfiel und er sich am liebsten hier auf dem Teppichboden des Büros schlafen gelegt hätte.

    "Ich werde unsere Finanzabteilung anweisen, sofort die vereinbarten Summen freizugeben."



    09:55
    Noch auf dem Heimweg ließ er Caro die Nummer der Bank wählen. Sie stellte auf Lautsprecher.

    "Tut mit leid, bisher konnten wir noch keine Buchung verzeichnen", kommentierte der Kreditberater mit einer gewissen Niedergeschlagenheit in der Stimme.

    "Aber ....", mehr fiel Yves dazu nicht mehr ein.

    "Moment", sagte der Gesprächspartner, "Ich aktualisiere nochmal die Daten ..."

    Er fuhr Rechts ´ran als die Gesprächspause unerträglich lang wurde.

    "Ah, jetzt bekomme ich einen Zahlungseingang ...."

    Der Kreditberater brauchte nicht weiter zu reden. Aus seinem Telefonhörer drangen nur noch Schreie und er konnte davon ausgehen, dass es sich dabei keineswegs um die Auswirkungen eines Unfalls handelte.

  • Na endlich!

    Was für eine Dramatik. was für ein Aufwand die Protagonisten betreiben! Und dann der entscheidende Satz in quasi letzter Minute!

    Daumen hoch!


    Randnotizen:

    "Comet Halley" als Musik passt gut für den freien Fall.

    Zauberwort mit fünf Buchstaben und zwei 't'? flott :) Lachen Total !