Die galaktische Turnfee Nereida Drei

  • Nun, bei Kap. 67 haben wir Freitag Abend, und das Treffen Xeni-Börni ist ja erst nächsten Dienstag. Bitte habt etwas Geduld.


    In Kap. 68ff, am nächsten Tag, Samstag, wollen Lisa, Ingo, Oksana und Nereida ja nach Großtupfingen. Da gibt es auch viel zu sehen und zu erleben.


    Die Fortsetzung kommt noch diese Woche, zum einen an dieser Stelle und zum anderen auf meiner Homepage http://desi.tervara.de/indexge.htm

    :) Desi-Badeanzug-HP und Nereida Drei auf desi.tervara.de :)

  • Kap. 68: Ingo in Lauras Lycra Laden

    Samstag Vormittag.


    Lisa und ich fanden uns nach einem guten Frühstück am Busbahnhof ein. Sonnenschein hatte endlich die Regentage abgelöst, welch ein Glück. Kurz darauf kamen auch Nereida und Oksana zum vereinbarten Treffpunkt.

    "Hallo Lisa, hallo Ingo!", begrüßten sie uns herzlich.

    "Hey Nereida und Oksana!" riefen wir gut gelaunt zurück.

    "Was habt ihr denn da um euer Handgelenk?" fragte Lisa.


    Beide hatten sie je ein Band um den Arm.

    "Das sind unsere neuen Freundschaftsbänder", lächelte Nereida.

    "Die sehen ja schön aus. Woher habt ihr die?" fragte Lisa.

    "Wir haben das bei dem kleinen Krämerladen 'Bei Tanja' in der Langen Reihe gekauft."

    "Das wäre doch auch was für Ingo und mich", meinte Lisa etwas neidisch.

    "Danach können wir ja mal auch in Großtupfingen schauen. Dort kommt schon unser Bus", sagte ich.

    Wir hatten Glück. Ein Vierersitz war frei geworden. Während der Fahrt berichtete Lisa verkürzt von Beatas Besuch. Sie erwähnte mit keinem Wort den neuen Turnanzug, wie mit Beata vereinbart. Aber die Heilung von Rosalanja. Nereida fand das total klasse und umarmte Lisa dafür.

    Da ein Teil der Straße gesperrt war, musste der Bus eine Umleitung fahren. Wir fuhren langsam über eine Brücke, unter uns die Stadtautobahn. Sie führte am Flughafen vorbei in die Stadt. Richtung Innenstadt staute es sich. Nereida schaute aus dem Fenster. "Hey, so viele Autos auf der breiten Straße! Und niemand tanzt da!"

    "Dort wird man sonst überfahren."

    "Aber die standen doch alle! Da könnten die eingesperrten Leute doch mal herauskommen und so lange tanzen!"

    Auf so einen Gedanken konnte auch nur Nereida kommen.

    Wir überquerten Großtupfingens Stadtgrenze. Etwas später passierten wir ein Einkaufszentrum mit einer großen vorgelagerten Parkfläche.

    "Was machen denn die vielen Autos da?"

    "Die parken da", antwortete Lisa.

    Nereida schaute ungläubig.

    "Die werden da abgestellt, solange die Besitzer in dem Einkaufszentrum sind."

    "Oh, was für eine Platzverschwendung! Bestimmt einige Hundert Leute könnten dort tanzen, wenn die Autos nicht da wären."

    "Irgendwo muss man ja das Auto abstellen."

    Nereida gefiel das nicht. "Nach allem, was ich bislang weiß, ist ein Auto ein Platz verbrauchendes Gerät, was meistens still steht, entweder auf einem Parkplatz oder auf der breiten Straße eben. Und es ist furchtbar einengend, ich kriege Ängste darin! Ich weiß nicht, warum ihr es ein Fahrzeug nennt. Es steht doch meistens. Sollte man eher Standzeug nennen. Und wenn es nur steht, braucht man es ja gar nicht. Es gäbe dann viel mehr Platz, um zu tanzen. Und Tanzen dient bei uns ja auch zur Fortbewegung."


    Nereidas Logik machte uns sprachlos und brachte uns über diese Absurdität in unserem Leben zum Nachdenken. Innerlich musste ich ihr zustimmen.


    "Liebste Freundin, wir sind ja gleich in der Innenstadt. Da gibt es weniger Autos und mehr Flächen für uns", versuchte Oksana Nereida abzulenken. "Und wir zeigen euch, wo wir beide tanzen werden."

    Wir stiegen am Stadttheater aus. Die Sonne strahlte, es versprach ein schöner Tag zu werden.

    "Schaut mal, da werden Nereida und ich ab Montag tanzen!" rief Oksana gut gelaunt und wies zum Theatergebäude.

    "Ja, das wird schön", strahlte Nereida.

    "Guckt mal, da steht ein großes Schild: 'Neue Spielzeit: Wir sind wieder da! Das Großtupfingener Ballett tanzt für Euch!'", las ich vor.

    "Und ihr beide seid mittendrin", lächelte Lisa.

    "Ja!", rief Nereida aus und tanzte vor uns vor Freude auf dem Bürgersteig.

    Oksana tanzte mit Nereida zusammen.

    "Euren Tanz kenne ich doch", rätselte ich.

    Oksana und Nereida grinsten.

    "Den hab ich schon mal gesehen", sagte Lisa. "Jetzt hab ich's: Es ist der R-Wi-Begrüßungstanz!"

    "Richtig, Lisa!", strahlte Nereida und umarmte sie.

    "Nereida hat ihn mir beigebracht", lächelte Oksana.

    "Wie schön!"

    Wir spazierten alle zum Turnvater-Jahn-Platz und sprachen dabei übers Turnen und Tanzen.

    "Und habt ihr denn schon Ballettkleidung gekauft?", fragte ich.

    "Ich habe ja eigentlich noch genügend", meinte Oksana,

    "nur Nereida braucht noch ein paar Sachen."

    "Darum sind wir ja auch hergekommen", lächelte Nereida.

    Oksana und Nereida berichteten von ihrem Kauf in Lauras Lycra Laden.

    "Klasse! Darauf freue ich mich schon", meinte Lisa.


    Wir hatten die Schlossstraße erreicht, und kurz darauf auch Lauras Lycra Laden.

    Zwei Leute, ein Vater mit seiner Tochter, kamen gut gelaunt aus dem Laden. Die Kleine, etwa sechs Jahre, lachte uns an und tänzelte vor uns. Was Nereida so beglückte, dass sie gleich mittanzte. Auch der Vater tänzelte dazu, ebenso wir alle.

    Das Mädchen blieb dann stehen und fragte neugierig Nereida: "Wer bist du?"

    Nereida drehte sich einmal elegant um sich selbst und antwortete: "Ich bin Nereida, die galaktische Fee."

    "Bist du wirklich eine Fee, Tante Nereida?"

    "Aber ja, ich bin eine echte Fee! Eine Tanzfee."

    "Zeig es mir!"

    Nereida drehte sich nochmal grazil um sich selbst, schwang ihre Arme geheimnisvoll magisch anmutend und lächelte bezaubernd. Das Mädchen war beeindruckt.

    "Toll! Was machst du?"

    "Ich komme auf die Erde und bringe dir die Freude am Tanzen. Und wie heißt du denn?"

    "Nina. Und das ist mein Papa."

    Der Angesprochene lächelte. "Hallo Nereida, ich heiße Frederik. Nina möchte Ballett tanzen, und wir haben ihr ein Tanztrikot gekauft."

    "Wie schön, Frederik! Freust du dich schon, Nina?"

    "Ja Tante Nereida, ganz doll. Ich tanze mit meiner Freundin Jasmin zusammen Ballett! Nächste Woche!"

    "Und wo tanzt du?"

    Nina war ratlos. Ihr Vater flüsterte ihr zu: "In der Ballettschule beim Stadttheater."

    "Beim Stadttheater!" rief sie laut.

    "Da tanze ich auch, mit meiner Freundin Oksana!". Nereida wies auf Oksana. Die lächelte und winkte.

    Die Kleine kicherte verzückt. Ihr Vater deutete an, weiter zu gehen.

    "Und ich möchte mir auch Ballettkleidung kaufen, Nina. Ich bin Balletttänzerin beim Stadttheater. Vielleicht sehen wir uns dort beim Tanzen ja mal wieder. Viel Spaß!"

    "Jaaaa", rief Nina beim Abschied freudig. Wir winkten ihr hinterher.


    Nereida war gerührt.

    "Ich habe an die Zeit gedacht, als ich so klein wie Nina war. Da habe ich auch tanzen gelernt."

    "Aber du konntest doch vorher schon tanzen?" fragte Lisa.

    "Ja, Lisa, tanzen konnte ich schon vorher, das können alle kleinen R-Wi-i vom Tag der Geburt an. Ich meine damit aber richtig und ernsthaft tanzen lernen. Und da kam auch eine Freundin von mir mit, Perenda. Wir zwei hatten viel Spaß miteinander. Und heutzutage arbeiten wir zwei sogar zusammen."


    Nereida tänzelte, seufzte "Ach Perenda" und versank in Gedanken, mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie dachte an ihre langjährige Freundin Perenda.

    Nereida: Perenda Iviria, hier Scherata Nereida. R-Wi-alo!

    Perenda: R-Wi-alo Nereida! Schön, dass du an mich denkst. Was machst du gerade?

    Nereida: Ich hatte hier gerade ein kleines sechsjähriges Erdenmädchen getroffen, es will mit seiner Freundin Ballett tanzen lernen. Da dachte ich mit Freude an uns zwei, als wir so klein waren.

    Perenda: Oh ja Nereida, das waren schöne Zeiten! So lange sind wir schon Freundinnen!

    Nereida: Genau! Und ich habe da gerade an dich gedacht.

    Perenda: Danke Nereida, das ist sehr lieb von dir.

    Nereida: Gern geschehen. Ich bin hier übrigens mit drei Freunden von der Erde unterwegs.

    Perenda: Viel Spaß wünsche ich euch dann noch.

    Nereida: Danke, dir auch!

    Perenda: Hauduh Nereida!

    Nereida: Hauduh Perenda!


    Nereida strahlte die ganze Zeit, ihre Augen waren zu. Irgendwann schaute auf.

    "Hey Nereida, du warst in Gedanken versunken", meinte ich.

    "Oh pardon, ja, Ingo, das stimmt. Ich dachte an meine langjährige Freundin Perenda. Ich erzählte ihr von Nina und wir erinnerten uns an unsere Kindheit, wie wir getanzt hatten."

    "Das ist doch klasse, Nereida. Wollen wir nun Laura besuchen?" fragte Oksana.

    "Natürlich, liebe Oksana."


    Wir vier betraten den Laden.

    Nereida und Oksana gingen voran. Als Laura die beiden sah, erkannte sie sie und kam uns entgegen: "Hallo Nereida, hallo Oksana, schön, dass ihr wiederkommt."

    Laura trug übrigens ein schwarzes ärmelloses Lycratrikot über einer weißen Strumpfhose und ein rotes Top mit langen Ärmeln. Sie hatte Ballettschläppchen an.

    "Ja, das haben wir ja versprochen. Das sind übrigens unsere Freunde Lisa und Ingo."

    Wir begrüßten Laura.

    "Laura, du bist ja in Ballettkleidung hier?" bemerkte Nereida.

    "Oh, ja, das habe ich euch zu verdanken."

    "Wieso?" Oksana war neugierig.

    "Ihr beide und Irina hattet mir doch vor einigen Tagen diese Ballettstunde gegeben. Und ich hatte mein Trikot und die Strumpfhose an dem Tag noch anbehalten, als ihr wieder weg wart."

    "Und was ist da passiert?" fragte Oksana mit Interesse.

    Laura berichtete uns von ihrem Erfolg, den sie bei den nachfolgenden Kunden hatte, was auf ihre Kleidung und ihr Vortanzen zurückzuführen war.

    "Oh, das ist ja super, du hast die Tanzfreude an andere Leute weiter gegeben." Nereidas Augen leuchteten. Laura strahlte.

    "Genau, das freut mich auch. Wie kann ich euch heute helfen?"

    Oksana antwortete: "Wir brauchen ein paar weiße und hautfarbene Ballettstrumpfhosen und Schläppchen für Nereida. Und Strumpfhosen auch für mich."

    "Und wir stöbern mal", meinte Lisa.

    "Sehr gern. Sucht euch was schönes aus. Ich hole die Strumpfhosen und die Schläppchen.

    Nereida, stell dich mal kurz so hier hin, dass ich deine Beine sehe."

    Die galaktische Tanzfee stellte sich in Positur, hob ihr Kleid an; Laura guckte sie konzentriert an, zog eine Schublade auf, wühlte darin und holte ein paar Strumpfhosen heraus.

    "Die müsste dir passen, probier mal eine hiervon an."

    Nereida ging in die Kabine, assistiert von Oksana und Laura.

    Sie zog die Strumpfhose an, es passte genau. "Ja, Laura, die passt!"

    "Und die Schläppchen noch."

    Nereida zog sie an, nur mit den Bändern kam sie noch nicht klar. Ihre Freundin Oksana half ihr bereitwillig dabei.

    "Tanz doch mal damit", forderte Laura sie auf.

    Das war für Nereida ein Freibrief, erst mal zwei Minuten lang zu tanzen.

    Oksana grinste. Laura guckte verblüfft, grinste dann aber auch.

    "Die sind gut, Laura, die nehme ich. Drei Paar Schläppchen und vier Strumpfhosen bitte."

    Laura lächelte.

    Oksana und Lisa fragten auch nach Strumpfhosen. Oksana hatte dieselbe Größe wie Nereida, nur Lisa brauchte größere Strumpfhosen. Und Lisa wollte auch Strumpfhosen mit Glanz, während Nereida und Oksana die schlichten Strumpfhosen fürs Ballett wählten.

    Aber das war kein Problem, Laura hatte auch die vorrätig.

    Die Ladeninhaberin kümmerte sich um Lisa, Oksana und Nereida.

    Ich durchstöberte währenddessen den Inhalt der Kleiderständer. Röcke und Kleider gab es zuhauf. Tops in allen Formen und Farben, Hosen in verschiedenen Längen und Farben, in Regalen lagen Schuhe als Ballettschuhe mit ganzer oder geteilter Sohle und andere Tanzschuhe.

    Schminkutensilien wie Streuglitzer, Haarspray, Schminke oder Puder gab es ebenso wie Sachen zum Selbernähen wie Pailletten und Strasssteine.

    Weitere Accessoires wie Beinwärmer oder Knöchelwärmer warteten auch auf Käufer.

    Ich schaute bei den Bodys. Leider gab es sie nur bis Größe 40-42.

    Daneben stand ein kleines Regal mit Prospekten und Faltblättern. Ich schaute genauer dorthin, um zu ergründen, worum es da geht.


    "Hallo Ingo, kann ich helfen?" erklang Lauras Stimme hinter mir. Ich drehte mich um.

    Sie stand da in ihrem glänzenden Trikot mit Strumpfhose und lächelte mich an.

    So nah stand sie noch nie vor mir. Soviel Glanz! Und ihre Rundungen erst! Sie lenkte mich spürbar ab, ich musste erstmal meine Gedanken sammeln.

    "Ähm... ich interessiere mich für die Bodys, nur sind sie zu klein."

    Die anderen Frauen wurden auf mich aufmerksam und drehten sich zu mir und Laura um.

    "Die Bodys an diesem Kleiderständer sind wirklich zu klein für dich. Aber ich glaube, ich kann dir trotzdem helfen."

    Ich wunderte mich, dass sich Laura gar nicht über meinen Wunsch wunderte. Schließlich fragte ein Mann sie nach einem Ballettbody.

    Lisa, Oksana und Nereida, alle wieder in Straßenkleidung, kamen neugierig näher.

    Laura ging in eine Ecke und meinte: "Das wird dir bestimmt passen."

    Ich folgte ihr, die anderen ebenso.

    Da stand ein Kleiderständer, den ich vorhin noch nicht gesehen hatte. Mit Langarm-Turnanzügen!

    "Es gibt eine Laientanzgruppe in Großtupfingen, die solche Bodys kaufen. Das sind alles, sagen wir mal, gewichtigere Frauen. Die Bodys sind übrigens von dem französischen Hersteller Vicard, der solche Größen fertigt."

    Ich durchstöberte den Kleiderständer. Die Anzüge fürs Ballett waren eher schlicht gehalten, hatten fast alle nur eine schlichte unaufdringliche Farbe statt bunt wie die Anzüge fürs Kunstturnen. Die Farben der Ballettanzüge waren meist Weiß oder Schwarz. Ein paar wenige gab es auch in Lila oder Rosa. Aber alle waren wie gesagt nur einfarbig. Und vom Hersteller Vicard.

    Einige Anzüge hatten eine Raffung am Brustbereich, was ich nicht so mag.

    Ich zog einen schwarzen Lycraanzug heraus. Er hatte lange Ärmel und einen runden Halsausschnitt. Beim Blick auf das Etikett lächelte ich noch mehr. Er war in meiner Größe, und auch der Preis war angenehm. Es handelte sich um den Anzug namens "Empire".

    "Zieh den doch mal an, Schatz", zwinkerte Lisa mir zu.

    Nereida und Oksana ermutigten mich ebenfalls. Ich gab nach.

    Ich ging mit dem Anzug in die Umkleidekabine. Das war mal was ganz Neues. Bisher hatte ich mir meine wenigen Turnanzüge immer diskret im Internet bestellt, aber nun waren vier Frauen dabei und warteten auf mich. Ich entledigte mich meiner Kleidung bis auf eine Unterhose.

    Als ich den Body anzog und der Stoff an meinem Körper entlang strich, kribbelte es wieder. Ich mochte das gern. Und den Glanz erst. Der Spiegel gab ihn eindrucksvoll wieder.

    So trat ich heraus und lächelte.

    Nereida kam auf mich zu und meinte begeistert: "Klasse, Ingo, der Anzug passt dir."

    "Dreh dich mal."

    Anerkennende Worte kamen von den vieren.

    Der Turnanzug passte wirklich bestens.

    Ich fühlte mich gut.

    Bis Nereida dann anmerkte: "Und nun brauchst du dazu noch eine Strumpfhose und Schläppchen."

    Strumpfhosen? Oh je.

    "Dann bist du ein vollständiger Tänzer", zwinkerte Oksana mir zu.

    "Geht das denn?" fragte ich etwas bang.

    "Aber ja", meinte Laura. Sie zog los und kam mit den gewünschten Sachen zurück.

    "Kann ich das denn tragen, als Mann?" Ich fühlte mich nicht ganz wohl dabei.

    "Ja, klar", meinte Laura, "zieh sie doch mal an, Ingo. Den Body musst du aber vorher ausziehen."

    Puh. Ich ging zurück in die Umkleidekabine und zog den Anzug schnell wieder aus.

    Nun die Strumpfhose. Sie war schwarz und matt.

    Das war ein vertracktes Ding. Ich hatte meine Not damit.

    "Kann mir mal eine von euch helfen? Ich bekomme sie nicht richtig angezogen."

    Oksana stand am nächsten zu mir. Sie, die Balletttänzerin, zeigte mir profihaft, wie ich es richtig mache.

    "Erst einmal müssen deine Finger- und Fußnägel kurz und stumpf sein, das scheint der Fall zu sein. Ansonsten könntest du dir Löcher in die Strumpfhose reißen.

    Setz dich auf einen Hocker oder Stuhl.

    Roll die Strumpfhose links auf."

    Oksana führte es mir vor, ich machte es ihr dann nach.

    "Streif sie über deinen linken Fuß und roll sie ab, erstmal nur über den Fuß.

    Richte sie so aus, so dass sie mit der vorgefertigten Ferse über deine Ferse gleitet."

    Ich richtete mich nach Oksanas Anweisungen. Natürlich muss der vorgefertigte Fuß der Strumpfhose mit meinem Fuß passgenau übereinstimmen. Oksana schaute prüfend.

    "So ist es gut. Nun ziehe sie hoch bis zum Knie.

    Richte sie so aus, dass sie am Fuß und Unterschenkel gut sitzt. Und recke sie zum Knie. Keine Bange, die reißt nicht. Wichtig ist, dass sie unten gut sitzt."

    Das also war mein Fehler von vorhin, dass ich sie auf halber Strecke nicht gerichtet und ausgereckt habe! Nun richtete ich die Strumpfhose und sie saß unten gut.

    "Nun mach dasselbe für den anderen Fuß."

    Ich rollte die rechte Seite auf, streifte sie über den anderen Fuß, richtete sie, rollte sie weiter zum Knie ab und richtete und streckte sie.

    "Sitzt sie unten gut? Ja? Dann steh auf, rolle sie weiter ab und ziehe sie nach oben zur Hüfte, beide Seiten."

    Ich stand auf, rollte ab und zog weiter. Es kribbelte wieder. Es fühlte sich gut an!

    "Und richte sie noch ein bisschen."

    Ich hatte es geschafft. Ich stand in einer schwarzen Ballett-Strumpfhose!

    "Und nun zieh deinen Ballettanzug wieder an."

    Darin hatte ich ja schon Übung. Der schwarze Vicard-Body glitt schmeichelnd über meinen Oberkörper und die Arme. Schönes Gefühl!

    Laura holte inzwischen das Paar Ballettschuhe hervor. "Probier mal an."

    Es waren schwarze Lederschuhe mit durchgehender Sohle. Ich betrachtete sie genauer.

    Einen angenehmen Geruch nahm ich wahr.

    Ich zog sie an. Eigenwilliges Gefühl, wenn das Gummi den Schuh an deinem Fuß festklammert.

    "Toll, Ingo! Und nun steh mal auf und schau in den Spiegel", lächelte Laura.

    "Oh Ingo, du siehst toll aus, wie ein echter Balletttänzer!" strahlte Nereida.

    "Ja, so bist du perfekt gekleidet und könntest sofort loslegen mit Tanzen", lobte mich Oksana.

    "Klasse, Schatz!" Lisa umarmte mich.

    Ich sah in den Spiegel.

    Ein ungewohnter Anblick. Der Mann im Spiegel könnte wirklich ein Balletttänzer sein. Nur dass ich das war!

    Laura kam zu mir: "Und wie fühlst du dich, Ingo?"

    "Es ist ungewohnt. Die Strumpfhose fühlt sich etwas anders an als eine Leggings."

    "Das liegt an der Verarbeitung und am Material", erklärte sie.

    "Und sehen männliche Tänzer wirklich so aus, Oksana?"

    "Ja. Sie tragen auch Strumpfhosen und einen Body. Der muss allerdings nicht immer langärmlig sein."

    "Und tanz doch mal, Ingo", forderte Nereida mich auf.

    "Oje, ich kann gar kein Ballett tanzen. Ich weiß nicht, wie die Schritte gehen."

    Oksana kam dazwischen. "Nereida, lass Ingo mal heute lieber sein."

    "Wieso?" Nereida war verblüfft.

    "Ingo ist erstens nicht aufgewärmt und zweitens ungeübt. Dazu brauchen wir mehr Zeit. Bei mir und bei dir ist das etwas anderes. Wir sind zwar geübt, naja, aber aufwärmen müssen auch wir uns", erklärte Oksana.

    "Oksana, wir können ja mal bei dir zu Hause üben", schlug Lisa vor, "da haben wir mehr Zeit als hier."

    "Schöner Vorschlag, das können wir gerne machen, ich habe ja auch eine Ballettstange und Spiegel daheim."

    "Oh ja, Oksana, das machen wir."

    "Oksana und ich helfen dir und Ingo gerne dabei", meinte Nereida begeistert.

    "Darauf freue ich mich schon."

    "Aber Lisa, dann brauchst du ja auch Ballettschuhe", meinte ich.

    "Stimmt."

    "Ich hätte da noch ein paar schicke Ballettschuhe für dich, Lisa. In Schwarz, Weiß oder Rosa, was du möchtest", lächelte Laura.

    "Ja, Laura, hol doch bitte mal welche in Rosa."

    "Sehr gern."

    Laura wühlte kurz in ihrem Bestand, und holte für Lisa die gewünschten Schuhe.

    Lisa probierte sie an, machte ein paar Schritte und war begeistert:

    "Sie passen, Laura! Wie machst du das bloß?"

    "Ich habe im Lauf der Zeit den gewissen Blick entwickelt, was meinen Kunden passen könnte."

    "Super, auf Anhieb die richtigen Schuhe!"

    Laura lächelte.

    Oksana dachte an den Aufbruch. "Dann lasst uns zahlen, denn wir möchten noch weiter bummeln. Ingo, du solltest dich wieder umziehen."

    Ich war etwas enttäuscht. "Och schade, Oksana. Ich hatte mich gerade an diese schöne Kleidung gewöhnt."

    "Ach Oksana, lass Ingo die Sachen doch einfach anbehalten", bat Nereida.

    "Lieber nicht, damit die Schuhe und die anderen Sachen sauber bleiben. Und die Leute würden alle Ingo angucken."

    Nereida und ich sahen ein, dass Oksana recht hatte. So zog ich mich wieder um.

    Wir alle bezahlten unsere Sachen und verabschiedeten uns von Laura, die uns für die schöne Zeit dankte.

    Frohgemut traten wir wieder nach draußen ins Freie.




    Zu Kap. 69

    :) Desi-Badeanzug-HP und Nereida Drei auf desi.tervara.de :)

  • Was Xeni und Börni angeht: Niemand will dich drängen. Schließlich ist es deine Geschichte und die Dramaturgie und Abfolge was wann passiert ist alleine dir überlassen. Lass dir Zeit und lass dich nicht drängen.


    Das neue Kapitel gefällt mir sehr gut. Wenn es um die Atmosphäre in einem Ballettladen geht, wünscht sich jeder Fetischist eine detailreiche Verfilmung.

    Lustig, wie die naive Nereida zu beginn den Nagel auf den Kopf trifft. "Fahrzeuge sind eher Stehzeuge." Bin mal gespannt ob bei meinem nächsten Stau Leute aussteigen und beginnen zu tanzen. ;)


    Dass Nereida andere zum tanzen und turnen animiert, müsste sich eigentlich positiv auf Lauras Umsatz auswirken.

    Der arme Ingo. Durch Nereidas unbekümmerte Art muss (darf) er Strumpfhosen und Schläppchen über sich ergehen lassen (übrigens gut beschrieben, auch dass Laura als Fachfrau einen geschulten Blick dafür hat was passt und was nicht)


    Noch einen Blick in die Glaskugel:

    Irgendwann in ferner Zukunft gibt es bestimmt mal eine Ballettaufführung an der auch der Nachwuchs des Staatstheaters teilnimmt. Also ein Wiedersehen mit der kleinen Nina.

  • Neues Dosiersystem am Gotthard: Bei Stau müssen Im Warteraum alle vortanzen, eine Jury entscheidet, wer schon geübt genug ist und "tunneln" darf, Kleidung wird natürlich in der Stilnote berücksichtigt, der Tanzstil ist sonst frei.

    N2 - die gächste Tanzfläche der Welt.

    (Zum Glück gibts für komplette Nichttänzer wie z.B. mich noch zwei Alternativen!)

    Apropos freier Tanzstil: Mich würde Nereidas Reaktion interessieren, wenn sie so richtig wilde Breakdance-Strassenkünstler sieht.

  • Danke euch allen für die netten Kommentare! Kapitel 68 gibt es auch auf http://desi.tervara.de/indexgener.htm


    Martin

    Bei der Beschreibung von Lauras Lycra Laden hatte ich den ehemaligen Kieler Ballettladen Dance Plus vor Augen.

    Dort habe ich ein paar AGIVAs bestellt. Den Vicard Empire habe ich auch, aber im Internet bestellt. Und ich weiß, dass es ihn auch in großen Größen gibt, die Ingo ja braucht.


    lycwolf

    Kommt Zeit, kommt Xeni und Börni, jaja. Sie werden kommen.

    Nereidas Kommentar über den Stau auf der Autobahn fiel mir erst relativ spät ein. Aber er war ja ziemlich effektvoll. Die Turnfee wird auch im nächsten Kapitel wieder mit "modernen" Dingen konfrontiert. Sie ist halt in der großen Stadt, wo viel passiert.

    Übrigens, manchmal wünsche ich mir mal in deine Glaskugel zu schauen. Da könnte ich ja mal nach Dingen fahnden, die ich noch gar nicht geschrieben habe.

    Sei gewiss, ich habe die kleine Nina nicht ohne Grund erwähnt...


    ValCurasca

    Deine Tanzprüfung vorm Gotthard-Strassentunnel könnte eine gute Methode sein, um festzustellen, wer zuerst tunneln darf.

    Wobei - es gibt doch den neuen Gotthard-Basis-Tunnel. In den Zügen könnten ja auch Tanzwaggons angehängt werden. So durchquert man bequem und tanzend mit der Bahn die 57 km. Übrigens: Hut ab vor den Schweizer Tunnelkonstrukteuren! Das hat mich wirklich beeindruckt.

    Breakdance und Nereida... dazu müsste ich Kap. 69 umschreiben...

    Eine Sache musst du mir erklären, was ist N2 ? Ein Tanzlokal? Du meinst nicht N3 (Nereida Drei), oder?


    Es ist ein heißer Samstag. Das bekommen auch unsere vier Stadtbesucher zu spüren. In Kapitel 69 geht es weiter mit den vieren, wie sie durch Grosstupfingen ziehen.

    :) Desi-Badeanzug-HP und Nereida Drei auf desi.tervara.de :)

  • Kap. 69: Nereida, Ingo und die Badeanzüge


    Aus Ingos Sicht.


    Es war inzwischen Mittag geworden, als wir Lauras Lycra Laden verließen.

    Nereida, Oksana, Lisa und ich passierten die Wasserspiele am Schloss, kehrten dann in einem Straßencafé ein, verzehrten etwas und plauderten miteinander.


    Die Sonne schien recht kräftig, es war sehr warm. Meine Jacke mitzunehmen war doch eine schlechte Idee, ich musste sie ausziehen.

    "Puh, wie heiß", stöhnte Oksana, "das richtige Wetter, um baden zu gehen. Passt schon mal gut fürs Freibad morgen."

    "Das finde ich auch", meinte Lisa. Ich stimmte ihr zu.


    Nereida schaute uns verlegen an. "Was ist denn Baden?"


    Da wurde uns allen wieder bewusst, dass Nereida ja nicht von der Erde stammte.


    "Liebe Turnfee, Baden heißt, dass wir in einen See gehen, dort schwimmen und plantschen und uns darüber freuen und das genießen", erklärte Oksana.


    Nereidas ratloser Gesichtsausdruck gab uns zu verstehen, dass sie das nicht kapiert hatte.

    "Was ist schwimmen und plantschen?"


    Wir erklärten ihr das und sie versuchte das nachzuvollziehen.

    "Achso, Baden oder Plantschen heißt, ihr geht in eine große Menge von Wasser und spritzt damit und freut euch darüber?"


    Ich versuchte mich in Nereidas Lage zu versetzen und stellte fest, dass es für sie wirklich nicht einfach ist zu verstehen, was Baden ist und warum die Menschen es tun.


    "Ja, Nereida. So in etwa. Es ist ein schöner Spaß."


    "Dann können wir das ja gleich mal tun. Dort ist ja genügend Wasser."

    Sie deutete auf die Wasserspiele.


    "Oh nein, das macht man nicht", entgegnete ich, "dafür gibt es ganz spezielle Orte wie Freibäder, Hallenbäder oder Badeseen."


    "Dann lasst uns doch jetzt zu diesen Orten gehen."


    "Aber du hast ja gar keine Badekleidung", warf Lisa ein.


    Nereida war erstaunt. "Man braucht Badekleidung?"


    "Ja. So wie du fürs Turnen oder Tanzen einen Turnanzug oder Ballettanzug benötigst, so brauchst du fürs Baden einen Badeanzug. Oder ein Badekleid."


    "Das habe ich nicht gewusst, Lisa. Habe ich denn einen Badeanzug, Oksana?"


    "Nein, meine liebe Turnfee. Aber das können wir ändern."


    "Ute sagte aber bei der TuFiTa, wer keinen Badeanzug hat, kann auch einen Turnanzug mitbringen."


    Lisa antwortete: "Das geht zur Not auch, aber ein Badeanzug ist für den Gebrauch im Wasser des Freibads besser geeignet als ein Turnanzug. Es gibt zwar auch Leute, die anderer Meinung sind, aber im Allgemeinen tragen wir zum Baden einen Badeanzug. Man kann auch einen Bikini anziehen."


    "Was ist das?"


    "Ein Bikini ist eine zweiteilige Badekleidung, bestehend aus Brustteil und Höschen", erklärte Lisa.


    "Das ist nichts für Nereida. Sie soll lieber einen Badeanzug kaufen. Der passt besser zu ihr", ging Oksana dazwischen.


    Wir wunderten uns. Niemand widersprach ihr. Nereida hat doch eine tolle Figur, da würde ihr doch auch ein Bikini sehr gut stehen. Dann kam ich drauf. Es war wohl eher so, dass Oksana nicht wollte, dass womöglich andere Leute Nereida angraben könnten. Sie war wohl eifersüchtig, wollte die Turnfee für sich behalten.

    Dass es in Wirklichkeit einen ganz anderen Grund dafür gab, ahnte ich in diesem Moment noch nicht.


    Nereida schaute verschüchtert zu Oksana, hörte dann auf ihre Geliebte.

    "Und woher bekommt man denn so einen Badeanzug?" fragte sie.


    Oksana antwortete: "Im Sportgeschäft. Wir sind ja hier in der großen Stadt, da können wir mit dir gleich dorthin gehen und wir suchen zusammen einen Badeanzug für dich aus. Wir brauchen ja sowieso einen für dich, fürs Freibad."


    "Au ja, lasst uns gehen."


    Wir marschierten zusammen schwitzend durch die Stadt. Die Hitze war wirklich sehr präsent.


    Beiläufig erwähnte ich: "Ich habe auch keinen Badeanzug."


    "Schatz, dann suchen wir zusammen auch für dich einen Badeanzug aus."


    Ui, nochmal eine Anprobe heute. Bei Laura war das ja alles familiärer, aber wie wird das denn im Kaufhaus sein?


    Wir betraten ein großes Kaufhaus.

    Nereida schaute sich erstaunt um.

    "Hey, wie ist dieses Haus groß! Und das hier kann man alles kaufen?"

    "Ja, Nereida. Wenn man genügend Geld hat", sagte ich.


    Die galaktische Turnfee seufzte. Warum die Menschen soviel Wert auf Geld legten, war ihr immer noch unverständlich. Ihre Welt hatte ganz andere Werte. Manchmal dachte sie öfter daran, wenn das Thema Geld fiel, mit Oksana einfach nach R-Wi zu ziehen, wo alles freizügig und vorbehaltlos war, wo es kein Geld gab.

    Während sie durch die Gänge zog, kehrten ihre Gedanken wieder in die Gegenwart zurück.


    Etwas erregte ihre Aufmerksamkeit. Nereida erspähte ein lang gezogenes Lebewesen, auf denen einige Menschen ritten. "Was ist das?"

    "Das ist eine Rolltreppe. Damit können wir mühelos zu anderen Stockwerken gelangen", erklärte Lisa.

    "Um zu den Badeanzügen zu kommen, müssen wir damit in den ersten Stock fahren", sagte ich.

    Nereida ging neugierig näher.

    Schließlich standen wir am unteren Anfang der Rolltreppe.

    "Ich kenne das nicht, wie macht man das?"

    "Stell dich auf eine Stufe und halte dich am Handlauf fest. Dann bleibe stehen. Ich mache es dir vor", sagte Oksana und ging auf die Rolltreppe.

    Nereida beobachtete sie, sprang dann selber auf eine Stufe und hielt sich am Handlauf fest. Die Treppe zog sie hinauf.

    "Das ist ja ein seltsames Gefühl! Eine Treppe, die sich bewegt!"

    Ich folgte ihr, hinter mir kam Lisa.


    Nereida schaute über die Rolltreppe hinweg nach unten, hinab bis ins Kellergeschoss.


    Auf einmal wurde sie kalkweiß im Gesicht, ihr Mund geöffnet, ihre Augen starrten angsterfüllt in die Ferne, sie hielt sich krampfhaft fest. Ich schaltete sofort.

    "Nereida, schau auf die Treppenstufen hier oben! Oksana! Nereida hat Höhenangst!"

    Oksana drehte sich rasch um und reichte Nereida ihre Hand. "Guck zu mir, liebe Freundin!"

    Ich ging zwei Stufen höher, zu ihr, hielt Nereida.

    "Ich halte dich, Nereida, dir passiert nichts! Schau zu Oksana."

    Nereida drehte ihr Gesicht langsam Richtung Stufen und zitterte. Ihre Hände krallten sich immer noch in den Handlauf.

    "Wir kommen gleich oben an, Nereida! Komm zu mir!" rief Oksana und verließ die Rolltreppe.

    "Nereida, lass los und lauf zu mir!"

    Sie blickte Oksana an, rannte los, Oksana direkt in die Arme. "Wie furchtbar, bloß weg hier!", rief sie entsetzt.

    Oksana zog sie weiter von der Rolltreppe weg.

    Zum Glück hatten die Kaufhausbetreiber ein paar Sessel für Kunden zum Ausruhen an den Gang gestellt. Dort ließen wir uns nieder.

    Oksana tröstete ihre Freundin, die immer noch unter Schock stand.

    "Es war so schrecklich hoch, ich hatte eine Riesenfurcht, herunter zu fallen!"

    "Hier bist du in Sicherheit. Atme gleichmäßig, das entspannt dich."

    Wir gaben ihr Beistand.


    Ein paar Minuten vergingen. Nereida beruhigte sich allmählich wieder.


    "Wollen wir jetzt zu den Badeanzügen, Nereida?" fragte ich.

    "Ja", antwortete sie, schon wieder zuversichtlicher.

    Wir gelangten zur Sportabteilung.

    Es war mäßiger Betrieb, ein paar andere Frauen stöberten in den Reihen und einige waren in den Umkleidekabinen.

    Oksana ging voran. "Guck mal Nereida, hier sind die Badeanzüge."

    Nereida stöberte ein bisschen. "Die sehen ja irgendwie ähnlich aus wie Ballettanzüge, nur ohne Ärmel. Wobei ich bei Laura auch viele Anzüge ohne Ärmel gesehen hatte."

    "Im gewissen Sinne hast du recht, Nereida, nur sind Badeanzüge speziell für die Benutzung im Wasser hergestellt. Und sie halten auch Bestrahlung durch Sonnenlicht besser aus."

    "Ach so ist das, Oksana."

    Nereida schaute sich um. Kein Personal in Sicht.

    "Ähm, gibt es hier eine Beraterin wie Laura, oder?"

    Oksana grinste. "In so großen Läden gibt es wenig oder kaum Berater. Dafür ist die Ware billiger. Aber du hast ja mich und Lisa als Beraterinnen."

    "Stimmt. Jedenfalls sehe ich hier sehr viele Reihen mit Badeanzügen, wie soll ich mich denn da zurecht finden?"

    "Da wir uns in den Badeanzügen viel bewegen werden, schlage ich vor, einen Sportbadeanzug zu nehmen."

    "Ich habe sie schon gefunden", rief Lisa, "hier hinten sind sie."

    Wir folgten Lisa.

    "Nereida, schau erst mal nach deiner Größe. Und Ingo, du auch", sagte sie.

    Nereida war ratlos. "Was ist meine Größe?"

    Oksana antwortete ihr:

    "Du hast 38, wie ich. Und Ingo, schau nach 44."

    Nereida stöberte mit Oksana und ich mit Lisa an der Stange, an der die Badeanzüge aufgehängt waren.


    Wir nahmen uns je drei Badeanzüge heraus und gingen zu den Umkleidekabinen.


    Mein erster war mir zu klein in der Höhe, was Lisa bemängelte. Außerdem hatte er ein bisschen zu viel Rot für meinen Geschmack. Der zweite saß am Gesäß nicht gut, das Muster gefiel mir auch nicht bei genauer Betrachtung. Der dritte überzeugte mich. Er saß überall gut, war schwarz mit grünfarbigen Querstreifen auf der Frontseite. Im Rücken hatte er gekreuzte Träger.


    Das Gefühl, überall straff eingepackt zu sein, war etwas ganz Besonderes! Ich erschauderte. Dass so ein herrlich enges Gefühl am Oberkörper laut Gesellschaft eigentlich nur den Frauen vorbehalten sein sollte, empfand ich schon fast als Diskriminierung der Männer! Her mit der Gleichberechtigung! Ich fühlte mich pudelwohl in meinem Badeanzug. Das war der Badeanzug, den ich haben wollte!


    Auch Lisa fand meine Wahl überzeugend. Sie ließ mich in allen drei Anzügen verschiedene Bewegungen machen. Kein schmerzvolles Zwängen, Kneifen, Zwicken. Sie brachte mir bei, dass man den Badeanzug auf Herz und Nieren testen muss, und wenn er dann immer noch passt, ist er optimal. Das Testen ist halt im Kaufhaus am besten durchzuführen.


    Nereida brauchte etwas länger. Ihre drei gewählten Badeanzüge passten sogar alle, nur konnte sie sich schwer für einen entscheiden. Für alle drei fehlte ihnen das Geld, bei ca. 50 Euro pro Badeanzug.

    Schließlich hatte sie sich einen recht bunten Badeanzug ausgesucht.

    Vom Schnitt ähnelte er meinem Badeanzug, nur war ihrer farbenfroher, mit einem riesengroßen roten Sonnendruck links und waagerechte farbige Streifen über blauem Grund, die nach rechts von der Sonne ausgingen.


    Da der Spiegel in der Kabine nicht besonders groß und vor den Kabinen ein mannshoher Spiegel war, trat ich heraus, betrachtete mich in dem großen Spiegel.

    Der neue Badeanzug hielt auch Oksanas und Lisas prüfenden Blicken stand. Nereida im bunten Badeanzug gefiel mein Modell auch.


    "Hey Ingo, bist du das? Hut ab!"


    Das Lob kam aber weder von Oksana noch von Lisa oder Nereida. Die Stimme kannte ich, aber von ganz woanders her.

    Wir drehten uns um.

    Die Stimme gehörte Sandra, einer Arbeitskollegin von mir und die Ehefrau meines Skatbruders Torsten, eine mittelgroße üppige Frau mit blonden Haaren. Sie lächelte mich an.

    Eine andere Frau im Badeanzug, die ich nicht kannte, ebenfalls blond und genauso groß wie Sandra, aber schlank, stand neben ihr. Sie hatte gerade einen schwarzen hochgeschlossenen Hydrasuit an und sah Sandra ähnlich, sie war deutlich die sportliche Version von Sandra.


    "Hallo Sandra! Danke!" nahm ich erfreut ihr Kompliment entgegen.


    "Ich bin beeindruckt, Ingo! Entschuldigt bitte, dass wir hier so hereinplatzen! Ich bin übrigens Sandra, Ingos Arbeitskollegin."

    Sandra wies auf die Frau im schwarzen Badeanzug: "Und das ist Fiona, meine Schwester."

    "Hallo allesamt, nett euch kennen zu lernen", sagte Fiona lächelnd.


    Ich machte Lisa, Oksana und Nereida mit Sandra und Fiona bekannt.


    "Dein Badeanzug sieht aber sehr sportlich aus, Fiona", bekannte Lisa.

    "Finde ich auch", stimmte ich zu.


    "Ja danke ihr zwei. Ich gehe zweimal die Woche zum Schwimmen."


    "Hey, ich bin verblüfft. Dann brauchst du ja ein sportliches Modell."

    Fiona nickte.


    Sandra trat auf mich zu.

    "Und magst du mir sagen, warum du einen Badeanzug an hast, Ingo?"


    "Weil er mir gefällt. Ich wollte das schon länger mal ausprobieren. Nereida, Lisa und Oksana haben mich dazu ermuntert."


    "Ohne Frage, der sieht an dir gut aus", lobte mich Sandra.

    Fiona stimmte ihrer Schwester zu. "Und deiner, Nereida, hat ein tolles Muster und schöne Farben."


    "Ja, ich mag ihn auch total gern. Das Richtige für morgen", strahlte die Turnfee.


    "Wir drei wollen morgen ins Freibad Obertupfingen, und Nereida und Ingo weihen dort ihre neuen Badeanzüge ein", meinte Oksana.


    "Wollt ihr morgen ins Freibad mitkommen?" fragte ich die Schwestern.


    Sandra schaute etwas traurig drein: "Wir können leider nicht. Wir würden ja mitkommen, es soll morgen auch schönes Wetter geben."

    Fiona ergänzte: "Und wir würden gerne mit euch schwimmen gehen, aber morgen feiert unsere Mutter Sigrid Geburtstag, da dürfen wir nicht fehlen."


    "Vielleicht klappt es später ja mal", versuchte ich die beiden aufzumuntern.


    "Bestimmt", war Sandra zuversichtlich, "ansonsten bis Montag in der Firma, Ingo. Tschüss ihr alle!"


    Wir verabschiedeten uns voneinander, zogen uns wieder an.

    Sandra und Fiona stöberten noch weiter bei den Reihen mit den Badeanzügen.


    Nereida und ich bezahlten unsere Anzüge. Genau genommen bezahlte ich diesmal Nereidas Badeanzug, da sie immer noch kein Geld hatte. Ich dachte daran, dass Nereida uns ja jedem einen Turnanzug geschenkt hatte, und ich wollte unbedingt, dass sie auch mal was von mir bekommt.


    Wir standen nun allerdings vor dem Problem, wieder ins Erdgeschoss zu kommen. Die Rolltreppe schied als Transportmittel aus, nach dem Debakel von vorhin.


    "Lasst uns den Aufzug nehmen", meinte Lisa leise zu mir.

    War eine gute Idee. Es war zum Glück keiner von diesen verglasten Aufzügen, denn die Fahrkabine war noch altmodisch blickdicht zu allen Seiten.


    "Nereida, wir müssen noch in den kleinen Raum da gehen", überlisteten wir sie.


    "Ja, ich komme gerne mit."


    "Die Tür wird zugehen, und es rüttelt etwas, aber keine Angst, wir sind bei dir."


    Sie entspannte sich.

    Ich verdeckte das Bedienfeld vor Nereidas Blicken. Die Türen schlossen sich, ich drückte unbemerkt auf "EG", und der Aufzug bewegte sich nach unten.

    "Mir wurde eben kurz ganz leicht", wunderte sich Nereida.

    Wir anderen sagten nichts. Ich grinste Lisa verstohlen an.

    Und kurzen Augenblick später: "Nun sacke ich kurz zusammen, was ist das? Warum sind wir eigentlich hier?"

    "Geh mal heraus, wenn die Tür sich öffnet."

    Wir hatten das Erdgeschoss erreicht, die Tür öffnete sich und Nereida ging mit uns hinaus.

    "Huch!", wunderte sie sich, "wir sind ja ganz woanders! Könnt ihr zaubern?"

    Wir lachten. "Nein", sagte ich, "der Raum, in dem wir eben waren, kann hoch- und runterfahren. Man nennt ihn Aufzug, Lift oder Fahrstuhl."

    "Das ist ja praktisch!"

    "Und wir haben damit die Rolltreppe vermieden."

    "Oh, das habt ihr gut gemacht! Ich danke euch, liebe Freunde!"

    Nereida war glücklich.


    Gut gelaunt verließen wir vier das Kaufhaus mit zwei neuen Badeanzügen im Gepäck.




    Zu Kap. 70

    :) Desi-Badeanzug-HP und Nereida Drei auf desi.tervara.de :)

    Einmal editiert, zuletzt von Desi ()

  • Was soll ich sagen? Einfach Klasse!

    Vor allem das Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen, das bereits seit vielen Kapiteln präsent ist und von dir so perfekt ausgearbeitet wird. Nereida appelliert da ständig an meinen Beschützerinstinkt. Das ist es wohl, was sie so liebenswert macht.

    Darüber hinaus gibt es auch jede Menge des geliebten, dehnbaren Stoffs. Dazu eine Begegnung mit neuen Charakteren, die den Schwimmbadbesuch bestimmt bereichern.

    Den kleinen Hinweis von ValCurasca finde ich interessant. Ich selbst weiß noch nicht genau worauf es hinauslaufen könnte. (Hält die Spannung hoch)

  • Liebe Nereida-Freunde,

    freut mich, dass euch die Episode vom Badeanzugkauf gefällt. Ich habe daran auch länger gefeilt.

    Natürlich ist Nereidas Kultur gegenüber unserer Kultur ein wichtiger, wenn nicht sogar der mir wichtigste Aspekt meiner Turnfee-Geschichte.

    Genau wie ihr bin auch ich gerne dabei, wenn die Turnfee unsere Welt kennenlernt. Was ist Baden? Was ist eine Rolltreppe?

    Mir ist es auch wichtig zu zeigen, dass Nereida nicht immer die Über-Strahlefee ist, sondern auch Schwächen hat. Ihre Höhenangst zum Beispiel.

    Und dass liebevolle Menschen in ihrer Nähe sind, die sie auffangen.


    Darüber ist beinahe das Hauptthema von Kap. 69 in den Hintergrund getreten, der Badeanzug-Kauf.


    Ich ließ Lisa sagen: "Das geht zur Not auch, aber ein Badeanzug ist für den Gebrauch im Wasser des Freibads besser geeignet als ein Turnanzug. Es gibt zwar auch Leute, die anderer Meinung sind, aber im Allgemeinen tragen wir zum Baden einen Badeanzug."

    Den blauen Satz mit den Leuten, die anderer Meinung sind, habe ich wegen Martin eingefügt (Du trägst lieber bzw. öfter Turnanzüge als Badeanzüge im Wasser)


    Warum will Oksana verhindern, dass Nereida einen Bikini trägt? Für die Gesamtgeschichte ist es nicht besonders wichtig, es ist lediglich eine kleine Perle zum Bewundern. Wer meint, den Grund gefunden zu haben, kann mir ja über Konversation die Lösung schicken... Ich löse es in Kapitel 71 auf.


    Sandra und Fiona... Noch zwei Schwestern... Ich hab es wohl mit Schwestern... Wenn ich sie erwähne, muss es wohl einen Grund dafür geben. Ihr Aufeinandertreffen mit den vieren gehörte zu den jüngsten Details von Kap. 69.


    Wenn ihr übrigens genau wissen wollt, wie der Badeanzug aussieht, den Ingo gekauft hat, schaut euch mein Weihnachtsgrußbild 2017 an. Das ist er:


    Der Bummel von Nereida, Oksana, Ingo und Lisa in Großtupfingen ist noch nicht vorüber. Kapitel 70 handelt auch davon.

    Es bekommt (höchstwahrscheinlich) den Titel "In der TuGa".


    Höchstwahrscheinlich deshalb, weil ich gerne ein paar Minuten vor Veröffentlichung noch letzte Änderungen am Text (und auch Titel) durchführe...

    :) Desi-Badeanzug-HP und Nereida Drei auf desi.tervara.de :)

  • Kap. 70: In der TuGa


    Aus Ingos Sicht


    Mit unseren Einkäufen von Laura und vom Kaufhaus gingen wir die Einkaufsstraße entlang.


    "Puh, das ist ja immer noch so heiß", japste Oksana, als das hochsommerliche Wetter uns umfing.

    "Finde ich auch", stöhnte Nereida.

    "Das Kaufhaus war angenehmer temperiert", schnaufte Lisa.

    "Das hat ja auch eine Klimaanlage", meinte ich.

    "Wir hätten ja die Badeanzüge gleich anbehalten und hier irgendwo baden können", bemerkte Nereida.

    Wir grinsten.

    "Aber Lisa und ich haben keine Badeanzüge hier", gab Oksana zu bedenken. Das war aber nicht ihr Haupteinwand. Sie dachte an das Aufsehen, was Nereida und vor allem ich erregen würden.

    "Dann geht doch zurück und kauft euch jede einen neuen Badeanzug", schlug die Turnfee vor.

    "Wir haben doch schon zuhause einen Badeanzug. Und wir haben nicht so viel Geld mit", meinte Lisa.

    "Oh, ihr immer mit eurem Geld. Aber wartet mal: Ich kann Geld ertanzen."

    "Liebste Nereida, das ist doch nicht erlaubt", bremste Oksana sie.

    "Ach ja, daran hatte ich nicht mehr gedacht."


    Nereida war nur kurz betrübt, aber dann lachte sie uns an. Denn sie hatte schon eine neue Idee:

    "Ich könnte euch beiden ja je einen Badeanzug ertanzen."

    "Nereida, bitte nicht hier. Hier sieht das jeder", sagte ich zu ihr.

    Sie schaute betreten und fügte sich.


    "Oder lasst uns doch dort links in den Park an den See gehen. Aber vorher müssen wir noch zum Bahnhof, der ist nur fünfzehn Minuten zu Fuß entfernt", meinte ich zu allen.

    "Wieso willst du zum Bahnhof?" fragte Oksana.

    "Ich will unseren Einkauf in ein Schließfach stecken. Es bringt keinen Spaß, die ganzen Sachen durch diese Hitze zu schleppen."

    Lisa, Oksana und Nereida sahen das auch ein. Das mit dem Schleppen.


    "Wartet!"

    Nereida hatte freudestrahlend erneut eine Idee:

    "Ich könnte die Sachen in meine und Oksanas Wohnung tanzen. Ich kann auch einen Verschiebetanz für Gegenstände!"

    Zum Glück hatte uns niemand anderes in den vergangenen fünf Minuten zugehört. Nun begegneten uns wieder mehrere Passanten.

    "Lass mal lieber, Nereida, hier schauen zu viele Leute zu. Du könntest mehr Aufmerksamkeit auf dich ziehen, als dir lieb ist. Es muss hier nicht jeder deine besonderen Fähigkeiten kennen. Es ist besser so, für uns alle", sagte Lisa.


    Der Enthusiasmus der Turnfee erlitt einen deutlichen Dämpfer. Nichts durfte sie. Kein Geld ertanzen, keinen Badeanzug ertanzen, keinen Verschiebetanz für die gekauften Waren durchführen. Sie schmollte und schwieg erstmal.

    Wir setzten unseren Weg fort und ich unterhielt mich mit Lisa und Oksana.

    Nereida trottete still nebenher.


    Nach einiger Zeit brach sie ihr Schweigen und fragte mich dann: "Ingo, was ist denn ein Bahnhof?"

    Ich erklärte ihr in ein paar Sätzen das Wesentliche über Bahnhöfe, Gleise und Züge.

    "Können wir denn mal mit so einem Zug fahren?"

    "Das ist für uns nicht sinnvoll, da kein Zug nach Obertupfingen fährt. Leider. Aber anschauen können wir uns das dennoch."


    Ich grummelte innerlich. Es fuhren nämlich mal Züge nach Obertupfingen. Bis dann in den 80er Jahren allgemeine Streckenstilllegungen stattfanden, die Strecke zwischen Obertupfingen und Großtupfingen ebenso als unrentabel eingestuft und stillgelegt wurde. Was für ein Mist! Ich mag sehr gerne Bahn fahren, und dann so was! Statt 18 Minuten mit dem Zug braucht man nun 30 Minuten mit dem Bus, laut Fahrplan. Und der Bus steht morgens oft im Stau fest. Also nicht 30, sondern 40 bis 45 Minuten... Für Pendler echt blöd. Ich war mal auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen und weiß, wovon ich spreche.

    Aber was solls... Unser Bahnhofsgebäude ist nun zu einer Diskothek umgebaut worden, immerhin trägt sie jetzt den Namen Alter Bahnhof.


    Schnell waren wir am Hauptbahnhof Großtupfingen.

    Nereida staunte über die Menge an Leuten. Wir steckten die vielen Tüten in ein Schließfach. Was für eine Erleichterung!

    Wir gingen durch eine Unterführung, näherten uns einer von vielen Rolltreppen, die zu den Bahnsteigen hoch führten. Ein vorsichtiger Blick von uns.

    "Diese Rolltreppe ist ungefährlich", meinte ich.

    Diesmal ging es gut. Keine großen Höhen. Nereida meisterte die Fahrt mit Bravour.

    "Gut gemacht, liebe Turnfee!" lobte Oksana sie.

    Nereida strahlte.


    Sie staunte über so vieles. Die riesige Bahnhofshalle. Die sechs Bahnsteige. Die Gleise. Die langen Züge.

    Sie bekam mit, wie der Zug an unserem Bahnsteig abfuhr und freute sich wie ein Kind, tanzte auf dem Bahnsteig.

    Zwischen unserem und dem nächsten Bahnsteig lagen mehrere Gleise.

    Ein lautes Rumpeln erscholl von rechts. Ein Güterzug fuhr auf dem mittleren Gleis hindurch. Ich erklärte das Nereida.

    "Hey, so viele Waggons!"

    "Ja, das sind Waggons mit Containern, wo verschiedene Sachen drin sind."

    Sie betrachtete das alles verzückt.


    Auf einem Container stand "Lycraworld" drauf.

    "Schaut mal, ein Lycraworld-Container!" rief Oksana.

    "Was ist das?" fragten Lisa und Nereida fast synchron. Beide grinsten, als sie es merkten.

    Oksana antwortete: "Lycraworld ist ein deutscher Produzent von Kleidungsstücken aus Lycra. Es gibt die Firma noch nicht allzu lange, erst seit der Jahrtausendwende, jedoch sind sie gut am Wachsen."

    "Und wem gehört Lycraworld?" fragte Lisa.

    "Seinen richtigen Namen kennen nur die allerengsten Mitarbeiter. Sein Nickname ist hingegen bekannt.

    Er nennt sich 'lycwolf'."

    Ein Raunen ging durch die Menge, als der Klang des Namens nachhallte.


    Oksana fuhr fort:

    "Und Lycraworld betreibt auch noch eine Art Ferienpark, eine große Hotelanlage, wo man ihre Sachen verbunden mit einem Urlaub tragen und ausprobieren kann."

    "Das klingt ja interessant, das wäre doch mal ein tolles Ziel", meinte Lisa.

    "Auf jeden Fall. Daran hatte ich auch schon gedacht. Nur bin ich arbeitslos und muss sparen. Ich kann mir keinen Urlaub leisten", dämpfte Oksana die Planungen.

    "Aber wir tanzen doch ab Montag zusammen, da kriegen wir dann viel Geld", strahlte Nereida.

    Dass gewöhnliche Balletttänzerinnen nicht zu den Großverdienern gehören, hatte Oksana ihrer Geliebten verschwiegen.


    Oksana war froh, als ich zu sprechen begann, da sie da nicht Nereida antworten musste.

    "Ich hatte übrigens in Lauras Lycra Laden ein paar Faltblätter mit der Aufschrift Lycraworld erblickt. Gerade als ich mal sehen wollte, worum es da ging, hatte Laura mich angesprochen und abgelenkt", erinnerte ich mich.

    "Ja, sie wird auch von Lycraworld beliefert und macht Werbung für die Firma", erklärte Oksana.

    Etliche Waggons weiter erspähte Nereida einen weiteren Lycraworld-Container. "Noch einer!" rief sie.

    Wir lächelten.

    Dann ging es wieder zurück. Auch die Rolltreppe hinunter war keine Hürde mehr für die galaktische Turnfee.

    Im Gegenteil, es gefiel ihr so gut, dass sie gleich nochmal hoch fuhr.

    Wir waren schon leicht genervt, kamen kaum hinterher, denn wir fühlten uns ja immer noch für sie verantwortlich.


    Mir wurde ein bisschen wehmütig zumute. Nereida hatte manchmal das Gemüt eines Kindes, wenn sie sich über etwas freute. Etwas, was uns erwachsenen Menschen zumeist abhanden gekommen war. Ich beschloss, das mal zu ändern. Zumindest was mich persönlich betrifft. Als wir alle wieder unten waren, ergriff ich Nereidas Hand, und meinte: "Komm, Nereida, wir fahren noch einmal!"

    "Ja!" rief sie begeistert, wir lächelten einander an und fuhren erneut hoch und runter, unter den strengen Blicken von Lisa und Oksana, die unten blieben.

    Unten angekommen, empfing mich Lisa mit den kühlen Worten: "Na, habt ihr Spaß gehabt, ihr zwei?"

    "Und wie! Hättest mal mitkommen sollen, dann hättest auch du Spaß gehabt, anstatt mürrisch zu schauen. Das Leben ist zu kurz für ein langes Gesicht."

    Ihr Gesichtsausdruck sagte mir, dass sie drüber nachdachte. Ich war schon darauf gefasst, eine gesalzene Antwort zu bekommen. Stattdessen ergriff Lisa auf einmal Oksanas Hand und zog die Verblüffte auf die Rolltreppe.

    "Was ihr könnt, können wir schon lange!", rief sie. Lisa hatte sich also eines Besseren besonnen!

    "Komm, hinterher, Nereida!" rief ich.

    "Ja!"

    Zweimal fuhren wir alle noch mal hoch und wieder hinunter. Ein Grinsen lag auf unseren Gesichtern.


    Etwas später verließen wir den Bahnhof. War es im Bahnhof noch angenehm warm, wurden wir jetzt wieder mit der Hitze konfrontiert.

    "Lasst uns doch in die TuGa gehen! Im Park ist es ja auch heiß", schlug Oksana vor.

    "Was ist denn die TuGa?" fragte Lisa.

    "Die Tupfinger Galerie. Eine sehenswerte Kunstsammlung. Gleich um die Ecke. Dann lernt Nereida auch was über moderne Kunst kennen. Und es ist kühler da."


    Waren wir anderen anfangs nur semibegeistert, zog Oksanas Argument mit den kühlen Räumen.

    Erwartungsvoll machten wir uns auf den Weg.


    Die TuGa war ein stattlicher Bau, mit mehreren Etagen.

    Nur mäßiger Betrieb herrschte in der Kunstsammlung. Wie von Oksana vorausgesagt, war es angenehm kühl da drin.

    Bildhauerarbeiten waren genauso zu bewundern wie Aquarelle, künstlerische Fotografien, dreidimensionale Objekte. Teilweise ohne Sinn, auf den ersten Blick. Man muss sich eben darauf einlassen, um zu erkennen, was der Künstler damit ausdrücken will, dann sieht man das Kunstwerk mit anderen Augen.

    Nereida sog diese ganzen Eindrücke neugierig auf.


    "Gibt es auf R-Wi auch so was wie Kunstsammlungen?" fragte ich sie. Lisa und Oksana hörten ebenfalls zu.

    "Ja, aber nicht so wie hier. Wir sind zwar auch schöpferisch tätig, aber auf andere Art und Weise.

    Den Park der Wandelnden Schöpfungen hattet ihr auf eurer R-Wi-Reise nicht gesehen. Er ist vom Zweck hiermit in etwa vergleichbar, nur ist es nicht in einem Gebäude, sondern draußen. Und die Objekte dort sind viel größer als die Objekte hier. Und er ist nicht nur zum Angucken wie hier, sondern auch zum Mitmachen."


    "Ich glaube, ich möchte das auch irgendwann mal sehen, meine geliebte Turnfee." Oksana schaute Nereida sehnsüchtig an.


    Nereida schaute verzückt. In ihr keimte eine Idee.

    "Dazu habe ich auch Lust, Oksana", stimmte ich ihr zu.

    "Wie schön, dann können wir alle da ja mal hinreisen", strahlte Nereida.

    "Ist dort auch wieder alles nur aus Plastik?" fragte Lisa.

    Nereida stutzte, dachte an Lisas Plastik-Aversion und antwortete vorsichtig und wahrheitsgemäß: "Ja."

    Lisa schluckte, meinte dann: "Gut, ich weiß ja nun Bescheid. Aber wie das aussieht, würde ich auch gerne mal sehen."

    "Fein, dann sage ich Beata Bescheid. Wir geben euch dann Bescheid."

    Wir freuten uns.


    "Ich möchte jetzt noch zur Sonderausstellung, die wurde Anfang der Woche gerade neu eröffnet, kommt ihr mit?" rief Oksana.

    "Klar."


    In der Sonderausstellung machten wir große Augen.

    Sie lautete "Turnanzug-Kunst", von einem Künstler namens We Emkah aus Süddeutschland.

    Die Objekte hingen in großen Bilderrahmen. Als wir näher traten, um sie genauer in Augenschein zu nehmen, staunten wir. Es waren tatsächlich Turnanzüge! Nur anders. Die Exponate bestanden genauer gesagt aus Gegenständen, die alle mal Turnanzüge gewesen waren, die We Emkah kunstvoll zerschnitten und neu arrangiert hatte. Hinter den Glasrahmen waren die Turnanzüge fixiert, in ihrem zweiten Dasein als Kunstobjekte.


    Wir staunten. "Wie gefallt dir das, Schatz?", fragte Lisa.

    "Ich finde es ungewohnt auf den ersten Blick, aber echt genial komponiert", meinte ich, "und dir?"

    "Hat eine ganz neue Ästhetik. Der Künstler hat's drauf!" meinte sie.

    "Ich hätte nicht gedacht, dass man Turnanzüge so veredeln kann", sagte Nereida, "mir gefällt das."


    Oksana las die Beschreibung vor: "Jeder Turnanzug hinter den Rahmen hier wurde tatsächlich auch im Sport und teils bei Wettkämpfen benutzt. Der Künstler hatte sie ersteigert, als die Turnerinnen die alten Anzüge übers Internet angeboten hatten. Mit Wissen der Verkäuferinnen hat er daraus diese Kunstwerke erschaffen. Mit freundlicher Erlaubnis aller Beteiligten ist diese Sonderausstellung zustande gekommen."

    Sie ergänzte: "Ich finde es fantastisch, so etwas zu machen. Allein die Idee ist super! Meine alten Turnanzüge landeten bei mir sonst im Putzeimer, wo sie ein wenig ruhmreiches Ende fanden."

    Wir anderen nickten.


    "Ich wollte eigentlich diese Tage ein paar alte Ballettanzüge wegwerfen. Nun denke ich, ich sollte mal abwarten und den Künstler kontaktieren. Vielleicht kann We Emkah auch was mit meinen alten Schätzen anfangen."

    "Ja, mach das, Oksana", ermutigte Nereida sie.

    Alle Exponate nahmen wir genau in Augenschein, erkannten teilweise noch die Hersteller der Turnanzüge und freuten uns. Das war ja mal eine echt packende Ausstellung! Glänzend und schön.

    Am Ausgang nahm Oksana noch eine der ausliegenden Broschüren mit, auf der auch die Kontakt-E-Mail des Künstlers abgedruckt war.


    Wir verließen die Ausstellung. Draußen war es nun erträglicher. Wir setzten uns in ein Café und genossen leckere Tortenstücke. Nereidas Bestellung, ein großes Stück Schwarzwälder Kirschtorte, war ein Volltreffer. Sie war nach den ersten Bissen schwer begeistert und wollte unbedingt noch ein weiteres Tortenstück. Wir ermahnten sie, erst mal aufzuessen. Sie musste uns danach zähneknirschend Recht geben, da sie dann satt war.


    Vom Bahnhof holten wir aus dem Schließfach unsere Einkäufe und fuhren vom gegenüber liegenden Busbahnhof zurück nach Obertupfingen.


    Während der Fahrt ließen wir den Tag Revue passieren, wie erfolgreich er für uns alle war. Neue Ballett- und Badekleidung, und die Turnanzug-Sonderausstellung waren die Höhepunkte.


    Wir verabredeten uns für den nächsten Tag im Freibad von Obertupfingen, so wie wir das bei der letzten TuFiTa-Stunde schon besprochen hatten.


    Das erste Mal im Badeanzug im Freibad! Ein bisschen mulmig war mir dabei schon. Wie wird das wohl sein?




    Zu Kap. 71

    :) Desi-Badeanzug-HP und Nereida Drei auf desi.tervara.de :)

  • Dann zu aller erst mal vielen herzlichen Dank für die ausgiebige Referenz auf "Lycraworld", meiner "Einstands-Geschichte" die in der einen oder anderen Form immer mal wieder auftaucht.

    Darüber hinaus ist das aktuelle Kapitel sehr abwechslungsreich und vielschichtig. Einfach süß, wenn Nereida mal sauer ist (ja die Wortwahl erfolgte mit Bedacht)

    Ob der Künstler We Emkah die Inspiration für seine "Turnanzug-Kunst" von Alex´ Ex-Freundin (aus der Geschichte von bigshadowman) bezieht?

  • Hallo Desi,

    konnte Deine beiden letzten Beiträge leider erst jetzt lesen.

    Ja, mit dem Badeanzug hat Ingo eine gute Wahl getroffen.

    Steht auch Dir sehr gut !

    Dein Seitenhieb "auch wenn andere das anders sehen" bezüglich der Verwendung von Turnanzügen im Schwimmbad, hat mich zum Schmunzeln gebracht.

    Ja, Du lässt wirklich nichts aus, um Deine Kenntnisse "unters Volk" zu bringen.

    Interessant in diesem Zusammenhang ist natürlich auch die Beziehung Lycraworld - Lycwolf.

    Das wusste ich bis dato noch nicht.

    Werde aber gleich im Anschluß mal schauen, ob ich da nicht auch Kunde werden kann.

    Und dann noch die Sonderausstellung!

    Na das war ja eine nette Überraschung für mich.

    Danke auch für den Titel "Künstler" !

    Vielleicht ist das etwas zuviel der Ehre aber es macht halt einfach Spaß, den Anzügen durch Schnitt und Arrangement eine neue Bedeutung zu geben.

    Die dazu verwendeten Anzüge sind im übrigen nicht nur aus dem Internet erworben.

    Mittlerweile bekomme ich die Aufträge nebst Anzügen oft auch direkt von Vereinen oder auch einzelnen Turnerinnen, die sie dann als originelle Bilder oder Erinnerungen in Privat- oder Vereinsräumen sichtbar machen möchten.

    Eine schöne kreative Herausforderung ...

    Ob der Künstler We Emkah die Inspiration für seine "Turnanzug-Kunst" von Alex´ Ex-Freundin (aus der Geschichte von bigshadowman) bezieht?

    Nee, aber ich werd´s gleich mal nachlesen...


    Gruß Martin

  • Wieder an alle, danke für euer Lob.

    Wie ihr schon erkannt habt, habe ich zwei Referenzen in meinem jüngsten Kapitel veröffentlicht.


    Lycwolf, du fragst nach der Inspiration von We Emkah. Das kann dir Martin besser beantworten als ich. Aber du meinst bestimmt Chris' Exfreundin (Alex ist weiblich).


    Ja Martin, ich hoffe, ich habe nicht zuviel preisgegeben. Ich musste mir ein Pseudonym ausdenken und kam auf We Emkah.

    Kapitel 70 mit der Sonderausstellung existiert auch schon sehr lange, und ich habe lange gefiebert, es online zu stellen. Eine Würdigung deiner Arbeit.

    Und das Attribut Künstler passt doch zu dir. Das hast du dir redlich verdient. Ich jedenfalls ziehe meinen Hut vor deiner Kunst.


    Nereida kann auch schmollen, ja, bzw. sauer sein. Ich hatte das mit dem Schmollen nach ihren drei vergeblichen Versuchen, die Probleme der anderen zu lösen, erst einen Tag vor Veröffentlichung von Kap. 70 noch mal extra stark herausgearbeitet.

    Und ich kann verstehen, warum sie schmollt. Ich an ihrer Stelle wäre auch sauer.


    In dem Absatz, wo sich Ingo über Streckenstilllegungen ärgert, gibt es einen ganz leisen Hinweis auf ein Folgekapitel...


    Übrigens, das Rätsel, warum Nereida keinen Bikini tragen soll, ist gelöst worden. Herzlichen Dank an dieser Stelle an ValCurasca . Sehr gut erkannt.


    Ich presche derzeit schneller voran, 2 Kapitel pro Woche. Ab Februar werde ich wieder langsamer veröffentlichen, da ich im Januar so gut wie gar nichts Neues von der Turnfee geschrieben habe.


    Viele Grüße

    Desi

    :) Desi-Badeanzug-HP und Nereida Drei auf desi.tervara.de :)