Die galaktische Turnfee Nereida Drei

  • Kap. 102: Tante Sveas Enthüllungen

    Endlich kam Lisa mit dem Strauß. Sie hatte ihre Mühe gehabt, an die Karte und die Blumen zu kommen.
    Auch Lisa wurde herzlich von ihrer Tante begrüßt und umarmt. Svea dankte ihr sehr für den Strauß. Sie las die Geburtstagskarte laut vor und war gerührt: "Danke ihr drei!"
    Xenia, Lisa und Arnold strahlten.

    Arnold langte in seine Tüte und gab seiner Tante die Pralinenschachtel.
    Sie lächelte und sagte "Danke Arnold! Dann haben wir ja was Leckeres für den Abend" und umarmte ihn.

    "Ich habe auch was für dich, Tantchen", lächelte Xenia und gab ihr das Päckchen.
    Svea packte das Geschenk vorsichtig aus. Zum Vorschein kam die Bluse, Xenias Eigenkreation.
    "Habe ich eigens für dich geschneidert. Nur für dich!", strahlte Xenia.


    Die Tante faltete die Bluse auseinander und hielt sie ins Sonnenlicht, schaute erst die Bluse und dann Xenia freudig an.
    "Oh, liebe Xeni, ganz toll! Ganz vielen Dank! Ich probiere sie gleich mal an."
    Sie zog ihre Bluse aus und die von Xenia an.
    "Und sie passt. Wunderbar. Danke liebe Xeni!"
    Xenia wurde nochmals von ihrer Tante liebevoll gedrückt. Sie strahlte, wie auch Lisa, Leo und Arnold.

    Lisa ergänzte: "Aber das ist noch nicht alles, liebe Tante Svea. Papa, öffne doch mal das kleine Gartenhäuschen."
    Alle begleiteten sie dorthin.
    Lisas Vater öffnete das Häuschen. Alle erblickten darin in einem großen Blumenkübel eine Sonnenblume.
    Svea war begeistert! "Oh Lisa, wie schön ist die Sonnenblume! Die hast du ja klasse ausgesucht!"
    Sie war so gerührt, dass ihr die Tränen kamen.
    Lisa drückte ihre Tante lieb an sich, war glücklich, dass ihrer Tante die Blume gefiel. Sie kam ihr mit einem Taschentuch zu Hilfe.


    Svea fing sich wieder. Sie war so gut gelaunt, dass sie anfing zu tanzen. Ihr Bruder Leo tanzte mit ihr.
    Lisa, Xenia und Arnold waren erstaunt, wie vital die beiden noch waren, tanzten nach kurzer Zeit dann auch mit.
    "Du tanzt so flott wie in früheren Zeiten, Tante Svea!"
    "Ja, das Tanzen hält mich jung. Sonst roste ich ja dahin."
    Nach einer gewissen Zeit brauchten dann doch alle eine Pause. Sie labten sich an den bereit gestellten Getränken.

    "Sag mal Tante Svea, wo warst du denn in der Zwischenzeit? Ich habe lange nichts mehr von dir gehört. Und Papa hat auch nichts von dir erzählt", fragte Xenia neugierig.

    Svea schaute etwas bedrückt. Sie wusste, dass man ihr diese Frage irgendwann stellen würde.
    "Es tut mir wirklich leid, dass ich mich vor euch so rar gemacht hatte.
    Ich hatte sehr viel zu tun, war sehr lange unterwegs", kam es von ihr ausweichend.


    "Was hast du denn gemacht?" fragte Arnold.
    "Meine Lieblingstätigkeit habe ich zu meinem Beruf gemacht, denn lange Jahre war ich Tänzerin und Tanzlehrerin. Ich bin viel herumgekommen. Danach habe ich viel organisiert. Ich war Beraterin, Managerin."


    "Schade, dass ich dich all die Zeit nicht gesehen habe. Ich hätte gern mit dir getanzt und geplaudert", meinte Lisa.
    "Und ich hätte gerne ein paar Tänze von dir gelernt, Tantchen", fügte Xenia hinzu.


    Svea guckte die beiden an, empfand Mitgefühl für sie.
    "Ich kann es dir, liebe Xenia, ja immer noch beibringen. Dass ich so lange nicht mit dir getanzt und geplaudert habe, bedaure ich auch, liebe Lisa."
    Svea verharrte.
    "Wobei - das stimmt ja gar nicht. Ich habe dich erst in jüngster Zeit gesehen. Dreimal sogar."
    "Daran kann ich mich gar nicht erinnern. Hast du mit mir gesprochen?"
    "Oh ja, und du hast dich mit mir unterhalten."
    "Und wo soll das gewesen sein?"
    Svea zwinkerte ihr zu. "Weit weg."
    Lisa rätselte, was ihre Tante wohl meinte. Auch Xenia und Arnold konnten sich keinen Reim darauf machen.

    Svea schaute ihre beiden Nichten und ihren Neffen zwinkernd an.
    "Ich merke, dass unser Gespräch nun an dieser Stelle angekommen ist. Ich habe euch drei eingeladen, nicht nur, damit ihr zu meinem Geburtstag kommen sollt, sondern auch, weil wir, euer Vater und ich, euch dreien umfassend über mich und mein jetziges Leben Auskunft geben wollen. Es betrifft euch gleichermaßen. Wir haben nur euch drei eingeladen, nicht eure Partner bzw. Familien. Ihr sollt es zuerst wissen. Und seid vorsichtig, das weiter zu erzählen, was wir euch hier und heute sagen."
    "Das klingt ja wie eine Riesen-Ankündigung, Tante Svea."
    "Das ist es auch, Xenia. Nun für alle, zur Frage, was ich bin, wer ich bin, was ich tue, wo ich mich aufhalte. Und warum ich Lisa dreimal kürzlich gesehen und mit ihr gesprochen habe. Passt auf."

    Tante Svea nahm ihre Sonnenbrille ab und guckte die drei lächelnd an.

    Xenia und Arnold schauten ungerührt, emotionslos, ahnungslos. Lisa aber guckte ungläubig. An irgendwen erinnerte sie ihre Tante.
    "Lisa, liebe Nichte, erkennst du mich? Weißt du, wo du mich vor kurzem gesehen hast?"
    "Du kommst mir bekannt vor, ja, ich habe dich kürzlich mal gesehen, wirklich nicht lange her... aber wo? In Obertupfingen?"

    Svea lächelte. Gleich würde Lisa alles wissen. Sie sprach weiter mit ihrer warmen, sanften Stimme.

    "Nein. Ganz woanders. Ganz weit weg, Lisa-ke-re-da-da."

    Lisa-ke-re-da-da.

    Diese wenigen Silben setzten in Lisas Gehirn ein Räderwerk in Gang. Die Lawine kam ins Rollen. Sie war dabei, eine Ungeheuerlichkeit aufzudecken, die sie nie, aber auch niemals vorher für möglich gehalten hätte. Das konnte doch nicht sein! Es konnte doch keine derartige Verbindung geben! Das waren doch zwei ganz verschiedene Bereiche! Erde und Tante Svea hier, und das andere dort! Lisa zitterte, als ihre diffusen Gedanken Stück für Stück klar wurden.

    "Du hattest mich anfangs mal umarmt, Lisa. Die Berührung und die Wärme deiner Hände hatte eine Blockade in meinem Rücken aufgelöst. Du tanztest danach mit mir, ich schenkte dir die zwei Ringe. Nicht lange her. Und stell dir meine Hautfarbe heller vor."

    Lisa zitterte weiterhin, unfähig, etwas zu sagen. Ihr Verstand machte ihr die schonungslose Wahrheit der Aussagen Tante Sveas offenbar, aber ihr Gefühl weigerte sich, diese schiere Unfassbarkeit anzuerkennen!
    Xenia und Arnold wussten nicht, was in Lisa vorging. Und erst recht nicht, was hinter Tante Sveas mysteriösen Aussagen steckte.

    Starr war Lisas Blick.

    "Ich bin übrigens auch deine Patin, deine Patentante, Lisa. Diese Patenschaft haben wir besiegelt. Vor kurzem."

    Jeder weitere Satz von Tante Svea ließ Lisas Verstand mehr und mehr über ihr Gefühl triumphieren.

    "Außerdem vergiss nicht meinen Tunnel, durch den du mit Julia Tillida hin und zurück gegangen bist."

    Es bestand kein Zweifel mehr. Sie wusste nun, wer ihre Tante war. Ihr Gefühl wollte es aber immer noch nicht wahr haben, sie hatte Schwierigkeiten, zu antworten.

    "Tante Svea, bist du... bist du... bist du etwa Sweliana?"

    Svea nahm Lisa in den Arm, drückte sie lieb an sich, schob sie dann etwas zurück, guckte sie herzlich an und sprach: "Ja. Du hast mich erkannt. Ich bin Altidantsa Sweliana."

    Lisa riss die Augen auf, atmete schwer. Ihr drehte sich alles.
    "Mir wird schwindelig, ich muss mich setzen, sonst kippe ich um!"

    Geistesgegenwärtig holte Arnold einen Stuhl, und Lisa setzte sich darauf. Soll heißen, sie plumpste eher darauf. Xenia rief entsetzt: "Lissi, was ist mit dir?" und fächerte ihr Luft zu.
    Auch Leo und Tante Svea kamen Lisa zu Hilfe.

    Lisa schien Xenia nicht gehört zu haben. Als sie wieder zu Kräften kam, japste sie: "Tante Svea, ich kann das alles nicht glauben, es klingt so utopisch. Ich muss das alles träumen."

    "Du träumst nicht, liebe Lisa. Es mag für dich so klingen, aber es ist wahr."

    Lisa war noch nicht ganz überzeugt.
    "Du bist wirklich Sweliana? Altidantsa Sweliana von R-Wi? Ist das wirklich wahr?"

    "So wahr wie ich jetzt vor dir stehe. So wahr, wie ihr - du, Ingo und Oksana sowie Scherata Nereida und Tinaxana Beata - mit mir in meinem Gästesaal getanzt habt."

    Lisa schaute in die Ferne, dachte nach. Alle diese Dinge, die Tante Svea in den letzten Minuten aufzählte, waren wirklich auf R-Wi passiert. Woher konnte sie das alles wissen? Das ganze ergab nur dann einen Sinn, wenn ihre Tante wirklich Sweliana von R-Wi war. Und wenn Sweliana ihre Tante war, war sie Swelianas Nichte.
    "Du hattest mich damals doch immer Lisa-ke-re-da-da genannt. Also 'liebe Tochter Lisa'."

    "Stimmt genau. Allerdings musst du wissen, dass 'da-da' nicht nur 'Tochter', sondern auch Nichte bedeuten kann. Das habe ich damit gemeint. Nichts anderes. Gut, abgesehen von zweiten Besuch, wo es auch 'Patentochter' bedeutete. Und 'Schatz' oder 'Liebling' im Allgemeinen. Auch das traf auf dich zu. Ich wusste vom ersten Moment an, als ich dich sah, dass du meine Nichte bist."

    "Tante Svea, ich hatte bei dir als Sweliana immer ein Gefühl von Vertrautheit gehabt. Tief im Innern musste ich dich erkannt haben."

    "Ich weiß es, ich habe es gespürt."

    "Aber warum hast du dich mir an Ort und Stelle nicht zu erkennen gegeben?"

    "Die Zeit war noch nicht gekommen. Nun ist sie da. Du und deine Geschwister, ihr seid nun alle gemeinsam hier, es zu hören."

    Arnold schaute ahnungslos. "Entschuldigt bitte, aber ich kapiere die letzten fünf Minuten gar nichts mehr."
    Und Xenia, die dem Gesprächsinhalt auch nichts entnehmen konnte, fragte:
    "Tante Svea, Lissi scheint etwas zu wissen, was Nolli und ich nicht kennen oder verstehen. Was bedeutet das alles?"

    Svea gestand ihnen, wer sie in Wirklichkeit ist, nämlich eine Außerirdische namens Altidantsa Sweliana vom Planeten R-Wi.

    Auch Leo, Sveas Bruder, stammte von dort. Beide kamen vor über 40 Jahren auf die Erde.

    Leo hatte sich in die Mutter der drei, Regina, verliebt und diese geheiratet. Er ist auf der Erde geblieben, aber Svea hatte nur ein paar kurze Aufenthalte und ist stets wieder zurück gekehrt.

    Höchst erstaunt nahmen Xenia und Arnold das auf.
    Und dass ihr Vater auch von R-Wi stammte, wusste Lisa auch noch nicht!


    Alle drei mussten erst mal verdauen, dass ihr Vater und ihre Tante nicht von dieser Erde stammten, was ihnen nicht leicht fiel!

    Svea konnte ihnen nun auch ohne Ausflüchte erklären, warum sie sich die ganze Zeit nicht auf der Erde hatte blicken lassen.
    Sie berichtete von ihrem gesellschaftlichen Aufstieg auf R-Wi, kam bis zu Lisas Besuch dort. Die beiden nahmen ihrer Tante das ab, da Svea während der ganzen Erzählung ernst blieb und Lisa Sveas Erzählungen hin und wieder bestätigte.
    Xenia versuchte das zu verarbeiten. "Tante Svea, sind Lissi, Nolli und ich denn auch von dieser anderen Welt R-Wi?"
    "Ja und Nein. Ja, weil ihr von eurem Vater abstammt. Nein, weil ihr gebürtige Erdenbewohner seid."

    "Und Papa, nachdem du von Mama geschieden worden bist, hättest du ja wieder wieder nach R-Wi zurück reisen können. Du bist aber noch hier. Wieso?", fragte Arnold.

    Leo wollte noch erzählen, was seine Mission auf der Erde war, aber nach einer kurzen gedanklichen Unterredung mit Svea wich er aus.
    "Ich hatte und habe hier noch eine Aufgabe zu erfüllen, mehr kann ich euch noch nicht sagen. Außerdem wollte ich mich ja nicht so einfach von euch dreien davonschleichen. Und mir gefällt das Leben auf der Erde."

    "Papa, du hattest mir vor drei Monaten ja beim Umzug nach Obertupfingen geholfen", meinte Lisa.

    "Genau. Das wollte ich auf jeden Fall machen."

    Arnold als Science-Fiction-Fan dachte an die X-Men-Filme. "Papa, Tante Svea, haben wir drei denn irgendwelche unbekannten besonderen Fähigkeiten wie übernatürliche Kräfte oder so? Können wir uns in irgendwas verwandeln?"


    Leo lachte. "Ihr drei habt eine besondere Begabung für den Tanz. Aber ihr habt keine Sonderkräfte, könnt keine Verwandlungen."


    Svea widersprach: "Leo, fürs Tanzen und Nicht-Verwandeln gebe ich dir Recht, aber nicht für die Sonderkräfte. Jeder direkte Nachkomme aus der Familie Ellbrede hat besondere heilende Fähigkeiten. Und 'Ellbrede' ist in der Sprache von R-Wi das Wort für 'heilen'. Lisa, Xenia und Arnold, ihr könnt andere Menschen heilen. Zwar keine Notfälle, wo es um Leben oder Tod geht. Aber dafür Verletzungen im Bewegungsapparat, Verstauchungen, Verzerrungen, Verrenkungen. Und auch für seelische Verletzungen geht das. Lisa weiß es bereits."


    Lisa grinste, als sie an Altidantsa, Lorinda, Rosalanja, Gunda, Dorisanda, Nereida und Xenia dachte.

    Xenia warf ein: "Ja, aber das ist doch Lissis Beruf. Sie ist Heilpraktikerin. Sie ist darin ausgebildet."


    "Das ist richtig. Nur habt ihr alle drei, nicht bloß Lisa, auch ohne Studium, auch ohne Ausbildung diese Grundfähigkeit zum Heilen. Das einzige, was Lisa mehr hat als ihr beiden, sind erweiterte Zusatzkenntnisse und Hintergrundwissen. Die Grundfähigkeit muss nur einmal aktiviert werden. Das geht in wenigen Minuten."


    "Also ich würde das gerne können. Tante Svea, bringst du mir das bei?" fragte Arnold.
    Svea war entzückt, dass ausgerechnet ihr Neffe diesen Wunsch äußerte. "Na klar lehre ich dich das."
    Xenia überdachte, was ihr Bruder sagte. Dann meinte sie: "Ich würde das auch gerne können."
    Svea strahlte: "Dann machen wir das einfach mal."
    "Lasst uns dazu ins Wohnzimmer gehen", meinte Leo.

    Alle fünf verließen den Hintergarten. Leo bat Arnold um Hilfe. Beide räumten den großen Wohnzimmertisch beiseite.
    "Wie wirst du vorgehen, Tante Svea?" fragte Xenia voller Neugier.
    "Ich werde tanzen, ihr drei auch. Tanzt einfach mit, so gut es geht. Es klappt schon, lasst euch überraschen. Habt keine Angst vor dem Licht und den Klängen, sie gehören dazu. Zieht eure Oberteile aus, es wird warm werden."

    So begannen sie mit dem Tanz. Lisa hatte schon eine Vorahnung.
    Die fünf begannen, sich zu winden und zu drehen. Xenia und Arnold waren gespannt. Sie sahen die Lichtbänder wie leuchtende Fasern um sich drehen, nahmen sanfte Klänge war, die kaum merklich den Raum füllten. Weiter drehten sie sich, neugierig auf das, was kommen sollte. Xenia genoss den Tanz, wie auch die anderen. Der Raum schien in Licht getaucht zu sein. Leos Kinder fühlten sich fast schwerelos. Er führte das Licht Svea zu, die es um Xenia schleuste und verwob. Xenia war begeistert und tanzte weiter. So verfuhren Leo und Svea auch mit Arnold und Lisa. Alle drei waren in Licht eingehüllt. Auch Leos und Sveas Körperoberfläche leuchtete.
    Svea rief: "Lisa, Xenia, Arnold, schaut immer zu mir und tanzt auf der Stelle!"
    Die drei taten wie geheißen.
    Svea machte ein paar besondere Schritte und rief dann in einer für Xenia und Arnold unbekannten Sprache: "iai al ti dant sa swe li ja na gi er jer kse ni ja li sa ar nold sir kler ne e el bre däl se."

    Die Tante erhob ihre Hände. Vor ihr erschienen Leuchtkreise, ein kleiner innerhalb eines größeren, davon je drei Stück. Sie strahlte, als sie die Kreise mit ihren Händen einzeln zu den dreien führte. Sie drehte Pirouetten um die drei, riss die Hände hoch, deutete den Kindern, es auch zu machen. Als sie es taten, leuchten die Lichtkreise besonders hell auf.
    Svea vollzog einen schnellen Tanz. Sie rief Lisa, Xenia und Arnold zu:
    "iai al ti dant sa swe li ja na gi er jer kse ni ja li sa ar nold ten ke le ser dig ti hel mäl lem hien an en oh ie sgal wor mool fo sto oh tä le!"


    Sie streckte ihre Hände aus und berührte nacheinander ihre Nichten und Neffen. Jeder von ihnen spürte einen Energiestoß, der durch den ganzen Körper ging, ein kurzes Dröhnen im Schädel.
    Svea drehte sich einmal schnell um sich, streckte ihre Hände nach oben und die Lichtbänder und Klänge verschwanden.
    Alle kamen wieder zur Ruhe.


    "Tante Svea, das war ja echt cool!", meinte Xenia begeistert.
    "Ja, eine echte Mystery-Lightshow mit exotischen Wörtern", fügte Arnold hinzu.
    Svea nickte.

    "Und danke für den Turnanzug, Sweliana-ke-re-ama", grinste Lisa, die ja wusste, was Svea ihnen gerade spendiert hatte.
    Lisas Tante lachte ihr zu, hatte Lisa doch 'liebe Tante Sweliana' gesagt. Denn 'ama' kann auch 'Tante' bedeuten. "Da nicht für, Lisa-ke-re-da-da", entgegnete sie.
    Erst jetzt nahmen Xenia und Arnold die Veränderung wahr. Ihre alte Kleidung lag auf dem Sofa.
    Alle drei trugen nun einen lila Turnanzug mit schwarzen Leggings! Erstaunt betrachteten und befühlten sich die drei.
    "Tante Svea, der Turnanzug ist aber schick, vielen Dank!", rief Xenia. Sie betrachtete sich begeistert im Spiegel.
    Auch Arnold war Feuer und Flamme. "Er fühlt sich total sanft an. Danke!"
    "Das freut mich, liebe Kinder. Die Turnanzüge und Leggings sind nun eure Belohnung, sie gehören euch."
    Die drei umarmten ihre Tante und dankten ihr.

    "Und du trägst auch einen Turnanzug! Einen rot-goldenen, mit drei Streifen", rief Lisa.
    "Ja, das hat der Tanz gemacht. Auch euer Vater hat einen Turnanzug an."
    Leo trug einen türkisen Turnanzug mit drei blauen Streifen, darunter eine blaue Leggings.
    "Ich bin verblüfft. Vater und du, ihr habt doch übernatürliche Kräfte", meinte Arnold erstaunt.
    Svea lachte. "Übernatürlich würde ich das nicht nennen. Das gehört in meiner Welt fast zum täglichen Brot."

    "Und wie funktioniert das mit dem Heilen?" fragte Xenia neugierig.
    "Wenn ihr den Turnanzug an habt, streckt die Arme nach oben, bis ihr die Energie kommen spürt. Eure Kreise auf dem Turnanzug leuchten dann. Dann könnt ihr die zu heilende Person mit euren Händen berühren. Ihr merkt, wenn die Energie bei ihr angekommen ist. Dies funktioniert auf der Erde genauso wie auf R-Wi. Es funktioniert aber nur bei einfachen Verletzungen. Und sogar Fernheilung ist möglich. Probiert es aus."
    "Danke liebe Tante, für den tollen Turnanzug und diese sagenhafte Fähigkeit", kam es von den dreien fast unisono.

    Leo sprach zu Arnold und seinen Töchtern: "Arnold, vorhin hattest du doch gefragt, ob wir irgendwelche Sonderkräfte haben?"


    "Stimmt, Papa. Und haben wir so was?"


    "Seit fünf Minuten, ja. Ich meine jetzt nicht das Heilen können, sondern was anderes. Eure Tante hatte sie euch eben verliehen. Habt ihr vielleicht den Energiestoß bemerkt, als sie euch berührte?"
    Xenia stimmte zu, wie auch Arnold und Lisa.


    "Oh, das hatte ich vergessen, euch zu sagen. Ihr drei seid untereinander nun telepathisch begabt", beeilte sich Svea das mitzuteilen.


    "Was heißt das?" erkundigte sich Xenia.


    Leo antwortete ihr: "Ihr drei seid nun in der Lage, untereinander per Gedanken zu kommunizieren, ohne reden zu müssen. Und auch mit eurer Tante und mir. Das funktioniert übrigens immer, egal wie weit wir voneinander entfernt sind. Allerdings klappt es nur dann, wenn beide auch gerade Kommunikation wollen. Ihr braucht euch nur auf euren Gesprächspartner zu konzentrieren und seinen, ihren Namen denken."
    Arnold und Xenia machten große Augen. Lisa kannte das ja schon, war weniger verwundert.


    "Das funktioniert alles ohne Handys, ohne Strom, und Funklöcher gibt es da auch nicht. Außerdem könnt ihr mit fast allen Bewohnern der Welt R-Wi gedanklich reden, egal ob sie auf R-Wi oder auf der Erde sich befinden", ergänzte Svea.


    "Die sprechen doch bestimmt kein Deutsch, oder?" wandte sich Arnold an seine Tante.


    "Das ist richtig. Darum habe ich euch dreien die Fähigkeit verliehen, die Sprache von R-Wi zu verstehen und zu sprechen."

    Die fünf testeten die Gedankenkommunikation aus. Xenia und Arnold waren nur noch am Staunen. Für sie war das ganz neu. Sie wechselten so manche Nachricht aus, auch mit Lisa, Leo und Svea.
    Arnold war begeistert. Er dachte: Es klappt, Xenia-ke-re-ses!
    Xenia darauf zurück: Krass, Arnold-ke-re-bru!
    Sie lächelten einander zu.

    Da kam Arnold eine Frage aus Kinofilmen in den Sinn, die die Erdenbewohner gelegentlich mal an die Außerirdischen richteten, sofern sie vorher nicht von ihnen abgemurkst worden waren.
    Er beschloss, es auch mal zu tun: "Papa und Tante Svea, seid ihr eigentlich in Frieden auf die Erde gekommen?"


    Die beiden erkannten seine unterschwellige Furcht und beruhigten Arnold.
    "Keine Angst, Kinder, wir sind weder hinterhältig noch böse. Im Gegenteil. Wir versuchen, Frieden und Harmonie zu verbreiten."

    "Und seid ihr die einzigen von der Welt R-Wi hier auf der Erde?"

    "Nein, es gibt noch weitere. Lisa kennt sie übrigens", lächelte Svea.

    "Ja, zum Beispiel Nereida und Bea", bestätigte Lisa.

    "Lissi, meinst du etwa die beiden tollen Schwestern beim Turnfest in Obertupfingen?" fragte Xenia.

    "Ja, Xeni, genau die beiden!"

    "Die kommen auch von R-Wi? Ach deswegen konnten sie also so genial-abgefahren tanzen!"

    Lisa nickte ihr zu.

    "Und was habt ihr vor?" fragte Arnold seinen Vater und seine Tante.

    "Wir wollen, wie schon gesagt, Frieden und Harmonie auf der Erde verbreiten. Die Herzen der Leute anrühren. Vielleicht wird die Welt ein bisschen besser durch unser Werk. Das wäre schön", antwortete Leo.

    "Da habt ihr aber noch ganz viel zu tun. Das schafft ihr nicht zu viert", warf Arnold ein.

    "Deswegen haben wir euch ja auch eingeweiht. Damit sind wir schon mal sieben. Die Turngruppe von Lisa, Scherata Nereida und Tinaxana Beata aus Obertupfingen wird bei der Turngala Gymnaestrada auftreten. Und wir hoffen, dass ihr dort mitmacht", meinte Svea.

    "Ich würde da gern mitmachen, Tante Svea", gab Xenia ihre Zustimmung.
    "Und ich mache da ja sowieso mit", bestätigte Lisa.

    "Was haben wir da denn an?" fragte Arnold.

    "Einen Turnanzug. Auch die Männer."

    "Dann komme ich auf jeden Fall mit! Es war immer mein Traum, mal im Turnanzug in der Öffentlichkeit aufzutreten.
    Papa und Tante Svea, wisst ihr, ich wollte schon immer schon mal einen Turnanzug anziehen, schon als Kind. Ich habe meine Schwestern immer darum beneidet."

    "Wirklich, Arnold? Aber du hast nie was gesagt."

    Arnold schaute betreten zu Boden. "Ich habe mich nicht getraut. Ich habe befürchtet, ihr lacht mich aus. Oder ihr schimpft. Oder ich kriege Stubenarrest."

    "Also ich hätte wegen dieses Wunsches nie mit dir geschimpft oder dich ausgelacht oder gar eingesperrt", stand sein Vater ihm bei.

    Tante Svea trat zu ihm und umarmte ihn liebevoll. "Und ich auch nicht. Nie und nimmer."
    Arnold brachte nur ein kraftloses "Danke" hervor.

    "Und du hast die ganze Zeit deinen Wunsch unterdrückt und totgeschwiegen?"

    "Ich habe niemanden was erzählt, aber heimlich die Turnanzüge und Badeanzüge meiner Schwestern angezogen, wenn ihr nicht da wart. Das habe ich übrigens Lissi und Xeni erst auf der Fahrt hierher gebeichtet. Und die von euch im Putzeimer entsorgten Turnanzüge habe ich versteckt und später ab und zu angezogen. Einige habe ich sogar heute noch zuhause."

    Arnold berichtete weiter von seiner Kindheit bis hin zu dem Tag, wo er sich traute, im Badeanzug im Schwimmbad zu schwimmen. Und wo er überrascht auf Xenia und Bernd traf.

    Leo und Svea wie auch Lisa und Xenia bedauerten seinen Leidensweg, freuten sich aber über das Ereignis im Schwimmbad.

    "Und nun freue ich mich, dass ich mal im Turnanzug auftreten darf.
    Übrigens, da bei der Gymnaestrada, was führen wir da vor?"

    Svea antwortete: "Wir tanzen einen Tanz zur Begrüßung, und eine Zugabe."

    "Ich würde das sehr gerne tun", meinte Lisa, "liebe Tante Svea, bringst du uns das bei?"
    "Ich möchte auch mit dir tanzen, Tantchen", bat Xenia.
    "Da schließe ich mich gerne an", sagte Arnold mit einem Lächeln.

    Svea strahlte.
    "Aber natürlich, ihr drei. Darüber freue ich mich sehr! Lasst uns loslegen."

    Sie zeigte ihnen, assistiert von Leo, die beiden Tänze.
    Dabei erkannte Lisa, dass der erste Tanz derselbe Tanz war, den Nereida ihr und der TuFiTa drei Tage zuvor beigebracht hatte. Der R-Wi-Begrüßungstanz.

    Die drei waren voller Elan bei der Sache und lernten schnell.
    Dafür bekamen sie ein tüchtiges Lob von ihrem Vater und ihrer Tante.

    Die fünf saßen noch zusammen und plauderten miteinander. Da wurde auch bei Arnolds Pralinenschachtel gut zugelangt.

    Svea erzählte Lisa, Xenia und Arnold von Lisas und Beatas ertanzter Sonnenblume auf R-Wi und wie sehr sie sich darüber gefreut hatte, erstens über die Blume selber und zweitens, dass die Blume ausgerechnet von ihrer Nichte geschaffen wurde. Sie hatte als Sweliana die Blume einen Tag nach der Schöpfung persönlich bewundert und war sehr ergriffen davon. Dass sie nun noch eine echte Sonnenblume bekam, freute sie noch mehr. Lisa dachte übrigens nicht an die R-Wi-Sonnenblume, als sie beschloss, ihrer irdischen Tante ebenfalls eine zu schenken. Denn Lisa liebte alle Blumen, darunter auch Sonnenblumen.
    Sveas Blume wollte Leo tags darauf in seinem Garten einpflanzen.
    Und Lisa erzählte auch vom Park der Wandelnden Schöpfungen, von der Sonnenblume, von der hyperbolischen Paraboloidschale im Park, und von deren irdischen Zwilling, die Alsterschwimmhalle in Hamburg.

    Als die drei Geschwister zur Nachtruhe in ihre Einzelzimmer ins Obergeschoss zogen, bekannten sie nochmal untereinander, was für ein toller Tag das war.

    Sie lagen alle drei in verschiedenen Zimmern auf ihren Betten, konnten wegen der aufwühlenden Nachrichten und Ereignisse aber nicht schlafen. Dank der Gedankenkommunikation unterhielten sie sich noch eine Weile, bis sie dann wirklich müde waren und einschliefen.

    Somit übernachteten die Geschwister nach langer Zeit mal wieder gemeinsam unter einem Dach und träumten von gemeinsamen Tänzen.

  • Coole Entwicklung.

    Aber konnte Lisa nicht auch schon vorher die Gedankensprache? Ingo kann sie ja auf jeden Fall, und Gundi meine ich auch. Bin mir jetzt gerade nicht sicher und hab gerade keine Zeit, zurückzublättern.

    Do not look upon this world with fear and loathing. Bravely face whatever the gods offer.

    -- Morihei Ueshiba

  • Tut mir aufrichtig leid Desi, dass ich mit meinen vorlauten Vermutungen mal wieder direkt ins Schwarze getroffen habe. Manchmal geht das Kommentieren halt mit mir durch, wenn ich mich intensiv mit etwas auseinandersetze. Ich gelobe Besserung und versuche dir nicht wieder die Überraschung zu verderben.


    Darüber hinaus wieder ein Kapitel voller Harmonie und "Alles wendet sich zum Guten".

    Ich kann Arnold nur beipflichten. Das Ereignis beim Tanz mit Licht und Tönen sollte man unbedingt mal verfilmen. Wahnsinn, wenn man sich das so in der Phantasie vorstellt.


    Es bleibt die Spannung über den Besuch bei der Gymnaestrada. Bestimmt sehr anschaulich und mit viel Bewegung (Jetzt hör endlich auf, du böser lycwolf. Schon wieder stellst du Prognosen).

  • Yoshiro

    dein Einwand klingt berechtigt, denn Lisa hat diese Fähigkeit bereits, sie konnte ja schon mit Ingo, Oksana und Gunda derart kommunizieren.

    Ihre Tante dehnt diese Fähigkeit aber noch auf Xenia und Arnold aus, indem sie diesen Satz sagt:

    iai al ti dant sa swe li ja na gi er jer kse ni ja li sa ar nold ten ke le ser dig ti hel mäl lem hien an en oh ie sgal wor mool fo sto oh tä le

    sie ermächtigt damit Xenia, Lisa und Arnold untereinander per Gedanken zu kommunizieren und die R-Wi-Sprache zu verstehen und zu sorechen.


    Interessant wäre die Frage, ob Xenia zum Beispiel mit Gunda telepathisch in Kontakt treten könnte...

    Streng genommen klappt es nämlich nicht.

    Lisa ist hier privilegiert, mit ihren beiden Geschwistern UND mit Ingo, Oksana und Gunda gedanklich zu reden.


    Dies schließt allerdings bei Lisa, Xenia, Arnold, Ingo, Gunda und Oksana das gedankliche Belauschen aus. Das kann keiner von ihnen, sondern nur R-Wi-i wie Nereida, Beata, Leo, Svea/Sweliana und (neuerdings) Julia.

  • Die grobe Richtung von Kap. 102 mit Svea/Sweliana war doch ziemlich offensichtlich, aber im Detail lassen sich kaum Prognosen machen, und darum bleibt Deine Geschichte spannend, Desi.


    An dem Punkt habe ich etwas die Befürchtung, dass irgendwann jeder spezielle Fähigkeiten bekommt, vermutlich nicht schlecht für die Harmonie, aber für die Geschichte, die sich irgendwann zu wiederholen droht.


    Arnold und Leo...irgendwie ist die Geschichte da inkonsequent: Als sensibler R-Wi-i hätte Leo Arnolds Sehnsüchte doch spüren müssen, ebenso ist erstaunlich, dass Leo zuhause wohl selbst nur selten Lycrasachen getragen hat, denn dann hätte Arnold ja ein männliches Vorbild gehabt, dass er ohne weitere Gedanken und Verheimlichungen hätte nachahmen können.


    Betreffend Xenia wünschen wir uns wohl alle, dass sie nicht "ruhigt".

  • ValCurasca  

    Danke für deine Einwände.

    Die Fähigkeit der Gedankenkommunikation wird von den Erdenbewohnern auch nur selten angewandt. Ingo selber sagte mal, das sei ihm so fremd. Nur in der lauten Disko erschien es ihm sinnvoll.
    Davon mache ich auch nur sparsam Gebrauch. Xenia wird es mal nutzen.
    Soweit ich es überblicke, werden diese speziellen Fähigkeiten keinen weiteren irdischen Charakteren verliehen. Sonst wird es langweilig und kehrt sich um, klar. Ein schönes überspitztes Beispiel hierfür ist der "bicycle repairman"-Sketch von Monty Python.

    Die Sache mit Arnold und Leo hast du richtig bemerkt. Hab ich übersehen. Vielleicht konnte Arnold sehr gut schauspielern.
    Leo ist auch für mich selbst ein recht rätselhafter Charakter. Erst recht spät entwickelt von mir. Viele Fragen über ihn habe ich selber noch nicht beantwortet. Zum Beispiel warum kann es überhaupt eine Scheidung zwischen einem harmoniebedürftigen R-Wi-o und einer Erdenbewohnerin geben? Mögliche Antwort: Es ging von der Frau aus (Arnolds Mutter Regina). Sie konnte es nicht mehr ertragen, immer nur Harmonie, nie Streit. Es gibt ein Lied von Herbert Grönemeyer "Deine Liebe klebt", was diese Situation thematisiert.
    Warum Leo keine hautengen Sachen trug, kann ich nur entgegen setzen, dass er sich auf der Erde dem hiesigen Leben angepasst hatte, oder es versuchte.

  • lycwolf  
    Ich glaube nicht, dass es dir leid tun muss.
    Dein Satz
    "Wer weiß ob hinter Tantchen mehr steckt als alle bisher wussten."
    ist doch noch sehr moderat ausgedrückt.
    Du hattest ja schon in deinem Kommentar nach Kapitel 60 (Lisa trifft zum 1. Mal auf Altidantsa) eine Verwandtschafts-Beziehung zwischen Lisa und Altidantsa vermutet.
    Tja, und 42 Folgen später bekommt Lisa die Gewissheit...

    Die Licht- und Toneffekte habe ich nur sporadisch beschrieben, damit sich jeder das in seiner Fantasie ausmalen kann. Ich weiß selber nicht genau, wie es aussieht.

    Zur Gymnaestrada: Ich will nicht vorweg greifen, aber mit den Begriffen "anschaulich" und "mit viel Bewegung" kommst du der Sache schon recht nahe, hihi.

    Von Handlungsstrang mit Tante Svea folgt nun noch der dritte und letzte Teil, Kap. 103.

  • Kap. 103: Der Mann mit der Gießkanne

    Sonntag.

    Svea, ihr Bruder Leo und seine Kinder Lisa, Xenia und Arnold saßen gut gelaunt am Frühstückstisch. Die leckeren Brötchen mit wahlweise Aufschnitt oder Marmelade hatten alle schnell verputzt.

    Arnold hatte sich einige Gedanken gemacht. Nun sprach er sie aus.
    "Papa und Tante Svea, wie seid ihr denn hier auf die Erde gekommen? Hat euch ein Raumschiff hergebracht?"
    Sein Vater antwortete ihm: "Nein, denn das würde man ja bemerkt haben, bei der ganzen Luftraumüberwachung auf der Erde. Als ihr zur Welt kamt, war ja noch der Kalte Krieg zwischen dem Westen und dem Osten, da wurde alles Geschehen in der Luft und im Weltraum sehr kritisch und penibel überwacht. Ich meine, jetzt auch noch."

    Svea ergänzte: "Außerdem wäre diese Art des Reisens sehr, sehr langsam."

    "Warum?" fragte Xenia.

    "Die Welt R-Wi ist etliche zehntausende Lichtjahre entfernt. Eine Reise dorthin dauert hunderttausende Jahre, bei einem Reisetempo von ungefähr einem Zehntel der Lichtgeschwindigkeit."

    "Und wie habt ihr das denn geschafft?"

    "Durchs Tanzen, genauer gesagt, mit dem Intergalaktischen Verschiebetanz", antwortete Svea.

    Arnold und Xenia schauten ungläubig.

    Leo grinste. "Gut, ich muss doch zugeben, dass das eine weitere übernatürliche Fähigkeit ist. Eure Tante und ich sind in der Lage, uns und andere durch besonderen Tanz, eben den Verschiebetanz, an andere Stellen auf der Erde, bzw. im Weltall zu teleportieren."

    Xenias Interesse war geweckt. "Mensch Pap, das ist doch phänomentastisch, zeig uns das doch mal."

    Leo blickte Svea an, still, wie es schien.
    Die beiden tauschten per Gedanken aus, wie sie es anstellen könnten.
    Schließlich sagte Svea: "Gut, wir tun das. Aber nur hier auf der Erde. Als Ziel soll uns eines von euren Häusern oder Wohnungen dienen, die von Arnold, Xenia oder Lisa."

    Arnold meinte: "Lieber nicht zu mir, damit meine Familie nicht unnötig beunruhigt wird."

    Xenia dachte an ihre Zimmer, in denen sie sich selber sehr gut zurecht fand, wovon andere aber glauben könnten, sie seien bei einer Messie gelandet. "Lieber auch nicht zu mir, ich habe nicht aufgeräumt."
    Leo grinste. "Das erinnert mich an deine Kindheit, Xeni. Du warst schon immer die wildeste und mochtest nie gerne aufräumen." Sie nickte verhalten.

    "Dann bleibe ich wohl übrig", stellte Lisa fest, "dann kommt doch zu mir. Ich habe aufgeräumt, und auch keine Mengen von Leuten dort herumwuseln, höchstens Minki, meine Katze. Die wird sich wohl verkrümeln."
    "Gut", meinte Leo, "ich kenne auch die Koordinaten von Lisas Wohnung. Arnold, hilfst du mir tragen?"
    "Ja gern, Papa."

    Leo und Arnold trugen wieder den Tisch beiseite.
    "Fein", lächelte Svea, "dann reisen wir zu Lisas Wohnung. Hätten wir R-Wi als Ziel gehabt, müssten wir alle Turnanzüge tragen. Hier auf der Erde wird es nicht nötig sein."

    "Ach Tante Svea, können wir nicht trotzdem alle Turnanzüge tragen?" bat Arnold, "das hatte mir gestern so gefallen."

    Xenia war im ersten Moment ein bisschen erstaunt, dass ausgerechnet ihr Bruder mit diesem Wunsch kam. Dann dachte sie an Arnolds Unbehagen während der Kindheit und seinem Verlangen, dieser Vorliebe sich nun frei und ungezwungen hinzugeben. Es war aber auch nach ihrem Willen, die anschmiegsamen hautengen Einteiler zu tragen. "Oh ja, ich möchte das auch."

    Lisa nickte zustimmend.

    Svea strahlte. "Na klar, das können wir machen. Dann zieht euch schnell um, Kinder."
    Die drei verschwanden in ihre Zimmer.

    Leo und Svea tanzten lediglich ein paar Schritte, und nach nicht mal einer halben Minute waren sie anschließend ebenfalls in den Turnanzügen gekleidet, die sie gestern Abend trugen.
    Die drei Geschwister kehrten in ihren Turnanzügen zurück und wunderten sich, dass ihr Vater und ihre Tante ebenfalls so gekleidet waren. Beide trugen sie jeweils ein Amulett an einer Halskette.

    Die Kinder waren schon aufgeregt. Sie stellten sich in die Mitte, ihre Tante und ihr Vater jeweils ans Ende.
    "Schillerstraße 9 in Obertupfingen, Erdgeschosswohnung, damit es auch ja richtig ist", verkündete Lisa. Sie fürchtete heimlich, die Familie könnte im Obergeschoss bei dem spießigen älteren Ehepaar landen.

    Leo und Svea lächelten. Der Tanz begann. Arnold und Xenia beobachteten Parallelen zum gestrigen Tanz, allerdings doch mit Abweichungen. Auch jetzt füllten die Lichtschwaden wieder das Zimmer, sie fühlten sich leicht, gar gewichtslos.

    Es gab nur noch Xenia, Lisa, Arnold, Svea, Leo und ganz viel Licht um sie herum. Arnold fühlte sich wie im Traum, Xenia ging es nicht anders.
    Lisa war das ganze schon gewohnt und dementsprechend lässig drauf.

    Als die Lichtschwaden verschwanden, nahmen sie zwei Dinge wahr.

    Das erste war ein Maunzen, was in ein schnelles Davongetrappel mündete. Minki war das nicht geheuer und sie lief lieber weg, so wie von Lisa prophezeiht.
    "Phänomentastisch, eben noch in Hamburg, und nun in Lissis Wohnzimmer!" entfuhr es Xenia. Arnold war genauso beeindruckt.

    Das zweite, was sie erblickten, erstaunte sie genauso: Sie sahen nämlich einen Mann, der eine Gießkanne in der Hand hielt und verschreckt guckte.
    Und dann hatte der Mann auch noch einen Turnanzug an! Mit roten Leggings darunter!

    "Oh hallo Schatz, wir kommen direkt aus Hamburg, haben wir dich überrascht?" rief Lisa.

    Ingo, der überhaupt nicht mit solcher Art Besuch gerechnet hatte, war erst mal tüchtig verdattert. Plötzlich leuchtete es und es standen, resp. tänzelten fünf weitere Personen in Turnanzügen im Wohnzimmer!
    Wie konnte das sein?
    Dass bei den plötzlichen Besuchern ein paar Bewohner von R-Wi dabei waren, peilte Ingo nicht, dazu war er noch zu überrumpelt.

    Auch die anderen vier waren darauf nicht vorbereitet, jemanden anzutreffen.

    "Und wie, Lisa. Ich hätte nie erwartet, dass so was hier passiert. Ich hatte mit dir erst heute Abend gerechnet, und dann am Bahnhof Großtupfingen." Er umarmte und küsste sie zur Begrüßung. "Wer sind denn die anderen, ausgenommen von Xenia?"

    Lisa ging auf, dass Ingo ihren Vater, ihre Tante und ihren Bruder nicht kannte.
    "Liebe Familie, darf ich euch vorstellen: Das ist mein Freund Ingo.
    Ingo, das sind meine Tante Svea, mein Vater Leo, mein Bruder Arnold; und Xenia kennst du ja."
    Zögernd reichte Ingo den anderen die Hand.
    "Nett, euch alle kennen zu lernen. Du bist Lisas Tante? Herzlich willkommen."

    "Schönen Dank, Ingo. Ja, ich bin Lisas Tante. Freut mich auch, dich zu sehen", lächelte Svea und gab die Hand. Sie hätte beinahe gesagt 'wiederzusehen', hielt sich aber gerade noch zurück.

    "Und nett, dich kennen zu lernen, lieber Schwiegervater", begrüßte Ingo Leo.
    "Danke Ingo, freut mich auch." Sie schüttelten einander freundschaftlich die Hände.

    "Hallo Ingo, ich heiße Arnold, bin Lisas und Xenis Bruder."

    "Hallo Arnold. So lerne ich dich auch mal kennen."

    "Ingo, du hast ja auch einen Turnanzug an, wie schön!" staunte Arnold, "Lisa hatte Recht gehabt."

    "Wieso?"

    "Sie sagte, dass du Turnanzüge magst."
    Ingo nickte. Lisa strahlte.

    "Hey, das fetzt! Ich erkenne ihn auch wieder", lächelte Xenia, "Ingo, du trägst den schwarzen Samtanzug mit den Ärmeln aus Glitzerlycra mit dem Rosa-Lila-Wellenmuster. Den hatte Lissi bei unserem gemeinsamen Turnabend mit Yvi an. Und siehe da, die rote Leggings, das ist meine!"

    "Stimmt", bestätigte Lisa.

    "Tja, das ist richtig. Übrigens hallo rote Xeni, du Tanzmäuschen!" griente Ingo.

    "Heyheyhey, das ist Börnis Text, Ingo!" empörte sie sich, zum Spaß.

    "Klaro, Xeni! Ich finds klasse, dass du mit Bernd zusammen bist."

    "Jaa, das ist megasuperaffengeil, nicht wahr?"

    "Finde ich auch. Ich denke da an euer gemeinsames Schwimmen im Badeanzug."

    "Ja, das war echt phänomentastisch für uns alle!"
    Beide stießen freundschaftlich die Fäuste aneinander.

    Ingo ging einen Schritt zurück, betrachtete die Familie Ellbrede, dachte nach. Aus dem Nichts erscheinen, das konnten doch nur R-Wi-i. Vielleicht kam die Tante ja von dort?
    Als er Tante Svea genauer in Augenschein nahm, stutzte er und dachte nach. Diese Ähnlichkeit!
    "Tante Svea - ich glaube dich zu kennen. Oder zumindest erinnerst du mich an jemanden."

    Sie war neugierig. "An wen denn?"

    "An eine Außerirdische!"

    "Na so was! Wie kommst du darauf?"

    "Erdenbewohner kommen durch die Tür, oder manchmal auch durchs Fenster. Ihr aber habt euch hier aus dem Nichts materialisiert."

    "Nun, damit kannst du Recht haben. Wer soll ich denn sein?"

    "Eine R-Wi-a. Altidantsa Sweliana von R-Wi. Du und sie, ihr seht fast gleich aus. Ihr könntet Schwestern sein."

    Svea war überrascht. Sie war enttarnt.
    "Lieber Ingo, ich ziehe meinen Hut vor dir. Du hast eine gute Beobachtungsgabe und ein gutes Gedächtnis. Ich bekenne vor dir in aller Feierlichkeit: Ja, du hast Recht. Ich bin wirklich eine R-Wi-a. Und ich persönlich bin Altidantsa Sweliana."

    "Nein!"

    "Doch."

    "Ohh!
    Ich dachte eben bloß, dass du und Sweliana, also dass ihr euch rein zufällig ähnlich seht. Und nun BIST du sogar Sweliana von R-Wi! Herzlich willkommen auf der Erde, in Obertupfingen! Ich fühle mich geehrt. Jetzt sehe ich dich auch mal in Menschengestalt. Du bist auf die Erde gekommen? Und du bist gleichzeitig Lisas Tante?"

    "Ja, ich bin derzeit auf der Erde. Und ja, ich bin wirklich Lisas Tante Svea."

    "Sweliana, oder irdisch Svea genannt, ist meine ältere Schwester", erklärte Leo, "ich bin ein R-Wi-o, komme also auch von R-Wi, und Lisa, Xenia und Arnold sind meine drei Kinder. Darum hat mein Turnanzug auch drei Sterne."

    Ingo musste erst mal schlucken, sein Schwiegervater und dessen Schwester waren Außerirdische! Und Lisa, seine Geliebte, dann auch?
    "Dann sind deine Kinder alles R-Wi-i?"

    Leo lachte. "Ja und Nein. Ja, weil sie von mir abstammen. Und Nein, weil sie Erdenkinder sind, von ihrer irdischen Mutter Regina geboren."

    "Aber sie tragen alle Turnanzüge mit den Heilerkreisen?"

    Svea lächelte. "Das stimmt. Alle Ellbredes sind Heiler. Leo und ich sind es auch, nur haben wir gerade keinen Turnanzug mit den Heilerkreisen an."

    Ingo grinste. Dann fiel ihm ein, dass er etwas vergessen hatte.
    "Übrigens, alles Gute nachträglich zum Geburtstag, liebe Tante Svea. Die Siebzig sieht man dir überhaupt nicht an, du siehst viel jünger aus."

    "Danke lieber Ingo, das ist nett von dir."
    Sie umarmte ihn dafür.
    "Aber das hattest du ja schon auf R-Wi festgestellt."

    "Stimmt. Du trägst hier fast denselben Turnanzug wie auf R-Wi, oder?"

    "Das ist ein ähnliches Modell, ist aber nicht derselbe."
    Ingo nickte anerkennend.

    Lisa trat an Ingo heran, mit gespieltem Unverständnis:
    "Sag mal, du kleiner Turnanzug-Geck, wie kommt es eigentlich, dass du MEINEN Turnanzug anhast?"

    "Er gefällt mir wirklich gut. Und er duftet nach dir. Ich mag Turnanzüge anziehen, aber das weißt du doch."

    Sie lächelte und gab ihm einen Kuss.
    "Klar, ich wollte dich nur etwas aufziehen. Wie ist denn dein Tag verlaufen?"

    "Nachdem ich mit Gunda gefrühstückt hatte, fuhr ich allein hierher. Gunda hatte keine Lust mitzukommen. Ich habe Minki gefüttert und ihre Katzentoilette gereinigt.
    Dann fiel mein Blick auf deinen Turnanzug-Karton, und ich konnte nicht anders, als einen anzuziehen. Ich wollte gerade die Blumen gießen, als ihr plötzlich alle kamt."

    "Und wir haben dich überrascht, nicht wahr Ingo?", grinste Xenia.

    "Wohl wahr. Nie hatte ich mit euch gerechnet! Sagt mal, warum seid ihr denn alle hierher gekommen?"

    "Meine drei Kinder wollten den Verschiebetanz ausprobieren; und Svea und ich taten ihnen den Gefallen", lächelte Leo.

    "Ach so war das."
    Ingo dachte an etwas.
    "Übrigens: Ihr gebt alle ein tolles Bild ab. Darf ich von euch ein Foto machen?" fragte er.

    "Gerne", meinte Svea, "kommt alle zu mir."
    Leo, Svea, Lisa, Xenia und Arnold stellten sich nebeneinander auf. Eine Turnanzug-Familie!
    Ingo holte seine Kamera, machte ein paar Bilder. "Perfekt."

    Xenia meinte plötzlich: "Ich finde, die tollen Schwestern Nereida und Bea müssten auch hier sein."

    Svea lächelte und forderte sie auf: "Xenia-ke-re-da-da, nichts leichter als das. Rufe sie doch einfach mal."

    Xenia war verblüfft. "Wie denn das?"

    "Konzentriere dich auf eine von ihnen und denke ihren Namen. Du kannst mit allen R-Wi-i gedanklich kommunizieren, egal wo sie gerade sind."

    An die Gedankenkommunikation hatte Xenia gar nicht mehr gedacht.
    "Ey, ja, Tantchen, das mache ich."

    Sie dachte: Nereida Drei Scherata, hier Xenia Ellbrede. Bitte höre mir mal zu.

    Nereida: Hey, hallo Xenia! Was für eine Überraschung! Du rufst mich?

    Xenia: Ja, Nereida, ich kann das jetzt auch! Komma vorbei, es ist sehr wichtig.

    Nereida: Wo bist du denn jetzt?
    Sie wusste zwar genau, von woher Xenia sie rief, wollte aber auf Nummer sicher gehen.

    Xenia: Ich bin in Lissis Wohnung. Und bringe Tinizini mit.
    Der Kosename 'Tinizini' für Tinaxana fiel Xenia spontan ein. Sie grinste dabei.

    Nereida: Wen soll ich mitbringen?

    Xenia: Tinizini. Deine Schwester.

    Nereida: Achso! Tinizini, lustiger Name! Da muss ich Tinaxana erst mal Bescheid geben, das dauert etwas. Bis gleich.

    Xenia: Ja, danke!

    "Nereida kommt gleich, hat sie gesagt. Sie will noch ihre Schwester anmorsen."

    Svea lächelte. "Leo und ich warten mal nebenan."
    Sie ging mit ihrem Bruder in den Nachbarraum.

    Nach etwa zwei Minuten erschienen zwei helle Lichtflecken im Zimmer, die immer größer wurden, Konturen bildeten sich heraus, Farben drangen in sie ein und Nereida und Beata betraten tänzelnd den Raum.

    "Hallo Xenia, da sind wir. Was gibt's?" fragten die Schwestern.

    "R-Wi-alo ke-re-Tinizini Beatata oh ke-re-Scherata Nereida-da-da-Drei", begrüßte Xenia frech die beiden in R-Wi.

    Beata und Nereida waren sprachlos, redete die Erdenfrau Xenia doch unerwartet in ihrer Muttersprache. Und sie wunderten sich, dass außer Lisa nun auch Xenia und noch ein unbekannter Mann R-Wi-typische Turnanzüge mit den Heilerkreisen trugen.

    "Ich habe ein paar Überraschungen für euch. Ihr kennt meinen Bruder noch nicht. Das ist Arnold."
    Sie wies zuerst auf ihren Bruder, dann auf die beiden R-Wi-a.
    "Arnold, die beiden sind Beata und Nereida von R-Wi."

    Die Schwestern begrüßten Arnold, dann Lisa und Ingo. Ihr Erstaunen blieb.

    "Und ich habe das große Vergnügen, euch meinen Vater Leo und meine Tante Svea vorzustellen. Papa, Tante Svea, kommt mal."

    Leo und Svea betraten den Raum. Sie tänzelten vor Beata und Nereida.

    Deren Erstaunen wuchs, da Leo und Svea doch einen Original R-Wi-Begrüßungstanz vorführten. Sie machten eher zögerlich mit.

    Nereida fand die Sprache wieder: "Ihr seid Xenias, Lisas und Arnolds Vater und Tante? Ihr müsst R-Wi-i sein. Ihr tanzt den R-Wi-Begrüßungstanz und habt beide ein Amulett aus R-Wi an den Ketten um den Hals."

    Beata dachte an Nereida: Ke-re-ses, du hast Recht. Vollkommen klar. Die beiden kommen nicht von der Erde. Sie sind R-Wi-i wie wir. Nur wer?

    Leo und Svea strahlten. Leo trat einen Schritt vor.
    "R-Wi-alo ihr zwei. Ihr habt Recht, wir kommen von R-Wi. Ich bin Leo Tardo, Lisas, Xenias, Arnolds Vater."
    Beata und Nereida staunten. Lisas Vater ist ein R-Wi-o?

    "R-Wi-alo Leo, herzlich willkommen auf der Erde."

    "Danke, aber ich lebe schon sehr lange auf der Erde. Im Gegensatz zu meiner Schwester Svea hier."
    Leo ging zur Seite, Svea trat zwei Schritte vor, schaute die beiden freundlich an.

    "R-Wi-alo Svea", sagten die beiden und tänzelten ein wenig.
    Beata kam die Tante irgendwie bekannt vor. "Wie lautet dein zweiter Name?", fragte sie.
    Sie vermutete, dass sie sie dann wohl vielleicht erkennen würde.

    "Ihr beiden kennt mich gut. Schaut mich mal genauer an, dann kommt ihr darauf", antwortete Svea.

    Sveas Stimme hatten die beiden doch schon mal gehört?!?
    Erst jetzt musterten Beata und Nereida Leos Schwester genauer. Beide rissen die Augen vor Erstaunen auf und kommunizierten miteinander.

    Nereida dachte an Beata: Liebe Schwester, siehst du auch das, was ich sehe?

    Beata: Ja, Nereida-ke-re-ses, diese Ähnlichkeit. Ich wage es kaum zu denken.

    Nereida: Das kann doch nicht sein. Sie kann doch nicht hier sein. Sie muss doch auf R-Wi bleiben.

    Beata: Ich kann es auch nicht fassen.

    Nereida: Sie ist doch nicht etwa S...

    Beata: Swe...

    Nereida: Sweli...

    Beata: Sweliana? Altidantsa? Die Oberste Bewahrerin der Harmonie? Hier auf der Erde?

    Nereida: Du hast es ja doch gedacht. Wenn sie eine R-Wi-a ist, kann sie unsere Gedanken lesen.

    Svea lächelte. "R-Wi-alo ke-re-Tinaxana-Beata-oh-Scherata-Nereida-da-da-ä-e-Dorisanda-Erikania-oh-Moritselekto-Palidelo. Ihr habt beide Recht. Ich kann eure Gedanken lesen. Ich sehe eure Verblüffung. Ihr habt richtig erkannt, wer ich in Wirklichkeit bin. Auf der Erde bin ich Svea Ellbrede, also Lisas, Xenias, Arnolds Tante. Auf R-Wi bin ich Altidantsa Sweliana."

    Beas und Nereidas Gesichtsausdruck wandelte sich in große Freude: "Liebe Oberste Bewahrerin der Harmonie, bist du auf die Erde gekommen?"

    Svea strahlte: "Ja!" und umarmte die beiden. Die drei tanzten dann vor Freude wild um einander.

    Nereida fiel es wie Schuppen von den Augen: "Nun weiß ich, warum du Lisa immer ke-re-da-da genannt hast! Sie ist deine echte Nichte, wie schön!"

    Svea nickte heftig. "Genau deswegen!"

    Auch Beata war nun alles klar. "Lisa, hey Lisa, stell dir vor, deine Tante ist..."

    "...Altidantsa von R-Wi, ja!" fiel ihr Lisa ist Wort.
    Die beiden Schwestern freuten sich und tanzten um die anderen.

    "Und warum tragen denn Xenia und Arnold auch die Heilerkreise auf ihren Turnanzügen?" fragte Nereida.

    "Alle Ellbredes sind Heiler, also auch Lisas Geschwister!"

    "Das ist ja eine schöne Überraschung. Und du hast dich den dreien offenbart?"

    "Ja, gestern. Ich wurde da siebzig Jahre alt."

    Beata und Nereida gratulierten ihr ganz herzlich und tanzten ihr zu Ehren.
    Svea bedankte sich artig.

    "Warum bist du denn auf die Erde gekommen, liebe Altidantsa Sweliana?" fragte Beata neugierig.

    Sie sprach zu den beiden:
    "Ich bin nicht nur wegen meines Geburtstags gekommen und um mich meinen Nichten und Neffen zu offenbaren. Ich weiß, dass du, liebe Tinaxana Beata, mit deiner Tanzgruppe an der Turngala Gymnaestrada teilnehmen wirst."

    "Das ist richtig. Darauf freue ich mich schon."

    "Und du wirst da unseren Begrüßungstanz aufführen."

    "Ja, das habe ich fest vor."

    "Sehr schön, Leo und ich, wir haben ihn nämlich mit Lisa, Xenia und Arnold eingeübt. Sie können ihn schon. Xenia und Arnold werden übrigens mitkommen und mittanzen, sowohl nächsten Mittwoch zu deiner Tanzgruppe als auch zur Gymnaestrada."

    "Das finde ich gut. Je mehr wir sind, umso besser."

    Svea nickte. "Und ich möchte, dass du ihn mit deiner Tanzgruppe zusammen einübst. Zusammen mit Scherata Nereida."

    "Klar machen wir das, liebe Altidantsa Sweliana", lächelte Beata.

    Nereida strahlte: "Übrigens ke-re-ses, das habe ich dir noch gar nicht erzählt, aber ich habe diese Woche Mittwoch bereits mit der TuFiTa den Begrüßungstanz in seiner Grundform eingeübt!"

    Beata freute sich.
    Sveas Augen leuchteten: "Oh liebe Scherata Nereida, du bist ja ganz große Klasse! Bleib weiterhin dran."

    Svea wurde schweigsam. So erschien es den anderen.
    Sie kommunizierte mit Beata und Nereida.
    Die beiden nahmen Sveas Gedanken auf, lächelten verzückt.

    Svea sprach zu den beiden:
    "Bringt es ihnen bei. Viel Erfolg!"

    Sie wandte sich an alle.
    "Wir werden wieder nach Hamburg aufbrechen. Lasst uns noch zum Abschied zusammen tanzen. Auf Wiedersehen lieber Ingo, hauduh liebe Schwestern Scherata Nereida und Tinaxana Beata!"

    Ingo, Beata und Nereida umarmten die andern.
    An Lisa gerichtet, sagte er: "Bis heute Abend um 22 Uhr am Bahnhof Großtupfingen, Schatz."

    "Ja, da sehen wir uns endlich wieder!"
    Lisa grinste. Dann begann der Tanz. Die Besucher wurden von den Lichtbändern umkreist, eingehüllt und reisten schließlich zurück.

    Auch Beata und Nereida tanzten sich wieder zurück nach Hause.
    Ingo blieb alleine zurück, konnte nun endlich im Turnanzug die Blumen gießen. Und Minki traute sich wieder unterm Sofa hervor.


    In Hamburg angekommen, tanzten Svea, Leo und seine Kinder erst mal eine Runde. Sie taten es, weil es ihnen danach der Sinn stand. Etwas, was Spaß macht. Etwas, was man zusammen tut.
    Leo hatte am Vortag schon Essen vorgekocht, das verspeisten sie mit großem Appetit.

    Die fünf plauderten noch miteinander über die Geschehnisse vom Tag und der Zukunft.

    "Tantchen, kommst du denn auch zur Gymnaestrada?" fragte Xenia.

    Svea lächelte geheimnisvoll. "Nun, ihr sollt es wissen, ich werde auch da sein, als Svea Ellbrede. Ich tanze selber nicht mit, jubele euch aber zu."

    "Genauso sieht es bei mir aus. Aber sollte eine von euch von der TuFiTa ausfallen, springe ich ein", fügte Leo hinzu.

    "So wollen wir langsam aufbrechen, wir sind noch drei Stunden auf der Autobahn, und Lissi muss dann nochmal so lange mit dem Zug fahren", mahnte Arnold zum Aufbruch.

    "Dann verabschiede ich mich schon mal von euch, ich reise in ein paar Stunden wieder nach R-Wi."

    Xenia, Lisa und Arnold umarmten ihre Tante und dankten ihr für alles.

    "Sag mal Pap, oder muss ich jetzt Apa sagen? Ich meine, wie machen wir das am Mittwoch mit dem Turnen in Obertupfingen?"

    "Xeni, nenn mich, wie du möchtest", grinste Leo. "Ich komme am Mittwoch um 18 Uhr in deine Wohnung. Arnold, du kommst dann auch dahin. Ich bringe euch beiden dann in Lisas Wohnung und euch drei dann zur Turnhalle in Obertupfingen."

    "Ingo kann uns auch von meiner Wohnung abholen und zur Halle fahren", schlug Lisa vor.

    "Gut, so machen wir das. Und ich bringe euch, Xeni und Arnold, anschließend wieder zurück nach Kassel."

    Es wurde nochmal ein langer Abschied zwischen den drei Geschwistern und ihrem Vater und ihrer Tante.

    Auf der Fahrt zurück sprachen die drei Geschwister noch über die Geschehnisse vom Tag. Lisa berichtete von ihren Erlebnissen auf R-Wi, Xenia und Arnold hörten gespannt zu.

    Gut gelaunt kamen die drei in Kassel wieder an, brachten ihre Schwester Lisa zum Bahnhof. Ingo holte Lisa abends vom Bahnhof Großtupfingen ab. Lisa plauderte von der Fahrt, und auch von ihrem Spontanbesuch bei sich zuhause.

  • Sag´ mal, zur Zeit haust du ja einen nach dem anderen ´raus.

    Obwohl, bei dir sind´s ja auch gute zehn Grad weniger als in meiner Gegend. Da ist der Geist etwas agiler.


    Ich freue mich, dass Xenia mal wieder einen kleinen Part hatte, denn ich mag ihre flippige Art sehr. Um es mit ihren (deinen) Worten zu sagen "Phänomentastisch".


    "Leo Tardo" - der Name lag ja wohl auf dem Präsentierteller. Daumen hoch.


    Jetzt wo sich zeigt, dass doch einige R-Wi unter den Erdlingen wandeln, bin ich mir nicht mehr so sicher ob nicht die eine oder andere Person der man täglich begegnet von dort stammt ...

  • Also hier im Norden haben wir auch 30 Grad C überschritten. Ist selbst für einen Badeanzug zu heiß. Außerdem waren die Svea-Kapitel schon fast fertig. Aber wie fast immer habe ich auch hier noch bis zur Veröffentlichung herumpoliert.

    Ursprünglich war es eins, nun drei Kapitel.
    Ich wollte Svea alias Sweliana als eine gutmütige Tante darstellen.
    Ansonsten ist auch sie rätselhaft. Sie hat einen Bruder, keine Familie. Ist Präsidentin einer kompletten Zivilisation. Aber sonst gibt es keine Informationen.
    Aber sie ist auch nicht die Hauptperson in der Turnfeegeschichte.
    Sie weiß aber im Hintergrund die Geschicke zu lenken. Insofern gehört sie doch zu den Hauptpersonen...

    Tja, der "Mann mit der Gießkanne". Früher hieß das Kapitel einfach "Der Verschiebetanz". Es war mir zu nichtssagend. Der neue Name klingt interessanter.

    Kleiner Bonbon am Rand von Kap. 103:
    Ein kleiner unscheinbarer Wortwechsel zwischen Ingo und Sweliana enthält die Wörter
    Nein Doch Ohh
    Gebt ihr diese Wörter bei Ytube ein, landet ihr bei dem Film Hasch mich ich bin der Mörder.
    Eine Hommage an Louis de Funes, der in dem 20-Sekunden-Clip dreimal diese Wörter benutzt...

    Xenia mag ich auch. Sätze wie "Komma vorbei, es ist sehr wichtig" oder "Und bringe Tinizini mit" locken auch mir ein Lächeln von den Lippen.
    Leo Tardo Ellbrede - sein zweiter Name war ein Spontaneinfall.

    Ich glaube, ich habe nun genügend Leute zu R-Wi-i gemacht. Sonst wiederholt sich das bloß und stumpft ab.

    Das nächste Kapitel 104 nimmt übrigens einen Faden auf, den ich im Mai abgelegt hatte.

  • Kap. 104: Torsten geht baden

    Montag.

    Aus Ingos Sicht.

    Nach dem morgendlichen Frühturnen mit Gunda brachen wir beide zur Arbeit auf.
    Gunda hat sich inzwischen gut eingelebt und sie hat sich bisher noch nicht bei mir über andere Arbeitskollegen beschwert. Dann war der Wechsel der Arbeitsstelle ein echter Gewinn für sie und ihren Allgemeinzustand.

    Meine Kollegin Sandra aus der Buchhaltung hatte mir schon vergangenen Donnerstag berichtet, dass sie ihren Mann Torsten, meinen anderen Skatfreund, zum Schwimmen im Badeanzug im Freibad Obertupfingen "überredet" hatte.
    Er hatte ihren Geburtstag vergessen, da er mehr an seine Arbeit als an seine Frau dachte. Ein Karrieretyp halt.
    Erst als er am Abend ahnungslos und ohne Geschenk zurück kam und von der versammelten Familie empfangen wurde, dämmerte ihm, was er vergessen hatte.
    Torsten war eigentlich recht stur, allerdings hatte er nicht mit so massiver Gegenwehr von Sandras Familie gerechnet. Die hielt nämlich viel von Tradition. Und dazu gehörte es, auf keinen Fall den Geburtstag der Ehefrau zu vergessen. Alle standen sie auf Sandras Seite. Sogar seine Schwester Ornella.
    Da er tief in der Schuld stand, hielt der Familienrat Gericht über ihn. Einstimmiges Urteil: Schuldig. Das Strafmaß musste die Geschädigte, also Sandra, festlegen.

    Sie verfügte, dass er in einem ihrer Badeanzüge einen Nachmittag im Freibad Obertupfingen verbringen musste, in ihrem Beisein und im Beisein ihrer und seiner Schwester, mit Badegang.
    Torsten versuchte, mildernde Umstände geltend zu machen, und argumentierte ausschweifend.
    Von Sandras Festlegung wurde aber nicht abgewichen. Er unterstellte sich zähneknirschend der Familienräson.

    Immerhin erklärten sich Sandra und der Familienrat bereit, das Ganze nicht am Samstag oder Sonntag, sondern an einem Werktag durchzuführen, wo im Allgemeinen nicht so viele Leute im Freibad waren.
    Das kam auch Ornella entgegen, die ja am Wochenende in ihrem Lokal arbeiten musste und dafür am Montag, also heute, frei hatte.

    Sandra informierte mich genau über ihren Plan. Heute Nachmittag um 16 Uhr sollte die Aktion nun über die Bühne gehen. Sie würden eine Stunde früher im Bad sein. Fiona, ihre Schwester, würde uns durch ein Pfeifsignal (die ersten Töne der französischen Nationalhymne) empfangen und einweisen.

    Im Keller unserer Firma installierte ich an einem Server ein neues Programm. Währenddessen informierte ich Bernd telefonisch über Sandras Plan.

    Ich bummelte kurzerhand ein paar Stunden ab. Bevor ich die Firma verließ, schaltete ich aus irgendeinem Gefühl mein Firmentelefon auf Weiterleitung auf mein Mobiltelefon mit Unterdrückung der Weitergabe der Weiterleitungsnummer. Ein eventueller Anrufer bekam nur meine Firmennummer zu sehen.
    So fuhr ich los, mit meiner Badetasche im Wagen.

    Ich lenkte mein Auto zum Freibad, steuerte einen abgelegenen Stellplatz an. Hatte gerade eingeparkt und den Motor abgestellt, als ich einen Anruf bekam. Im Display sah ich Torstens Nummer!
    "Firma Walter und Söhne, hier spricht Ingo Tomme. Guten Tag Torsten", meldete ich mich.
    Zwei stille Sekunden vergingen. Dann: Klick!
    Er hatte aufgelegt.
    Wollte mich wohl prüfen, ob ich in der Firma bin oder nicht. Ob seine Frau irgendwas für diesen Nachmittag heimlich mit mir geplant hatte. Ich nahm an, er glaubte, ich sei in der Firma.

    So ging ich mit der Badetasche zum Eingang, wo ich auf Bernd traf und ihn begrüßte.

    Wir packten unsere Sachen in unsere Spinde, zogen unsere Badeanzüge an, duschten und warteten dort ab.
    Da wir einander vorher noch nie im Badeanzug gesehen hatten, betrachteten wir uns gegenseitig genauer und unterhielten uns über die Badeanzüge.
    Ich trug wieder denselben Badeanzug wie beim Baden mit Nereida, den schwarzen mit grünfarbigen Querstreifen auf der Frontseite.
    Bernd hatte einen blauen Badeanzug mit drei weißen parallelen Streifen an. Den hatte er alleine neu gekauft.

    Wir fragten uns, was Torsten wohl für einen trägt. Hoffentlich muss der arme Kerl nicht so ein Blümchen-Körbchen-Modell tragen.

    Eine gepfiffene Melodie erklang. Die Marseillaise. Vive la France, champion du monde! Das war Fionas Zeichen, dass die Luft rein war. Wir kamen heraus, und blickten Sandras Schwester begeistert an. Ihr Badeanzug täte mir auch gefallen, ein schwarzer hochgeschlossener Hydrasuit mit Rückenreißverschluss. Was für ein Glanz, was für eine perfekte Passform! Der Badeanzug schien extra für sie gemacht worden zu sein. Den hatte sie ja im Kaufhaus anprobiert, als wir sie und Sandra damals trafen.
    Sie war früher mal aktiv im Schwimmverein, gab die Wettkämpfe irgendwann auf, ging aber weiterhin regelmäßig schwimmen. Dementsprechend sportlich sah sie in ihrem Badeanzug aus. Ich hätte sie gerne um ihren Badeanzug gebeten, um ihn mal auszuprobieren, aber sie war zierlich und er hätte mir als großem Kerl nie gepasst. Schade.

    Fiona schilderte uns die aktuelle Lage. Sandra, ihre Mutter Sigrid, Torsten, seine Schwester Ornella und deren Mutter Gisela und Tante Gaby saßen bei derselben Stelle auf dem Rasen, wo wir uns vor einigen Tagen noch mit Nereida, Beata und den anderen aufhielten.
    "In welchen Badeanzug habt ihr Torsten denn gesteckt?" fragte ich.

    Sie lächelte verschmitzt. "Wir sind ihm schon entgegen gekommen, er musste keinen Rüschen- oder Körbchenbadeanzug in schrillen Farben anziehen. Denn solche hat Sandra übrigens auch in ihrem Besitz. Ihr werdet ihn ja sehen."

    "Was habt ihr denn jetzt geplant?"

    "Ich habe allen gesagt, dass ich mal zur Toilette muss. Wenn ich zurückkehre, werden wir alle mit Tante Gaby ins Schwimmerbecken gehen, so hatten wir es vereinbart. So möchte ich euch erst mal bitten, ins Nichtschwimmerbecken zu gehen und dort etwas abzuwarten, uns von fern beobachten. Wir kommen dann nach etwa zwei Bahnen in eure Richtung, ins Nichtschwimmerbecken."

    "Ja, wir warten dann dort."

    "Sehr gut."
    Fiona spürte in ihren Körper. "Oh - ich glaube, ich habe die anderen noch nicht mal angelogen. Nun muss ich wirklich mal. Bis gleich."
    Fiona verschwand zum stillen Örtchen.

    Wir begaben uns ins Nichtschwimmerbecken. Herrlich warm das Wasser.
    In beiden Becken war mäßig Betrieb, einige Kinder tollten um uns herum. Niemand beachtete uns. Zwei Männer im Badeanzug schienen für die anderen ganz normal zu sein.

    Unser Hauptinteresse galt aber dem gegenüberliegenden Schwimmerbecken. Nach kurzer Zeit sahen wir Fiona schnellen Schrittes zu den anderen zurückgehen.
    Und tatsächlich - zwei Minuten danach sahen wir Torsten, Sandra, Fiona und Ornella langsam kommen. Sie blieben an der kalten Dusche stehen, brausten sich ab. Bis auf Torsten. War er denn wasserscheu?
    Wir musterten ihn, von ihm unentdeckt. Immerhin blieb ihm ein grell gefärbter Badeanzug mit filigranen Accessoires, offensichtlicher Betonung der Oberweite und kuriosem Muster erspart. Fiona hatte Recht.

    Er trug einen schwarzen Badeanzug. An den Seiten zogen sich drei unterschiedlich gefärbte Paspeln (grün, hellblau, violett) in Sinuswellenform phasenverschoben von unten nach oben. Im schwarz gefärbten Rückenteil war er mäßig tief ausgeschnitten.
    Torstens Gesichtsausdruck gab zu erkennen, dass es ihm nicht leicht fiel, so aufzutreten. Erst recht nicht, als die Frauen ihn umringten und Ornella von ihm unbemerkt die Dusche aktivierte, dessen kalter Wasserstrahl ihn unerwartet genau auf den Nacken traf, was er mit kurzen Schreien und die Frauen mit Kichern quittierten. Torsten nahm von der laufenden Dusche eine handvoll Wasser und schleuderte sie seiner Schwester auf den Rücken, worauf sie quiekte.
    Etwas später gesellte sich noch eine ältere Dame zu ihnen. Das war wohl Torstens Tante Gaby.
    So benässt, bewegten sich alle aufs Schwimmerbecken zu.
    Bernd und ich studierten aus sicherem Abstand deren Badeanzüge.

    In dem Modell, was Sandra trug, hätte Torsten sich bestimmt noch unwohler gefühlt. Sie hatte einen Badeanzug in verschiedenen Blautönen an, vorne mit einem Druck mit Motiven aus der Tierwelt. Der linke Träger war normal breit, der rechte dreigeteilt mit je einer goldglänzenden Zierperle. Im Rücken war er einfarbig schwarz, mit waagerechtem Ausschnitt.
    Der Anzug wirkte an ihr vorteilhaft und betonte ihre üppigen Kurven.
    Sandra hatte ihre blonden Haare mit einem Haargummi nach hinten gebunden, trug um den Hals eine modische Kette.

    Auch Ornellas Badeanzug wäre nichts für Torsten gewesen.
    Ihr Badeanzug war einheitlich schwarz, auf der Vorderseite mit einem großen farbigen Druck eines Dschungels, bestehend aus einem großen bunten Paradiesvogel, roten Blüten und grünen Blättern auf schwarzem Hintergrund. Künstlerisch wertvoll! Ähnlich wie bei Sandras Badeanzug war auch bei Ornellas Modell der rechte Träger dreigeteilt. Vielleicht war es derselbe Hersteller wie bei Sandras Badeanzug?
    Ornella trug auch heute ihre langen schwarzen Haare zurückgebunden in einem großen Haarknoten mit einer glitzernden Spange, an ihren Ohren auch wieder ihre glänzenden Ohrringe. Abgerundet wurde ihre Erscheinung durch eine Sonnenbrille.
    Ihre Haut war angenehm gebräunt, im Gegensatz zu uns blassen Nordeuropäern. Sie war ja halbe Italienerin, kam nach ihrem Vater. Ihr Bruder Torsten war genau so hellhäutig wie seine Mutter.

    Tante Gaby trug einen dunkelblauen, in der Mitte gerafften Badeanzug mit weißen Seitennähten. Ohne Frage war sie die Üppigste von den Frauen, sowohl am Gesäß als auch bei der Oberweite. Wobei auch Gisela und Sigrid von der Figur her in ihre Nähe kamen, wie ich später feststellte.
    Somit schied ihr Badeanzug für Torsten aus. Der war zu viel weit am Gesäß und bei der Oberweite. Aber er kam auch für Torsten sowieso nicht in Frage.
    Gabrieles Haar, war mittelblond, frisiert als Dauerwelle. Sie trug eine getönte modische Brille.
    Ich schätzte sie auf 65 bis 70 Jahre, aber als ich sah, wie sie sich bewegte und sie später mit mir sprach, kam heraus, dass sie letztens erst 60 Jahre alt geworden war! Sie war noch sehr fit, aber recht geschminkt, trug wie ihre Nichte Ornella auch gerne Glitzer. Auf den ersten Blick wirkte sie wie eine Diva, war aber ganz natürlich und locker drauf. Wir durften sie auf Anhieb auch Gaby nennen.

    Ich bewunderte insgeheim Ornellas und Sandras Badeanzug. Die würde ich am liebsten auch mal anziehen wollen. Tolles Muster! Auch Bernd mochte die Modelle leiden. Begeistert sprachen wir darüber. Auch Fionas sportlicher Badeanzug weckte in uns das Verlangen. Wäre er doch nur nicht so klein...

    Unsicher schritt Torsten voran. Ein paar Leute sahen ihn im Badeanzug. Da ihm drei grinsende Frauen folgten, schlossen sie, dass er wohl eine Wette verloren hatte. Der Schwimmmeister am Beckenrand schaute mal kurz zu Torsten. Keine Gefährdung, so sein flüchtiges Urteil. Er wandte sich dann schnell wieder dem Geschehen im Becken zu und ermahnte ein paar Jungs im Vordergrund, die über die Stränge schlugen.

    Torsten stieg an der einen Leiter ins tiefe Wasser hinab, begann zu schwimmen, gefolgt von seiner Frau, ihrer und seiner Schwester und seiner Tante. Fiona überholte ihn mit ein paar schnellen Zügen, bespritzte ihn mit Wasser. Torsten ließ darauf mit Hilfe seiner Pranken eine große Menge Wasser auf seine Schwägerin hinabregnen, so dass diese kurzfristig die Flucht ergriff. Sie bekam allerdings Schützenhilfe von Sandra und Ornella, die Torsten von hinten unter Feuer bzw. Wasser nahmen, so dass er sich umdrehte und die anderen beiden mit einem Wasserschwall abwehren musste. Es gelang ihm, die drei auf Abstand zu halten, so dass sie aufgaben. Sie schwammen auf unsere Seite zu, wo wir abwarteten.
    Nun waren wir in Gefahr, entdeckt zu werden. Er kam beinahe direkt auf uns zu. Bernd und ich schwammen ein Stückchen weg von der Übergangszone, zum Nichtschwimmerbecken.

    Als Torsten und die drei an unserer Seite ankamen, besann er sich plötzlich anders. Er wollte den dreien entkommen. Bei den weniger sportlichen Frauen Sandra und Ornella hatte er Erfolg. Nur nicht mit Fiona. Die durchtrainierte Schwimmerin schickte sich an, ihn zu überholen, konnte es aber nicht durchführen, da recht viele Schwimmer unterwegs waren. Er schlug daher zuerst an der gegenüberliegenden Kante an, wendete, stieß sich kraftvoll ab, schoss an der verdutzten Fiona vorbei, wich später dann Sandra und Ornella aus, schwamm in Richtung unsere Kante. Alle wendeten, verfolgten ihn.

    Ohne uns zu entdecken, kamen alle vier an der Kante an.
    "Euch kann man einfach nicht entkommen", stöhnte er, schwer atmend.


    "In diesem begrenzten Becken geht es schlichtweg nicht", grinste Sandra.


    "Wir können mal zur Rutsche im Nichtschwimmerbecken gehen", schlug Fiona vor, die uns vorher erspäht hatte.


    "Gute Idee", bestätigte Ornella.
    Torsten, immer noch außer Atem, fügte sich, schwamm hinter den Frauen her, zur Übergangszone zum Nichtschwimmerbecken. Seine Tante Gaby blieb im Schwimmerbecken.

    Bernd und ich duckten uns. Nur unsere Köpfe schauten aus dem Wasser.
    Als Fiona und Sandra das nur noch 1,20 m tiefe Flachwasser erreichten, hörten sie auf zu schwimmen, standen auf und gingen direkt in unsere Richtung, zwinkerten uns zu. Torsten konnte uns nicht sehen, da die beiden seine Sicht auf uns verbargen.
    Einen Meter vor uns drehten sie sich um, schirmten uns immer noch ab und schauten zu Torsten zurück. Er stand auch auf, seine Schwester Ornella war neben ihm.
    "Und was kommt nun?" fragte er.

    Sandra lächelte verschmitzt. "Übrigens, lieber Torsten: Nicht nur uns dreien gefällt dein Badeanzug."

    "Häh? Wem denn noch?"

    Sandra und Fiona gingen auseinander, Bernd und ich richteten uns abrupt auf, wir sahen ihn frontal an und riefen fröhlich: "Uns auch, Torsten!"

    Die Frauen kicherten, Ornella applaudierte sogar.

    Torsten schaute uns entgeistert an: "Och nöö, ihr seid etwa auch hier?"

    "Wie du siehst."

    "Ich denke, du bist in der Firma, Ingo! Und du auch, Bernd!"

    "War ich ja auch. Schon komisch, dass du nicht auf meine Begrüßung am Telefon geantwortet hast."

    Und Bernd grinste: "Ich habe heute ein paar Stunden abgebummelt."

    Torsten reagierte nicht auf meinen Einwand.
    "Und wieso seid ihr beide jetzt hier?"

    Sandra trat auf ihn zu. "Ich hatte es ihnen mitgeteilt."

    "Och Sanni, das sollten die doch nicht sehen. Ausgerechnet die!"

    "Was ist denn dabei? Außerdem tragen sie doch selber auch Badeanzüge."

    "Die auch noch gut aussehen", meinte Ornella begeistert.

    "Ja, von der Farbe und der Passform. Echt gut tragbar. Gefällt mir, Jungs", ergänzte Fiona.
    Auch Sandra bekundete nochmal ihre Begeisterung uns gegenüber.
    Wir bedankten uns für das Lob der drei Frauen.

    "Und wie Ingo und ich schon sagten, auch dein Badeanzug gefällt uns", sagte Bernd mit einem Lächeln.

    Torsten sah nachdenklich aus.
    "Naja, so schlecht ist der Badeanzug ja nicht."

    "Wovor hattest du denn Furcht?" fragte ich.

    "Dass jemand über mich herzieht. Dass ich mich als Mann lächerlich mache."

    "Und hast du so was in der Art beobachtet?"

    Torsten dachte nach. "Nein."

    "Na also. Soviel Aufregung um nichts."

    "Tja. Für mich ist die ganze Sache recht gewöhnungsbedürftig."

    Ich gab ihm Recht. "Es ist eben eine neue Erfahrung."

    Torsten nickte.

    Fiona griff ihre Idee von vorhin wieder auf. "Mädels und Jungs, lasst uns doch nun alle zur Rutsche gehen."

    "Super, Fiona, da komme ich mit", rief Bernd. Die beiden eilten los, wir anderen hinterher.
    Gut gelaunt besetzten wir die Rutsche und sausten jubelnd hinab. Nicht nur einmal, sondern mehrmals.

    Auch Torsten hatte dabei seinen Spaß und vergaß mehr und mehr, dass er einen Badeanzug trug.

    Innerhalb nicht mal einer halben Stunde mutierte er vom Griesgram zum begeisterten Freibadbesucher.

  • Also dieses Kapitel entsprang sicher deinen eigenen Erfahrungen zusammen mit anderen Badeanzug-tragenden Männern. Wenn auch möglicherweise ein klein wenig inspiriert von der Geschichte von bigshadowman.


    Thorsten kann sich eigentlich glücklich schätzen, diese "Strafe" auferlegt bekommen zu haben. Immerhin musste er nichts lächerliches tragen, sondern ein Design das eigentlich "immer geht".

    Und wenn er es auch gerne geheim halten wollte, dürfte die Unterstützung der Gruppe die Scham abbauen.


    Kleine Randbemerkung: Neben den bildlichen Schilderungen der Kleidungsstücke fällt mir besonders die nur zur Atmosphäre beitragende Schilderung von Tante Gaby auf. Wie aus dem Leben. Jeder kennt wohl im Kreis der eigenen Verwandten und Bekannten so eine ältere Dame. Noch Fit aber etwas aus dem Leim gegangen und immer etwas zu stark geschminkt. Gut beobachtet.

  • Danke Martin, Rim, Yoshiro, Lycwolf.
    Also, Kapitel 104 - damals noch Kap. 94 - entstand zwischen Oktober und Dezember 2017. Von bigshadowman konnte ich gar nicht inspiriert werden, da er erst im Januar 2018 zu uns stieß.
    Torsten musste ja im Freibad im Badeanzug auftreten, anders als bei Männer-BA-Treffen, wo es freiwillig geschah.
    Als Badeanzüge hatte ich folgende von 'Ulla Popken' im Auge.
    Torsten: 65937710
    Ornella: 71060590
    Sandra: 70470510
    Wenn ihr die Artikelnummer dort eingebt, könnt ihr die Modelle sehen.

    Kapitel 105 findet ebenfalls im Freibad statt. Ingo und Bernd treffen auf Tante Gaby und zwei weitere Seniorinnen. Ein paar unbedarft ausgesprochene Sätze entfalten große Wirkung...

  • Kap. 105: Die Wette

    Montag Nachmittag.

    Aus Ingos Sicht.

    Torstens und Ornellas Mutter Gisela, genannt Gisa, und ihre Schwester Gabriele, genannt Gaby, waren auch gekommen. Sie waren schon vormittags hier, da sie Rentnerinnen waren und gerne ihre Zeit im Freibad verbrachten. Beide waren noch sehr rüstig und liebten das Schwimmen.
    Auch war Sandras und Fionas Mutter Sigrid, genannt Sigi, mit von der Partie.
    Die drei waren schon schwimmen gewesen, bevor wir anderen kamen.

    Irgendwann wurden wir dann vom Schwimmen und Toben müde und verließen alle das Wasser. Bernd und ich holten aus unseren Spinden unsere Sachen, behielten aber noch unsere Badeanzüge an. Mal sehen, was die Damen sagen!
    Ornella zog sich ihre kleinen weißen Badeschuhe mit rotem Rand an. Sie hatte recht kleine Füße! Naja, eigentlich war ihr Schuh eher ein Zehentrenner oder Flip-Flop, von beiden Seiten führte je ein Lederriemen genau an die Lücke zwischen ihrem großen Zeh und dem Zeh daneben. Sandra hatte gewöhnliche Badeschuhe, auch so klein, aber in Pink. Gabys weiße Flip-Flops waren ebenso klein. Man konnte bei allen sehr schön die lackierten Zehennägel sehen. Wir Männer hatten gar keine Badeschuhe!

    Alle zogen wir zum Lager auf der Wiese, wo die drei Rentnerinnen miteinander plauderten.
    Gisela beglückwünschte ihren Sohn zum Bestehen dieser schweren Tat. Torstens Schuld war damit gesühnt.

    Aber Gisela, Gabriele und Sigrid wussten nicht, genau wie anfangs Torsten, dass wir - Bernd und ich - auch zum Freibad gekommen waren und waren ebenso verdutzt, uns zwei im Badeanzug zu sehen.

    "Ich muss schon sagen, ich bin überrascht, positiv überrascht, wie gut euch der Badeanzug steht, nicht wahr, Gaby?" stellte Gisela fest.
    Ihre Schwester war voll ihrer Meinung: "Ja, ganz klar, Gisa, keineswegs komisch oder so."
    "Finde ich auch, Tante Gaby", meinte Ornella.

    "Ein bisschen Mut gehört dazu. Bernd und ich sind über die Schwelle gegangen und haben es ausprobiert. Wir fanden es toll, einen Badeanzug zu tragen."


    "Wir haben auch bemerkt, dass ihr es genossen habt", bewunderte Ornella Bernd und mich.


    "Oh ja, es war wirklich schön. Fühlte sich gut an", bestätigte ich.


    "Stimmt. Nur scheint es mir manchmal, dass ihr Frauen doch die bessere Passform für Badeanzüge habt", bemerkte Bernd.


    Ornella wiegelte ab. "Nicht unbedingt. Zwar sind Badeanzüge in erster Linie für Frauen entworfen, und die Becken und Oberweiten von Männern gehen damit nicht immer ganz konform, aber es gibt auch bei Frauen himmelweite Unterschiede in der Anatomie. Auch für uns ist der Kauf eines Badeanzugs stets mit Anprobieren verbunden; und den richtigen Anzug zu finden, kann uns auch stressen, gerade bei figurbewussten Diven."

    "Ich lasse mich nicht stressen, das kratzt mich nicht, ich fühle mich wohl, so wie ich bin, mit meiner Üppigkeit. Und ich liebe meinen Badeanzug. Er sieht toll aus und passt mir", bekannte Sandra stolz.


    Bernd schaute sie neidisch an.


    "Sandra, wie Recht du hast! Und für mich selber sehe ich es genauso", stimmte Ornella ihr zu.
    Ich war ebenfalls Ornellas Meinung. Sie hatte wie Sandra eine begehrenswerte Figur. Fand ich jedenfalls.

    Bernds und meine sehnsüchtigen Blicke schienen den beiden und ihren Müttern nicht verborgen. Sie lächelten verzückt.
    Als Bernd das merkte, setzte er schnell hinterher: "Und schade, dass das nicht mehr Männer mal ausprobieren."


    "Es gibt vielleicht noch mehrere Männer, die das gerne mal machen wollen, sich aber nicht trauen", vermutete Sandra.


    Ich nickte. "Sicher. Aber im Internet gibt es einige Foren, die sich unter anderem mit diesem Thema beschäftigen."


    "Echt?" fragte Ornella erstaunt.


    "Ja", bestätigte Bernd mich, "die habe ich auch schon gefunden. Mit echt konstruktiven Vorschlägen, wie man die Sache angeht."
    "Da muss ich doch mal nachschauen, das interessiert mich", meinte Ornella.

    Tante Gaby zog sich ihren gerafften dunkelblauen Badeanzug aus und einen Bademantel an. "Mir wird kalt", sagte sie.
    Gisela sah ihre Tochter frösteln, die Mutter in ihr kam durch. "Nella, du frierst. Ihr alle, hängt doch die nassen Badeanzüge zum Trocknen auf. Nicht, dass ihr euch was wegholt."
    Wir folgten ihrem Vorschlag, es wurde wirklich kalt.
    Die Frauen zogen luftige Kleidung an, wir Männer zogen T-Shirts und Leggings an, einen Zweitbadeanzug hatte keiner mit. Bernd trug die Leggings, die Xenia eigens für ihn geschneidert hatte.

    Das Toben und Baden macht nicht nur müde. So langsam kriege ich auch Hunger. Wir sollten uns mal was zu essen besorgen, dachte ich.

    Fiona nahm den Gesprächsfaden wieder auf. "Wichtig, wenn ein Mann einen Badeanzug trägt, ist doch, dass er genügend Selbstvertrauen ausstrahlt."
    "Genau. Mit genügend Selbstvertrauen kann man beinahe alles anziehen", grinste ich. Und bereute meine Aussage ein paar Sekunden später.

    "Alles?" fragte Torsten, mit einem seltsamen Unterton und einem verdächtigen Glitzern in seinen Augen. Der hat doch bestimmt wieder was Heimtückisches vor, dachte ich.

    "Ja, wie Fiona und Ingo schon sagen", meinte Ornella.

    "Ingo, wenn du alles anziehen kannst, dann zieh doch mal Ornellas Badeanzug an und geh durchs Freibad damit."

    Mann, Mann, Mann, Torsten und seine abgedrehten Vorschläge. Das muss doch nicht sein.
    "Ich kann doch nicht einfach ihren Anzug anziehen. Der ist ihrer. Vielleicht mag sie das nicht."

    "Das tut sie schon, nicht wahr, Ornella?" versuchte er seine Schwester zu überreden.

    Ich hoffte etwas, dass sie was dagegen hätte. Sie blickte Torsten auch schief an und sagte: "Du bist mir ja einer, dass du einfach andere Leute meine Badeanzüge anziehen lassen willst, über mich hinweg."

    "Ach Nella, das ist doch nur zum Spaß! Ich verschenke doch nicht deinen Badeanzug. Komm, mach mit."

    Ornella schaute noch ein bisschen skeptisch: "Na gut, aber nur dieses eine Mal."

    Torsten grinste etwas zu finster, sagte fast hämisch: "Ich habe Kohldampf. So Ingo, zieh Nellas Badeanzug an, geh zum Imbiss, kaufe Bratwürste für uns alle und bringe sie hierher. Ich wette mit dir, dass du das nicht schaffst. Die Wette werde ich gewinnen und du wirst hier vor allen dastehen als jemand, der große Reden schwingt, alles anziehen zu können, und sein Wort nicht hält."

    Komisch, dass der mir eine Wette aufzwingen will. Und mich als großen Redenschwinger darzustellen, wo ER doch der größere Prahlhans von uns beiden ist, das ist ja eine Frechheit.

    Wir anderen guckten erstaunt, die Seniorinnen waren genauso baff von Torstens Auftreten.

    Sollte ich mich darauf einlassen? Es wäre eine Herausforderung. Einfach würde es für mich nicht werden, puh. Aber ich könnte es ja auch schaffen, das müsste machbar sein. So langsam konnte ich mich mit Torstens Wette anfreunden. Er könnte sie ja verlieren...
    Ich setzte dagegen: "Und wenn ich es doch schaffe, was machst DU dann?"

    Torsten winkte ab. "Nichts. Weil ich nicht verlieren werde. Egal was ihr vorschlagt."

    Sandra sprang mir beiseite. "Das ist noch gar nicht sicher, mein lieber Torsten. Sollte Ingo es aber schaffen, ziehst du, Torsten, anschließend den blaugemusterten Badeanzug an, den ich eben getragen hatte, und kaufst für uns die Getränke am selben Imbiss."

    Ornella grinste bis zu den Ohren. Fiona war begeistert: "Ja, Sandra, guter Wetteinsatz. Torsten und Ingo, geht ihr darauf ein?"

    Torsten, siegessicher, rief ohne Umschweife mit breitem Grinsen: "Klar."
    Er war so von sich überzeugt, dass er nicht verlieren könne.

    Wir alle registrierten Torstens Zustimmung.

    Ich, etwas schwankend: "OK, ja, ich halte mich an die Wette. Bedenkt, ich wurde herausgefordert."
    Die Frauen lächelten. Sandra flüsterte mir zu: "Du schaffst das. Viel Glück!"

    "Gebt euch die Hand, auf dass wir alle sehen, dass die Wette gilt!", rief Sigrid.
    Torsten und ich besiegelten die Wette vor aller Augen mit einem Handschlag.

    "Ich bringe dir sogar Nellas Badeanzug vorbei, bin ich nicht nett?", grinste Torsten hinterhältig, griff sich Ornellas nassen schwarzen Badeanzug und gab ihn mir. Heimlich mochte ich Ornellas Anzug, hatte damit ja schon mal geliebäugelt. Da schreckte ich kurz zurück: Oh je, auch noch ein Körbchenbadeanzug! Und den soll ich anziehen? Der passt mir bestimmt nicht. Toll, Torsten.

    Da saß ich nun, Ornellas schwarzen Badeanzug mit dem Dschungelaufdruck in der Hand, mit einer aufgezwungenen Wette im Nacken. Torsten feixte. Dieser Schuft!

    Ich studierte den Badeanzug genauer.
    Den großen farbigen Druck eines Dschungels mit einem großen bunten Paradiesvogel, roten Blüten und grünen Blättern auf schwarzem Hintergrund hatte ich ja schon festgestellt. Nun konnte ich auch die filigranen Details des Drucks bewundern! Sehr kontrastreich und farbintensiv!
    Ornellas Badeanzug hatte zwei Besonderheiten. Zum einen die Körbchen, im Englischen auch Softcups genannt. Das wusste ich vom Studium diverser Badeanzug-Anbieter im Internet. Ich befühlte sie. Ein leichtes, weiches, einfach verformbares Material, eine Art Vlies. Noch nie zuvor hatte ich einen Badeanzug mit Körbchen getragen.
    Mir fiel auf, dass die Vorderseite zweilagig war. Die äußere Schicht bestand aus dem bedruckten Lycra mit Schwarz als Grundfarbe. Die innere Schicht war aus Netzstoff, in die die Körbchen eingenäht waren. Unter dem Unterbrustband setzte sich die innere Schicht, bzw. das Vorderfutter, aus schwarzem Polyamid bis nach unten zu den Beinlöchern fort.
    Die zweite Besonderheit waren die Träger. Der linke Träger war gut zwei cm breit, der rechte Träger bestand aus drei parallelen dünnen einfarbig schwarzen Bändern.
    Das Etikett verriet mir noch die Größe und die Marke. Der Anzug war zwei Nummern größer als meine Größe. Ornella war etwas kleiner als ich, dafür hatte sie mehr Umfang, breite Oberschenkel, breite Hüften, eine mittelgroße Oberweite. Vielleicht passte er mir sogar. Naja, vermutlich ein C-Körbchen und ein solches großes Becken wie sie hatte ich natürlich nicht, war dafür größer. Und die Marke gehörte zu einer Modekette aus dem niedersächsischen Rastede, die sich auf stattlich gebaute Frauen und Männer spezialisiert hatte.

    Torstens Blick saß mir im Nacken, lauernd wie ein Raubtier, das seine Beute fest anvisiert hatte. Die anderen beäugten mich neugierig. Einen letzten Moment war ich unschlüssig.


    Ich dachte daran, dass Torsten mich im Fall meines Scheiterns die nächsten Skatrunden damit immer wieder aufziehen und herumnerven würde.

    Dann machte es bei mir - Klick! So Freundchen, nun wird Ingo es dir zeigen!

    Das Muster, das Material gefiel mir, die Körbchen schienen mir nichts mehr auszumachen, es reizte mich auf einmal, diesen Badeanzug anzuziehen!

    Ich zog mich aus, nahm Ornellas Badeanzug, setzte mich auf einen Stuhl, steckte meine Beine durch die Beinlöcher, musste mit den Trägern und Bändern aufpassen, verstaute unten alles gut. Noch passte es. Jetzt der heikle Moment: Ich zog ihn hoch. Da er nass war, ging das alles etwas stockender, musste ihn mehrmals richten. Ein schon eigenartiges Gefühl, als die Körbchen meinen Brustkorb erreichten.
    Dann die Träger über die Schultern streifen. Der linke Träger war einfach, bei den drei Bändchen rechts hatte ich meine Mühe. Ornella half mir beim Richten der Schnüre, die sich übereinander gelegt hatten. Bei den Cups entdeckte ich verblüfft, dass sie sich recht sanft über meine zwar spärlich aber doch vorhandene Oberweite schmiegten. Ich hatte befürchtet, mit Riesenvorbau dazustehen wie Ornella. Aber nichts dergleichen. Da war ich positiv überrascht. Ein bisschen musste ich am Anzug noch herumzupfen, bis er wirklich saß. Na gut, er saß etwas lockerer als mein eigener Badeanzug, z.B. unten an den Beinen, aber schlabberte nicht.

    Teil Eins der Wette war geschafft. Ich stand da in Ornellas Körbchenbadeanzug!
    Ornella, Sandra, Fiona und Bernd strahlten, gaben positive Kommentare ab. Auch Gisela lächelte. Torsten lächelte etwas weniger. Aber der Hauptteil kommt ja noch, dachte er. Der Gang in die Öffentlichkeit. Die Höhle des Löwen.


    "Wer möchte denn alles eine Bratwurst?" fragte ich in die Runde. Da Gisela, Gaby und Sigrid keine wollten, bekam ich den Auftrag, sechs Bratwürste zu kaufen. Drei davon mit Ketchup, drei mit Senf.

    Ich holte mir einen Zwanziger aus meiner Geldbörse und brach auf. Ich war fest entschlossen, die Sache durchzuziehen, ging einfach los. Dass ich ging, merkte ich erst, als ich zehn Meter weiter die Dusche passierte. Es war fast eine Art Rausch, der mich da erfasst hatte. Ich begegnete mehreren Badegästen, tat so, als wär nichts und ging weiter.

    Ein bisschen fühlte ich mich wie Jake und Elwood Blues, die im Namen des Herrn unterwegs waren. Unbeirrbar setzten die ihren Weg fort. So auch ich.
    Drei Kaufwillige standen bereits an, ich stellte mich an das Ende der Schlange.
    Warten.
    Was mache ich hier eigentlich?
    Achja, ich stehe bloß an, um Bratwürste zu kaufen. Meinen Körbchenbadeanzug bemerkte ich fast gar nicht mehr, bis auf die Softcups, die an meinem Oberkörper schubberten. Zwei Frauen stellten sich hinter mich, unterhielten sich. Ein paar Jungs dahinter grinsten und sprachen miteinander, ein paar Mädchen tuschelten und kicherten leise.
    Ja und? Ich hatte eine Mission zu erfüllen. Die 5.000-US-Dollar-Steuerschuld begleichen. Ja, ja, schon wieder Jake und Elwood Blues. Ich wollte den Triumph über meinen großmäuligen Skatbruder.


    "Sie wünschen bitte?"
    Die Stimme des Imbissbudenbesitzers riss mich aus meinen Gedanken. Ich hatte die drei Kunden vor mir gar nicht weggehen sehen!


    "Ich hätte bitte sechs Bratwürste, mit Weißbrotscheiben."


    Der Mann am Grill musterte mich, sagte dann bloß: "Achtzehn Euro macht das."
    Er nahm meinen Zwanziger und gab mir eine Zwei-Euro-Münze zurück, rollte dann mit seiner Grillzange die Würste zischend auf dem Rost.
    Ich spitzte die Ohren, hörte meine Umgebung ab. Die zwei Frauen hinter mir sprachen miteinander über den neuen Film mit Johnny Depp in der Hauptrolle. Dahinter die beiden Jungs, sie redeten über irgendwelche coolen Smartphones, die Mädchen über eine nicht anwesende weibliche Person. Anscheinend interessierte sich keiner mehr für mich.
    "Wollen Sie eine große Schale für die Würste zum Transport?"
    "Ja bitte, und zwei kleine dazu, eine mit Ketchup und eine mit Senf."
    Der Mann nahm die Würstchen vom Grill, legte sie in eine Schale, fügte noch ein paar Scheiben Weißbrot hinzu, überreichte sie mir mitsamt Servietten und zwei kleinen Schälchen mit Senf und Ketchup. Er wandte sich gleich darauf den zwei Frauen hinter mir zu.

    Der Schwimmmeister kam vorbei, sah mich mit der Schale und lächelte kurz, ging langsam weiter, schaute aufs Wasser.

    Beladen machte ich mich auf den Rückweg, überholte den Schwimmmeister. Bloß nichts fallen lassen, das war meine Hauptsorge. Erst jetzt bemerkte ich, dass Bernd, Sandra, Fiona und Ornella mich aus etwa zehn Metern Entfernung beobachteten. Die Vier strahlten.
    Ich lächelte, als ich sie passierte.
    "Toll gemacht, Ingo", lobte mich Ornella beim Näherkommen. Auch die anderen Frauen und Bernd fanden zustimmende Worte, was mich sehr freute.

    Wir zogen zum Lager, wo mich auch noch Gisela, Gaby und Sigrid beglückwünschten.
    Ich hatte es geschafft, die mir aufgezwungene Wette gewonnen!

    Torsten, bereits wieder in Straßenkleidung, schaute ungläubig und finster drein. Er wusste, was das bedeutete. Sichtlich fassungslos, sagte er für alle gut hörbar: "Ich hatte echt nicht gedacht, dass du dich in Nellas doch sehr femininen Badeanzug traust, die Würste zu kaufen. Ich war mir so sicher, dass du es nicht schaffst. Es fällt mir schwer zu sagen: Du hast die Wette gewonnen."

    "Danke, dass du das anerkennst. Ich stand und stehe zu meinem Wort. Mein Selbstvertrauen hat mir geholfen."

    "Und ich hätte nicht gedacht, dass Ingo in meinem Badeanzug eine gute Figur machen würde. Er und ich sind doch wirklich unterschiedlich gebaut", zollte Ornella mir Anerkennung.

    "Ja, er wirkt darin nicht komisch oder so, er sieht ganz natürlich aus", bekannte Fiona. Sandra stimmte ihr zu.

    "Das hat mir auch imponiert", meinte Bernd.

    "Ich danke euch, dass ihr so positiv denkt. Ich bin zum Ergebnis gekommen, dass ein Badeanzug mit Körbchen und Blumenmuster wie der von Ornella doch nicht mehr zu der Sorte von Badeanzügen gehört, die ich nie anziehen würde. Ohne Torstens Wette hätte ich wohl nie die Erfahrung machen können. Ornella, dein Badeanzug trägt sich eigentlich ganz gut. Nur fehlt mir noch die Erfahrung, wie er sich beim Schwimmen anfühlt."

    Ornella, geschmeichelt, strahlte: "Dann geh doch mit meinem Badeanzug mal schwimmen, Ingo."

    Gisela, pragmatisch oder doch bloß mütterlich veranlagt, machte mir einen Strich durch die Rechnung: "Nun lasst uns aber erst die Bratwürste essen, sie werden sonst kalt! Und Ingo, zieh dir bloß den nassen Badeanzug aus, du holst dir sonst eine Erkältung."
    Wie eine Mutter, dachte ich.

    Ich zuckte mit den Schultern, blickte zu Ornella. Sie meinte: "Dann eben später."

    Gemäß der Weisung von Ornellas und Torstens Mutter zog ich den Anzug aus und meine anderen Sachen wieder an. Wir mampften mit großen Appetit die Bratwürste auf.

    "Mmmh, lecker war die Wurst", bekannte Fiona.

    "Das finde ich auch", bestätigte Bernd.

    "Hast du gut gegrillt, Ingo", schmunzelte Ornella.

    Von Torsten waren Schmatzgeräusche zu vernehmen.

    "Danke euch allen. Dann seid ihr alle zufrieden", lächelte ich.

    Dementsprechende Laute waren zu vernehmen. Bis auf Torstens Frau.


    "Hm, ich bin zwar satt, aber ich habe noch Durst", bekannte Sandra.


    "Noch Durst", kam plötzlich ein Echo von ihrer Schwester.


    Bernd, Ornella und ich hatten 'auf einmal' auch Durst, hihi. Torstens Wettschuld war ja noch offen.

    "Torsten-Schatz, holst du uns was zu trinken?" forderte Sandra ihn auf.
    Er stand auf und wollte losgehen, da kam es von uns beinahe einstimmig: "Halt, halt, halt."

    Sandra rief Torsten, der nicht gerade begeistert war: "Denk an die Wette. Zieh dich um."
    Und an mich gerichtet: "Ingo, hol doch mal meinen blaugemusterten Badeanzug."

    Ich nahm den Badeanzug, der zum Trocknen hing, sah ihn mir genauer an, während Torsten sich auszog. Tja, auch Sandras Badeanzug hatte Körbchen im Vorderfutter eingenäht! Laut Etikett kam ihr Badeanzug vom selben Hersteller wie Ornellas Badeanzug, meine Vermutung von vorhin war also richtig. Was Sandras Badeanzug mehr hatte, waren die drei verschiebbaren goldglänzenden Zierperlen auf den drei Schnüren. Nun sah ich auch das Muster genauer. Auf der Vorderseite erkannte ich einen Farbverlauf von hellblau zu dunkelblau, mit schwarzen Flecken ähnlich wie die von Leoparden. Darüber war farblich passend eine Schlange abgebildet, deren Körper sich über die Vorderseite schlängelte.
    Sandra hatte die gleiche Größe wie Ornella, wie das Etikett verriet. Ihr Anzug könnte also auch mir passen. Aber das behielt ich für mich und gab ihn Sandra.
    Sie griff sich ihren Körbchenbadeanzug, hielt ihn Torsten hin: "Nun Schatz, erfülle deinen Teil der Wette."
    Unschlüssig, schwerfällig blickte er sie an.
    Sie flüsterte ihm noch was ins Ohr. Das schien ihn zu überzeugen. Er begann sich langsam zu entkleiden, nahm schließlich den Badeanzug aus den Händen seiner Frau. Die drei dünnen Schnüre vom rechten Träger schienen ihn etwas zu irritieren. Sandra half ihm dabei. Er begann ihn langsam anzuziehen, sie richtete den Anzug aus.
    "Hey, Brüderlein, das sieht ja doll aus", grinste Ornella.

    "Dann kannst DU ihn ja lieber anziehen, mia bella sorella Ornella", kam es zurück.

    Mia bella sorella Ornella.
    Italienisch hat doch einen schönen Klang.
    Auf Deutsch: Meine schöne Schwester Ornella.
    Das verstand ich gerade noch.

    Ornella antwortete ihm mit einem Schwall italienischer Sätze, die ich aber nicht mehr verstand. Torsten dafür wohl. Er schaute nicht gerade begeistert, wehrte ab. Sie ging gegenan:
    "Nee nee, das musst du tun, und denk daran, wir verdursten hier langsam", tat Ornella, als ob sie nach Wasser gierte.

    "Und ich soll da wirklich so hin?"

    Fiona antwortete unverzüglich: "Klar. Du kriegst das schon hin."

    Wir teilten ihm mit, was wir trinken wollten.
    "Ingo und ich kommen mit und helfen dir beim Tragen, da es ja unhandlicher ist. Aber wir kommen erst näher, wenn du bestellt hast", versprach Sandra.

    Torsten schluckte. Er stand auf, sah natürlich ungewöhnlich in seinem blauen Körbchenbadeanzug aus.
    "Nur Mut!", gab ihm Ornella auf den Weg, "Vergiss nicht das Geld!"

    Er holte seine Geldbörse und ging unsicher los. An der Dusche vorbei, am Becken entlang. Ein paar Jugendliche guckten ihm hinterher und tuschelten. Torsten ging immer schneller. Er erreichte den Imbissstand und gab seine Bestellung auf.

    Der Imbissbudenbesitzer gab ihm die gewünschten Sachen, Sandra und ich gingen schnellen Schrittes zu ihm hin.

    "Wir helfen dir", sagte Sandra.

    Jeder von uns nahm zwei Gläser in die Hände. Nachdem er bezahlt hatte, ging er mit zwei Gläsern los, achtete nicht nach links und rechts und ging schnurstracks zurück zu unserem Lager.
    "Geschafft!" rief er erleichtert. Fiona, Ornella, Bernd und Gisela nahmen ihn applaudierend in Empfang, Torsten übergab die Gläser.
    Ornella verkündete: "Torsten, du hast deine Wettschuld erfüllt."
    Kaum hatte Ornella das gesagt, setzte er sich hin und zog Sandras Badeanzug wieder aus und seine Sachen an. Sandra staunte.

    "Hey Torsten, warum die Eile?"

    "Sanni, ich habe mich nicht wohlgefühlt. Ich wollte einfach nur noch heil zurückkehren."

    Sie umarmte ihren Mann. "Du hast ja auch zwei große Opfer heute gebracht, ich bin stolz auf dich. Du musst auch keinen Badeanzug mehr anziehen."

    "Danke", stöhnte er.

    "Aber ich muss dir bezeugen, dass du dich echt wacker geschlagen hast", meinte ich.

    "Das finde ich auch. Du warst echt tapfer", bestätigte Fiona, "und du, Ingo, auch."

    Gisela, Bernd, Sandra und Ornella waren derselben Meinung.

    Ornella ergänzte: "Nur muss ich Ingo zugestehen, dass er souveräner im Badeanzug war. Und Bernd fand ich auch souverän."
    Bernd lächelte.

    "Danke. Liebe Ornella, darf ich übrigens auf dein Angebot von vorhin zurückkommen?", fragte ich sie.

    Sie schaltete sofort, nickte, griff sich ihren Badeanzug mit dem Dschungelaufdruck und gab ihn mir. "Klar doch."

    Bernd räusperte sich: "Ich würde diese Erfahrung, die Torsten und Ingo gemacht haben, auch sehr gerne mal machen. Liebe Sandra, darf ich deinen Badeanzug mal ausprobieren?"

    Sandra war kurzfristig erstaunt, aber dann gab sie Bernd lachend tatsächlich ihren blaugemusterten Körbchenbadeanzug. "Aber gern, heute ist die Chance da. Nutze sie, Bernd. Hier, bitteschön."

    Bernd und ich zogen uns um, Sandra und Ornella richteten wieder die Schulterbänder.
    "Hey, ein tolles Gefühl! Und nun lasst uns duschen und ins Wasser gehen. Komm Ingo", rief er euphorisch.

    "Ja, ich komme mit!" antwortete ich begeistert.

    Torsten schaute erstaunt, dass seine Skatbrüder so erpicht auf die Badeanzüge waren.

    "Wollt ihr nicht mitkommen?" fragte ich die anderen. Die drei älteren Damen wollten nicht, Sandra und Ornella konnten nicht, da sie ja ihre Badeanzüge verliehen hatten. Fiona war unschlüssig, entschied sich jedoch zu bleiben.

    Wir gingen unter die kalte Dusche. Der große Moment war gekommen, wir ließen uns ins Wasser des Schwimmerbeckens nieder.
    Ein Gefühl ähnlich wie bei unseren eigenen Anzügen, nur rieben nun die Softcups etwas an unsere Oberkörper.
    Und die Körbchen machten uns gefühlt etwas langsamer beim Schwimmen.

    Bei der fünften Bahn zog uns jemand an den Füßen. Es war Fiona! Sie hatte es sich anders überlegt, hatte sich schnell umgezogen, war uns heimlich gefolgt und hatte uns dann schwimmend eingeholt.
    "Hey ihr zwei! Na, wie fühlt ihr euch?"

    "Hallo Fiona! Wirklich fabelhaft!" meinte ich.


    "Stark. Schönes Gefühl", bekannte Bernd.

    Wir drei schwammen nebeneinander weiter, sie zwischen uns.
    "Ich finde es toll, wie viele schöne Modelle es für euch Frauen gibt. Für Männer bleiben oft nur langweilige Farben und Muster übrig", stellte ich fest.
    "Ihr habt Recht. Ihr könnt durchaus auch Sandras und Ornellas Anzüge tragen. Wobei ich persönlich euren eigenen Anzügen den Vorzug geben würde."

    Ich lachte. "Na klar. Dies hier ist ja bloß ein Test. Aber er zeigt mir, dass ein Körbchenbadeanzug eine Alternative sein kann."

    "Da stimme ich mit euch überein. Ich schwimme noch mal ein paar schnelle Bahnen", und schwupps, zog sie von dannen.
    Wir versuchten mit ihr mitzuhalten, hatten aber keine Chance gegen die trainierte Fiona und kehrten nach kurzer Zeit wieder zu unserer alten Geschwindigkeit zurück.

    Irgendwann nach einigen Bahnen am gegenüberliegenden Ufer hielten Bernd und ich an. "Wollen wir mal unsere Badeanzüge tauschen?"
    "Gern. Aber wie kommt das bei Sandra und Ornella an?"

    Fiona kam angeschwommen, hielt an. "Na Jungs, wie geht's? Wie fühlt ihr euch in diesen Badeanzügen?"
    "Gut. Wir überlegen, unsere Badeanzüge mal zu tauschen. Ob Ornella und Sandra das in Ordnung finden?"

    "Klar. Das haben die beiden untereinander schon paarmal gemacht. Geht ihr beiden doch dazu in eine Umkleidekabine."

    Gesagt, getan. Niemand schien von uns Notiz zu nehmen, als wir zu den Kabinen gingen!

    Dort wechselte ich in Sandras blaugemusterten Schlangenbadeanzug und Bernd in Ornellas schwarzen Dschungel-Badeanzug.
    Bernd und ich richteten einander die Träger, so dass sie gut saßen.
    Auch ein heißes Gefühl. Ich stand nun im Badeanzug meiner Arbeitskollegin Sandra! Das hätte ich mir am Morgen noch nicht träumen lassen, die Badeanzüge meiner Kollegin und ihrer Schwägerin mal anzuziehen und darin zu schwimmen!
    Fiona erwartete uns draußen, kontrollierte die Passform der Badeanzüge und war zufrieden. Wir gingen wieder ohne Aufsehen zurück ins Wasser.

    Das Schwimmen brachte viel Spaß. Wir plauderten noch miteinander. Nach etwa zehn Minuten verließen wir drei gleichzeitig das Schwimmerbecken. Fiona voran.

    Als wir beim Lager ankamen, staunten Sandra und Ornella.


    "Hey, habt ihr getauscht? Sieht ja auch nicht schlecht aus. Dreht euch mal um euch, ihr zwei!" grinste Ornella.


    "Danke! Nette Idee, nicht wahr?", kicherte ich und drehte mich elegant. Bernd drehte sich auch.


    "Schick, Ingo, toll, Bernd! Super Idee! Liebe Schwester, war das dein Einfall?" fragte Sandra entzückt.


    "Nein, das war Ingos Idee. Ich hatte da nichts gegen. Ich meine, ihr auch nicht", lächelte Fiona.


    "Ach was, ich finde es lustig, meinen Arbeitskollegen in meinem Badeanzug zu sehen", grinste Sandra.


    "Das ist in Ordnung. Gut schaut ihr aus", kicherte Ornella.


    "Danke Ornella. Dein Anzug gefällt mir. Es war mir eine Ehre", sagte Bernd lachend.

    "Ich habe eine Idee: Könntest du mal ein Bild von uns machen?" bat er sie.


    "Klar, stellt euch doch mal an die Hecke."
    Kurze Zeit später waren die Aufnahmen im Kasten. Ornella versprach uns die Bilder zuzusenden.

    Da es wieder kälter wurde, zogen wir die nassen Badeanzüge aus, gaben sie den rechtmäßigen Eigentümerinnen zurück, trockneten uns ab.
    Bernd und ich bekannten, dass es uns viel Spaß gemacht hat. Auch Torsten konnte dem Nachmittag etwas Positives abgewinnen. Die Frauen nahmen es erfreut auf.

    Unsere Gespräche führten dann zu allgemeineren Themen.
    Ich erzählte von dem Vorhaben der TuFiTa, an der Gymnaestrada teilzunehmen.
    Das Ereignis sollte ja im Fernsehen übertragen werden. Sandra und Fiona waren gespannt.
    Und als Ornella das mitbekam, versprach sie, in ihrem Lokal den Breitwand-Fernseher anzustellen.

    Bernd berichtete, dass Xenia einen Tag vor der Fahrt mit Arnold nach Obertupfingen kommen wollte. Ziel war die Wohnung von Lisas Mutter. Dorthin war auch er eingeladen, was ihn freute, weil er dort Xenia wiedersehen würde.
    Er bedauerte, dass er nicht nach Dornbirn mitkommen konnte, da er an dem Wochenende der Gymnaestrada endlich seine Hausfassade streichen wollte, was er schon lange vorgehabt und bereits einmal wegen Xenia aufgeschoben hatte. Denn in den folgenden Wochen sollte das Wetter allgemein schlechter werden.
    Allerdings wollte er Xenia und ihre Geschwister frühmorgens zum Bahnhof bringen und dann sich auf die Malerarbeiten stürzen.

    Torsten machte Bernd ein Angebot, ihm beim Streichen zu helfen. Von der Hilfsbereitschaft ihres Mannes angesteckt, bot Sandra den beiden an, das Essen zu kochen. Und Fiona wollte auch helfen.
    Am späten Nachmittag wollten sich dann alle die Übertragung der Gymnaestrada im Fernsehen anschauen.
    Bernd war begeistert.
    Wir hatten alle noch viel Spaß beim Plaudern an diesem denkwürdigen Nachmittag.

  • ...mal gespannt, ob die beiden in Badeanzügen streichen...

    Auf jeden Fall nehmen sie per Fernsehen indirekt an der Gymnaestrada teil.

    Tja, da hat sich Thorsten etwas in Ingos Entschlusskraft getäuscht. Im Körbchenbadeanzug von Ulla P. im vollen Schwimmbad unterwegs - Da gehört schon einiges an Mut zu. Aber schließlich war er ja "Im Auftrag des Herrn unterwegs". (Hätte die Bestellung dann nicht "Drei gebratene Brathähne und eine Scheibe trockenes Weißbrot" lauten müssen?)

    Also ich stelle mir das Tragen eines Körbchen-Badeanzugs als Mann umständlich vor, wenngleich ich zu denjenigen zähle, die zumindest etwas "hineinfüllen" könnten. Mir käme glaube ich ein Anzug der nicht die Anatomie noch extra betont, besser gelegen.

    Fiebern wir also mit den Akteuren der Gymnaestrada entgegen.

  • Recht vielen Dank für eure Kommentare und Daumen hoch.
    Wenn ich eure Kommentare so lese und die Anregungen, denke ich daran, was die künftigen Kapitel in diesem Moment (noch) NICHT haben. Wie zum Beispiel eine Freibad-Turnanzug-Party oder ein Gemeinschafts-Streichen im Badeanzug. Dann überlege ich, ob es sinnvoll ist, das irgendwo einzubauen. Ich denke drüber nach.
    Was ich nun nicht immer erwähne, ist, dass die TuFiTa-Mitglieder ihre Freunde, Angehörige usw. bitten, die Live-Übertragung mitzuverfolgen...


    Zum Thema Körbchen-Badeanzug kann ich vermelden, dass ich die Kapitel nicht geschrieben hätte ohne die besagten Exemplare vor mir liegen zu haben. Die von mir auch schon im Wasser getestet wurden. Und wie Ingo am Ende des Freibad-Nachmittags drüber urteilt, ist auch meine Meinung dazu.

    Der Freibad-Montag (Kap. 104 und 105) ist gewesen, in Kap. 106 geht es am Dienstag Abend und dem Mittwoch Abend weiter, der ja wieder ein TuFiTa-Abend ist. Die Damen der TuFiTa erleben eine Überraschung.

    (Hätte die Bestellung dann nicht "Drei gebratene Brathähne und eine Scheibe trockenes Weißbrot" lauten müssen?)

    Also im Neuen Testament in den Evangelien steht meines Wissens was von 5 Broten und 2 Fischen...